Band 4 - Kapitel 39

12. März 2017 8.00 Uhr Nordstrand

 

Es war eng geworden im Ferienhaus, aber eines war sicher. Keiner hatte frieren müssen. Mathias und seine Frau Merit hatten in der Wohnung des Gutsverwalters geschlafen. Umma war auch dort, weil sie sich nur in der Nähe von Merit sicher fühlte.

 

Birgit, Isabella, Oxana und Judit hatten ihr Quartier in der Wohnung des ehemaligen Gutsherrn bezogen. Will mit Claus von Olsen in den Zimmern im Stallgebäude. Alle hatten  in den mitgebrachten Schlafsäcken geschlafen, denn die Matratzen, die Bettwäsche und Laken waren muffig und mussten entsorgt werden. Bereits um 8.30 Uhr kam Charly mit einer Menge an Putzmitteln, um die Wohnung, die nun Mathias belegt hatte, zu reinigen. Der war mit Birgit am frühen Morgen nach Husum gefahren, um Matratzen, Bettwäsche und Sonstiges zu kaufen. Sophia hatte eine Müllmulde von einem Entsorgungsunternehmen bestellt, damit man so schnell wie möglich die die angejahrten Sachen der Vorbesitzer loswerden konnte. Charly hatte bei ihrer Aktion Hilfe, denn alle, die noch auf dem Hof waren, bis auf Will und Claus von Olsen beteiligten sich an der Säuberungsaktion. Bis auf Pet, Melanie und Sophia kamen auch die anderen aus dem Ferienhaus zur Hilfe. Es wurden Dutzende von belegten Brötchen verschlungen, literweise Kaffee getrunken und am späteren Nachmittag wurde auch die eine oder andere Flasche Bier aufgemacht.

 

Pet hatte am frühen Morgen bereits mit Mariza und Dorothea telefoniert. Dass ihnen die drei auf der Spur waren machte ihm große Sorgen. Die Bilder aus dem Haus in Süddeutschland, das Nachbarhaus, wo der tote Spanner gefunden wurde und das teilweise abgebrannt war. Die Spur nach Winnenden und Waiblingen, der verschwundene Psychologe mit Constanze und Marta. Dass die drei ihnen immer wieder in die Quere kamen. Das Bild von Mariza und nun auch noch die Aktivitäten der drei Journalisten gegen Gunnar Larson, die nun durch  die Geliebte von Friedrich Bauer noch mehr Informationen erhielten. Und dann noch die Drohung gegen die junge Fotografin Sigrid Larsson, die ihren Namen in Svea Ingerson geändert hatte. Sie war soweit in Sicherheit und wurde von zwei Nordstrandpiraten auf der anderen Seite der Insel beschützt. Sie wollten doch alle nur ihr Leben hier auf der Insel  gestalten. Warum konnte man sie nicht in Ruhe lassen?

 

Wer war der Auftraggeber, der die Journalisten so penetrant dazu brachte, die Blauzahnsiedler und Nordstrandpiraten zu verfolgen. Juristische war denen schwer beizukommen, denn sie selbst hatten auch einiges zu verbergen. Sie waren auf sich selbst gestellt. Sie mussten für ihre Freiheit und Ruhe selbst kämpfen. Als das Pet Sophia und Melanie nochmals erklärte, wurden ihnen immer mehr bewusst, dass dieser Kampf wohl lange dauern würde und vielleicht nicht mit fairen Mitteln ausgetragen wurde. "Fair war bisher wenig, wie wir uns gewehrt haben, ich wollte damit sagen, dass es immer schmutziger werden wird. Das Recht und die Gerechtigkeit hängt von zwei Faktoren ab. Vom Gesetz und von der Macht. Wenn wir zusammenstehen sind wir sehr mächtig und das Recht ist ein sehr dehnbarer Begriff. Eine Körperverletzung in Hamburg wird in Stuttgart anders gesehen und es wird auch oft anders Recht gesprochen. Taten sind vielschicht zu sehen, Beweggründe werden anders betrachtet. Das Leid von Menschen, Opfern wird so oft unterschiedlich gesehen, dass wir alle nie wissen können, ob wir richtig oder falsch in den Augen anderer gehandelt haben. Es liegt im Auge des Betrachters. Wir müssen für uns entscheiden, ob das gut ist. Ob wir es moralisch vertreten können das so zu tun? Wenn wir uns einig sind, dann können wir uns wehren und für unser Recht kämpfen. Und solange wir uns soweit wie möglich an die Gesetze halten! Bisher denke ich haben wir nur das Recht auf Selbstverteidigung in Anspruch genommen. Egal, wir stecken zu tief drinnen, um aufhören zu können. Wir müssen unseren Weg zu Ende gehen." Pet hatte sich sehr anstrengen müssen um seine Gedanken in Worte zu fassen. Es kam ihm selbst etwas konfus vor, aber ihm fehlten einfach gerade die Worte für seine Argumente. Es war zu schwer, um das was sie taten und wie sie es taten, zu begründen. Ihm war klar, dass sie sich schon lange außerhalb der gültigen Gesetze bewegten und ihm war auch klar, dass kein Gesetz diese Situation vorsah und bewerten konnte. Also wurde es schmutzig und sie mussten irgendwann den Schmutz unter einen großen Teppich kehren.

