Band 4 - Kapitel 36

8. März 2017 16.10 Uhr Osterdeich

 

Carlo trug den Koffer von Svea in das Ferienhaus, während Luigi der jungen Frau kurz zeigte, was sich um sie herum befand. Dann verschwanden alle drei im Haus. Svea war begeistert von ihrem Zimmer, der Blick durch das Fenster in den Garten, das Haus, das so viel Wärme ausstrahlte. Für sie war das alles in Ordnung. Die gute Stimmung, die sie verbreitete, machte auch die Brüder etwas zufriedener. Die Last, die sie meinten spüren zu müssen, weil sie ein junge Frau beschützen sollten, fühlte sich jetzt leichter an. "Gunnar meinte, ich soll meine Sachen, Kleidung und vieles andere auf Gotland lassen. Deshalb habe ich außer meine Unterwäsche sehr wenig an Oberbekleidung dabei. Ich muss mir morgen einfach ein paar passende Kleidungsstücke besorgen. Passend zu dem neuen Stil, den ich nun angenommen habe. Würdet ihr mich morgen begleiten? Und nun noch eines. Darf ich mir erlauben, einen Blick in den Kühlschrank zu werfen und ein wenig eure Vorräte anzuschauen. Ich bin keine Vegetarierin und ich stehe auf die Italienische Küche mit viel Gemüse, Pasta, Käse und Wein. Können wir da einen Kompromiss beim Kochen und Essen finden, oder passt euch das gar nicht?" Die beiden mussten laut loslachen. Carlo erklärte ihr, dass sie gerne südländisch kochen würden, ihre Vorräte auch entsprechend seien, zudem stammten sie von Weinbauern ab und liebten schwere rote Weine. "Wenn das so ist, brauche ich nur noch passende Kleidung und wir hoffen auf la dolce vita auf Nordstrand. Wenigstens für einige Tage." Svea küssten jedem auf die Wange und begann dann ihr Gepäck auszuräumen. "Wie ich sehe, haben wir ein kleines Bad und ich benötige in einem der Regale etwas mehr Platz. Würde es euch etwas ausmachen, wenn ihr eure Sachen zusammenschiebt?" Nein den Brüdern machte das nichts aus.

 

8. März 2017 17.30 Uhr Ferienhaus auf Nordstrand bei Süderhafen

 

Birgit und Isabella waren beim Hotel. Die Innenausbauten waren fertig, aber die Außenanlagen mussten noch fertig gemacht werden. Der Reiterhof, der schon länger bestand, war heruntergekommen. Die drei Mitarbeiter und der Leiter des kleinen Gestüts,  die dort tätig waren, hatten seit Tagen keine Ordnung mehr geschaffen. Die Ställe und Boxen mit den acht Pferden befanden sich in einer schlechten Verfassung. Die Boxen mussten ausgemistet werden, in einer Futterbox hatte sich wegen der Feuchtigkeit Schimmel gebildet. Die drei Knechte saßen in ihrem Aufenthaltsraum und spielten Karten und der Leiter war nicht aufzufinden. Das Gutshaus, wo der Leiter eine Wohnung hatte, war sauber und ordentlich. Birgit fand dort eine Frau vor die putzte. Birgit hatte eine Personalliste von Gunnar erhalten, von einer Haushaltshilfe oder Putzfrau war darauf nichts zu finden. Birgit erkundigte sich bei ihr, wer ihr denn den Auftrag erteilt hatte, hier für Ordnung und Sauberkeit zu sorgen. Sie sei die Frau eines ehemaligen Stallknechtes, der einen Arbeitsunfall vor einem Jahr hatte. Er war vor neun Monaten gestorben und nun musste sie Geld verdienen. Sie und ihre Tochter putzten auf dem Gut und auch bei ein paar Vermietern von Ferienhäusern. So konnte sie sich über Wasser halten. Ihre Tochter war sechzehn Jahre alt und ging noch zur Schule. Sie half ihr bei der Arbeit, vor allem half sie im Stall. Ausmisten, Pferde striegeln und manches Mal auch füttern. Aber seit drei Tagen lag sie wegen einer Grippe im Bett und konnte sich nicht um die Pferde kümmern.

