Band 4 - Kapitel 44

16. März 2017 bis 30. September 2017

 

Wie es von Gunnar Larson beschrieben wurde, so geschah es auch. Die Container wurden geliefert und die Infrastruktur errichtet. Strom, Wasser, Heizung angeschlossen. Die letzten Bewohner der Blauzahnsiedlung, die zu den Nordstrandpiraten gehörten, kamen am 23. März auf Nordstrand an. Es zeigte sich, dass Birgit das notwendige Organisationsgeschick besaß, dass jeder einen Schlafplatz fand und sich wenn auch notgedrungen auf die vorläufige Lösung einließ. Der Bautrupp aus Litauen kam und begann am Tage der Ankunft mit dem Umbau des Stalls gegenüber dem Ferienhaus. Die Arbeiten am Hotel wurden wieder aufgenommen und die Pläne für das Nebengebäude des Gutshofes den neuen Bedürfnissen, sofern das notwendig war angepasst. Wohnungen und Appartements für jeden sollte spätestens zum Ende des Monats August fertig sein.

 

Nachdem die Leichen von Carlo und Luigi am 26. März endlich von den Behörden freigegeben wurden, konnte man die Vorbereitungen für die Beerdigung treffen.

 

Der Trauergottesdienst fand am 29. März 2017 in der Kirche St. Knut in Herrendeich statt. Beide waren Katholiken und der Pfarrer der Gemeinde übernahm es, den Gottesdienst zu gestalten. Um die Trauergemeinde aufzunehmen, war die Kirche zu klein. In die Kirche wurden nur die Nordstrandpiraten und die Verwandten der beiden eingelassen. Draußen vor der Kirche versammelten sich Vertreter der Presse, eine große Fangemeinde der Nordstrandpiraten. Fast tausend Trauergäste waren gekommen, um Abschied von den beiden zu nehmen. Beerdigt wurden sie auf dem Friedhof bei der Kirche.

 

Die Presse hatte Tage vorher bereits wieder die Berichterstattung von den Nordstrandpiraten aufgenommen. Die Lobeshymnen, die die Presse, auch regionale wie überregionale Fernsehsender anstimmten, wirkte etwas übertrieben, aber man bewunderte immer noch die alten Männer für ihre Abenteuer, und dass ihre Gemeinschaft nun auch die Mannschaften der beiden anderen Schiffe voll integriert hatte. Von einer Alters- und Geschlechtergrenzen überschreitenden Gemeinschaft war die Rede. Dass unterschiedliche Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen dabei waren, wurde etwas überhöht dargestellt. Das passte aber in die derzeit herrschende politische Situation im Lande, wo vor allem Politiker Multikulti und bunte Gesellschaft auf ihren neue philosophische Denkweise lautstark propagierten.

 

In einem Interview, das Pet zusammen mit Melanie einem regionalen Sender zu diesem Thema gab, wurde das so weit getrieben, dass Pet die interviewenden Journalisten ein paar Mal bremsen musste. Die Nordstrandpiraten funktionierten nicht, weil sie bunt waren, sondern weil alle dafür gearbeitet hatten, bunt zu sein. Jeder musste seinen Anteil beitragen und das funktionierte nicht, weil man das anweisen würde oder weil das einige so haben wollten, sondern weil Anpassung, Öffnung und gegenseitiges Verstehen von Nöten war. Was bei rund fünfzig Menschen, die ein Jahr und mehr zusammen Abenteuer bestanden hatten, musste und konnte nicht innerhalb eines oder auch fünf Jahren in einer Nation oder in einem Kontinent  entstehen. Zweiundachtzig Millionen Menschen in ein mentales und mediales Umerziehungslager zu schicken war keine Methode, um Multikulti entstehen zu lassen. Sie selbst hatten sich klare Regeln gegeben und auch diejenigen, die zu ihnen stießen, mussten diese beachten. Manches Mal mussten die angepasst werden, aber das was sie sein wollten hatte Priorität und wurde nicht angepasst oder verändert. Diese Aussage passte nun gar nicht in die trendige Meinungsbildungskampagne der Politiker, aber man war sehr vorsichtig, hier zu laut Kritik zu äußern. Die Popularität der Nordstrandpiraten war zu groß.

 

Ein Artikel in einer Zeitung von einem Journalisten Namens Malte Sorensen, der sich sehr kritisch mit dem Finanzier Gunnar Larson und den Nordstrandpiraten auseinandersetzte,  hatte katastrophale Folgen für die Zeitung und den Verfasser des Artikels.

