Band 4 - Kapitel 42

14. März 2017 1.30 Uhr Hotel in Hattstedtermarsch

 

Betty weckte ihre beiden Freundinnen Julia und Felin, denn das, was sie da gehört hatte, konnte sie nicht für sich behalten. Das musste aus ihr raus. Sofort wurden Nachrichten per Mail an Gunnar und an Dorothea geschickt. Sie bekamen von Gunnar umgehend Anweisungen, nichts zu unternehmen und abzuwarten, welche Instruktionen die drei Journalisten bekommen würden.

 

14. März 2017 9.30 Uhr Ferienhaus bei Süderhafen

 

Hauptkommissarin Weller traf gerade ein, als man beim Frühstück im Ferienhaus war. Begleitet wurde sie von einem Oberstaatsanwalt aus Itzehoe und einem Kriminalbeamten aus ihrer SOKO. Die drei wurden gebeten, an der Frühstückstafel Platz zu nehmen. Zuerst zierte sich der Herr Oberstaatsanwalt noch etwas, aber als Frau Weller sich zwischen die Nordstandpiraten setzte, als ob sie alte Bekannte wären und ihr Mitarbeiter es ihr gleich tat, gab er seinen Widerstrand auf und setzte sich ebenfalls dazu. Kaffee, Tee, Wasser, Brot, Butter, Marmelade und Wurst mit Käse standen auf dem Tisch. Frau Weller und ihr Mitarbeiter langten zu und genossen das Frühstück. Der Herr Staatsanwalt wollte nur einen Tee und nichts essen. Pet schaute sich den Mann genau an und meinte, bei ihm erkennen zu können, dass er gerne mitessen wollte, aber etwas hinderte ihn daran. Pet packte seinen Brotkorb und reichte ihm den. "Glutenfrei und ohne Laktose gebacken. Das können sie essen." Der Mann aus der Staatsanwaltschaft schaute Pet an. "Wie kommen sie darauf, dass ich mich diätisch ernähren muss?" fragte er Pet. " Ganz einfach ihre Augen. Ein wenig Gier und Neid, Hunger und die Trauer über den erzwungenen Verzicht. Nehmen Sie." Und der Mann griff zu.

 

"Und Frau Weller darf ich Sie fragen, warum wir ihre Gesellschaft so früh am Morgen bereits genießen dürfen? Warum haben Sie dazu noch so hochkarätiges Begleitpersonal mitgebracht?" Pets Frage erheiterte alle. Die anfänglich etwas gespannte Situation lockerte sich. Die Frau Hauptkommissar erhöhte die Spannung etwas, indem sie nochmals mit viel Genuss in ihr Brot biss und genüsslich zu Ende kaute. "Wir haben etwas gefunden. Eine DNA Spur, die sich am spitzen Ende des Sonnenschirmstabes befunden hat. Ihr Freund muss den Angreifer gut getroffen haben, als er damit zugestoßen oder geschlagen hat. Und wir wissen auch schon, wem diese DNA gehört. Milo Branic, kennt jemand diesen Mann oder den Namen? Ein Auftragsschläger, ein Söldner und eventuell auch Killer, letzteres konnte man ihm noch nicht nachweisen. Arbeitet für die Russische Mafia und wie wir auch wissen, dass er davor ein paar Jahren für einen Pharmakonzern in der Ukraine als Securitymitarbeiter tätig war." Der Name war niemand aus der Runde bekannt.

 

Umma saß da und versuchte dem Gespräch zu folgen, was ihr nicht gelang. Constanze signalisierte ihr, dass sie schweigen sollte. Sie selbst und ihre Tochter hatten ihre Haare seit ihrer Flucht aus der Gefangenschaft in Winnenden verändert. Ihrer Tochter hatte man zudem eine Brille verpasst, die zwar keinerlei Wirkung hatte, aber ihr Aussehen noch weiter veränderte. Keiner sollte oder konnte den Frühstücktische verlassen, ohne dass die drei Gäste eventuell auf denjenigen aufmerksam geworden wären. Das wollte man vermeiden. Bei den weiteren Fragen lenkte Frau Weller die Aufmerksamkeit auf Pet, Sophia, Melanie und Will, weil sie entweder meinte, dass sie deren besonderes Vertrauen genoss oder um sie stärker in ihre Nachforschungen einzubinden.