 

12. März 13.00 Uhr Husum

 

Birgit und Mathias hatten dem Verkäufer eines Einrichtungshauses den Umsatz beschert, den er nicht mal in zwei Monaten generieren konnte. Aber als es darum ging, dass alles bis 17.00 Uhr auf dem Gut auf Nordstrand angeliefert werden sollte, begann der Verkäufer an Sprachstörungen zu leiden. Er wollte klar machen, dass das so nicht möglich sei, schließlich sei heute Freitag und die Leute aus der Logistik wollten Feierabend machen. Dann versprach er einen Rabatt, wenn er es am Montag anliefern durfte. Als er dann nicht mehr weiter wusste, wollte Birgit den Geschäftsführer sprechen. Missmutig kam der nach einer Wartezeit, die dem Umsatz nicht entsprach. Als Birgit ihm ihren Wunsch vortrug, brachte er die gleichen Argumente vor wie sein Mitarbeiter. Birgit zeigte ihm dann die Bestellung, die Summe des Auftrages und dann sagte sie ihm, dass der Auftrag storniert werden würde, wenn die Ware nicht bis 17.00 Uhr auf dem Gutshof angeliefert werden würde. Zudem teilte sie ihm mit, dass das Hotel, das gerade neben dem Gutshof entstand, sicher auch noch einiges an Möbel benötigen würde und man doch so gerne mit örtlichen Lieferanten zusammenarbeiten würde, drehte sich der Mann um, griff zu einem Telefon und rief in der Logistik an. "Keiner verlässt das Haus. Sonderschicht für einen Großauftrag. Es gibt eine Prämie für jeden der mitmacht. Arbeitszeit wird bezahlt wie üblich, aber sagt den Leuten dass jeder das Doppelte, nein sag das Dreifache seines Stundenlohns bekommt. Ich komme selbst mit zum Kunden." Drehte sich selbstzufrieden und seiner Macht bewusst zu Brigit um. "Auftrag wird erledigt, wir sehen uns auf dem Gut." Und dann eilte er davon. Birgit meinte nur noch abschließend zu Mathias, dass man das auch auf andere Art und Weiße hätte klären können. Viel Geld, viel Wirkung.

 

Und um 16.30 Uhr kamen tatsächlich drei LKW auf den Hof des Gutes. Um 19.00 Uhr waren alle Betten mit neuen Matratzen ausgestattet, frische Bettbezüge und Kopfkissen und Bettdecken lagen oben auf. Klugerweise hatte man an diesem Tag einen Partyservice für das abendliche Essen beauftragt und um 20.00 Uhr wurde auf dem Gut gefeiert. Umma brachte den dreien, die noch im Ferienhaus geblieben waren, etwas zu essen und zu trinken. Sie wollte einfach zeigen, dass sie dazugehörte und sich selbst mutig darstellen.

 

12. März 2017 20.00 Uhr bei Süderhafen

 