 

Die Frau war mehr als nur verunsichert, denn sie fürchtete, dass sie wegen der Unordnung zur Verantwortung gezogen werden würde. Birgit konnte sie deshalb aber beruhigen. Lobte sie für ihre ordentliche Arbeit und bat sie darum, am nächsten Morgen nochmals hier zu sein, damit man mit ihr über die weitere Arbeit hier im Gut sprechen konnte. Birgit war immer noch Geschäftsfrau genug um zu erkennen, dass hier eine starke Hand für Ordnung sorgen musste. Schließlich hatte sie ein Lokal in Hamburg und Modegeschäfte geleitet. Das hier, das spürte sie sofort, war ihre Welt. Sie atmete ein paarmal tief durch, reichte der Putzdame die Hand, bedankte sich für ihre Arbeit und versicherte ihr, dass man sie behalten wolle. Sie solle sich keine Gedanken darüber machen, dass man sie loswerden wolle. Sie unterhielten sich noch einige Zeit und Birgit fragte noch nach einigen Details über den Hof, die Knechte und den Verwalter. Birgit wurde sehr schnell bewusst, diese Frau benötigt soziale Sicherheit, um gut zu arbeiten. Das waren Birgits Gedanken, ihre Kompetenz als Führungskraft und auch mit ihrer sozialen Kompetenz umschlossen sie wieder wie eine gute Aura. Isabelle, die zwar von Pferden sehr wenig Ahnung hatte, stritt sich inzwischen mit den Stallknechten herum und wollte sie dazu bewegen, ihre Arbeit aufzunehmen. Sie tat das mit einer ausgesuchten Höflichkeit, aber stur wie die Herren nun mal waren und sich schon gar nicht von einer Frau Anweisungen geben lassen wollten, taten sie nichts, sondern wollten warten bis der Verwalter wieder auftauchen würde. Nun wurde Isabella wütend und rief Gunnar an. So nahm die Sache schnell ihren Lauf. Gunnar beauftragte Mathias dies Sache umgehend zu klären.

 

Ein Termin wurde vereinbart, ein Flug gebucht und Mathias würde am kommenden Tag kommen. Mathias rief Mariza an, dass sie ebenfalls am kommenden Tag auf dem Gut sein sollte. Er würde gemeinsam mit Bernhard Noir kommen. Alleine schon die geballte sichtbare Kompetenz eines Anwaltes, eines ehemaligen Fremdenlegionärs und mit dem Charme von Mariza, Birgit und Isabella würden die die Situation sofort klären. Zur Sicherheit bat sie Isabelle, Birgit und Will im Gutshaus sofort einzuziehen und dort darüber zu wachen, dass nichts passierte. Um 18.00 Uhr hatten die drei ihre Sachen gepackt und fuhren zu Gutshof, um dort ihre Zimmer zu beziehen.

 

 8. März 2017 Abends Gutshof bei Süderhafen

 

Der Gutsverwalter, ein ältere Herr um die sechzig Jahre alt, empfing sie vor der Haustüre des Gutshofes und verstellte ihnen den Weg zur Haustüre. Dann stellte er sich Birgit, Isabella und Will vor. "Franz Willserhof. Ich bin hier der Gutsverwalter. Ich habe schon gehört, dass wir Besuch bekommen haben. Was suchen Sie hier und was soll das Gepäck? Hier einziehen können sie nicht." Will machte ihn darauf aufmerksam, dass er erst mal auf seinem Faxgerät nachschauen soll und dann wollte er wissen, warum er die Anrufe von Gunnar Larson nicht angenommen habe. Ohne zu antworten drehte sich Franz Wisshofer um und ging mit einem sehr gemäßigtem Gang zur Haustüre. Als er dahinter verschwunden war, hörten Will und die beiden anderen, dass er die Türe abschloss. "Wir gehen hinten rein, da ist noch mal eine Türe zur Küche." Birgit hatte sich das Haus gut angesehen und kannte den Weg. Diese Türe hinten zur Küche war offen und sie begannen, den Verwalter zu suchen. Der saß in Gang vor dem Eingang zu seiner Wohnung, wo das Telefon stand und auch das Faxgerät und las die Nachrichten, die ihm Gunnar geschickt hatte. "Sogar mit Unterschrift ist das. Sie müssen wirklich wichtig sein. Seit Monaten habe ich nichts mehr von dem feinen Herrn gehört. Egal ich habe mich auch nicht bei ihm gemeldet. Es läuft ja alles gut. Und nur weil die Knechte mal eine Pause gemacht haben, muss man nicht gleich mit Anwalt und so drohen." Der Mann war sichtlich betrunken. Draußen hatte man das nicht so schnell gemerkt, aber hier in dem Hausgang roch man den Fusel, den Franz Willserhof reichlich genossen hatte.

