Band 4 - Kapitel 37

9. März 2017 7.30 Uhr Gutshof auf Nordstrand

 

Frau Trombach, die Putzdame die Birgit am Tag vorher kennen gelernt hatte, war schon zu Gange, als Will, Isabella und Birgit nach unten in die Küche kamen. Sie hatte schwarzen Tee gemacht und auch Brot und Brötchen besorgt. Fröhlich singend empfing sie die Gäste in der Küche. Am Herd stand noch ein Mädchen, offensichtlich die Tochter von Frau Trombach, und machte Spiegeleier. "Meine Tochter und ich dachten, dass wir uns ums Frühstück kümmern, denn der Kühlschrank und die Speisekammer waren ja leer." Das Mädchen hatte noch eine rote Nase, die Spuren einer Erkältung. Sie stellte eine Schüssel mit den Spiegeleiern, einen Topf Marmelade und eine Butterdose auf den Tisch. Als die drei sich setzen wollten, stellte Birgit fest, dass nur für drei gedeckt war. Sie stand auf und ohne zu fragen öffnete sie die Küchenschränke, bis sie fand was sie suchte. Teller, Tassen, Besteck und stellte das auf den Tisch. "So jetzt hat alles seine Richtigkeit. Bitte jetzt können wir in Ruhe frühstücken." Die Frau Tromach versuchte sich zu wehren und suchte nach Ausflüchten, um sich nicht dazu setzen zu müssen. Ihre Tochter war da etwas anders. Die setzte sich hin, goss jedem Tee ein, ohne zu fragen ob jemand was anderes wollte. "Ich bin Hellene. Ich kann nur Tee kochen und Kaffee ist zudem nicht da. Ich hoffe das passt so." Dann griff sie sich ein Brötchen, um klar zu demonstrieren, dass jetzt gefrühstückt werden konnte. Das war ganz nach dem Geschmack von Birgit. Eine selbstbewusstes Mädchen, höflich und geradlinig. Will schob Frau Trombach zu einem Stuhl zwischen seinem Sitzplatz und dem von Birgit. Isabella platzierte sich neben Hellene.

 

Nach einem Smalltalk kam Birgit zwischen dem Streichen ihres Brötchens und einer zweiten Tasse Tee schnell zur Sache. Sie fragte Frau Trombach, ob sie fest bei Ihnen arbeiten wolle. Nicht nur putzen, sondern ein wenig den Haushalt führen, denn sie hätten bei der Arbeit, die sie alle vor sich hatten, keine Zeit dafür. Sie würde sich doch sicher gut auf dem Hof auskennen und wissen, wo man angreifen musste. Zudem erhoffte sich Birgit, dass Frau Tromach sich gut hier in der Gegend auskannte und ihr vielleicht bei der Suche nach neuen Mitarbeitern, eventuell auch Handwerkers helfen konnte. Als Birgit ihr kurz umriss, was ihre Aufgabe auf dem Hof sein würde, lächelte die Frau. Es schien, als ob man sie gerade sehr glücklich gemacht habe. "Und du Hellene, kannst du dich weiterhin so nebenbei um die Pferde kümmern? Wir würden uns sehr freuen." Birgit hatte ganz klar das Zepter in der Hand. Man wurde sich schnell einig bis Isabella noch einige Fragen hatte. "Zuerst wollen wir das förmlich mal weglassen. Ich bin Isabella, das ist Birgit und das ist Will. Wir beiden scheinen nun etwas länger hier zu bleiben. Will ist nur da, um eine wenig auf uns aufzupassen. Seid ihr beide damit einverstanden?" Und sie waren einverstanden. Hellene sowieso und die Frau Trombach musste nun ihren Vornamen verraten. Charlotte aber sie wollte von allen Charly genannt werden. "Und nun habe ich noch ein paar Fragen, bevor wir weitere Aktionen mit dem Verwalter und den drei Stallburschen oder was die sind beginnen. Wo habt ihr gewohnt, als dein Mann noch hier gearbeitet hat. War das auch auf dem Hof? Drüben sind drei Zimmer für die Mitarbeiter oder sind da noch mehr?" Natürlich hätte Isabella auch bei einer Besichtigung das Ganze erfahren können, aber sie wollte, dass Charly sich ihrer neuen Funktion bewusst wurde und lernte mit ihnen zusammen zu arbeiten. Es gab auf dem Hof einige Wohnungen. Hier im Hauptgebäude gab es sogar drei Wohnungen. Die Große vom ehemaligen Gutsherrn mit Büroraum, die Wohnung des Verwalters und noch eine kleinere Wohnung für eine Hausangestellte, die es schon lange nicht mehr gab. Drüben beim Stall gab es vier Zimmer jeweils mit einem eigenen Bad, einer Gemeinschaftsküche und einem Aufenthaltsraum. Hinter dem Stall gab es etwas abseits noch eine alte Kate, wo sie früher mit ihrem Mann und ihrer Tochter gewohnt hatte, die jetzt allerdings frei war. Man wurde sich schnell darüber einig, dass Mutter und Tochter dort wieder einziehen konnten.

