Ein Blogger erzählt

Wir sind nun zwei Jahre unterwegs. Mein persönliches Fazit: Schreiben und mit einem guten Freund eine wilde Geschichte für einen kleinen Leser&innenkreis zusammenzuspinnen, ist eine wunderbare sinnstiftende Beschäftigung. Statt "Ich bin Ruheständler" das "Ich bin Blogger" in die Vorstellungssätze zu packen.  Vor zwei Jahren habe ich es an dieser Stelle so beschrieben:

 

 Darf ich mich vorstellen? Otto Kraz.

"Ah, der Otto Kraz aus Weit im Winkl? Dieser Physiklehrer, der in diesem fiktiven Laborgymnasium unterrichtet? Der jetzt dann in der realen Welt in Pension geht? Der seit über fünf Jahren mit wachsender Begeisterung bloggt? Der am Ende seiner Schullaufbahn mit physikalischen Internetlektionen versucht hat, seine Abiturienten durchs Abitur zu bringen? Der immer Westen trägt?..." werden jetzt manche sagen, die Otto Kraz schon kennen.

Ja, Sie haben recht. Genau dieser Otto Kraz, der bin ich. Und wie das Café L in Weit im Winkl ist die Blauzahn, unser Segelschiff, nur in unseren Gehirnwindungen existent. Trotzdem macht es viel  Sinn. Für meinen Freund Pet Bär und mich auf alle Fälle. Aber wir sind überzeugt, dass es auch für viele unserer Leser/innen Sinn machen wird. Warum? Weil die Aussage Pensionierung ist doch kein Problem für mich nicht für jeden gilt.

Aber lassen Sie uns darüber in einem halben Jahr reden.

 

 

1. Die Welt der Wörter

 

"Ihre Sätze sind zu lang oder zu kurz." Das meinte mein Deutschlehrer in der Oberstufe. Und "Und" am Satzanfang schreibt man nicht. Als ich anfing, Naturwissenschaften zu studieren, war diese Aussage tief in meinem Gehirn eingebrannt. "Wörter gut auf's Papier zu bringen, dass es andere gerne lesen, das ist nicht deine Welt." Das hatte mir mein Deutschlehrer sehr klar vermittelt. Und ich hatte es wirklich geglaubt. Obwohl ich in meinem Studium viele Gedichte geschrieben und auch immer davon geträumt hatte, im Alter einmal Kinderbücher zu schreiben. Selbst als gestandener Physiklehrer an einem südbadischen Gymnasium, langjähriger Verbindungslehrer und damit häufig damit beschäftigt, Blätter für meine Kolleg/innen am Schwarzen Brett aufzuhängen, glaubte ich noch an diese uralten Lehrersätze. Ich ärgerte mich zwar, wenn ältere Deutsch-Kollegen es ab und zu tatsächlich fertigbrachten, mit roter Korrektur-Farbe meine Texte zu ergänzen. Meine Sätze zu korrigieren. Aber ich wusste ja: "Sätze auf's Papier bringen, dass andere es gerne lesen, das ist nicht deine Welt. Obwohl du dich so gerne in ihr aufhältst." Erst als ein Schülervater mir einmal sagte - nachdem ich ihm mein Verhältnis zu der Welt mit den Worten erklärt hatte - dass er meine Klassenlehrerbriefe, über die ich mit Eltern gerne kommunizierte, alle mit Begeisterung lesen würde und dies auch tun würde, wenn ich täglich schreiben würde, legte sich bei mir im Kopf ein Schalter um. Der Schülervater war Professor und konnte wahrscheinlich meinen alten Deutschlehrer im Kopf als höhere Instanz gekonnt auf die Seite schieben. Ich war über 40 und beschloss, Deutschlehrer nie mehr Herr über meine eigenen Schreibwelten sein zu lassen. Und ich schrieb mit wachsender Begeisterung "Und" am Anfang von Sätzen. 

 

2. Blogs

Viele Jahre später wurde ich sogar ein echter Blogger. Im hohen Alter. Angefressen von dieser Schreib-Welt mit der ganz eigenen Leserschaft. Pädagogisch blogge ich noch immer.

www.fluegelverleih-am-faust.de

www.maennerrevolte.de

www.vorne-auf-der-welle.de

Das hat allerdings mit unserer Weltumsegelung für unseren geheimnisvollen Sponsor und Milliardär nichts zu tun.

Dann schon eher mit der virtuelle Schule in Weit im Winkl www.aufeigenefaust.de und darin mit der Physikabteilung www.physikmaschine.jimdo.com . Dort habe ich am Ende sogar die Scheu davor abgelegt, mit meiner Stimme in die Blogöffentlichkeit zu treten. Bin inzwischen schmerzfrei. :-)

 

3. Pensionierung und der Blog der Nordstrandpiraten

 

Meine Pensionierung steht bevor und damit eine komplett unbekannte Phase des Lebens, die ich bei vielen meiner Freunde und Kollegen, die den Abflug schon vor mir gemacht haben, sehr aufmerksam studiert habe. Weil ich Respekt vor dieser Zeit habe. Außerdem habe ich einige gute Freunde, die in ihrem Beruf sehr aktiv waren und trotz vieler Hobbys nach der Verrentung in eine Lebenskrise gestürzt sind. Altersdepression nennt man den Zustand. "Eigentlich müsste es dir jetzt gut gehen, aber es geht dir nicht gut". Ich persönlich lebe sehr gerne und zu einer Lebenskrise habe ich überhaupt keine Lust. Da fahre ich lieber mit einem virtuellen Segelboot der Luxusklasse zusammen mit einem ebenfalls gerne schreibenden guten Freund einmal um die Welt und hoffe, dass das eine für uns sinnvolle Beschäftigung wird, in der wir genussvoll unsere Lust am Kreativen ausleben können. Und das Segelschiff wird für mich wohl auch Basis für einen uralten Traum werden.

