Band 4 - Kapitel 40

13. März 2017 2.38 Uhr beim Ferienhaus bei Osterdeich

 

Carlo war betäubt und lag regungslos neben einem Stuhl, den er umgerissen hatte. Der Knüppel, der in an der Schläfe getroffen hatte, gehörte dem zweiten Angreifer, der sich schon im Zimmer von Svea befand. Er machte das Licht an und schaute zum Bett. Dort saß die junge Frau aufrecht und blinzelte mit den Augen. Als der Angreifer einen Satz zum Bett machte, wollte sie losschreien, aber der Mann packte sie am Kopf und hielt ihr mit der Hand den Mund zu. Dann riss er die Bettdecke von ihr weg und holte zum Schlag mit dem Knüppel aus. Offensichtlich wollte er ihre Beine treffen. Svea zappelte so sehr, dass er nun beide Hände benötigte, um sie festzuhalten. Er packte sie und warf sie aus dem Bett auf den Boden. Sie lag nun auf dem Bauch, der Angreifer kniete auf ihrem Rücken, mit einer Hand nahm er die Zudecke und legte sie ihr über den Oberkörper und Kopf. Dann veränderte er seine Lage und setzte sich auf die Stelle, wo ihr Kopf unter der Bettdecke lag. Nun war nur ein leichtes dumpfes Geschrei zu hören. Mit einer Hand drückte er ihren Körper weiter auf den Boden und mit der anderen schwang er den Knüppel. Mehrere Schläge trafen sie auf dem Rücken, ihrem Gesäß und ihre Unterschenkel.

 

Dann stürzte Luigi ins Zimmer, es dauerte einige Sekunden bis er verstand, was da gerade geschah. Das genügte dem Mann, der auf Swea saß, um aufzuspringen und sich ihm zuzuwenden. Dem ersten Schlag des Knüppels konnte Luigi ausweichen, indem er sich leicht wegdrehte. Er packte die Hand seines Gegners mit der Waffe und drückte sie nach unten weg, während er mit seiner Stirn den Kopf des Mannes attackierte. Als er seine erste Aktion beendete, merkte er, dass die Spannung auf dem Arm mit dem Knüppel nachließ, also musste er ihn getroffen haben und seine Gegner zeigte nun die erste Schwäche. Aber es dauerte keine fünf Sekunden und der Mann schöpfte genug Kraft, um Luigi mit seiner freien Faust einen Schlag in die Magengegend zu versetzen. Sofort merkte er, dass er es hier nicht wie vermutet mit einem alten Mann zu tun hatte, dazu waren die Bauchmuskeln zu straff. Der Schlag zeigte fast keine Wirkung bei Luigi. Der warf sich mit seinem Gewicht gegen den Mann und der stolperte rückwärts über Carlo, der sich gerade bemühte, aufzustehen. Der Angreifer und Luigi kämpften auf dem Boden weiter und Carlo rappelte sich noch immer leicht benommen auf. Auf einmal stand der zweite Mann im Türrahmen. Er hatte ein Messer gezogen und ging nun auf Carlo damit los. Der erste Angriff traf Carlo am linken Oberarm, einen zweiten gab es nicht, denn Carlo trat mit aller Gewalt gegen das rechte Knie des Mannes und traf ihn. Er hatte noch die Schuhe an, die er draußen auf der Terrasse wegen der nächtlichen Kühle getragen hatte. Der Mann knickte ein, offensichtlich hatte Carlo ihn an der inneren Seite seines Knies getroffen und ihm etwas gebrochen. Der Mann konnte vielleicht irgendwann noch im Liegen kämpfen, aber nicht jetzt. Außer Atem und etwas zu langsam drehte er sich zu den beiden auf dem Boden liegenden Kämpfenden um. Zu spät, ein Messer traf ihn in der Wade und er kam ins Wanken und musste sich an dem zweiten Stuhl im Zimmer festhalten, damit er nicht stürzte. Kaum konnte er seine Augen auf seinen Gegner richten, der gerade aufstand, als eine Klinge ihn an der Hüfte traf. Er konnte nur noch die schwarze Kleidung und die Maske sehen, die das Gesicht des Mannes verdeckte, als er noch einen Faustschlag ins Gesicht bekam. Dann wurde er ohnmächtig.

 

Luigi konnte auf dem Rücken liegend sehen, wie die beiden sich gegenseitig stützend den Raum verließen. Die Stichwunde in seinem Bauch spürte er noch nicht so stark und er kroch in sein Zimmer, um mit seinem Handy Pet an zu rufen. Dann kroch er zurück zu seinem Bruder, als auch ihn die Kraft verließ und er ohnmächtig wurde.