 

Der Herr Oberstaatsanwalt schaute sich jeden einzelnen an, war aber irgendwie abgelenkt. Er konnte sich nicht besonders gut konzentrieren. "Herr Oberstaatsanwalt, stört Sie der Hund oder haben Sie Angst vor ihm?" Pet hatte sehr wohl gemerkt, dass der Mann abgelenkt war und dann irgendwann bemerkt, dass der Herr Graf dem Mann zu Füßen lag. Der Mann zeigte ein sehr erzwungenes Lächeln. "Nein, er stört nicht und ich denke, dass er niemanden etwas tut, sonst würde er nicht so ruhig hier bei mir liegen und mir die Füße wärmen." Das war gelogen, das merkte jeder am Tisch. Der Herr Oberstaatsanwalt hatte Angst vor dem Herrn Grafen. Will ließ den Mann noch einige Sekunden weiterleiden und rief dann den großen schwarzen Hund zu sich.

 

Das Frühstück war auch beendet und nachdem keine weiteren Fakten besprochen werden mussten, verabschiedeten sich die drei Besucher auch wieder. Der Oberstaatsanwalt und der Kriminalbeamte verließen als erste das Haus und eilten zu ihrem Fahrzeug. Frau Weller blieb noch kurz an der Haustüre stehen und zog Pet mit der Hand zu sich. "Ich will mit Ihnen, Sophia und Melanie unter acht Augen sprechen, heute noch. Hier ist meine Karte, die haben Sie schon, aber auf der Rückseite ist meine private Handynummer. Rufen Sie mich an und wir machen einer Termin und einenu Ort aus, wo wir uns ungestört unterhalten können." Und dann sprach sie ihn nochmals laut an, sodass alle sie hören konnten. "Danke für das Frühstück, es war nett mit Ihnen zu plaudern, aber wir müssen nun weiterarbeiten. Gute Zeit." Dann eilte sie auch zu dem wartenden Fahrzeug.

 

Sophia und Melanie standen bei Pet an der Haustüre und schauten dem sich entfernenden Fahrzeug nach. "So ein Oberstaatsanwalt hat sicher ein Gehaltsklasse, die ihn sexy für eine Frau machen könnte, die nicht mehr selbst bügeln will. Er sieht nicht besonders gut aus, sportlich ist er schon gar nicht, smalltalk liegt ihm nicht. Autofahren kann er auch nicht, denn der Kriminalbeamte musste fahren. Das war doch eine der neuen S-Klasse Limousinen. Ich kenne mich da nicht besonders gut aus, aber bei so einem Wetter ein Fahrzeug, das makellos dasteht, hat schon einen Bedeutung. Warum war der Typ da? Und die Frau Weller war auch nicht da, weil sie uns sehen wollte. Nur die eine Neuigkeit mit der Spur der DNA uns mitzuteilen? Und ich denke ein Staatsanwalt ob Ober- oder General- kommt nicht zur Frühstückszeit in eine Trauergemeinde. Also was meint ihr, was hatte das zu bedeuten?" Melanie war mehr aufgebracht, als man sie sich anmerken ließ. "Keine Ahnung, was das zu bedeuten hatte, aber wir müssen uns mit Frau Weller treffen. Sie hat mir gesagt, dass sie sich heute noch mit uns dreien unterhalten will. Nur sie und wir, ohne Beobachter. Ich habe die private Handynummer von ihr. Was meint ihr, wann und wo sollen wir uns treffen?" Jetzt lag es an Sophia und Melanie Pet mit erstaunten Blicken zu begutachten.