 

Mathias kam um kurz vor 11.00 Uhr zusammen mit Mariza und Bernard Noir an. Sie versammelten die Mitarbeiter im Speisezimmer der Gutsherrenwohnung. Das Gespräch mit den vieren dauerte nicht allzu lange. Pflichtverletzung, grob fahrlässiges Verhalten bezüglich der Sicherheitsbestimmungen, Arbeitsverweigerung und noch einiges mehr wurde den vieren vorgeworfen. Dann wurden die Knechte kurz hinausgebeten und Mathias legte dem Verwalter einen Aufhebungsvertrag vor. Abfindung aber nur, wenn er sofort den Hof verlassen würde. Da der Mann nicht allzu viel eigenen Besitz hatte, war das keine Problem für ihn. Er willigte ein, unterschrieb den Vertrag und wurde dann von Bernhard Noir in seine Wohnung begleitete, wo er so lange mit dabei blieb, bis der Verwalters seine Sachen gepackt hatte, die Schlüssel übergab und den Hof verließ. Bei den Knechten war das alles etwas anderes. Sie hatten ungerechtfertigt die Zimmer im Stall vor acht Wochen bezogen. Ihre Wohnadressen waren bei Husum. Sie waren aus Bequemlichkeit hierher gezogen, um sich das Fahren zu ersparen. Die Zeitarbeitsverträge wären Ende des Monats ausgelaufen. Also wurden sie von ihrer Arbeitsleistung freigestellt, man nahm ihnen die Schlüssel für die Ställe und Zimmer ab und sie mussten sofort packen und gehen. Mariza und Will begleiteten die drei zum Stall und in ihre Zimmer und achteten darauf, dass sie nichts mitnahmen was ihnen nicht gehörte. Nun war man ohne Mitarbeiter und es gab einige zu tun. Zehn Pferde, ein paar Schafe und eine Ziege waren zu versorgen.

 

Wer kannte sich denn mit Pferden , Schafen oder auch mit einer Ziege aus? Isabelle fragte im Ferienhaus nach, wer sie unterstützen könnte? Keine halbe Stunde später kam Marta mit ihrer Mutter Constanze, Bertram mit seiner Tochter Juliane. Alles Menschen aus dem Mittelalter, vor allem Constanze als Witwe eines Ritters kannte sich mit Pferden aus. Ihre Tochter hatte einiges auf dem Hof von Otto von Kraz gelernt und Bertram war nicht nur ehemaliger stellvertretende Abt, der sich auf gute Gebete verstand, sondern auch ein Mann der wusste, wie man mit Pferden umgeht. Ora et labora, bete und arbeite das praktizierte er gerne, wobei das Ora immer weniger wurde und er sich nach labora sehnte. Constanze war empört darüber, dass diese wunderbaren Wesen so verkommen in dem Stall standen. Hellene zeigten den vieren alles, was sie benötigten, um die Tiere versorgen zu können. Und dann ging es los. Mit Mistgabeln, Besen, Schaufeln wurde der Stall in Ordnung gebracht. Constanze führte gemeinsam mit Hellene die Pferde solange auf die Koppel.

 