 

4. Wilde Westen

 

Mit 14 wollte ich Modedesigner werden. Ein verrückter Traum. Ich habe damals viele Figurinen gezeichnet und mir vorgestellt, wie toll es sein müsste, unschlagbare Klamotten zu entwerfen, die andere Menschen tragen. Der Traum hielt nicht länger als ein Jahr. Aber die Idee muss wohl irgendwie im Hirn des Otto Kraz Spuren hinterlassen hatten. Im Studium in München habe ich mit einer alten Tretnähmaschine voller Begeisterung mein damals absolutes Lieblingshemd entworfen und genäht. Wahrscheinlich habe ich ein klitzekleines Männermode-Gen von meinem Urgroßvater mütterlicherseits, der vor 125 Jahren einen Herrenschneider-Betrieb mit 10 Angestellten samt Ladengeschäft besaß. 10 Jahre später, als die damalige Wirtschaftskrise seine gut-situierten Kundschaft wegbrechen ließ, musste er sich und seine Familie mit 10 Kindern  am Ende durch Schneidern von Westen in Heimarbeit über Wasser halten und hat sich von dieser "Schmach" lebenslang nicht mehr erholt. Vielleicht habe ich ja deshalb schon früh ein Faible für Westen bekommen. Das Projekt Wilde Westen des Otto Kraz ist ein Jugendtraum kombiniert mit der Verrücktheit des Alters, auch nach der Pensionierung wilde Dinge zu tun. Also selbst Westen zu entwerfen und zu nähen (Oder nähen zu lassen:-)) Und zwar wie damals in der Studentenzeit. Upcycling und Trash ist angesagt. Warum also nicht genau da weitermachen, wo ich sowieso schon vor Jahrzehnten angefangen habe. :-)  Schon allein die Schmach meines Urgroßvaters auszuradieren wäre ja auch schon Antrieb genug.

 

 

5. Momentanes Fazit dieses Blogs:

 

Wo genau uns die Fahrt mit der Blauzahn hinführt, das wissen die Götter. Welche Westen Otto Kraz von unterwegs präsentieren wird, das steht noch in den Sternen. Was sicher ist: So wie die aktuelle Ausgangsidee wird auch die Wilde Februarweste sein: Upcycling einer alten Lieblingshose in eine Lieblings-Wilde-Weste. Wer von den Insidern gedacht hat, der Otto Kraz gründet ein Label und verkauft Wilde Westen, der hat sich getäuscht. Das dauert noch einige Zeit. Wir fahren jetzt los, Otto Kraz wird euch im Laufe des Jahres zeigen, wie ihr viel Geld sparen könnt. Denn die Designerwesten von Kraz sind Einzelstücke, käuflich, aber sie werden natürlich nur auf dem Kunstmarkt verkauft. Und als Kunst kostet eine Otto Kraz Wilde Originalweste locker 1000 Euro. Deshalb der Aufruf: Rette deine Lieblingshose vor der Vernichtung in der Altkleidersammlung. Upcycle dir deine eigene Wilde Lieblingsweste. Wie, das wird dir Otto Kraz dann alles noch in Ruhe erklären. Wenn wir von unserer einjährigen Weltumsegelung zurück sind, dann schreiben wir alles in ein Buch, das man sicher wunderbar als Geschenk für Neu-Rentner und Neu-Pensionäre gebrauchen kann. Der Titel: "Bevor du zum Rentenbeginn in ein Loch stürzt, segle lieber einmal um die Welt." Oder so ähnlich.

Pet Bär und ich schreiben gerne. Pet ist schon in seiner Rente angekommen, schreibt sowieso immer noch viel mehr als ich und wird die Segel-Geschichte hauptverantwortlich übernehmen. Ich übernehme die Pflege des Blogs und die Wilden Westen samt Zutaten. Und ich versuche mich am Shanty-Hop. Rezepte erfinden wir beide. Also echte Arbeitsteilung. Was uns alten Piraten für andere Piraten sonst noch einfallen wird, überlassen wir dem Zufall des Lebens. Und das sagen wir auch gleich am Anfang allen Leser/innen. Wir schreiben in erster Linie für Freunde und Weggefährten und dann natürlich für alle, die für sich selbst sagen können, dass Pensionierung und Rente nicht einfach Zuckerschlecken ist. Dass man etwas gegen mentale Abstürze in der Hand haben muss.

Für viele ist das alles gar kein Problem: Denen sagen wir schlicht: Seid froh drum. Glücklich und ausgefüllt in der Rente. Was will man mehr.

Wir beiden müssen nämlich für diesen Zustand etwas tun.

 

 

Otto Kraz

Nordstrandpirat