 

Am 30. März 2017 verabschiedete sich Gunnar Larson von allen in einem Brief und verschwand. Als Verwalter seines Vermögens wurde Birgit, Pet, Otto und Mathias eingesetzt. Ein Verwaltungsrat wurde ebenfalls etabliert. Acht Mitglieder ihrer Gemeinschaft bildeten dieses Gremium.

 

Die Journalisten hörten nach der Veröffentlichung des Artikels gegen Gunnar nichts mehr von ihrem Auftraggeber. Die Geldquelle versiegte und sie mussten sich einen neuen Arbeitgeber suchen. Friedrich blieb in Husum bei seiner Geliebten und arbeitete als freier Journalist weiter. Konrad fand Arbeit bei einem Regionalfernsehsender in Hamburg. Malte hatte einen tödlichen Autounfall am 5. April 2017 als er wieder nach Schweden reisen wollte. Auf der A 1 kurz vor Oldenburg Holstein verlor er die Kontrolle über seine Auto und raste in die Flanke eines Sattelschleppers.

 

Friedrich und Konrad hielten ihren Kontakt zueinander aufrecht. Ihr Interesse galt immer noch dem Verschwinden des Arztes und Psychologen aus Winnenden und den beiden Frauen, die mit ihm aus der Landesklinik verschwunden waren.

 

Auf Nordstrand bei den Piraten ging alles seinen Gang. Die Bautätigkeiten kamen schneller voran als gedacht. Die Container auf dem Gutshof baute man so um, dass sie zum Assemble des Gutes und der Gebäude passten. Sie wurden mit Holz verkleidet und bekamen Solarzellen aufs Dach.

 

Swea wurde am 1. Juni aus der Klinik entlassen und kam auf den Gutshof. Sie musste noch an Krücken gehen, aber da genügend hilfreiche Seelen um sie herum waren, empfand sie ihr Schicksal nicht mehr ganz so grausam.

 

Mathias baute seine Anwaltskanzlei weiter aus. Er war zwar sehr mit dem Verwalten der Immobilien beschäftig, aber das hinderte ihn nicht daran, sich wieder als Anwalt für Strafecht zu etablieren. Lilli und Will, die beide nun ihre ursprüngliche Aufgabe für Gunnar verloren hatten, machten sich bei Mathias als Verwaltungsmitarbeiter nützlich. Merits Schwangerschaft wurde am 1. August bekannt. Ein Grund für eine weitere Feier auf dem Hof. Das Kind sollte am 10. Februar zur Welt kommen.

 

Auch Markus Malstrom blieb mit seinem Boot der Grit den Nordstrandpiraten treu. Er plante Bootsfahren für Touristen zu machen, die sich nicht auf die großen Ausflugsboote setzen wollten.

 

Das Hotel, dessen Eröffnung am 1. September geplant war, konnte wegen einiger Verzögerungen noch keine Gäste aufnehmen. Aus der Crew aller drei Schiffe waren genügend Interessenten da, dort eine sinnvolle Aufgabe zu übernehmen. Marc übernahm zusammen mit Beatrice die Küche zusammen mit vielen Helferlein bestand die Küchenmannschaft aus neun Personen. Charly organisierte das Serviceteam für Sauberkeit und Reinigung. Man stellte für einige Monate eine Lehrkraft für Hotelfachkräfte. Putzen, Saugen alles war jedem geläufig nur eines nicht, das fachgerechte Bettenbeziehen, falten von Handtüchern und Servietten und einiges mehr. Da das Hotel unter ökologischen Gesichtspunkten gebaut und eingerichtet war, gab es Besonderheiten, die auch bei der Ausbildung berücksichtigt werden musste. Es gab keinen Teppichboden im Hotel sondern Holzböden und Fliesen aus Terrakotta und Schiefer. In den Gästezimmern sollten man keine Straßenschuhe tragen, deshalb stellte das Hotel den Gästen Bastschuhe zur Verfügung. Dies konnte entweder der Gast mit nach Hause nehmen oder sie wurden als Brennmaterial für die Heizung verwendet. Es gab auch keine Einwegflaschen für Getränke, keine Minibar auf den Zimmern und einige Besonderheiten mehr. Ein Brunnen in der Lobby des Hotels spendete Wasser und jeder Gast konnte sich das Nass in eine Trinkfalsche, die man ihm zur Verfügung stellte, auffüllen. Die Auswahl an Weinen wurden entsprechend der angebotenen Speisen ausgewählt. Die Weinkarte war nicht aus Papier, sondern wurde wie die Speisekarte auf elektronischem Wege zur Verfügung gestellt. Bestellt werden musste aber grundsätzlich bei einer Servicekraft. Erleichtertes Arbeiten, aber mit sehr viel Kontakt zu Menschen, war eine der Devisen des Hotels. Die Idee zu all dem kamen noch von Gunnar und die Nordstrandpiraten setzten das alles um. Keiner der Nordstrandpiraten fand sich zu fein, auch einfache Dienstleistungen zu übernehmen. Wechselnder Dienstpläne und Aufgaben sorgten für viel Abwechslung.

