Band 4 - Kapitel 43

14. März 2017 17.00 Uhr  Hotel in Hattstedtermarsch

 

Friedrich war vor zwei Stunden wieder gegangen. Er wollte zu Helena. Sie sollte ihm helfen, einige Informationen wegen der Immobilien des Gunnar Larson, die jetzt der Anwaltskanzlei gehörten, zu bekommen. Welche Notare die Überschreibungen gemacht hatten und dann sollte Friedrich noch den Marktwert der Immobilien in Erfahrung bringen. Das war der erste Teil der Aufträge, die er, Malte und Konrad bekommen hatten. Aus diesen Informationen sollten sie einen Artikel schreiben. Headline - Reicher schwedischer und exzentrischer Industrieller mit dunkler Vergangenheit kauft sich in Deutschland ein -. Dann sollten die Nordstrandpiraten in einem zweiten oder auch dritten Artikel langsam mit eingeflochten werden. Bilder der unbekannten Frauen und Männer, die nun bei ihnen lebten und zum krönenden Abschluss solle das Ganze noch mit dem Geruch von Sektierern, die sich wahrscheinlich mit Menschenversuchen beschäftigten, gewürzt werden.

 

Konrad und Malte mussten sich also nochmals darum bemühen, Bilder von allen Nordstrandpiraten und allen, die sich in ihrem Umfeld befanden, zu machen. Neue Hintergrundinformationen über jeden einzuholen. Zudem würde er ein paar Leute engagieren, die den Tod des Mannes in Süddeutschland untersuchen sollten. Auch das Verschwinden des Psychologen und der beiden Frauen aus Winnenden interessierte ihren Auftraggeber.

 

Was die drei aber sehr verwunderte war der Zeitrahmen. Bisher wollte ihr Geldgeber immer umgehende Erledigung ihrer Aufträge. Nun aber konnten sie sich bis zum Monatsende Zeit lassen, bis sie den Entwurf des ersten Artikel fertig liefern konnten.

 

Dass all das in den Ohren von Betty und ihren Freundinnen und der zwei Securitydamen landete, konnten sie nicht erahnen.

 

Zwei Zimmer weiter saßen die fünf Frauen zusammen und sortierten alle Informationen, legten sie schriftlich nieder und verfassten eine Nachricht an Gunnar und Pet. Dann mussten Dorothea und Mariza los, ihren Dienst im Krankenhaus anzutreten. Swea und Carlo waren immer noch in Gefahr. Jetzt wahrscheinlich noch mehr.

 

14. März 2017 19.00 Uhr Gutshof bei Süderhafen

 

Die Pferde waren gut versorgt, die Schafe und die Ziege ebenfalls. Es herrschte Ordnung auf dem Hof. Die Renovierungen des Gutshauses hatten begonnen. Wände wurden gestrichen, Böden gereinigt, Unbrauchbares wurde entsorgt.

 

Der Umbau des Hotels und die letzten Arbeiten kamen wieder in Schwung. Birgit war überall und doch nirgends zu sehen. Ihr Schatten Isabella war meist auf dem Gutshof zu sehen. Beide Frauen zeigten eine Dynamik, der nur Charly folgen konnte.

 

Um 22.00 Uhr bekam Birgit, Erik, Pet, Will, Sophia, Isabella und Melanie eine Nachricht per Whatsapp von Gunnar, die einschlug wie eine Bombe. Die Blauzahnsiedlung wird aufgelöst, die Gebäude werden an eine Hotelkette verkauft, alle werden nach Nordstrand oder in die Umgebung umziehen. Zeitplan und weiteres Pläne folgen per Mail.

 