Im Gutshaus machten man mit der Besichtigung eine kurz Bestandsaufnahme. Die Wohnung des ehemaligen Verwalters reklamierte Mathias für sich. Er wollte hier einziehen und vor seinem inneren Auge entstand schon das Heim für seine Frau und ihn. Mit etwas Farbe für die Wände, die Möbel, teilweise antiquiert und wahrscheinlich auch wertvoll, konnte man gut aufbereiten, der Boden aus Holz war in Ordnung. Wie alle feststellen konnten, war das ganze Haus voll mit Möbeln, die schon etwas älter waren. Nur die Küche war neu, modernste elektrische Geräte, die Küchenmöbel waren offensichtlich speziell für diese Küche gemacht. Auch die Küche in der Wohnung des ehemaligen Verwalters war neu. Charly meinte, dass der neue Besitzer das vor einem Jahr in Auftrag gegeben hatte, dann aber wohl das Interesse an dem Hof verloren hätte. Mathias und die anderen wunderten sich darüber. Gunnar hatte das Interesse daran verloren? Auf die Frage von Isabella, ob Charly sich vorstellen könne, warum das so sein könnte, antwortete sie etwas schnell. "Hier wohnte eine Baronin von Breitenbach. Herr Larson hatte das Gut gekauft und die Baronin kam letztes Jahr im Februar hierher und zog hier ein, da war gerade die Küche fertig und sie plante dann den weiteren Umbau. Jedes Wochenende kam Herr Larson hier her. Die beiden schienen sehr glücklich miteinander zu sein. Die Woche verbrachte der Mann auf Gotland, dort wollte er eine Forschungsstation aufbauen. Mehr weiß ich nicht. Es gab damals sechs Mitarbeiter. Eine Haushälterin, einen Verwalter, einen Stallmeister, das war mein Mann und drei Knechte. Das reichte, denn damals waren erst drei Pferde hier, denn die Frau Baronin wollte eine Pferdezucht aufbauen. Erst Mitte März wurden die anderen Pferde angeschafft. Damals kaufte er auch ein Ferienhaus mit Apartments und das Hotel etwa dreihundert Meter weiter. Zu dem Zeitpunkt hatte mein Mann seinen Arbeitsunfall. Alles lief gut bis Juni letzten Jahres. Da kam Herr Larson nicht mehr. Die Baronin wurde trübsinnig. Sie flog ein paarmal nach Gotland, aber sie erfuhr nichts von Larson, warum er sich zurückzog. Sie war sehr unglücklich und der Hof, das ganze Gut verkam. Die Leute kündigten, der neue Verwalter, Sie haben ihn kennen gelernt, hatte kein Interesse an Pferden. Der letzte gute Pferdeknecht hat uns Ende Februar verlassen. Die Frau Baronin hat sich am 31.Dezember nachts das Leben genommen. Seit Weihnachten war sie schon krank oder es schien so. Sie wurde immer schwächer. Sie hatte sich ein Messer in die Brust gestoßen. Eigentlich keine Methode von Frauen, sich das Leben zu nehmen. Constanze wollte gerade sagen, dass das nicht stimmte, konnte sich aber gerade noch zurückhalten. Constanze fragte Charly, ob es denn Fotografien von der Baronin gab. In einer Vitrine im Wohnzimmer gab es welche. Alle die mit dabei waren starrten auf die Fotografien der Frau Baronin von Breitenbach. Diese Frau hatte sehr viel Ähnlichkeit mit Constanze, noch mehr allerdings mit Ihrer Tochter Marta. Die war allerdings nicht zugegen und so wurde auch Charly nicht stutzig, als alle etwas erstaunt die Bilder immer wieder anschauten und weglegten. "Wie lautete denn der Namen der Baronin? Ich meine welchen Vornamen hatte sie?" Constanze war mehr als nur neugierig. „Ihr Name lautete Marte Constanze Juliana von Breitenbach“. Schweigsam machten sie die Besichtigung weiter.

 

Als sie alles gesehen hatten nahm Birgit Charly zur Seite und bat sie, keinem etwas zu erzählen, was die Frau Baronin betraf. Manche Leute sind abergläubisch und haben vielleicht Bedenken, hier zu leben. Nicht gerade Gedanken für eine aufgeklärte Gesellschaft, aber so waren die Menschen nun mal. Charly verstand das und gelobte zu schweigen.

 

Als sich Mathias, Birgit und Isabelle in der Wohnung des Verwalters zum Abschluss trafen kam Frida von Blau zu ihnen. Immerhin kannte sie sich auch mit Pferden, Schafen und Ziegen aus und gelobte mitzuhelfen. Mathias bat sie, sich zu ihnen zu setzen und erzählte ihr, was sie gesehen und erlebt hatten. "Aber warum sollte Larson das tun? Sich von ihr zu trennen. Immerhin wohnte sie hier und hatte eine Aufgabe." Die Frage von Frida war nicht unberechtigt. Die ersten Briefe von Otto von Kraz waren Mitte Mai in der Blauzahnsiedlung angekommen, Damals kannte Otto Constanze schon. Bestand hier eine Verbindung zwischen den Briefen, dem Wissen, das Larson hatte? Er hatte erzählt, dass er in einem verschlossenen Tongefäß einige Dokumente und Briefe bereits im Juni letzten Jahres gefunden hatte. Befürchtete er, dass man mit dem Namen Breitenbach eventuell Zusammenhänge mit seiner Forschung herstellen konnte? Dass Constanze mit in ihr Jahrhundert kam wussten sie ja alle erst seit ein paar Tagen. Also war das nicht der Grund, sich von ihr zu trennen. Aber was sie alle überraschte war die Ähnlichkeit der Breitenbachs untereinander und das nach achthundert Jahren. Und warum beging die Frau Selbstmord mit einer mittelalterlichen Methode? Konnte es sein, dass die Menschen aus dem Mittelalter auch ihre Zukunft, die sie verursacht hatten, mit ihrer Abreise auslöschten? Sie wollten das nun fürs erste vergessen. Sie hatten genug zu tun und diese Fragen würden sie zu sehr davon abhalten ihre Arbeit zu machen.

