Band 4 - Kapitel 38

9. März 2017 Waiblingen im Haus des Otto Kraz

 

Tagelang war Otto nun schon dabei, die Briefe aus dem Mittelalter zu analysieren und nachzuforschen, ob er in den Annalen der Klöster, der Adelshäusern oder auch im Internet Daten finden konnte, die belastbar zeigten, dass die Menschen, die er im Mittelalter kennen gelernt hatte, auch Nachkommen gezeugt hatten. Er fand einen Christian von Breitenbach, der Sohn Constanzes als Vater einer Grafendynastie in Süddeutschland. Er war den Staufern verbunden und in Aufzeichnungen an dem Jahre 1216 wurde er zum Jahresende zum ersten Mal erwähnt. Immer wieder wurde eine Marta von Breitenbach erwähnt, wie aber das Verwandtschaftsverhältnis zu Christian war, konnte Otto nicht herausfinden. Auch eine Frida von Blau wurde erwähnt, sie soll eine Buhle eines den Staufern nahestehenden Fürsten mit sehr viel Macht gewesen sein. Aber ihr Name erschien in den weiteren Annalen nach 1216 nicht mehr. Also stand für Otto fest, dass die Menschen, die die Reise aus dem Mittelalter in die Neuzeit gemacht hatten, mit dem Datum des 1. Januar 1217 nicht mehr in dieser Zeit existierten. Sie verschwanden einfach und wurden offensichtlich auch nicht vermisst.

 

In den örtlichen Zeitungen war der Brand im Wohnhaus des Psychologen und Arztes der verschwunden war nur noch ein paar Randnotizen wert. Das Verschwinden der beiden verwirrten Frauen wurde überhaupt nicht mehr erwähnt. Die Polizei ging noch ein paar Hinweisen nach, aber man verlor das Interesse daran, da alle bisherigen Untersuchungsergebnisse in Sackgassen führten.

 

Otto gab alle Untersuchungsergebnisse der Mittelaltergeschichten an Gunnar und Pet weiter und forschte einfach weiter. Es gab noch so vieles an Briefen und alten Dokumenten, die er untersuchen wollte. Sein Auftrag war klar. Hatte das Mittelalter großen Einfluss auf heute? Was unterscheidet den Menschen in seiner philosophischen und gesellschaftlichen Einstellung 1216 zu 2017? Hatte der Aufenthalt im Mittelalter großen Einfluss auf das Verhalten der Zeitreisenden, wenn sie heute Problembewältigungen vorzunehmen hatten? Wie hat sich die Gemeinschaft entwickelt? Ist der Zusammenhalt größer geworden? Es gab sehr vieles noch zu betrachten. Harte Faktoren waren genug da, aber schwierig waren die weichen Faktoren. Es würden sicher noch viele Abende mit Rotwein vergehen, bis er einen Überblick und Antworten über die selbstgestellten Fragen erhalten würde.

 

10. März 10.00 Uhr Ferienhaus auf Nordstrand  

 

Das Leben pulsierte im Ferienhaus. Die neue Aufgabe, zuerst das Pferdegut in Ordnung und dann das Hotel zum Laufen zu bringen, begeisterte alle. Pet lag zwar immer noch im Bett, da die lädierten Rippen und die Schnittwunde ihn quälten, aber per Mail, WhatsApp und die ständigen Besuche der Nordstrandpiraten hielten ihn über alles was gerade passierte auf dem Laufenden. Zum ersten Mal wurde er auch darüber informiert, dass sich auf der anderen Seite der Insel nochmals drei Personen aus ihrer Gemeinschaft aufhielten.

 

Sophia versorgte ihn gut, aber auch sie trieb es hinaus zu den anderen. Sie wollte ebenfalls ihren Beitrag leisten, damit die Nordstrandpiraten wieder etwas Produktives machen konnten. Sie fragte Pet einige Male, ob es ihm nichts ausmachen würde, wenn er für einige Stunden ohne sie im Haus wäre. Nein, denn er war nicht alleine. Der Herr Graf war da und würde aufpassen, dass keine unangemeldeten Besucher bis zu ihm vordringen würden. Und Alana, die sich daran machte, für alle das Essen für den Abend zuzubereiten. Speckbohnen, Zwiebeln mit Kartoffeln. Den Speck und die anderen Zutaten hatte sie in einem Bauernladen gekauft. Jetzt begann sie aber zu rechnen, ob das auch für alle reichen würde, was sie da hatte. Sie erstellte einen Plan, wie viele Esser auf einmal zum Essen kommen konnten, damit alle auch ein warmes Essen bekommen würden. Sie stellte schon Bier und Wein, Wasser und Obstsäfte kühl.