 

Die Pferde auf dem Gutshof waren nach vier Monaten wieder alle in Bestform. Claus von Olsen hatte dafür gesorgt. Er, der Ritter aus dem Mittelalter, hatte eine Aufgabe gefunden, die ihn ausfüllte und glücklich machte.

 

Umma sorgte für die Schafe und die Ziege, allerdings hatte man ihr noch drei weitere Ziegen besorgt, da sie sich eine große Herde wünschte. Schafe, Ziegen und auch viele Hühner bevölkerten den Hof. Anfangs schlief Umma noch im Zimmer von Pet, aber irgendwann hatte sie genügend Selbstvertrauen erworben, sodass sie auf den Hof zog und zusammen mit zwei anderen eine Zimmer dort bezog.

 

Alles wirkte harmonisch, aber es gab auch Missstimmungen. Eric sorgte ein paarmal für Streitigkeiten mit Nachbarn. Er konnte es einfach nicht lassen, seinen Gelüsten freien Lauf zu lassen. Seine Zielgruppe Frauen zwischen dreißig und fünfzig Jahren war bei den Einheimischen wie auch bei den Feriengästen reichlich vorhanden. Er war charmant, sah für sein Alter sehr gut aus, war zudem kräftig gebaut, wie er es aber immer wieder schaffte, eine verheiratete Bäuerin zu verführen oder einen weiblichen Feriengast, wusste niemand. Aber ein paar Mal kamen erboste Bauern oder andere Einheimische auf den Gutshof und wollten ihn körperlich ermahnen, weil die gehörnten Ehemänner dahinter gekommen waren, dass er ihre Frauen verführt hatte. Seine Körpergröße und sein Auftreten verhinderte allerdings, dass jemand ernsthaft verletzt wurde. Selbst der Pfarrer von St. Knut war ein paarmal bei ihm, um ihn zu ermahnen, sein schändliches Tun zu unterlassen. Nichts konnte Eric davon abhalten. In einer stillen Stunde unter Zuhilfenahme von sehr viel Rotwein, den er nicht besonders gut vertrug, gestand er Sophia und Melanie, dass er ja eher als Eheberater tätig war. Er würde nicht mit jeder sogenannten Verführten ins Bett oder ins Heu steigen. Manche benötigten einfach nur ein paar Ratschläge, wie sich ihre Ehemänner wieder für sie interessierten. Und er konnte sehr überzeugend in dieser Beziehung Ratschläge geben. Als Melanie ihn aufforderte, auch ihr zu erklären, wie man einen Mann dazu brachte, sich für eine Frau zu interessieren, dozierte er auf eine Art und Weise, dass Melanie und Sophia fast schwach wurden, nur Eric war durch den Rotwein nicht mehr stark genug. Aber sie lernten von ihm sehr viel an diesem Abend.

 

Juris, der ehemalige Polizist aus Lettland, hatte sich mit Frau Hauptkommissarin angefreundet. Heike und er arbeiteten an der Morduntersuchungen von Carlo und Luigi gerne zusammen. Und Ende August wurde auffällig, dass er immer öfter nachts nicht mehr zurückkam, sondern in Husum bei Heike übernachtete. Der Oberstaatsanwalt war noch ein paarmal auf dem Gutshof, verlor aber das Interesse, da er offensichtlich nicht so schnell Erfolg bei der Aufklärung haben konnte wie erhoffte und suchte sich einen neuen Fall, der ihm schneller mehr Ansehen einbringen würde.

 