Pet war aufgestanden und hatte sich sehr lockere Kleidung angezogen, da die Verletzung an der Hüfte immer noch schmerzte und die Naht spannte. Immerhin konnte er jetzt ohne Hilfe gehen und auch Treppensteigen. Umma setzte sich zu den Dreien dazu. Pet, Sophia und Melanie aßen und plauderten und versuchten immer wieder Umma mit einzubeziehen, das bisschen Deutsch und schwedisch, was sie im Mittelalter in der Blauzahnsiedlung gelernt hatte, halfen ihr, einen Teil der Unterhaltung zu verstehen. Auf einmal stand sie auf, ging ins Nebenzimmer und schaute in die Dunkelheit hinaus. "Da ist jemand. der schleicht hier immer wieder vorbei und ich glaube, er ist zur Scheune gelaufen." "Du hast gute Augen und siehst auch gut im Dunkeln, Umma." bemerkte Melanie, die ihr gefolgt war. "Ja ich kann gut sehen in der Nacht. Ich habe doch die Schafe und Ziegen bewacht in der Nacht und musste aufpassen, dass keines gestohlen oder von wilden Hunden geraubt wird." Dann deutete sie schweigsam hinter der Scheibe auf einen Punkt neben der Scheune, wo das Mondlicht gerade etwas diese Ecke beschien. Nun sah Melanie auch jemand, der da um die Scheune schlich. Dann konnten beide immer wieder sehen, dass diese Gestalt sich langsam den Deich hinauf bewegte. Der Schatten verschwand zwar immer wieder, aber trotzdem wurde er dann und wann gesichtet. Melanie rief Sophia zu, dass sie bei Dorothea oder Mariza anrufen sollte, um zu fragen, ob einer der Journalisten hierhergekommen war. Konrad und Malte waren weg, aber sie wussten nicht wohin. Friedrich war wieder bei Helena. Melanie sagte das der Umma, dass es zwei Schatten sein müssten. Und die suchte weiter und auf einmal sah sie etwas. Unter einem Bau gegenüber ihrer Gartentür. Es blitzte ganz leicht, als ob Licht auf einen Spiegel fallen würde und sie sah einen grünen Punkt. Sophia rief Erik an, er sollte sich mit ein paar Leuten über den Deich anschleichen. Sophia und Melanie wollten den Mann vor ihrer Einfahrt an der Gartentüre erledigen. Pet lenke den Mann ab. Er öffnete die Haustüre und tat so, als ob er frische Luft atmen wollte. Sophia, Melanie und der Herr Graf schlichen sich durch die Hintertür in den Garten und dann gebeugt und sehr leise bis zur Gartentür. Der Herr Graf fand das Spiel toll und folgte Sophia aufs Wort. Pet meinte zu spüren, wie er von einem Sucher abgetastet wurde. Er konnte den Mann nicht sehen, aber immer wieder war ein kleines rotes und dann ein grünes Licht kurz zu sehen, mehr nicht. Dann wurde es dem Herrn Grafen zu langweilig und er riss sich los und rannte bellend im Vorgarten hin und her. Sophia konnte noch nicht so ganz mit ihm umgehen und zudem war er einige Tage einfach vernachlässigt worden, weil niemand sich Zeit für ihn nahm. Nun ging sein Temperament mit ihm durch. Die beiden Frauen rannten durch das Tor und der Herr Graf schien irgendetwas zu verfolgen. Dann sahen sie einen Flüchtigen etwas mehr als dreißig Meter vor sich. Er übersprang den Weidezaun am Deich. Der Herr Graf wollte ebenfalls springen, verfing sich aber mit seinem Fell im Stacheldrahtzaun. Sophia und Melanie befreiten den zappelnden schwarzen Hund. Verletzt schien er nicht zu sein. Von demjenigen, den sie verfolgt hatten, fehlte ihnen jetzt allerdings jede Spur. Erik rief auf dem Handy an, dass sie zu spät auf dem Deich waren und nur noch sahen oder eher vermuteten, dass der andere auch geflüchtet war. Was sie aber gefunden hatten war eine Jacke und die brachten sie zum Ferienhaus.

 

Eine sehr teure Jacke von einem schwedischen Hersteller stellte Eric fest. Außer einer Packung von Papiertaschentüchern fanden sie noch ein paar Visitenkarten. Da stand der der Name Konrad Breitenbacher Journalist, eine Handynummer und eine Adresse in Heilbronn drauf. Sie waren also da gewesen, die Journalistenbrut, wie sie Erik nannte. Sophia fotografierte die Jack, behielt eine der Visitenkarten für sich und bat  Eric die Jacke wieder dorthin zu legen, wo er sie gefunden hatte. Und damit war dieses Abenteuer beendet.

 

Nur nicht für den Herrn Grafen. Er hatte einige Haare am Zaun verloren, sein Stolz war etwas angekratzt und er hatte jetzt Hunger. Umma versorgte den großen schwarzen Hund und stand danach hilflos im Esszimmer. Pet, Sophia und Melanie hatten sich in den Gemeinschaftsraum neben dem Esszimmer zurückgezogen und Feuer im Kamin gemacht. Melanie sah Umma durch die offene Tür im Esszimmer stehen und holte sie zu sich. Sie setzte sich neben Melanie und hörte gespannt zu, wie sich die drei unterhielten.