 

 

 

10. März 11.00 Uhr Hotel in Hattstedtermarsch

 

Mariza saß mit Dorothea saßen in ihrem Zimmer. Sie lasen den E-Mailverkehr der Journalisten und hörten immer noch die Gespräche, die in deren Zimmer geführt wurden, ab. Sie waren immer noch dabei die Bilder, die sie aus Süddeutschland hatten, zu verstehen. Warum trafen sie diese Menschen jetzt hier an? Vor allem hatten die etwas mit dem Brand in dem Haus auf der anderen Straßenseite zu tun?  Konrad hatte sich Flugpläne besorgt. Sich Zugang zu Passagierlisten beschafft. Autovermietungen angerufen um anzufragen, ob man im Namen von Gunnar Larson Autos gemietet hatte. Sogar Überwachungskameras der umliegenden Städte wurden angezapft. Nichts fanden sie. Konrad fragte bei Kollegen nach, die bei regionalen oder überregionalen Zeitungen arbeiteten. Er bekam einige Fotos zugesandt, die das Haus des Getöteten zeigten und auch Bilder eines Hauses in Winnenden, das ebenfalls gebrannt hatte. Dabei waren auch Bilder des Besitzers und verschwundenen Psychologen dabei. Dazu noch Bilder, die man im Umfeld des Gebäudes gemacht hatte. Erkannten sie dort jemand, der ihnen bekannt vorkam? Warum sollte es eine Verbindung zum Brand von dem einen Haus zum anderen geben? Konrad fand ein Bild mit dem Konterfei einer Person, die er meinte zu kennen. "Diese Frau ist doch bei uns im Hotel. Die habe ich heute Morgen zusammen mit der anderen älteren Dame beim Frühstück gesehen. Diese Dorothea Walter." Und tatsächlich konnte man das Gesicht von Mariza auf einem der Bilder unschwer erkennen. Konrad rief seinen Kollegen an, um zu erfahren wo das Bild gemacht wurde. Straße und Uhrzeit wären wichtig.

 

"Wen meinen die, wer da auf dem Bild ist?"  fragte Dorothea und Mariza wusste sofort, dass nur sie gemeint sein konnte. Wie sollten sie darauf reagieren? Erst mal abwarten was sie weiter ermittelten? 

 

10. März 2017 13.00 Uhr Blauzahnsiedlung

 

Claus von Olsen, Umma, die jetzt einen Ausweis hatte und Umma von Olsen hieß, Merit, Meldra, Eric, Judith, Oxana, Marc, Cahyra, Melanie. Alle waren ausgestattet wie Wanderer, die einen Ausflug mit Zelt, Schlafsack, Thermomatte und ein paar Kleidungsstücke zum Wechseln in und auf ihren Rücksäcken haben würden. Die Jahreszeit war zwar für solche Wanderungen, wo sie auch immer in Nordeuropa stattfinden sollten, noch nicht so geeignet, aber so fiel die Gruppe am wenigsten auf.

 

Fähre und Eisenbahntickets waren gebucht. Alle Ausweise wurden überprüft und würden jeder oberflächlichen Überprüfung standhalten. Cahyra, der man ihre asiatische Herkunft ansah, war auf Grund der Flüchtlingswelle, die über Europa hinwegging, für eine etwas intensivere Kontrolle am meisten gefährdet. Deshalb wurde Marc mitgeschickt, der sich mit Polizeiarbeit am besten auskannte und zudem sehr überzeugend argumentieren konnte. Judith sollte wenn notwendig eingreifen und als Betreuerin von Cahyra auftreten. In ihrer Vita sollte sie dann als Vergewaltigungsopfer auftreten und ihre Psyche in dieser gemischten Gruppe Heilung erfahren.

 

Umma wirkte ebenfalls noch etwas angeschlagen und einige Merkmale ihrer Misshandlung waren noch zu sehen. Auch sie wurde betreut, da sie ja als Opfer einer Misshandlung galt. Sie sollte offiziell von Oxana betreut werden. Und Claus von Olsen, der immer noch große Sprachschwierigkeiten hatte, wurde gebeten, einfach den Mund zu halten, wenn sie kontrolliert wurden.