 

 

 

9. März  2017 12.00 Uhr Blauzahnsiedlung

 

Die Nachrichten von Nordstrand aus der Ferienwohnung und vom Gutshof wirkten auf Gunnars Larson zuerst etwas schockierend, aber dann wurde ihm klar, dass die Nordstrandpiraten alles zum Guten wenden würden. Sie waren aktiv und bereiteten sich darauf vor, sich auf der Insel zu etablieren. Er machte sich Gedanken darüber, wie man den Umzug vorbereiten könnte und wer alles dorthin wollte. Zuerst benötigte er noch Dokumente für Umma. Aus ihr wurde auch eine von Olsen, eine Cousine von Merta. Die Passbilder waren schnell gemacht. Eine Geburtsurkunde ausgestellt. Geboren auf einem Kreuzfahrtschiff im Eismeer. Ein Kapitän, der das Dokument bestätigte, war schnell gefunden. Auch hier war Geld eine gutes Motivationsmittel. Mutter und Vater ein Jahr nach der Geburt an einer Viruserkrankung verstorben und dann bei Claus von Olsen und ihren Cousinen Merit und Merta aufgewachsen. Für ihre sechzehn Jahre wirkte sie fast schon etwas zu erwachsen und Merit konnte nicht genau sagen, ob sie wirklich erst siebzehn oder achtzehn Jahre alt, sie wirkte älter. Vielleicht lag es auch an ihren Lebensumständen, dass sie älter aussah.

 

Mit Lars, Eric, Melanie und Claus von Olsen besprach Gunnar das Thema Umzug nach Nordstrand. Es wäre sicher gut, wenn alle Mittelaltermenschen dort untergebracht werden könnten. Der Gutshof bot allen die Möglichkeit sich nützlich zu machen. Claus von Olsen war begeistert, wollte aber erst Gotland verlassen, wenn die Peiniger der Umma bestraft worden waren. Erikc und Melanie stimmten ihm zu. Zudem wollte man Umma noch eine wenig Zeit geben sich zu erholen.

 

Inzwischen hatte man auch schon einen groben Überblick über die Gewohnheiten der beiden jungen Männer bekommen. Met McCarter und Lars Oetter waren beide soweit wieder fit, wurde berichtet, dass jungen Damen vor ihnen wieder nicht sicher waren. Judit und Oxana beobachteten die beiden weiter. Für den Nachmittag hatten sie vor, die Peiniger in einem Café auf dem Campus kennenzulernen. Dort wurden sie laut Auskunft eines Kommilitonen öfters gesehen.

 

Und tatsächlich kamen die beiden um 15.00 Uhr ins Café. Offensichtlich kannten viele die beiden, denn sie erhielten keine positive Beachtung - nur von zwei jungen Frauen in einer Ecke, die sie mit viel Gekicher betrachteten. Das war das Signal für Mat und Lars, sich zu den beiden zu setzten. Ungefragt nahmen sie gegenüber von Judit und Oxana Platz. Sie stellten sich vor, das war auch schon die einzigen Höflichkeiten, die sie bereit waren von sich zu geben. Oxana musste zugeben, dass Met McCarter nicht uncharmant wirkte. Lars war etwas ruhiger als Mat, aber er war groß und sehr kräftig und mit einem Lächeln ausgestattet, dass bei einsamen Mädchen sicherlich seine Wirkung gezeigt hätte. Aber hier auf dem Campus waren schon zu viele dem Charme der beiden erlegen und wollten nichts mehr von ihnen wissen. Aus einer Ecke wurde Judit und Oxana etwas zugerufen, das nicht zu überhören war. "Passt bloß auf  bei den beiden. Viel Sahne aber wenig Geschmack." Das war die Stimme einer Frau, die das in den Raum geworfen hatte. Mat schüttelte den Kopf. "Für manche ist Sahne nun mal nicht bekömmlich." Sein Kommentar sollte wohl witzig sein und Judit gab sich die größte Mühe darüber zu lachen. Nach einer guten Stunde verabredeten sich die vier für den kommenden Abend bei der Stadtmauer an der Fiskaporten. Das alte Stadttor lag nicht weit vom Strand entfernt und man wollte mit den beiden eine nächtliche Besichtigung der Sehenswürdigkeiten der Stadt machen. Dann verabschiedeten sich die vier voneinander.

 

Morgen am 10. März 2017 musste es also geschehen. Freitag war gut, da waren viele Behörden geschlossen, was eine eventuelle Verfolgung etwas erschweren würde und sie hatten die Chance mit der letzten Fähre an diesem Tag die Insel zu verlassen.