 

Sophia, Pet und Mathias trafen fast zur gleichen Zeit wie die Polizei beim Haus ein. Pet bemühte sich zu verbergen, dass auch er verletzt war. Der Krankenwagen war keine fünf Minuten später da. Drei Schwerverletzte, da reichte kein Krankenwagen, da mussten mehr Ärzte und Sanitärter her. Swea war bei Bewusstsein, war aber vollkommen unfähig zu sprechen. Luigis Zustand war sehr kritisch, da er sehr viel Blut verloren hatte. Carlos Verletzungen waren nicht so schwerwiegend wie zuerst vermutet, aber seine Stichwunden mussten im Krankenhaus versorgt werden. Die Polizei zeigte sich sehr verstört, dass zu dieser Jahreszeit, in der fast keine Touristen auf der Insel waren, so ein Verbrechen möglich war.  Mathias, der die drei Verletzten als Anwalt vertrat, wurde mehrere Male von einem der Polizeibeamten gebeten, aus dem Haus, sprich vom Tatort zu verschwinden. Pet wurde noch am Tatort vernommen, da er die die Polizei verständigt hatte. Einige Fragen wurden gestellt, die Pet beantworten musste. Warum er und nicht der Geschädigte direkt die Polizei verständigt habe? In welcher Beziehung er zu den Geschädigten stehe? Wo er zur Tatzeit gewesen wäre. Ob er wisse, warum und wer die drei auf so brutale Weise überfallen hatte?

 

Inzwischen waren auch einige andere aus dem Gut und dem Ferienhaus aus Süderhafen angekommen. Melanie, Erik, Simon und Brigit standen vor der Polizeiabsperrung und versuchten verzweifelt zu erfahren, was passiert war. Sie bekamen keine Auskunft.

 

Inzwischen gab es einen ordentlichen Streit zwischen den Kriminalbeamten, Pet und Sophia. Sie wollten Sophia von Pet trennen und der machte klar, dass er ebenfalls einen Zeugen für sein Gespräch mit den Beamten haben wolle. Mathias konnte dann mit einigen sehr deutlichen Worten gegenüber den Polizisten klar machen, dass sie nur als Zeugen und als Freunde der Geschädigten da seien und dass sie bitte mit etwas mehr Respekt behandelt werden wollten. Dann war Ruhe und Pet konnte seine Auskünfte geben.

 

"Carlo und auch Luigi sind Mannschaftsmitglieder der Nordstrandpiraten, so wie wir auch. Swea Ingerson ist eine Bekannte von uns, die hier verweilt, weil sie eine Fotoreportage über uns machen will. Warum ich zuerst angerufen wurde? Meine Nummer war sicher im Handy von ihm einprogrammiert und deshalb hat er mich angerufen. Offensichtlich war er danach nicht mehr in der Lage die Polizei an zu rufen. Damit dürften die ersten beiden Fragen beantwortet sein. Ich war zur Tatzeit in einem Ferienhaus bei Süderhafen. Zeugen kann ich Ihnen nennen. Und ob ich eine Ahnung habe, wer die drei überfallen hat und warum? Nein ich weiß es nicht:" Als Pet dann noch Sophias und Melanies Namen als Zeugen nannte, wo er zur Tatzeit war, stieg bei den Herren der Polizei seine Achtung und von einer der weiblichen Beamten wurde er mit verachtungsvollen Blicken bestraft. Damit war für‘s Erste seine Befragung beendet. Als er gehen wollte, wurde er von der Polizistin, die sich als Hauptkommissarin Heike Woller vorstellte, zurückgehalten. "Sie laufen etwas gebeugt. Haben sie Schmerzen? Sind sie verletzt?" Pet drehte sich zu der Frau um. Er roch bereits das Eau de Toilette der Frauenrechte bei ihr. "Ja ich habe mir vor ein paar Tagen die Rippen geprellt. Bin von der Leiter gefallen." Das glaubte sie ihm nicht. Ein Mann in dem Alter, der mit zwei Frauen in einem Zimmer schläft und von der Leiter fällt musste verdächtig seine. "Ich würde das gerne von einem Arzt anschauen lassen. Nicht dass es da Unsicherheiten gibt." Pet verstand sofort was die Frau Hauptkommissarin meinte. Ärzte waren genug vor Ort, also dann hier und jetzt. Hier konnte er die Verletzung an der Hüfte leichter verbergen, wenn der Arzt nur seinen Oberkörper sehen wollte. Bei einer Untersuchung in einer Klinik oder in einer Praxis war das etwas problematischer. "Ja wenn Sie der Meinung sind, Frau Hauptkommissarin. Dann holen Sie jemand, der meine Aussage bestätigt, wenn man mich untersucht hat."

