Prolog - Pet Bär

Zur Geschichte der Nordstrandpiraten.

von Pet Bär

Das sogenannte Ende meiner Lebensarbeitszeit kam schnell und sehr überraschend. Irgendwie passte ich nicht mehr in das junge, dynamische Team, das mich in meinem Arbeitsfeld umgab. Also ab in den wohlverdienten Ruhestand. Ich bin da sicher kein Einzelfall, das kommt jeden Tag vor und sicher nicht allzu selten. Man hat ja für diesen Fall vorgesorgt. Nein, man hatte es versucht, aber die Bankenkrise, wissen Sie? Das sagt wohl alles.
Was für Pläne doch schon lange vorher von mir geschmiedet wurden. Den Montesegur wollte ich besteigen und mir die Ruine der Katharerburg anschauen. Sizilien einmal mit dem Motorrad umfahren. Und mit dem Segelboot Sardinien und Korsika umrunden. Geplatzte Träume. Rente, Bankenkrise und zu früh ausgestiegen, das passte nicht zusammen. Ich ging auf die Suche nach etwas Sinnvollem. Wollte mir selbst beweisen, dass ich nicht zum alten Eisen gehörte. Ich wollte mich nicht auf eine Parkbank setzen und den guten alten Zeiten nachtrauern.  
Nein.  Wenn man jeden Tag 12 bis 13 Stunden gearbeitet hat, dann kommt einem der erste Tag des wohlverdienten Ruhestandes  vor wie eine Vollbremsung aus einer Geschwindigkeit von 300 Kilometern pro Stunde und man landet dabei kraftvoll auf der Nase. Liegenbleiben? NEIN. Aufstehen. Weitermachen. Alles andere würde nicht zu mir passen.
Aber, um aufzustehen, muss man wirklich erst hinfallen. Erfahrungen dort unten sammeln. Kritisch sich selbst und das Umfeld erfassen, das einen umgibt.
Lange vor diesem Ende meines Arbeitslebens hatte ich immer wieder mit einem gewissen Otto Kraz über das Leben nach dem letzten Gong fantasiert. Er ist Lehrer und nennt seinen Ausstieg  Pensionierung. Wir hatten uns vor einem Vierteljahrhundert an der Nordsee kennengelernt. Urlaub auf dem Bauernhof. Kinder im ähnlichen Alter. Ich weiß noch, wie ich mich am Anfang gewundert hatte, dass man mit Lehrern auch befreundet sein kann. Ja dann am Ende sogar richtig gut.
Was wollte ich denn eigentlich erzählen? Ach ja.
Vor über einem Jahr - an einem für die Nordsee sehr heißen Sommertag - geschah etwas äußerst unglaublich Unglaubliches.  Also ich nehme an, Sie werden es nicht glauben können - oder wollen. Was aber keine Rolle spielt. Otto Kraz und ich wurden in unserer Lieblingskneipe in unserem Lieblingsferiendomizil auf Nordstrand von einem uns fremden Anwalt angesprochen, ob wir an einem „Experiment“ teilnehmen wollten. "Meine Herren, wie wäre es, wenn Sie der Frage nachgehen, ob das Leben im Alter nach der Verrentung noch wirklich erfüllt sein kann. Klären Sie die 60+ Frage "Wer bin ich? Bin ich wer?" Geld spielt dabei keine Rolle."  Es gäbe eine einzige Voraussetzung, die ein Sponsor, der dieses Experiment finanzieren wollte, stellen würde. Er wollte alles genau wissen, wie wir was und wo erreichen, was in uns vorginge, wie wir Glück und Freiheit erlangen wollten. Er hätte uns jahrelang in dieser Kneipe auf Nordstrand belauscht. Ja, es wäre ihm ein wenig peinlich, dieses Belauschen. Der Sponsor wäre eben ein echter Eigenbrötler, das müsse er als Anwalt sagen. Aber einer mit Stil. Ein Milliardär. Zehn Jahre jünger als wir. 
Na ja. Ich selbst fühlte mich ja sowieso schon aussortiert und Otto Kraz befand sich ein halbes Jahr vor dem großen Gong. Also offen für alles. Wir waren zuerst ziemlich verwirrt, aber natürlich irgendwie doch nicht abgeneigt. Komplettes Neuland. Wir liebten schon immer Neuland. Unser Ding. Ohne genau zu wissen, auf was wir uns da eingelassen hatten, begannen wir Pläne zu entwerfen. Zuerst dachten wir an Radtouren, Autoreisen, Bahnfahrten, Wandern, Kabinenkreuzfahrten. Nein, das war alles nichts. Da mussten zu viele festgefahrene Wege begangen werden. Wir wollten etwas machen, das wirklich außergewöhnlich war. Weg vom Standard, hin zum geplanten Ungeplanten. Es musste etwas sein, das an uns alten Knaben noch einmal "die Feile ansetzte". Ja, so hätte es mein Lieblingsonkel Paul ausgedrückt. Das Braunwerden auf den Malediven konnte es also auch nicht sein. Wir wollten etwas in Gang setzen, das ruhig auch wehtun durfte. Vielleicht doch ein Bauernhof im Norden, am besten auf Nordstrand? Nordstrand war für uns beide seit Jahren ein kleines Paradies. Aber das war es auch noch nicht. Klang zu sehr nach alternativer Landwirtschaft. Immerhin, wir hatten beide das Gefühl, dass wir dort am Meer tatsächlich in der Nähe dessen waren, was wir suchten.
Eine Weltumsegelung? Sie haben natürlich recht. Das machten ja inzwischen auch schon recht viele. "Aber wie wäre es mit einer Mannschaft aus lauter Gleichaltrigen, die sich alle während der Tour neu erfinden dürfen. Zehn alte Männer und ein großes Segelschiff?" meinte Otto Kraz zwei Wochen nach unserer ersten Begegnung mit diesem verrückten Anwalt dieses verrückten Milliardärs.
Sie müssen zugeben, das ist nun wirklich etwas so unglaublich Unglaubliches, dass Sie es sicher nicht glauben können. Was Sie aber nicht davon abhalten sollte, mit uns um die Welt zu segeln.
Ich bin Pet Bär und habe Ihnen eine Geschichte zu erzählen.