Birgit war die erste, die die Mail öffnete. Die Baugenehmigung für den Umbau des Stalls gegenüber dem Ferienhaus war bereits erteilt worden. Dort sollten sechs Ferienappartements entstehen. Jedes mit kleinem Bad, Einbauküche und zwei kleinen Zimmern für zwei bis vier Personen. In Husum hatte man bereits vor einiger Zeit kleinere Klinik gekauft die zum Marinedepot gehörte. Dort konnten alle ärztlichen Bereiche die die in Gotland umfasste untergebracht werden. Allerdings sollte es nur ein Tagesklinik werden. Alle Ärzte und das medizinische Personal würden mit umziehen. Der Securitybereich würde in das gleiche Gebäude mit einziehen. Ebenfalls war daran gedacht, das Medizinische Labor, das Gunnar noch besaß, ebenfalls dort mit unterzubringen. Das waren wirtschaftliche Entscheidungen, da man sich hier im Norden Deutschlands mehr Chancen auf guten Umsatz mit der Klinik und dem Labor versprach. Eine Verbindung zu den Halligen und Inseln sollten mit er Motorbootverbindung hergestellt werden. Aber auch ein Hubschrauber stand zur Verfügung, um im Notfall eine gute ärztliche Versorgung in diesem Umfeld zu gestalten. Man trete damit zwar in Konkurrenz zu einigen bereits etablierten Einrichtungen, aber der Bedarf war vorhanden und die entsprechenden Genehmigungen waren bereits erteilt. Die Nordstrandpiraten sollten sich exklusiv um den Gutshof, das Ferienhaus, das neue Apartmenthaus und das Hotel kümmern. Es oblag ihnen das alles zu bewirtschaften. Um Kurzfristig Wohnraum für alle für mindestens vier Monte zu schaffen wird man auf dem Gelände des Gutshofes einige Wohncontainer abstellen. Auch hierfür lag die Genehmigung vor. Am 17. März würde die Container geliefert werden. Die Infrastruktur für diese wollte man am 18. und 19. März erstellen und die restlichen Blauzahnbewohner würden am Montag den 21. März Gotland verlassen und nach Nordstrand umziehen. Ein Bautrupp für das Apartmenthaus würde am 22. März aus Litauen kommen, die den Umbau innerhalb von vierzig Tagen erledigt haben sollten. Insgesamt musste man Wohnraum für achtundfünfzig Personen schaffen. Dafür würde man die begonnen Bauarbeiten für ein Apartmenthaus beim Gutshof wieder in Angriff nehmen. In einem älteren Nebengebäude das zum Gutshof gehörte hatte man vierzehn Apartments geplant und angefangen umzubauen, aber nach dem Tod der ehemaligen Verwalterin wurde das Projekt nicht weiter verfolgt. Sobald das Apartmenthaus bei dem Ferienhaus fertig war, würde der Bautrupp dort weiterarbeiten.  Nicht eingerechnet war das Personal für Security und das ärztliche Personal, das auf Land bei Husum bleiben sollte. Die Blauzahnsiedlung würde am 1. September 2017 geschlossen werden. Der Verkaufserlös dafür würde alle Kosten für Nordstrand und Husum decken. Für alle behördlichen Angelegenheit war Mathias verantwortlich.

 

Birgit schwirrte der Kopf. Das war eine Sache, die man erst einmal planen musste und dann diese zeitlich straffe Vorgabe. Gunnar war ein erstaunlicher Mann, was er im Nachsatz auch zu erkennen gab.

 

„Wir haben genügend fachkompetente Leute in unseren Reihen und Menschen, die machen wollen. Manager, Logistiker, handwerklich begabte, Menschen die Kochen können. Aus allen möglichen Bereichen besteht unsere Gemeinschaft der Nordstrandpiraten, warum sollten wird das nicht schaffen.- 

 

14. März 2017 22.00 Uhr Haus in Husum

 