 

Alles wurde gepackt und mit einem Van um 17.00 Uhr zum Hafen gefahren. Alle trafen sich dann um 18.00 Uhr am Hafen. Vom Hafen zum Treffpunkt waren es etwas mehr als sechshundert Meter an der Fiskarporten, Sie würden also 20 Minuten dazu benötigen. Die Fähre sollte um 20.45 Uhr ablegen. Sie mussten deshalb die bösen Buben spätestens um 20.00 Uhr erwischen. Das Date mit den Mädels war um 19.45 Uhr, da Mat und Lars bis 19.00 Uhr Vorlesungen hatten und sich vor dem Date noch ein wenig frisch machen wollten.

 

Oxana und Judit waren ganz Dame und kamen um 19.55 Uhr zum Date an. Mat und Lars warteten bei einer Laterne an der Stadtmauer auf sie. Es war schon dunkel und so sahen die beiden die jungen Frauen erst, als sie ins Licht der Laterne traten. Erstaunt schauten sie Oxana und Judit an. Dicke Jacken, Wanderstiefel, Strickmützen und Handschuhe, das war ihre Kleidung für das Date. "Hallo ihr zwei, ihr glaubt wohl, dass wir ins Gebirge gehen. Wir wollten doch nur einen Bummel an der Stadtmauer machen und uns ein paar Sehenswürdigkeiten anschauen. Ich hoffe nicht, dass es euch in unserer Nähe zu kalt wird." Das war ihre Begrüßung. Niemand sah, dass sich Claus von Olsen von rechts, Erik, mit Melanie und Umma von links näherten. Als Oxana und Judit ihnen dann signalisierten, dass sie weitergehen wollten und im Schatten der Stadtmauer verschwanden, folgten ihnen die beiden. Kaum hatten sie die beiden jungen Frauen erreicht, trat ein Riese wie aus dem Nichts zwischen die Frauen und die Männer. Ohne ein Wort zu sagen packte er Mat am Hals und drückte ihn gegen die Mauer und hob ihn dabei hoch. Lars wollte losschreien, aber eine Hand mit presste ihm den Mund zu und ein Arm umschlang ihn. "Wenn du schreist, breche ich dir das Genick." Die Stimme hinter Lars wollte keine Bestätigung, dass er verstanden hatte, sondern warf ihn mit aller Gewalt gegen die Stadtmauer, und packte ihn gleich wieder und hielt ihm den Mund zu.

 

Dann kam ein Gestalt, die mit einer starken Taschenlampe beide geschundenen Buben blendete. Claus und Eric stellten die beiden nebeneinander, hielten sie fest und den Mund zu.  Auf einmal strahlte die Taschenlampe ein Gesicht an. "Kennt ihr das Gesicht?" fragte sie eine weibliche Stimme. Es dauerte etwas bis ihre Augen signalisierten, dass sie das Gesicht kannten. Die Stimme sprach weiter. "Ihr wolltet sie vergewaltigen. Ihr habt ihr sehr viel Schmerzen zugefügt. Sie hat sich gewehrt und ihr habt euch dann als Opfer dargestellt. Ihr habt gelogen, dass sich die Balken gebogen haben. Literarisch war das sicher interessant, aber es waren alles Lügen. Ihr glaubt doch nicht, dass ihr damit durchkommt. Und da die Behörden das offensichtlich nicht erkennen wollen, was für Schweine ihr seid und euch bestrafen, muss das jemand anders erledigen. Wir tun das jetzt. Vielleicht überlebt ihr das, vielleicht auch nicht. Das kümmert uns nicht. Wir wollen euch bestrafen." Die Taschenlampe erlosch und beide wurden gegen die Stadtmauer gestoßen. Bevor sie schreien konnten schlug man jedem von ihnen so lange ins Gesicht, bis man sicher war, dass sie nur noch gedämpft Laute von sich geben konnten. Jeder aus der Gruppe durfte dann zum Abschluss noch einmal zutreten oder zuschlagen. Zum Abschluss trat Umma jedem von ihnen zwischen die Beine. Lars und Met hatten Glück, dass sie noch schwach war. Als sie gehen wollte, ging Melanie zu Mat, beugte sich um sein Gesicht und sprach direkt in sein Ohr. Er sollte sie genau hören. "Du bist wie dein Vater. Ein arroganter Kerl, durch und durch verdorben. Sag deinem Vater, dass Vergewaltigung vor Gericht verjährt, bei dem Opfer aber nie. Ich habe ihn nicht vergessen, nicht vergessen was er mir angetan hat und werde ihm nie vergeben. Versuche uns nicht zu finden. Es gelingt dir nicht. Aber wir finden dich, wann und wo wir wollen." Ohne ihn weiter zu beachten stand sie auf und ging. Erik und Claus zogen ihnen ihre Hemden aus und zerrissen die. Mit den Stofffetzen wurden sie gefesselt und Knebel gemacht. Sie legten sie nebeneinander und bedeckten sie mit ihren Jacken. Sie sollten nicht erfrieren, sie sollten lange leiden bis man sie fand.

