Band 4 - Kapitel 41

13. März 2017 10.20 Uhr Blauzahnsiedlung Gotland / Nordstrandpiraten am Süderhafen

 

Die Nachricht über Luigis Tod verbreitete sich schnell. Bestürzung und Trauer machte sich breit. Das war eine Situation, auf die man nicht vorbereitet war. Dass jemand sterben konnte gehörte zum natürlichen Ablauf des Lebens, aber Mord an einem ihrer Mannschaftsmitglieder? Alle Arbeit ruhte. Gregorius, genannt Greg machte sich bereit, nach Nordstrand zu reisen. Er als ehemaliger Mönch und Seelsorger wollte bei seinen Freunden auf der Insel sein.

 

Bartholomäus, genannt Bert, der ehemalige stellvertretende Abt aus Lorch, stand in der Küche und sprach ein Gebet nach dem anderen. Er kannte Luigi nicht, aber er empfand ihn als seinen Bruder bei den Nordstrandpiraten. Dann verlange er von Will, dass der ihn zu der Kirche nach Odenbühl fahren sollte. Er wollte mit dem Pfarrer sprechen, um für den Nachmittag einen Gedenkgottesdienst für den Ermordeten abhalten zu können. Er wollte eine Kirche dafür, den Raum, das Gebäude und einen Altar, damit er den Freund, den er nie gesehen hatte, in die Hände des Herrn empfehlen konnte.

 

Es war sehr schwer, den Pfarrer der Gemeinde davon zu überzeugen, dass ein Mann, den er nicht kannte, sich als Gottesmann ausgab und einen Gottesdienst für einen Ermordeten abhalten wollte. Erst als Bert begann, seinen Wunsch auf Latein zu äußern und mit vielen alttestamentarischen Zitaten seine Bitte unterlegte, stimmte der Pfarrer zu.  Als er dann noch hörte, dass es sich um ein Mitglied der Nordstrandpiraten handelte, waren alle Zweifel, die er bis dahin gehegt hatte, weg.

 

13. März 17.30 Uhr St. Vincent Kirche Nordstrand

 

Alle waren gekommen, selbst die aus dem Hotel in Hattstedtermarsch, die Mannschaft der Grid aus Husum, aus dem Gutshof und dem Ferienhaus bei Süderhafen. Selbst Greg, Gerret, Marc, Maria, die Tochter der Birgit, Nadine die Tochter der Isabella, Andrei und Wladimir waren angereist; angereist um zu bleiben und für ihre Freunde und Luigis Bruder da zu seine. Dazu waren noch Bernard Noir und Selma Müller mitgekommen. Sie sollten ebenfalls bleiben, um den Schutz der Nordstrandpiraten zu verbessern.

 

Die kleine Kirche hatte schon lange nicht mehr so viele Besucher gesehen. In der Kirche standen sie alle eng beieinander, als Greg und Bert vor den Altar traten. Der Pfarrer der Gemeinde hatte sich unter die Nordstrandpiraten gemischt. Auch Frau Hauptkommissarin  war gekommen. Woher sie von dieser Veranstaltung erfahren hatte wusste keiner und in diesem Moment war das auch egal.

 

Bert begann mit einem Gebet, das er auf Latein sprach. Dann trat Greg vor. Er sprach von den alten Zeiten, wie sie sich kennen gelernt hatten, von den Abenteuern, die sie gemeinsam erleben durften und wie sie zu einer großen Familie wurden. Von der Liebe zueinander, von den Fähigkeiten, die sie alle entwickeln konnten und dann wieder von den Gefühlen, die sie alle füreinander empfanden, die zu einem Band wurden, das sie nicht fesselte, sondern sie beschützte und ihnen immer wieder zeigt, wie sie füreinander da waren. Und das Ganze auf Englisch, Deutsch und Schwedisch und manches Mal ein wenig auf Latein. Es war eine ungeheure Leistung, die Greg da vollbrachte. Jeden Abschnitt anzuhalten und es in einer anderen Sprache zu wiederholen.