Trotzdem inzwischen genügend Räumlichkeiten in allen Häusern für die Nordstrandpiraten zur Verfügung standen, belegten Pet, Melanie, Sophia und Constanze immer noch ein gemeinsames Zimmer im Ferienhaus bei Süderhafen. Pet trainierte wieder und brachte sich nach der erzwungenen Pause durch seine Verletzung wieder in Form. Nächtelang saßen die vier zusammen und sprachen über Gefühle, Werte, Glück, Sex aber vor allem über den Unterschied Mittelalter zur Jetztzeit. Constanzes Beiträge waren sehr lehrreich für die drei anderen. Das Mittelalter war nicht dunkel, grausam oder nur brutal, es gab sehr viel an glücklichen Momenten, die man mehr als nur intensiv genoss. Man war bereit zu lernen, war diszipliniert und in ein Korsett an Vorschriften und Traditionen eingebunden. Das Patriarchat,  die Kirche, die das unterstützte, die Gesellschaftsstruktur, die starre Struktur der Adelsherrschaft und die Natur beherrschte das Leben einer Frau. Und doch hatten Frauen in vielen Bereichen großen Einfluss auf die Gesellschaft. Ob als Nonnen, Frau eines Adligen oder aber als Frau eines Ritters. Letztere hatte sehr viel an Macht und musste diese auch einsetzen. Sie verwaltete das Gut, die Burg eines Ritters, denn der musste sehr oft, zu oft seinem Lehnsherrn dienen und der Burg fernbleiben. Dass sehr viel Frauen im Kindbett starben lag an sehr unterschiedlichen Faktoren wie mangelnde Hygiene und vor allem der erzwungenen Unwissenheit mit einem Frauenkörper umzugehen. Hierfür trug vor allem die Kirche mit ihren Reglementierungen eine große Mitschuld. Das und vieles mehr erfuhren sie von der Frau aus dem Mittelalter. Sie erfuhren auch viel über die Liebe zu der Zeit. Ja die Liebe war sehr wichtig und ohne sie wäre die Freudlosigkeit noch schlimmer gewesen. Dass Frauen nur Gefäße des Teufels seien, machte den Frauen auch Spaß und so konnten auch sie ihre Gelüste ausleben und da die Fruchtbarkeit einer Frau auch von der Ernährung abhing, wurde man nicht so schnell schwanger. Zudem gab es genügend Kräuter und andere Methoden eine Schwangerschaft zu verhindern, wenn man das Wissen dazu hatte und die Zeit dazu.

 

Der Umzug der kleinen Klinik und des Securitybereiches aus Gotland fand am 1. bis 16. September statt. Die Klinik konnte ihren Betrieb am 1.Oktober 2017 aufnehmen. Der Securitybereich, der sich auf IT Sicherheit, elektronischen Gebäude- Fahrzeugschutz und Personenschutz spezialisierte, hatte bereits genügend Aufträge, um mit dem letzten Tag des Einzuges sofort mit der Arbeit zu beginnen. 

 

Ottos und Pets Arbeit an den mittelalterlichen Dokumenten füllte bei diesen beiden sehr viel Zeit aus. Ihnen wurde bald klar, dass ihre Zeitreisenden, die aus dem Mittelalter mit ihnen zurückgereist waren, kein Loch in der Historie hinterlassen hatte. Bis zu dem Zeitpunkt, wo sie im Mittelalter waren, konnte man Spuren finden, danach nichts mehr. Offensichtlich veränderte sich die Geschichte nicht dadurch. Der eine oder andere, der eigentlich noch von den Zeitreisenden geboren oder gezeugt werden sollte, verschwand oder wurde nicht gesichtet. Pet gab noch einige Informationen an Otto weiter. Die ehemalige Gutsverwalterin Charlotte von Breitenbach hatte in genealogischen Foren versucht, den Stammbaum zu finden. Sie fand einiges, was sie doch sehr erstaunte. Der Baron von Breitenbach, einer der Vorfahren der Charlotte, hatte eine Namensänderung im Jahre 1813 vorgenommen. Er nannte sich vorher Freiherr von Breitenbach und kam aus dem Süden von Deutschland. Er versuchte seinen Namen zu ändern, da er in einigen Schlachten auf der Seite Napoleons als Offizier an einigen sehr unschönen Pogromen an der Zivilbevölkerung aktiv beteiligt war. Einer seiner Söhne übernahm diesen Titel nach seinem Tod und lebte in Preußen, der andere nannte sich nur noch Breitenbach, aber die Ähnlichkeit mit dem Name eines Offiziers, der sehr grausam an Zivilbevölkerung gehandelt hatte, war zu gefährlich und so machte er aus Breitenbach einen Breitenbacher und wohnte später auf einem kleinen Gut bei Heilbronn. Einer dieser Nachfahren war Konrad Breitenbacher. Herkunft und auch die örtlichen Gegebenheiten ließen vermuten, dass man die Nachfahren von Constanze gefunden hatte.

 

Außer dass sich alle hier eine neue Existenz aufbauten, beschäftige sie noch eines. Die Mörder von Carlo und Luigi aufzuspüren und diese zu bestrafen. Der Anblick von Swea erinnerte sie jeden Tag daran, dass sie noch etwas zu erledigen hatten. Die Akten bei der Polizei waren noch nicht geschlossen, aber man hatte keine Spur von den beiden Angreifern, man hatte nur ihre Namen.

 

Die Nordstrandpiraten waren es gewohnt, ihre Rechnungen alle zu bezahlen. Und diese eine musste noch beglichen werden.