Pet hatte Heike, sie waren inzwischen beim du angelangt, erzählen lassen und er und auch Melanie erzählten vieles über die Nordstrandpiraten. Dabei verrieten sie nicht mehr als das, was man in der Presse bereits veröffentlicht hatte. Sophia hatte Tee gemacht und Heike gestattete ihr auch, ein paar Snacks in ihrer Küche zuzubereiten. Der Kühlschrank war voll mit Obst, Gemüse und Käse. Wurst befand sich nicht im Kühlschrank. Während sie Gurken und Möhrensticks mit einem Kräuterquarktipp genossen, erzählten sie weiter. Heike holte noch ein Flasche Wein, dabei traf sie Sophias und Melanies Geschmack. Einen Sauvignon Blanc aus einem bekannten französischen Weingut. Da Pet fahren sollte, nippte er nur ein wenig an dem Wein. Irgendwann waren die Summe an Allgemeinplätzen und Erzählungen, die zur Verfügung standen, erschöpft und es trat eine Pause ein. Nun war es Sophia, die bisher sehr schweigsam war, zu reden. "Ich habe bisher vieles von dir gehört und auch deine Fragen versucht zu interpretieren. Du suchst nach Geheimnissen bei uns und willst sie doch nicht wissen. Etwas widersprüchlich dein Ansinnen, aber ich versuche es zu verstehen. Da ist Heike, die sich privat einen Eindruck versucht zu verschaffen, was die Nordstrandpiraten ausmacht und da ist die Frau Hauptkommissarin, die besser weniger weiß, um nicht in einen Gewissenskonflikt zu geraten. Ich kann dir eines verraten, es gibt Geheimnisse, die wir wahren müssen, um uns selbst zu schützen. Keiner von uns ist ein Heiliger oder eine Heilige, wir wollen doch das Gleichgewicht der Geschlechter erhalten, Gendermainstream ist doch so wichtig. Wir praktizieren die Gleichberechtigung und das ist eines unserer Geheimnisse, das uns ausmacht. Und wir haben noch andere, die besser nicht öffentlich gemacht werden, aber wenn dir schon was aufgefallen ist, dann frage uns doch einfach." Sophia packte in einen Satz immer so viel rein, dass man aufpassen musste, dass man auch bei ihr das nicht Gesagte verstand. Und Heike hatte Fragen, die auf ihre Beobachtungen beruhten. "Ihr habt unter euch Leute, die offensichtlich Sprachschwierigkeiten haben, oder auch irgendwie nicht alles verstehen, was um euch herum passiert. Ich halte die nicht für geistig behindert. Ich meine nur, dass die irgendwie nicht ganz hierher passen. Diese Umma, oder auch Frida, übrigens eine verdammt taffe Frau, aber etwas stimmt da nicht. Aber am meisten ist mir dieser Priester aufgefallen. Als er und das Mädchen in der Kirche gesungen haben, war da was, das nicht in unserer Zeit hinein passte. Ihr ward alle für ein Jahr komplett von der Bildfläche verschwunden und seid urplötzlich wieder aufgetaucht. Wo wart ihr denn? Und dann ist da Constanze und das Mädchen, die bei euch sind. Ich habe bei uns im Präsidium zwei Bilder von einer Frau und ihrer Tochter, die gesucht werden. Wenn ich mir das Bild anschaue und diese Constanze, dann würde ich sagen, das ist die Frau und das andere eventuell die Tochter." Kurz hielt sie inne und sprach dann an Pet gewandt weiter. "Im Übrigen, diese vielleicht-Prellung an deinen Rippen kommen mir bekannt vor. Ich habe einige Jahre Kickboxen aktiv betrieben und solche Verletzungen gab es, wenn man einem Tritt oder guten Faustschlag nicht geschickt genug ausweichen konnte. Ich schätze, da sind ein paar Rippen mindestens angebrochen. Und was du da an der Hüfte für eine Verletzung hast?" Sie lächelte verschmitzt, schwieg, hob ihr Glas Wein und prostete den dreien zu. Die drei Nordstrandpiraten schauten sich an. Die Frau wusste schon sehr viel von ihnen. Zu viel wie alle drei dachten.

 

15. März 2017 0.30 Uhr Krankenhaus Husum

 

Carlo war aufgewacht während Dorothea an seinem Bett saß. Er konnte zum ersten Mal, seit er hier eingeliefert wurde, klarer denken und auch seine Umgebung wahrnehmen. Dorothea klingelte nach einer Krankenschwester und die kam auch sehr schnell. Einige Zeit später kam auch ein Arzt, um nach ihm zu schauen. Auf dem Monitor war sichtbar, dass er Herzrhythmusstörungen hatte und der Arzt verordnete ein Mittel dagegen. Als er anfing zu sprechen, beugte sich Dorothea zum ihm hin, da man ihn sehr schlecht verstehen konnte. Die Gehirnerschütterung, die Stichwunden waren keine so schwerwiegenden Verletzungen gewesen und trotzdem ging es ihm sehr schlecht. Er hatte rund um die Stichwunde schwarze Flecken auf der Haut bekommen, man konnte allerdings nicht feststellen woher das kam und sein Herz hatte während der letzten zwölf Stunden zweimal kurz ausgesetzt und nun stellte er die Frage, wie es seinem Bruder ging. Dorothea sah verzweifelt den Arzt an. Der nickte nur, denn man konnte ihm nicht länger verschweigen, dass sein Bruder tot war. Dorothea sagte es ihm. "Ich habe das gespürt, dass er tot ist. Und das Mädchen? Wie geht es Swea?" Dorothea konnte ihm nicht mehr antworten, denn der Monitor kreischte los. Kurz war sein Puls in Höhen gekommen, die man besser nicht erreicht und dann zeigte das Gerät, dass alles auf einer Nulllinie angekommen war. Die Wiederbelebungsversuche, die man sofort einleitete, führten zu keinem Erfolg. Carlo verstarb um 0.38 Uhr im Krankenhaus in Husum, weit weg von seinem Zuhause und nahe bei seinen Freunden, aber er war nicht alleine gewesen. Eine fremde Frau war bei ihm und hatte die letzten Minuten seine Hände gehalten.