 

"Morgen um 12.00 Uhr mittags sehen wir uns im Arbeitszimmer. Da kommt der Hausanwalt von Gunnar Larson und wir werden da einige zu besprechen haben. Die Knechte sind dann um 13.00 Uhr zum Gespräch gebeten. Und jetzt gehen sie besser zu Bett, damit sie morgen auch fit sind." Die Anweisung kam von Birgit, Franz nahm sie ohne weiteren Kommentar zur Kenntnis und verschwand in seine kleine Wohnung. "Weiß jemand wo die Knechte wohnen oder hausen? Nicht dass die heute Nacht noch einen Blödsinn anzetteln. "Die Frage von Will war sicher berechtigt, aber auch hier wusste Birgit bereits Bescheid. Die Knechte wohnten in einem kleinen Anbau beim Stall. Dort gab es einen Aufenthaltsraum mit einer Küchenzeile, vier Zimmer mit jeweils einem eigene kleinen Badezimmer und Toilette im Stockwerk darüber. Will und Birgit gingen zu dem Stall und suchten den Anbau, wo die Knechte wohnten, während Isabella ihre Schlafzimmer soweit herrichtete, dass man wenigstens in dieser Nacht dort schlafen konnte. Alles andere würde sich dann noch ergeben.

 

Die Knechte saßen im Aufenthaltsraum, aber sie hatten wenigstens inzwischen die Pferde versorgt und angefangen, den Stall aus zu misten. Höflich wie Will war, klopfte er an die Türe und wartete ob jemand „Herein“ rief. Es dauerte einige Zeit bis jemand die Türe öffnete und die beiden einließ. Der Raum war vernebelt und stank nach Zigarettenrauch. Rauchen war hier strikt untersagt. Das Verbotsschild hing an der Türe, aber offensichtlich kümmerte das niemand. Das erste was Will sah war das Fehlen des Rauchmelders. Die Halterung war noch da, aber das Gerät fehlte. Bei dem Rauch hätte das Gerät ständig Alarm gegeben. Birgit öffnete ohne zu fragen das Fenster. Auf das Murren der Knechte achtete weder sie noch Will. Es gab keine langen Diskussionen, Birgit sagte was sie wollte und dann gab Will noch die Anweisung, umgehend den Rauchmelder wieder anzubringen. Dann gingen die beiden wieder.

 

"Die tun nichts. Die denken sie sind unersetzlich, das Gewitter, das sind wir, wird vorbeigehen und dann geht´s so gemütlich weiter. Diese Typen kenn ich zu Genüge. Die reagieren erst, wenn`s weh tut. Gut das Mathias mit den neuen Securityleuten kommt. Ich glaube, die brauchen wir. Morgen früh kommt die Frau, die hier geputzt hat. Die sollten wir uns gleich sichern. Die kennt sich hier aus, macht einen guten Job und ist willig." Birgits Stimme klang seit einiger Zeit anders als vorher, fand Will. Irgendwie hatte sie den Charme der tollen Dame verloren. Hart, konkret und mit weniger Sanftheit als vorher. Auch Isabella schien sich innerhalb der letzten Stunden verändert zu haben. Er fand sie bisher sexy und, hätte er die Wahl gehabt, welche Frau, dann wäre sie für ihn die Nummer eins gewesen. Aber nun hatte sich auch bei ihr einiges verändert. Sie wirkte größer, weil sie bewusst aufrecht ging, ihre Stimme hatte auch mehr Härte und ihre Bewegungen waren kraftvoller. Was war mit den beiden los. Als sie gestern Abend angekommen waren, wirkten sie verdammt weiblich, etwas erschöpft und ihre Stimmen waren so weich. Auch heute Mittag war das noch so, aber seit sie von der Besichtigung zurück waren und nun wieder hier zurück, hatte sich das geändert. Er hatte das bei Pet schon mal gesehen und bei Sasha. Sobald sich etwas im Tagesablauf änderte oder nur der Anschein von Gefahr oder Stress zeigte, waren sie anders. Gingen gerade, die Muskeln gespannt, der Blick wach und immer auf der Suche und die Stimme immer in gleicher Tonhöhe, nur wenn etwas Emotion gefragt war, dann änderte sich etwas. Waren das die Erlebnisse aus dem Mittelalter, das sie verändert hatte? Oder waren sie geschult worden?

 

8. März 2017 Abends Ferienhaus bei Osterdeich

 

Seit einer Stunde stand der PKW geparkt etwa fünfzig Meter vom Eingang des Ferienhauses entfernt. Es war das zweite Mal, dass er hierher gefahren war. Zuerst mit Elena, sie waren Carlo, Luigi und der fremden Frau gefolgt. Friedrich hatte allerdings nicht die beiden Männer erkannt, die zu den Nordstrandpiraten gehörten, sondern Sigrid Larsson. Trotz der Verkleidung wurde sie von Friedrich erkannt. Er hatte einige Fotografien gesehen, die ihm Malte gezeigt hatte und da er ein sehr kreativer Mensch mit viel Vorstellungsvermögen war, dazu noch ein sehr gutes Gedächtnis hatte, sich Gesichter und Ort gut merken konnte, glaubte er diese Frau schon einmal gesehen zu haben. Es gab Gesichter, die er in seinem Kopf abspeichern konnte und in einige unterschiedliche Kategorien einsortierte. Wichtig, unwichtig, schön, interessant und muss ich kennen lernen. Zuerst war ihm aufgefallen, dass die beiden älteren Herren sehr vorsichtig mit ihr umgingen. Nicht wie Väter, Onkel oder große Brüder, auch nicht wie Geschäftspartner oder sogar wie Männer, die ein anderes Interesse an ihr haben könnten. Dann war ihm eine Geste aufgefallen, die diese Frau immer wiederholte, wenn sie nachzudenken schien. Sie berührte ihr linkes Ohrläppchen mit der rechten Hand. Eine Geste, die ihm Malte beschreiben hatte, als er ihm die Bilder der Frau gezeigt hatte.