 

Der Arzt war schnell zur Stelle und die Polizistin gab ihm eine klare Anweisung. Ist die Verletzung älter oder frisch, die Pet Bär behauptete zu haben. Pet machte seinen Oberkörper frei und dabei sah er, dass die Frau Hauptkommissarin aus dem Zimmer gehen wollte. "Sie wollen wissen, ob die Verletzung alt oder frisch ist. Dann bleiben sie auch da und sehen es mit eigenen Blicken. Ich schäme mich nicht als alter Mann, meinen Oberkörper frei zu machen. Am Stand oder Meer werden sie ja auch von solchen Anblicken belästigt." Der Arzt grinste, als er das hörte. Dann schaute er sich den Verband an und wickelte Pet aus.  "Eine alte Methode, wie der Verband da gewickelt wurde, aber fachmännisch gemacht. Aha, Ringelblume, Quark und noch etwas, was ich jetzt gerade nicht identifizieren kann." Dann betrachtete die Verletzung. "Wer hat denn den Verband und die Salbe gemacht?" wollte der Arzt wissen. Pet versuchte ruhig zu bleiben, denn der Arzt hatte ihn ein paar Mal kräftig an der Naht an der Hüfte angefasst. "Wir waren lange auf See und da lernt man kleinere Verletzungen selbst zu versorgen. Ein Arzt war nicht immer zur Stelle." Seine Aussage genügte dem Arzt. "Die Verletzung ist schon ein paar Tage alt." Mit der Aussage des Arztes musste sich Heike Woller zufrieden geben. Was ihr aber nicht in den Kopf wollte, war die Tatsache, dass ein alter Mann noch so durchtrainiert aussehen konnte. Das hatte sie schon bei Carlo und Luigi bemerkt, dass die kein Gramm Speck auf den Rippen hatten, braungebrannt und durchtrainiert waren. Ich werde mit die Geschichten der Nordstrandpiraten anschauen müssen. Entweder haben die ihre Ausweise gefälscht und sich älter gemacht oder sie leben gesund und trainieren viel.

 

"Sie entschuldigen mein Misstrauen, aber bei dem, was ich gesehen habe, gehe ich von Mordversuchen aus und ich will von Anfang an einiges ausschließen, damit wir uns auf die richtige Fährte konzentrieren können." Dann reichte sie Pet ihre Karte, damit er sie kontaktieren könne, wenn ihm noch etwas Fallrelevantes einfallen würde.

 

Sophia und Melanie begleiteten Pet zum Auto. "Weg hier, der hat mir ein paarmal so heftig auf die Hüfte gedrückt, ich glaube der Verband wird nass und ich blute." Pet wurde etwas weich in den Knien. Sophia fuhr so schnell wie sie konnte zum Ferienhaus. Dort warteten schon die anderen und wollten Erklärungen.

 

13. März 2017 5.10 Uhr Ferienhaus bei Süderhafen

 

Während Melanie den anderen berichtete, was geschehen war, wurde Pet von Sophia und Constanze behandelt. Die Wunde an der Hüfte war nicht blutig. Er hatte so stark geschwitzt, dass der Verband nass war und an der Naht scheuerte. Pet duschte sich und wurde dann frisch verbunden. Constanze zeigte wieder einmal, wie geschickt sie war, Verletzungen zu versorgen. Als er erschöpft im Bett lag, setzte sich Sophia neben ihn auf die Bettkante. "Du hast eine neue Freundin. Diese Hauptkommissarin steht auf dich. Die wehrt sich noch ein wenig dagegen, dass sie dich sympathisch findet, aber warten wird einfach mal ab, was sich da entwickelt. Die hast du nicht zum letzten Mal gesehen." Pet verneinte das und fragte, wie Sophia auf diese Idee kommen konnte. Sie meinte nur, dass weibliche Intuition manches Mal besser sei als ein Psychologie Studium. In der Nacht verzichtete Pet auf ein Schmerzmittel, sondern trank einen Whisky, das genügte um einzuschlafen. 

 

Inzwischen war auch Gunnar verständigt worden. Der beauftrage seinen Security Manager sofort, zwei weitere Leute nach Nordstrand zu schicken. Dorothea und Mariza wurden aufgeweckt und über die Vorkommnisse auf Nordstrand informiert. Wichtig war nun festzustellen, wie die Angreifer auf die Adresse gekommen waren, wo sich Luigi, Carlo und Swea befunden hatten.