 

Um 1.00 Uhr am 15. März 2017 verbreitete sich die Nachricht bei den Nordstrandpiraten, dass auch Carlo nicht mehr bei ihnen war.

 

Pet, Melanie und Sophia, die gerade nach Nordstrand fuhren, beschlossen sofort ins Krankenhaus zu fahren. Melanie setzte eine Nachricht über den Tod von Carlo an Frau Hauptkommissar ab.

 

Um 1.25 Uhr trafen sie zum gleichen Zeitpunkt wie Heike vor dem Krankenhaus ein. Dorothea war noch in dem Zimmer, wo Carlo lag. Man hatte inzwischen alle Kabel, Schläuche und sonstiges beseitigt. Dorothea saß an seinem Bett und als die vier das Zimmer betraten, sahen sie, dass sie betete. Melanie und Sophia gingen auf sie zu und die drei Frauen nahmen sich in den Arm. Pet ging zum Bett, streichelte ein paarmal über den Kopf und das Gesicht von Carlo und verließ mit einem versteinerten Blick das Zimmer. Heike Woller wartete draußen und sprach mit dem Arzt. Der Leichnam von Carlo musste in die Autopsie und der behandelnde Arzt, ein junger Assistenzarzt, der gerade seinen ersten Patienten verloren hatte, war über ihre Anweisung irritiert. Aber bei Gewaltverbrechen mit Totdesfolge musste der Leichnam untersucht werden.

 

Heike Woller konnte Pet aus dem Augenwinkel sehen, wie er schweigend und ohne jegliche Regung an ihr vorbei ging. Sie fand ihn später draußen vor dem Haupteingang auf einer Bank sitzend, die Hände gefaltet und den Blick ins irgendwohin gerichtet. Sie setzte sich neben ihn. Es dauerte sehr lange bis er etwas sagte. "Wir sind aufgebrochen, um uns selbst und vielleicht auch der Welt zu beweisen, dass Alter kein Hinderungsgrund ist, noch etwas vollkommen Neues anzufangen. Wir waren bis auf wenige Ausnahmen alle keine sportlichen Typen, keine Seefahrer und schon gar keine Abenteurer. Auf dieser Reise haben wir alle einen neuen Sinn für unser Leben gefunden, weg von allem, was wir bisher routiniert gelebt hatten. Wir Männer der ersten Generation der Nordstrandpiraten sind alle in einem Alter angekommen, wo der Tod schon mal beim einen oder anderen anklopfen kann. Gesucht oder gewünscht hat sich das aber keiner. Andere Menschen haben sich während der Weltumrundung uns angeschlossen. Jüngere, Männer wie Frauen und wir haben uns wunderbar ergänzt. Jetzt haben wir etwas Neues angefangen, wollten sesshaft werden und unserem Leben einen weiteren Sinn hinzufügen. Wir sind auf unserer Reise schon angegriffen worden, haben uns verteidigt und mussten uns mit missgünstigen Menschen auseinandersetzen. Jetzt wollten wir Ruhe, um das, was wir an Erfahrung gesammelt haben, auszubauen und wenn es möglich ist, auch weiterzugeben. Und nun das. Es tut weh, unsagbar weh, das zu erleben." Dann schwieg er wieder. Als Heike ihm etwas sagen wollte, nahm er kurz ihre Hand in die seine, schüttelte den Kopf. Sie verstand, er wollte jetzt nichts hören.

 

Die Autopsie einen Tag später ergab, dass Carlo an einem Herzinfarkt gestorben war. Der Arzt der die Untersuchung vorgenommen hatte, meinte allerdings, dass Carlo ein gesundes Herz hatte und er vermutete, dass er einfach aufgegeben hatte zu leben. Als Heike Woller das hörte, fragte sie den Arzt, ob man das auch unter der Rubrik Broken Heart einsortieren könne. Der nickte und meinte, genau das vermutete er auch. Mit dem Tode seines Bruders war Carlo der Lebensmut geschwunden. Heike verstand  Carlo sehr gut.