 

Pet wurde müde und wollte schlafen gehen. Umma beschloss einfach mit den dreien mitzugehen und suchte sich einen Schlafplatz bei den dreien. Ein Chaiselongue, das als Kleiderablage gedient hatte und am Fußende von Pets Bett genügte ihr. Als Pet aus dem Badezimmer kam, wo er sich in seine Schlafhose gequält hatte, hatte sie sich von ihrer Oberbekleidung befreit und lag auf dem alten Möbelstück mit einer Wolldecke zugedeckt. Sophia und Melanie zuckten nur mit den Schultern als Pet sie fragend anschauten. Es war zwar kalt draußen, aber wenn nun noch Constanze kam und auch ihr Bett einnehmen wollte, waren fünf Personen in dem Zimmer und deshalb öffnete Melanie das Fenster, um etwas frische Luft im Zimmer zu haben.

 

Weit nach Mitternacht kamen diejenigen die noch im Ferienhaus übernachteten von den Feierlichkeiten. Constanze genügte der Blick ins Zimmer und sie rief mit versucht leiser Stimme den Gang entlang, dass Umma hier sei. Offensichtlich hatte man sie vermisst. Constanze entkleidete sich in der Mitte des Zimmers und suchte dann ihr Nachtgewandt. "Du hast die Augen auf Pet. Mache sie bitte sofort zu." raunzte Constanze in seine Richtung. "Nein ich schlafe tief und fest. Und jetzt ziehe dir was an und gehe ins Bett." Sophia und Melanie konnten sich eines Kichern nicht erwehren, denn sie merkten, dass sie betrunken war und etwas die Orientierung verloren hatte, als sie versuchte zu ihrem Bett zu gelangen und immer wieder irgendwo mit den Füßen anstieß. Ihr Bett wurde vom Mondlicht etwas beschienen und sie fand dort ihr Nachtgewand. Es dauerte noch einige Zeit bis sie endlich im Bett lag und wieder Ruhe im Zimmer einkehrte.

 

13. März 2017 2.30 Uhr beim Ferienhaus bei Osterdeich  

 

Carlo konnte nicht schlafen. Es ging ihm zu viel durch den Kopf und so hatte er sich eine Flasche Rotwein geschnappt und auf die Terrasse in eine Liege gelegt und den Rotwein genossen. Irgendwie war an Schlaf nicht zu denken und er fand es schön auf der Terrasse, deshalb holte er sich einen dicken Pullover, zwei Wolldecken und wickelte sich auf der Liege damit ein. Nur einen Arm ließ er frei, damit er das Glas Wein greifen konnte. Der sternenklare Himmel über ihm erinnerte ihn an seine Heimat und in Gedanken versunken döste er ein.

 

Irgendwann erwachte er, weil ihn etwas störte. Er blieb ruhig liegen und lauschte. Da waren Geräusche, die nicht von der Natur kamen. Es klang so, als ob irgendetwas an der Mauer der Terrasse machen würde. Zweimal hörte er ein leises angestrengtes Stöhnen. Er rührte sich nicht und hörte nun konzentriert weiter.

 

Vor ihm am Geländer sah er, dass jemand darüber kletterte und dann kam noch jemand über das Geländer. Sehen konnte ihn niemand, da er in der Dunkelheit der Hausmauer lag. Die beiden gestalten schlichen zur Türe, die war nur angelehnt, da Carlo ja draußen war. Das fiel den beiden aber offensichtlich nicht auf. Lautlos drangen die beiden ins Haus ein.

 

Carlo schälte sich aus seinen Decken und packte den kurzen Unterstock eines Sonnenschirms. Eine andere Waffe konnte er nicht finden. Die Balkontüre war noch offen und als er ins Zimmer sah, war die Türe zum Gang schon geöffnet, aber einer der Einbrecher stand an seinem Bett. Carlo schaltete das Licht ein. Kurz war er geblendet, konnte aber sehen, wie der Mann der an seinem Bett stand, mit einem Messer auf sein Kopfkissen einstach. Verwundert schaute er auf und entdeckte Carlo. Schweigend stürmte er auf ihn zu, die Messerspitze war auf seinen Bauch gerichtet. Carlo hob den Unterstock hoch und der Mann rannte in die Plastikspitze des Stockes. Das stoppte ihn und der Mann verlor sein Messer, da er genau mit dem Solarplexus auf die Spitze getroffen und jegliche Kraft aus ihm gewichen war. Mit einem gezielten Fuß tritt zwischen die Beine machte er ihn kampfunfähig. Dann rief er laut nach seinem Bruder Luigi und rannte auf den Gang. Im wenigen Licht das aus seinem Zimmer drang sah er, dass die Türe zu Sveas Zimmer offen stand. Nur mit dem Teil des Sonnenschirms bewaffnet rannte er durch die Türe und wurde mit einem Schlag an die Schläfe niedergestreckt. Er stürzte und fühlte noch, dass er etwas mit sich riss.