 

14. März 2017 10.00 Uhr  Hotel in Hattstedtermarsch

 

Die Journalisten saßen noch beim Frühstück als Betty, Felin und Julia in den Frühstücksraum des Hotels kamen. Sie versuchten sich nichts anmerken zu lassen, aber die Wut über diese vermeintlichen Spitzel war groß. Dann kamen noch Mariza und Dorothea von ihrer Nachtschicht und setzten sich an einen Tisch zwischen den Journalisten und den jungen Frauen. Friedrich hatte derzeit wenig Einfühlungsvermögen für solche Situationen, denn sein Hormonhaushalt war ganz und gar auf Helena eingespielt und ließ damit wenig Freiraum für Analytisches. Malte war in sich gekehrt, denn er machte sich immer größere Sorgen um sich selbst und seine beiden Kollegen. Der Auftraggeber hatte bisher noch nichts an Anweisungen oder Informationen geschickt und das war ungewöhnlich für ihn. Konrad hingegen versuchte sich in seine Rolle als Journalist zurückzufinden und suchte Ansätze für eine neue Story. Es gab so vieles um ihn herum, über das er gerne schreiben würde, aber man hatte sie alle drei zu eine Art Spitzel degradiert. Vor allem die Geschichte mit dem Mann in Süddeutschland, der offensichtlich etwas mit dem Haus der nackten Frauen zu tun hatte. Der verschwundene Psychologe aus Winnenden, den beiden Frauen die ebenfalls verschwunden waren und nun das Ferienhaus, wo alle wieder aufgetaucht sind. Es brannte förmlich in ihm und das Feuer konnte er nur löschen wenn er daraus etwas machen konnte. Dieses Gemenge aus alten Männern, jüngeren Frauen und diesen Russen, das war doch etwas, was es normalerweise nirgends als Gemeinschaft gab. Und dann noch ein paar Menschen, deren Herkunft fragwürdig war. Zudem der reiche und geheimnisvolle Gunnar Larson, der das alles finanzierte. Diese Geschichte der Weltumsegelung der Nordstrandpiraten war schon etwas, dann waren die ein Jahr lang alle verschwunden. Da musste man doch was machen können. Das roch doch nach Skandal, Betrug, Verschwörung, Abenteuer und wenn man da noch ein wenig Sex mit einfließen lassen konnte, dann war das etwas, was ihm die Pressedienste aus der Hand reisen würden. Alte Männer, diesen Gedanken wollte er gerade weiterspinnen, als Malte ihn anstieß. "Ich habe Nachrichten bekommen. Wir gehen aufs Zimmer."

 

Als sie verschwunden waren, wollte Betty aufspringen und ihnen folgen, aber Dorothea hielt sie fest. "Ich habe gerade noch einmal ein neues Mikrophon installiert. Alles wird aufgenommen und wir können es später anhören. Wir sollten uns etwas zurückhalten, nicht so auffällig verhalten. Die Polizei wühlt schon in unseren Geschichten herum und vielleicht werden wir auch schon vom Hotelpersonal beobachtet. Versucht gelassen zu bleiben." Betty ging zu ihren Freundinnen zurück und setzte sich wieder. Aus einer reicher Leute Kind,  Abenteuererin, Weltenbummlerin, Kämpferin im Mittelalter war nun eine Spionin geworden? Nein ganz sicher nicht. Sie hatte sehr viel gelernt in den Jahren zusammen mit den Nordstrandpiraten. Das man manche Dinge mit Überlegung, Bedacht und Geduld angehen sollte. Sie musste sich selbst immer wieder zur Ordnung rufen oder sich zur Ordnung rufen lassen. Sie hatte zwar schon viel Lebenserfahrung sammeln dürfen, aber es war noch nicht genug. Das wurde ihr gerade wieder bewusst.