 

Die Nordstrandpiraten saßen auf den Bänken und hielten sich an den Händen. Selbst der fremde Pfarrer und die Frau Hauptkommissar wurden festgehalten. Immer wieder kam ihr in den Sinn, dass es sich hier vielleicht um eine Art Sekte handeln könnte, dann wischte sie diesen Gedanken wieder weg. Diese Menschen schienen in tiefer Freundschaft verbunden zu sein und je mehr sie von Greg hörte, umso mehr wurde sie davon überzeugt. Dann stimmten Greg und Bert ein Lied an. Es klang vertraut und doch kannte es offensichtlich keiner. Nun bitten wir den heiligen Geist, ein Lied aus dem beginnenden dreizehnten Jahrhundert. Bert sang es auf Latein und Greg auf Englisch, dann begannen die Kirchenbesucher mitzusingen, da jede Strophe wiederholt wurde. Wer nicht singen konnte oder wollte summte einfach mit. Seine Tochter Juliane kannte das Lied auch und sang nach der zweiten Strophe mit ihrem Vater mit. Die Kirche war voll mit den Stimmen, den Gefühlen und man konnte wirklich glauben, dass Luigi im Himmel angekündigt wurde.

 

Zu Abschluss sprach Greg auf Deutsch und Englisch seinen Segen und Bert zum Ende dieses Gottesdienstes seinen Segen auf Latein. Lange Zeit standen alle noch schweigend in ihren Bankreihen bis Greg jeden einzelnen von ihnen aufrief. "Sprich mir nach. Luigi wir empfehlen dich dem Himmlischen Herren. Dann geht bitte nach draußen und dort warten wir und gehen gemeinsam nach Hause." Sie hatten ein Zuhause, das wollte er damit sagen. Zurück auf Nordstrand.

 

Der Pfarrer der Gemeinde ging auf Greg und Bert zum Abschluss zu, reichte ihnen die Hände und bedankte sich dafür, dass er das erleben durfte. Und Frau Heike Woller stellte sich einfach dazu, als ob sie dazu gehören würde. Sie kannte nur Sophia, Mathias und Pet etwas näher und ging dann auf die drei, die ebenfalls in einer kleinen Gruppe zusammen standen zu. "Ich möchte ihnen mein Beileid aussprechen. Ich bin nicht in meiner Funktion als Beamtin hier und will auch nicht über den Fall mit ihnen sprechen. Ich habe gesehen, wie eng sie alle miteinander verbunden sind und wollte Ihnen meine......Verzeihen sie ich möchte mich nicht aufdrängen." Mathias hielt sie kurz an der Hand fest. "Bleiben Sie da. Sie werden sicher vieles über uns erfahren und es ist sicher gut, wenn wir damit hier und heute anfangen uns kennenzulernen. Kommen Sie mit zum Gutshof, dort werden wir ein paar Schluck auf unseren Freund trinken. Dort haben sie dann Gelegenheit, uns ein wenig kennenzulernen. Vielleicht hilft ihnen das bei der Aufklärung." Sie merkte nicht, wie sich Bernard Noir in ihrer Nähe aufhielt und sie genau beobachtet. Selma Müller, Dorothea und Mariza inspizierten zum gleichen Zeitpunkt die Umgebung der Kirche und die Zufahrtsstraßen. Von den drei Journalisten war nichts zu sehen.

 

Die Feier oder besser die Zusammenkunft auf dem Gutshof war geprägt von viel Trauer und auch Wut. Man trank sehr verhalten auf das Wohl von Luigi und dass er gut oben ankommen möge. Dann wurde darüber gesprochen, dass man Carlo und Swea weiterhin beschützen müsse. Tagsüber würden zwei der Nordstrandpiraten dort Wache halten. Simon, Marc, Andrei und Wladimir würden das übernehmen. Eine Schicht sollte von 6.00 Uhr bis 12.00 Uhr gehen und die nächste von 12.00 Uhr bis 18.00 Uhr. Selma Müller, Bernard Noir, Dorothea und Mariza die Nachtschichten. Als das Heike Woller hörte, fragte sie Mathias, warum denn das nötig sei. "Das war doch kein Überfall, bei dem jemand versucht hat, etwas zu stehlen. Das war ein Anschlag. Warum und wieso kann ich Ihnen nicht sagen. Wir suchen noch in unserer Vergangenheit, ob es dafür einen Anlass gab. Wir müssen auch Carlo befragen, ob es etwas gibt, dass so eine Aktion hervorrufen konnte. Auch Swea Ingerson müssen wir befragen." Die Frau Hauptkommissar schaute Mathias irritiert an. "Das ist Aufgabe der Polizei, hier Nachforschungen anzustellen. Bitte keine Alleingänge. Wenn Sie etwas wissen, was dazu führen könnte, dass wir Personenschutz im Krankenhaus geben müssen, dann sagen Sie es." Ihr Ton war freundlich aber sehr bestimmt. "Ich bin Anwalt, ich kenne die Gesetze und ich bewege mich nur im Rahmen der Gesetze. Aber wenn Sie mir die Frage erlauben. Können Sie so umfassend Personenschutz geben wie er notwendig ist - mit den Personal, das ihnen zur Verfügung steht. Ich geben ihnen selbst die Antwort. Nein, das können Sie nicht, denn sie dürfen nur nach Faktenlage entscheiden und wir dürfen dazu noch unseren Bauch einsetzen. Unabhängig von Paragraphen und Verstand. Nicht missverstehen, ich will Ihnen nicht zu nahe treten oder Sie beleidigen. Wir haben genug legale Mittel, etwas mehr für unsere Leute zu tun. Wir kooperieren mit ihnen, das steht außer Frage. Heute haben Sie uns ein wenig kennengelernt und Sie haben sicher ein Gefühl dafür bekommen, wie wir füreinander einstehen. Das kann uns niemand nehmen."