 

13. März 2017 7.00 Uhr Hafen von Husum / Nordsee Klinikum  

 

Markus steuerte die Grid in den Hafen von Husum. In den Jachthafen konnte er nicht einfahren, da die Grid dort keinen Liegeplatz bekam, aber davor stellte man ihm einen Platz an der Mole zur Verfügung. Jan und John ließen sich ein Taxi kommen, um ins Krankenhaus zu fahren. Vor dem Krankenhaus erwartete sie Mathias. "Ihr könnt hier nicht rein. Die Polizei ist noch da. Wir wollen besser kein Aufsehen erregen. Alle drei werden derzeit operiert. Carlo hat Stichverletzungen an Hüfte und Bein und dazu noch eine Gehirnerschütterung. Die Stichverletzungen müssen genäht werden und er wird einige Zeit ruhig liegen bleiben müssen. Luigi hat einen Stich in den Bauch bekommen, sehr viel Blut verloren. Er wird gerade operiert. Eine klare Auskunft, wie es um ihn steht, bekomme ich nicht, aber es ist sehr kritisch. Swea, die jungen Fotografin hat einige Schläge mit einem Knüppel an den Beinen und der Hüfte sowie an ihrem Po abbekommen. Man weiß noch nicht, ob sie Nervenschäden davon getragen hat. Sie hat starke innere Blutungen im linken Oberschenkel, die anderen Hämatome sind gut behandelbar. Man muss abwarten. Ihr geht jetzt auf das Boot zurück. Ich informiere euch, wenn sich hier etwas entwickelt." Die beiden trollten sich und gingen in die Stadt. Eigentlich wollten sie etwas zum Frühstück besorgen, aber Hunger hatte keiner von den beiden. Sie brachten Markus ein paar frische Brötchen mit und kochten sich auf der Grid Kaffee. Mehr wollten sie gerade nicht.

 

13. März 2017 8.30 Uhr Hotel in Hattstedtermarsch

 

Friedrich, Konrad und Malte saßen beim Frühstück, als in den Kurznachrichten im Radio die Meldung kam, dass es einen Einbruch auf Nordstrand bei Osterdeich gab und dass die drei Bewohner eines Ferienhauses schwer verletzt wurden. Alle drei schauten sich an. Für Mariza und Dorothea, die etwas entfernt saßen, waren die Blicke eindeutig. Die wussten von dem Überfall und sie wussten offensichtlich auch wann. Warum hatten sie davon nichts mitbekommen. Sie hatten Mikrophone in den Zimmern der drei und ihre E-Mails sahen sie auch alle. Wie waren sie zu der Information gekommen. Telefonierten sie außerhalb der Zimmer? Wussten sie, dass sie abgehört wurden? Das war nicht möglich. Als Julia, Betty und Felin erschienen, schauten die drei Männer erfreut auf. Es lenkte sie von der Nachricht ab, die sie gerade vernommen hatten. Sie waren zwar abgehärtet und in mancher Beziehung auch skrupellos, aber dass sie indirekt an einem Überfall beteiligt waren, machte sie betroffen. Betroffen aber nur, dass man sie vielleicht zur Rechenschaft ziehen konnte, weil sie von dem Überfall wussten. Und so war der Anblick der jungen Frauen ein willkommene Ablenkung.

 

Dorothea flüsterte Mariza zu. "Wir sollten mit den dreien sprechen. Diesem Irrsinn müssen wir ein Ende setzten. Betty und die beiden anderen wissen noch nichts von dem Überfall und wenn sie davon erfahren, wissen sie noch nicht, um wen es sich handelt. Das müssen wir machen." Mariza schickte Betty ein WhatsApp mit dem Ort und Datum, wo sie sich baldmöglichst treffen müssen.

 

13. März 2017 10.00 Uhr Park Schloss vor Husum

 

Dorothea erzähle den drei jungen Frauen beim Spaziergang im Park, was geschehen war. Mariza ging ein Stück hinter ihnen und beobachtete ihr Umfeld. Aber sie wurden nicht beobachtet. Im Park begegneten ihnen nur ein paar Spaziergänger, die mit ihren Hunden unterwegs waren. Sonst war nichts los. Felin war mehr als nur empört, sie wusste wie es war misshandelt zu werden. "Wir müssen dem ein Ende setzen. Wir sind nur Staffage für die Beobachtung der drei Journalisten. Wir konnten nicht verhindern, dass Swea etwas angetan wurde. Carlo und Luigi sind schwer verletzt und warum das alles? Wer will uns schaden?" Felin hatte das etwas zu laut und mit großer Wut gesagt. Alle nickten. Sie hatte recht. Man musste dem allen ein Ende setzten.

 

13. März 2017 10.10 Uhr Krankenhaus Husum

 

Luigi starb während der Operation. Es war die zweite OP. Die inneren Blutungen waren zuerst gestoppt worden, aber offensichtlich kurz bevor er aus der Narkose aufwachen sollte, begannen weiter Blutungen in seinem Bauchraum und er verblutete, ohne dass man ihm helfen konnten.

Nun kam zu den versuchten Tötungsversuchen und Körperverletzung noch Mord dazu. Die Staatsanwaltschaft schuf eine Sonderkommision, eine sogenannte SOKO zusammen. Geleitet wurde die SOKO von Frau Hauptkommissarin Heike Woller