 

14. März 2017 11.00 Uhr Arztpraxis in Hamburg

 

Milo Branic schaute nach seinem Kumpanen Jaro Kronic. Der hatte den ärztlichen Eingriff gut überstanden. Jaro konnte nur liegend transportiert werden und dafür sorgte der Mann aus der Ecke, der sich selbst Juri nannte. Milo hatte längst gemerkt, dass dieser Juri weder Russe noch sonst irgendwo aus dem slawischen Raum kam. Sein Dialekt klang eher nach Türke, der versuchte, ein gutes Hochdeutsch zu sprechen. Der Rest war Milo egal, Hauptsache er sorgte dafür, dass sie von hier verschwinden konnten. Im Frühmorgenprogramm der Fernsehsender wurde ausführlich über den Mord an einem Feriengast  auf der Inselnordstrand berichtet. Inzwischen wusste jeder, dass es sich um ein Mitglied der Nordstrandpiraten handelte und das war der Anlass, ausführlich über deren Weltreise und Abenteuer zu berichten. Bilder des getöteten und welche von seinem Bruder wurden gezeigt. Auch Gruppenfotos der Nordstrandpiraten und ihrer Freunde wurden immer wieder in den Berichten präsentiert. Aber auch die Fragen, die nun die Nation gefälligst zu interessieren hatte, wurde gestellt. Warum wurde die junge Frau in dem Ferienhaus so misshandelt? In welchem Verhältnis stand sie zu den beiden alten Männern? Mutmaßungen über Mutmaßungen wurden angestellt. Von heimlicher Tochter des einen, über Gespielin  von Carlo und Luigi wurde alles an Möglichkeiten angeboten.

 

Milo Branic hatte sich noch nie über seine Aufgaben, die er zu erledigen hatte, Gedanken gemacht. Er bekam Geld dafür, dass er die Aufträge erledigte. Was sollte er sich Gedanken darüber machen, was er und warum er diese Aufträge erledigte. Für ihn war wichtig, dass er Geld bekam und dass er ohne Schaden zu nehmen verschwinden konnte. Bei seinen Einsätzen in Krisengebieten wurde auch schon mal jemand verletzt oder getötet, das war etwas anderes, das war Krieg.  Das auf der Insel war kein Kriegsgebiet und trotzdem wurden sie beide mehr oder weniger verletzt. Das passte ihm nicht, denn die Entlohnung für diesen Einsatz war nicht besonders hoch, einen Risikozuschlag gab es nicht. Eine junge Frau zu verprügeln und zwei alte Männer dabei ruhig zu stellen schien eine leichte Aufgabe zu sein. Er überlegte sich schon, wie man mit dem Auftraggeber verhandeln konnte, damit er und sein Freund wenigstens das Doppelte wie üblich für solche Aufträge bekommen konnte. Juri, der in der Ecke saß, war da wohl nicht der richtige Verhandlungspartner.

 

14. März 2017 16.00 Uhr Parkplatz in Husum

 

Melanie, Sophia und Pet warteten auf die Frau Hauptkommissarin. Sie wollte sich hier auf einem Parkplatz mit ihnen treffen. Ohne dass jemand aus ihrem Bekanntenkreis oder Kollegen sie sehen konnten. Frau Heike Woller kam in einem blauen VW Beatle Cabriolet mit Hamburger Kennzeichen. "Folgt ihr mir, bitte. Wir fahren zu mir nach Hause. Dort sind wir ungestört." rief sie aus ihrem Auto heraus, wartete bis die drei in ihr Fahrzeug eingestiegen waren und fuhr los. In der Parkstraße hinter dem Schloss fuhr sie auf ein Gelände und forderte Pet, der das andere Auto fuhr, auf ihr zu folgen. In einer Doppelgarage stellten sie die Fahrzeuge unter. Sie betraten eine großes etwas älteres Haus von der Rückseite des Gebäudes aus. Erstaunt schauten sich die drei Besucher um. Modern, geschmackvoll und gemütlich war der Bereich, den sie sehen konnten, eingerichtet. Heike Weller schloss die Fensterläden. "Es ist einfach gut, ungestört zu sein. Und wenn kein Licht brennt, dann bin ich nicht da. Nehmt Platz." Dann verschwand sie aus dem Raum, um keine Minuten später mit einem Tablett mit Gläsern und Wasserflaschen zurück zu kommen. "Teewasser braucht  noch ein wenig." Damit eröffnete sie die Gesprächsrunde.