 

Frau Hauptkommissar wurde schnell klar, dass Sie den Fall nur mit sehr viel Einfühlungsvermögen gegenüber den Nordstrandpiraten lösen konnte. Sie musste aber auch sehr viel über diese Menschen erfahren, sonst konnte sie den Fall nicht auf normalem Wege lösen, wenn das überhaupt möglich war. Diese Kombination aus Lebenserfahrung, jugendlicher Dynamik, Intelligenz, Bildung, körperlicher Kraft und sozialer Kompetenz war geballt in diesem Schwarm der Nordstrandpiraten. Was ihr aber ebenfalls sofort aufgefallen war, dass es hier keinen Generationenkampf gab, der gegenseitige Respekt war sichtbar und die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau war absolut vorhanden und dabei verlor keiner sein Geschlecht. Frauen blieben Frauen und Männer waren Männer. Wo war der Knackpunkt? Gab es einen? Ja es gab einen. Die würden die Klärung in die eigene Hände nehmen und sich nicht davon abbringen lassen. So wie es aussah, kannte sie noch nicht alle Nordstrandpiraten und das war ihr Problem. Sie zu überwachen ging nicht, ihnen zu drohen war unmöglich, also musste sie mit ihnen arbeiten. Sie merkte, dass sich ihre Gedanken wiederholten. Mit ihnen, mit ihnen, das war die Möglichkeit. Sie hoffte nur, dass dieser Angriff auf die Drei ein Einzelfall bleiben würde und es nicht der Beginn einer Aktion war, die sich gegen die Nordstrandpiraten richtete.

 

Um 22.00 Uhr verabschiedete sich Frau Woller von der Gesellschaft. Bevor sie ging, suchte sie noch die Gesichter derer, die man zum Schutz der beiden Verletzten im Krankenhaus abgestellt hatte. Die Vier waren schon weg. Sie beschloss deshalb einen Umweg zu machen. Sie wollte in der Klinik nachschauen, wie es den Verletzten ging und ob die Nordstrandpiraten schon den Schutz übernommen hatten. Dann konnte sie endlich nach Hause schlafen gehen.

 

13. März 2017 23.00 Uhr Arztpraxis in Hamburg

 

Milo Branic hatte seinen Kumpan Jaro Kronic endlich zu einem Arzt bringen können. Es hatte eigentlich schon zu lange gedauert, bis sie den Arzt fanden, der Jaro versorgen konnte. Die beiden Söldner hatten den Auftrag schon vor ein paar Tagen bekommen, Rückzugspunkte und auch im Bedarfsfalle für ärztliche Versorgung hatten sie Adressen erhalten, aber für Milo war es schwer gewesen, den immer wieder in Ohnmacht fallenden Jaro zu der Arztpraxis zu fahren. Sie durften dort erst nach Einbruch der Dunkelheit auftauchen. Jaro hatte sich das Knie und zwei Rippen gebrochen. Er selbst hatte Prellungen am Oberkörper und eine Schnittwunde am Oberarm. Diese Praxis war für solche Einsätze von ihrem Auftraggeber offensichtlich eingerichtet worden. Über einer Autowerkstatt waren ein OP Raum, und mehrere Zimmer eingerichtet, die man den frisch Operierten zu Verfügung stellen konnte. Zur Tarnung hatte man einen Lagerraum für altes medizinisches Gerät eingerichtet. Bei Kontrollen konnte man behaupten, dass man die Geräte zur Testzwecken hier aufgestellt hatte.