 

Ohne dass Elena etwas merkte, machte er einige Bilder von den dreien und schickte sie dann Malte. Er lobte sich im Stillen für seine Gabe, sich intensiv mit einer Frau am Tisch abzugeben, mit ihr heftig zu flirten und daneben noch als Journalist arbeiten zu können. Als die drei endlich mit dem Essen fertig waren, beeilte sich Friedrich, vor ihnen die Zeche zu bezahlen und zerrte Elena förmlich hinter sich her. Draußen erzählte er ihr eine hanebüchene Geschichte über ein reiche Erbin eines Modelabes aus Schweden, dass er sie erkannt habe und nun eine Story witterte. Gerne könne sie ihn begleiten, so ein Verfolgungsjagd war für ein verliebte junge Frau eine kleine Entschädigung für eine entgangene Liebkosung. Also verfolgten Friedrich und Elena die drei bis nach Osterdeich. Als sie im Auto warteten, surfte Friedrich etwas im Internet. "Ich glaube da habe ich mich doch getäuscht. Rose Sundholm ist derzeit in New York und nicht hier." Dann zeigte er ihr das Bild der Frau, das Sigrid etwas ähnlich sah. Er meinte dann noch zu seiner Geliebten, dass  man mit solchen Fehlschlägen als Enthüllungsjournalist leben müsse und brachte sie nach Haus. Mit einem kurzen, heftigen Liebesakt entschädigte Elena Friedrich für diesen Fehlschlag. Der verabschiedete sich etwas ermüdet von ihr mit der Behauptung, dass er noch einen Artikel schreiben musste. Er müsse ja schließlich auch Geld verdienen. Per WhatsApp informierte er Malte, der leitete die Info weiter an seinen Auftraggeber, ohne darüber ein Wort zu verlieren. Damit blieb diese Entdeckung bei Dorothea und Mariza unbemerkt. Keine zehn Minuten später kam die Nachricht vom Auftraggeber, dass man wisse, dass die Fotografin nach Hamburg geflogen sei, aber davon leider zu spät Kenntnis erhalten hatte. Nun passte wieder alles zusammen. Friedrich solle sich zurückziehen, damit niemand Verdacht schöpfen könne.

 

Friedrich war schon klar, als man ihn angeheuert hatte, dass der Auftraggeber ein harter Hund war, aber dass man Mitglieder, die die Organisation, so wurde das vom Auftraggeber genannt, verlassen wollten so verfolgte ängstigte ihn. Hatte er doch schon von Malte gehört, dass Misserfolge nicht so ohne weiteres akzeptiert wurden. Dafür war aber die Bezahlung mehr als nur fürstlich.

 

Also verschwand er von dort, nicht aber ohne noch in Süderdeich vorbeizufahren. Inzwischen war es dunkel und er wollte ein paar Fotos von den Bewohnern machen. Im Haus brannte Licht, aber jemand hatte die Vorhänge an einigen Zimmern zugezogen. Nur im oberen Stockwerk, wo Pet Bär war, waren keine Vorhänge zugezogen und es brannte dort auch Licht. Er schlich sich zum Stall gegenüber, die Haupttüre und der Hintereingang waren verschlossen. Also stieg er auf den Deich dahinter und hatte damit einen brauchbaren Blick in das Zimmer von Pet. Sein Teleobjektiv hatte er mitgenommen und so schaffte er es einen Blick ins Zimmer des Verletzten zu werfen. Er sah eine Frau von hinten mit etwas kürzeren Haaren. Dann schien sie sich zu setzen, denn er konnte nur noch den Hinterkopf sehen. Dann entdeckte er, dass ein Spiegel an der Wand hing. Der Kopf verdeckte den Blick in den Spiegel. Er ging zwei Meter nach rechts und konnte das Spiegelbild sehen. Der Blick ins Zimmer war frei und dann machte er ein paar Fotografien. Er hatte das Gesicht der Frau und noch ein Gesicht daneben. Die Person stand wahrscheinlich neben dem Fenster, aber auch das Gesicht konnte man erkennen. Friedrich wartete noch eine Weile, als nichts mehr passierte, verschwand er und fuhr zum Hotel auf dem Festland.