 

"Danke dass Sie uns eingeladen haben. Was ist der Grund unseres Hierseins?" Es war Melanie, die versuchte den Gegenpart zu übernehmen.

 

Es folgte ein längeres Schweigen bis Frau Woller anfing zu sprechen. "Sie erlauben mir, dass ich etwas weiter aushole, vielleicht auch etwas konzeptlos erzähle und von mir ein paar persönliche Dinge preisgebe. Zudem möchte ich Ihr Vertrauen gewinnen, weil ich die Geschichte der Nordstrandpiraten interessant finde und nur wenn ich Sie richtig kennengelernt habe glaube ich, den Mord an Ihrem Freund aufklären zu können. Ich will diesen Mord und diese Körperverletzung an der jungen Frau und ihrem Freund aufklären." Sophia stand auf. "Ich gehe den Tee machen, erzählen Sie ruhig weiter." Damit war mal schon eine Hürde übersprungen, man kam sich näher. Pet fand diese Begründung, ich will sie kennenlernen etwas flach. Er vermutete da war etwas Persönliches mit dabei, was sie dazu trieb. Zudem wusste er, dass es ihr eigentlich verboten war, mit vermeintlich Verdächtigen einer Straftat privaten Umgang zu haben. Es könnte sie disziplinarisch einiges an Problemen einbringen. Warum ging sie das Risiko ein? War das ein abgesprochene Taktik? Er hörte ihr einfach weiter zu.

 