 

Dann machten sie sich auf den Weg zum Fährhafen. Unterwegs zogen sie sich alle um. Die Kleider die sie getragen hatten warfen sie in ein Fass das mit Benzin gefüllt war und dann wurde das alles angezündet. Da solche Fassfeuer am Strand und auf der Promenade nichts selten waren, kümmerte sich darum niemand. Ein paar Meter weiter an einer Parkbank wartete  Merit und Mark mit einer Tasche neuer Kleidung für sie.

 

Pünktlich kamen sie am Hafen an und 20.45 Uhr legte die Fähre ab und ein Teil der Blauzahnleute wurde wieder zu Nordstrandpiraten. Als sie schon sehr weit draußen auf dem Meer waren, dachten sie ein Blaulicht auf der Mole Richtung  Fiskarporten fahren zu sehen, aber das Blaulicht verschwand in der Stadt. Man hatte die zwei offensichtlich doch noch nicht gefunden.

 

Um 0.10Uhr bestiegen sie in Oskarshamn die Bahn und um 10.30 Uhr waren sie in Flensburg. An keiner der Grenzen hatten sie Schwierigkeiten.

 

11. März 2017 10.30 Uhr am Bahnhof von Flensburg

 

Die Regionalbahn sollte um 11.15 Uhr abfahren und so nutzten sie die Wartezeit, um sich die Beine zu vertreten, etwas zu essen und zu trinken. Um 13.00 Uhr kamen sie mit etwas Verspätung in Husum an. Am Bahnhof wurden die müden Reisenden von Sophia und Will abgeholt. Der Van und der BMW hatten gerade genug Platz, um alle Reisenden und ihr Gepäck aufzunehmen.

 

Die Begrüßung war herzlich, aber die Angereisten waren alle sehr müde und so verzichtete man an diesem Tag auf ein Willkommensfest.

 

Man hatte einige Notbetten und Bettzeug besorgt, Handtücher gekauft und genügend Lebensmittel gekauft, um die Gäste aufzunehmen.

 

Merit wollte allerdings sofort weiter zum Gutshof, dort wartete ihr Mann Mathias sehnsüchtig auf sie. Auch für Pet gab es eine Überraschung, als man in sein Zimmer zusätzlich noch Melanie einquartierte. Nun musste er mit drei Frauen, Sophia, Constanze und Melanie sein Zimmer teilen.

 

Wichtig war, das jeder eine Schlafmöglichkeit bekam, sich frisch machen konnte und genug zum Essen und Trinken vorhanden war. Alana hatte das alles mit Hilfe von Marta und Juliane geschafft.

 

11.März 2017 12.00 Gotland

 

Im Radio hörte man, dass zwei Jugendliche am Abend zuvor schwer misshandelt und gefesselt an der Stadtmauer gefunden wurden. Beide waren im Krankenhaus und die Verletzungen wurden ausführlich beschrieben. Blutergüsse und Schnittverletzungen in ihren Gesichtern, beide hatten einige Zähne verloren. Hämatome und Platzwunden an den Hinterköpfen, Prellungen am ganzen Körper, schwere Verletzungen an den Genitalien und den Beinmuskulaturen. Sie schwebten nicht in Lebensgefahr, aber die Verletzungen würden dauerhafte Schäden zurücklassen. Da beide noch nicht vernehmungsfähig waren, konnten sie auch noch keine Auskünfte über die Täter machen. Die Polizei hat bis auf ein paar Schuhabdrücke keine weiteren Spuren von den Tätern gefunden. Offensichtlich trugen die Täter Handschuhe, die Verletzungen in den Gesichtern ließen darauf schließen. Man vermutete einen Racheakt, eine Wiederholungstat an den beiden Verletzten. Keiner ihrer Kommilitonen wusste etwas, konnte zur Aufklärung beitragen. Dabei kam der Überfall über den man bereits vor drei Wochen berichtet hatte, nochmals zur Sprache.