Otto Kraz erzählt

Bevor wir alle zusammen ins Mittelalter purzeln und sich die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen komplett ändern, will ich noch einmal auf den Ruhestand und die Lust am Schreiben zurückkommen. Unter "WIR" hatten wir beide vor zwei Jahren aufgeschrieben, was uns so alles bewegt. Warum wir diese Reise gestartet haben. Diese Erklärungen schicken wir nun ins Archiv und schreiben sie neu. Weil zwei Jahre eine sehr lange Zeit sind.

 

Otto Kraz erzählt

 

Wir sind nun zwei Jahre unterwegs. Mein persönliches Fazit: Schreiben und mit einem guten Freund eine wilde Geschichte für einen kleinen Leser&innenkreis zusammenzuspinnen, ist eine wunderbare sinn- und zeitstiftende Beschäftigung. Statt "Ich bin Ruheständler" das "Ich bin u.a. Geschichten-Blogger" in die Vorstellungssätze zu packen.

 

Oh ja. Vor langer Zeit war ich Lehrer ... Aber das ist wirklich schon sehr lange her. Gefühlt mindestens fünf Jahre. Obwohl ich noch keine zwei Jahre Pensionär bin. Wissen Sie, man hat in der berufsfreien Zeit viel Zeit, sich über die Zeit an sich Gedanken zu machen. Speziell über die gefühlte Zeit. Meine persönlichen  Erkenntnisse: Im aktiven Unruhestand läuft die Zeit viel langsamer ab als im Ruhestand.

 

 

 

Häää? fragen Sie vielleicht? Zeit langsamer? Wie denn das?  Ich darf Ihnen das mit meiner Theorie erklären. Ich war Physiklehrer und habe zum Beispiel das Ohm'sche Gesetz mindestens 40 Mal in meinem Leben unterrichtet. Wenn mein Kopf zurückdenkt, dann hat er aber nur abgespeichert, dass ich natürlich auch das Ohm'sche Gesetz unterrichtet habe. Oft. Aber es macht gefühlt keine Zeit, auf die ich gepolstert zurückblicken kann. Oder noch krasser: Ich habe in meinem Lehrerleben pro Jahr sagen wir mal 500 bis 1000 Arbeiten korrigiert. Je nachdem, welche Klassen ich in welchen Fächern unterrichtet habe, also 35 000 bis 70 000 Arbeiten in meinem Lehrerleben. Wenn Sie mich fragen, ob das in meinem Kopf ein Zeitpolster hinterlassen hat, kann ich nur den Kopf schütteln. Klar, dieses Gefühl, zu sitzen und zu korrigieren und kein Ende zu sehen. Dieses Gefühl kann ich gut abrufen. Aber gespeicherte Zeit? Fehlanzeige. Dafür kann ich all die vielen kreativen Projekte, die ich immer wieder am Laufen hatte, als starkes Zeitpolster empfinden. Die Projekte, die sich zwischen das Unterrichten, Vorbereiten und Korrigieren schieben konnten. Zurückblickend kann ich sagen: Ich war gefühlt sehr, sehr lange Lehrer. Aber nur durch das Arbeiten abseits des normalen Schulalltags. Inzwischen kann ich neue Projekte am Morgen, am Mittag und am Abend planen. Oder durchführen. Drei gefühlte Tage an einem Tag. Zwischen 65 und 75 spannt sich also der Schatz einer gefühlte Zeit von 30 Jahren auf. Als Unruheständler.

 

Also auch als Blogger oder als Projektler oder als Autor und als Nordstrandpirat. Wer selbst auf der Blauzahn mitgesegelt ist, der speichert die Zeit als echtes Zeitpolster. Es ist komplett anders als Filme gucken. Filme gucken gibt kein Zeitpolster. Deshalb: Wenn Sie als Rentner wollen, dass es gefühlt schnell an den Abflug geht, dann viele Filme gucken. Wenn Sie Lust auf das wunderbare Gefühl eines sinngefüllten Zeitpolsters haben, dann reisen Sie doch einfach auch schreibend um die Welt. Oder genießen Sie andere Projekte.

 

Ja, so würde ich es nach zwei Jahren beschreiben. Mitzusegeln hat mir viel Zeit geschenkt. Und eigene gefühlte bewusste wohltuende Zeit, das scheint es zu sein, was ich brauche.

 

Mit diesem Absturz ins Mittelalter mache ich mir natürlich schon so meine Gedanken.

 

Als Otto Kraz, werter Autor, hätte ich gerne die Rolle des Beobachters, der sein Ich behalten darf. Ich habe Arthrose am Handgelenk meines Schwertrarmes. Ich bitte darauf Rücksicht zu nehmenVielleicht machen Sie mich ja einfach zu einem zurückgezogenen Einsiedler, der nur ab und zu auftritt, um für damalige Verhältnisse völlig abgefahrene Statements zu Frauen und Gleichberechtigung und der Freiheit des Denkens abgeben darf. Also Statements zur Zukunft Europas. Im 13. Jahrhundert. Ja, diese Rolle würde ich gerne übernehmen, Herr Pet vom und zu Bärental. Ansonsten natürlich freie Hand, wie es den anderen lieb gewonnenen Menschen nach dem Absturz ins tiefe Mittelalter ergeht. Ob sie noch wissen, wie sie getickt haben oder nicht. Ob es eine gänzlich neue Story wird oder ob es einen Bezug zu den Abenteuern auf der Blauzahn gibt. Hochverehrter Autor. Ich bin gespannt.

 

 

 

Ihr Otto von Kraz