"Ich lebe hier seit fast zwanzig Jahren. Ich komme aus sehr einfachen Verhältnissen. Meine Eltern waren Schäfer und haben im Küstenschutz auf einer der Halligen gearbeitet. Ich habe früh gelernt, auf mich selbst gestellt zu sein. Ich habe es geschafft, trotz dieser etwas schwierigen Voraussetzungen, mein Abitur zu machen und habe dann angefangen, Jura zu studieren. Im vierten Semester ging mir das Geld aus und da ich sowieso mehr an der Praxisarbeit der Polizei interessiert war, ging ich auf die Hochschule der Polizei. Ich hatte immer das Glück und die Kraft für viel Fleiß gute Noten zu bekommen. Während des Studiums an der Hochschule der Polizei lernte ich meinen Mann kennen. Er war damals Richter am Oberlandesgericht in Schleswig und Dozent an der Hochschule. Zwanzig Jahre älter als ich, klug, gut aussehend, witzig aber auch sehr konsequent in allen seinen dienstlichen Handlungen. Ich lasse nun ein paar Jahre aus. Wir haben geheiratet, ich bekam einen Sohn und wir haben uns in Schleswig ein Heim aufgebaut. Ich hatte das Glück, dass meine Mutter eine jugendliche Frau war. Sie zog zu uns und übernahm den Haushalt und betreute meinen Sohn. So konnte ich arbeiten gehen. Achtzehn Jahre lang haben wir gearbeitet, haben unser Familienleben gelebt und waren glücklich miteinander. Zwei Tage nach dem achtzehnten Geburtstag meines Sohnes wurde er auf einem Zebrastreifen in Kiel überfahren. Er war sofort tot. Der Fahrer flüchtete, aber man konnte ihn nach drei Tagen festnehmen. Hanebüchene Aussagen, die der Mann machte, Zeugen die gekauft waren verhinderten, dass es zu einer Gerichtsverhandlung kam. Sein Auto sei ihm gestohlen worden und am nächsten Morgen sei es wieder vor der Haustüre gestanden. Er war zum Zeitpunkt des Unfalls zu Hause, was Verwandte und Freunde des Besitzers des Fahrzeuges bestätigten. Die Polizei ermittelte und eine Woche nach der Beerdigung meines Sohnes wurde mein Mann beurlaubt. Er hatte gerade einen Fall von Menschenraub und Prostitution zu verhandeln und ausgerechnet ein Cousin des Mannes, dessen Fahrzeug meinen Sohn überfahren hatte, war der Angeklagte. Interessenkonflikt wurde ihm als eine der Begründungen für die Beurlaubung mitgeteilt. Das würde aber dafür nicht genügen, denn die richtige Vorgehensweise wäre die Abgabe des Prozesses. Der Anwalt des Verdächtigen behauptete, dass mein Mann Einfluss auf die ermittelnden Behörden nehmen wollte, um Beweise auf unredliche Weise zu beschaffen. Dokumente, die gefälscht waren, wurden vorgelegt und mein Mann musste gehen. Ein Disziplinarverfahren wurde gegen ihn eingeleitet, aber die Kommission kam zu keinem Ergebnis und er wurde in den Ruhestand versetzt. Ich selbst wurde in der Polizeibehörde sehr kritisch betrachtet. Ermittlungen gegen Straftäter mit Migrantenhintergrund bekam ich nicht. Man fürchtete, dass ich voreingenommen sei. Wir hatten Schleswig satt und zogen vor drei Jahren hierher nach Husum. Kaum hatten wir es uns etwas gemütlich gemacht, starb meine Mutter, die mit uns hierher kam. Mein Mann litt wegen der Vorfälle und dem Tod unseres Sohnes an Depressionen, er kam sich hilflos und verraten vor. Vor zwei Jahren starb er am plötzlichen Herztod. Auf Neudeutsch an Broken Heart.

 

Ich selbst konnte mich hier sehr gut etablieren. Ich gehöre zwar zur Dienstelle Flensburg, arbeite aber hier in Husum und leite den Bereich der Gewaltdelikte. Und nun werden Sie sich fragen, warum ich Ihnen das alles erzähle. Ich sehe in den Nordstrandpiraten eine multikulturelle Gemeinschaft, die es geschafft hat, Schranken des Alters, des Geschlechtes, der sozialen Herkunft, der Bildung zu überwinden. Dafür haben Sie meine Bewunderung und ich will Ihnen helfen, dass das so bleiben kann. Das rechtfertigt aber nicht das Risiko, das ich mit dem Gespräch mit Ihnen eingehe. Milo Branic gehörte damals dem Klan an, der vielleicht am Tod meines Sohnes die Mitschuld trägt. Zudem ist der Herr Oberstaatsanwalt, der mich begleitet hat, ein karrieregeiler Typ, der gerne auf fahrende Züge aufspringt, um sich zu profilieren. Ich habe Angst, dass er das Ziel der Aufklärung aus den Augen verliert und an Stellen herumgräbt, wo er weiteres vermutet, das seiner Karriere dienen kann. Und ich bin mir sicher, Sie haben einiges zu verbergen, das so einem Manne helfen kann, seine Karriere weiter auszubauen. Ich will das alles nicht wissen, das ist besser so. Ich will diese Gewalttat im Ferienhaus aufklären und wenn es möglich ist, Sie besser kennenlernen."

 

Pet hatte genau zugehört und versucht, die Emotionen der Frau aufzunehmen. Er hatte Zweifel, ob das möglich war. Aber auch eines wurde Pet klar, sie waren im Alltag Deutschland zurückgekehrt. Saubere Fassaden, heimliches Geklüngel und eine gesellschaftliche Situation, die sich nicht in die richtige Richtung bewegte.