 

Branic fluchte die ganze Zeit, während er behandelt wurde. "Zwei alte Männer und eine junge Frau. Wir sollten der Puppe eine Abreibung verpassen, die sie nie wieder vergessen sollte. Und alte Männer waren für uns noch nie ein Problem. Dann das; die waren verdammt gut durchtrainiert und konnten kämpfen. Leider ist nur einer hinüber, aber der andere war einfach zu zäh. Aber die blöde Kuh hat ihre Abreibung bekommen. Die steht an keiner Ecke mehr rum, weil die nie wieder stehen kann, dafür haben wir gesorgt." Der Arzt, der ihn versorgte, hörte nicht zu. Er verstand ihn nicht, er war Russe und Branic sprach Serbisch. Nur der Typ in der schwarzen Lederjacke, der in der Ecke des Raumes saß, hörte ihm so lange zu bis Branic endlich die Luft ausging. "Ihr solltet niemand umbringen. Ihr solltet diese Frau verprügeln, ein wenig Kleinkram klauen, damit es wie ein Raub aussieht. Das würde die Polizei in Deutschland irgendwann nicht mehr weiter untersuchen, denn bei so was verbrauchen die nicht gerne ihre Energie. Und wenn eine junge Frau verprügelt wurde, spielen sie in der Öffentlichkeit und bei der Presse eine Zeit lang noch die Empörten und heucheln Betroffenheit. Wenn diese Betroffenheit müde wird, ist sie auf einmal selbst schuld und dann war es das. Bei Mord aber sind die ehrgeizigen Karrieristen bei der Polizei am Zuge. Da kann man punkten, wenn man sich um die Aufklärung bemüht. Es ist nur gut, dass die Nordstrandpiraten nicht besonders zugänglich für Polizei und Presse sind. Da wird es jedem schwer gemacht, mit ihnen zusammenzuarbeiten. Ich hoffe, dass das so bleibt."

 

Eigentlich hatte der Mann in der Ecke die Aufgabe, die zwei sofort außer Landes zu bringen. Das war aber nicht möglich. Die Alternative, sie zu beseitigen war nicht gut, denn wohin mit den Leichen und sie waren in der Organisation der Söldner zu gut vernetzt. Wenn sie verschwinden würden, könnte es gut sein, dass man Nachforschungen anstellte. Zudem benötigte man immer wieder Mitarbeiter dieses Netzwerkes. Also suchte der Mann eine Möglichkeit, die beiden außer Landes zu bringen, ohne großes Aufsehen zu erregen. Das Motorboot, das sie in Husum liegen hatten, war immer noch die Option, die ihm blieb. Aber dazu musste Jaro erst einmal transportfähig sein. Das würde noch ein paar Tage dauern.

 

14. März 2017 0.30 Uhr Gutshof bei Süderhafen

 

Es war noch enger als vorher. Wo sollten alle Leute schlafen? Man rückte enger zusammen. Auch Charly, der Putzteufel und inzwischen guter Geist des Hofes nahm vier Nordstrandmitglieder in ihrem kleinen Häuschen auf.

 

Der Herr Graf wurde nachts nicht mehr in sine Kammer eingeschlossen. Er bewegte sich frei im Ferienhaus und hatte für sich einen Platz in einer Ecke der Küche gefunden.

 

14. März 2017 0.30 Uhr Hotel in Hattstedtermarsch

 

Die drei jungen Frauen mussten nun die Aufgaben von Mariza und Dorothea im Hotel übernehmen. Die drei Journalisten beobachten, abhören und ihre Mails lesen. Dass Friedrich bis spät in die Nacht noch mit seiner Geliebten an diesem Tag telefonierte, konnten sie noch hören. Dann war um 1.00 Uhr Ruhe auch bei diesen Herren. Betty wollte sich gerade schlafen legen, als sie Zeugin einer Unterhaltung zwischen Friedrich und Konrad hörte. "Ich kann nicht schlafen. Ich verstehe nicht, dass einer der alten Männer tot ist. Nur die junge Frau in dem Ferienhaus sollte doch eine Abreibung bekommen. Als ich diese Sigrid Larsson beziehungsweise diese Swea Ingerson im Lokal erkannte und dir das Bild geschickt habe, wusste ich nicht, was sich daraus entwickeln würde. Dass die beiden alten Knaben zu den Nordstrandpiraten gehört haben, habe ich nicht erkannt. In was sind wir da hineingeraten.?Aussteigen geht wohl nicht mehr. Das haben wir nun mitbekommen. Aber es wird Zeit, dass wir an unserer Sicherheit denken." Als Antwort bekam Friedrich nur ein Knurren von Konrad und dann noch. "Lass gut sein. Unterhalten wir uns nach dem Frühstück über alles weitere. Malte hat neue Anweisungen angefordert. Wir sehen dann was wir noch zu tun haben."