Band 4 - Kapitel 35

8. März 2017 10.00 Uhr Gotland Blauzahnsiedlung

 

Tammy Bernstein war fündig geworden. In einem Zeitungsartikel vom Freitag den 24. Februar 2017 fand sie eine Polizeinachricht. Zwei junge Männer berichteten davon, von einer jungen Frau und zwei Männern mit Knüppeln und einem Messer überfallen worden zu sein. Zuerst wollen sie keine Anzeige wegen dieses Überfalls machen, da es ihnen peinlich war, wo sie verletzt worden waren. Lars Oetter, so war der Name eines der jungen Männer hatte eine tiefe Fleischwunde am Gesäß, der andere, Mat McCarter, hatte eine Schnittverletzung im Gesicht und dazu noch eine Prellung an der Schulter und zwischen den Beinen. Sie seien, während einer der jungen Männer seine Notdurft verrichten wollte, von hinten angegriffen worden und dabei hätten sie sich die Verletzungen zugezogen. Beide konnten nach der Behandlung in der Klinik wieder entlassen werden. Lars und Mat studierten an der Universität von Uppsala hier auf Gotland in Visby. Bisher waren sie nur wegen ein paar kleiner Rangeleien unter Alkoholeinfluss auf dem Campus in Visby aufgefallen. Am 27. Februar war nochmals eine Artikel in der Zeitung, dass Lars Oetter eine Blutvergiftung hatte und nun in Lebensgefahr schweben würde. In einem Nachsatz stand, dass beide Studenten bereits Ermahnungen erhalten hatten, da sie mehrere weibliche Studentinnen bedrängt hätten und wegen der unter starkem Alkoholeinfluss begangenen Schlägereien. Deshalb ging man von einem Racheakt von Studienkolleginnen oder -kollegen aus. Bisher fehlte allerdings jegliche Spur von den Täterinnen oder Tätern.

 

Umma wurde nochmals befragt, aber sie war alleine, als sie von den Männern angegriffen worden war. Sie erkannte zudem auf den Bildern der Zeitungsartikel die beiden, die sie angegriffen hatten. Tammy hatte zudem noch einige weitere Informationen gesammelt. Mat McCarter war der Sohn einer erfolgreichen Anwältin aus London. Er war dort bereits wegen sexueller Belästigung junger Frauen an der University College London aufgefallen und das Bankkonto seiner Mutter hatte offensichtlich geholfen, diese Verfehlungen nicht weiter öffentlich zu machen. Er musste London verlassen und Mutti schickte ihn nach Gotland, wo ein großer Teil der Studiengänge in englischer Sprache  gelehrt wurden. 

 

Lars, Erik, Claus von Olsen und Melanie überlegten gemeinsam, wie sie die beiden bestrafen konnten. Gut wäre es, wenn man sie aus der Obhut des Campus herauslocken könnte, um ihnen dann eine Abreibung zu geben. Judit und Oxana waren beide noch in einem Alter, wo man leicht als Student durchgehen konnte. Sie sollten in Visby erkunden, wo die beiden waren und wie man an sie herankommen konnte. Als Melanie aber dann noch den Namen von Mat McCarter hörte, wurde sie blass und man sah ihr an, dass sie knapp vor einer Ohnmacht stand. Lars stand von seinem Stuhl auf und konnte sie gerade noch halten, bevor sie von ihrer Sitzgelegenheit fallen konnte. Frische Luft und ein Glas Wasser halfen ihr, die Krise zu überwinden. "Der Vater von Met war der Mann, der mich vergewaltigt hat und versuchte mich zu zerstören. James war Bankmanager, ich kannte seine Braut, Felizitas McCarter. Sie hatten einen kleinen gemeinsamen Sohn und wollten heiraten. Ofensichtlich kam es nicht dazu. Und nun das, die Begegnung mit einer der dunkelsten Stunden meines Lebens. Ein grausamer Zufall."

 

8. März 2017 10.00 Uhr auf der Nordsee

 

Die Grid hatte Helgoland backbords passiert und lief nun in Richtung Nord West. Bald würde sie ihre Position erreichen, wo sie ihre Ladung los werden sollte. Auf dem Radarschirm waren noch einige Schiffe zu erkennen, aber sie entfernten sich von der Grid.

 

 

 

8. März 10.00 Uhr Nordstrand

 

Es wurde langsam eng im Ferienhaus. Birgit und Isabella hatten zwar ihren Schlafplatz gefunden, aber dafür musste Pet nun endgültig sein Zimmer mit Sophia und Constanze teilen. Er hatte für sich selbst ein großes Bett, ein zweites stand an der einen Wand und ein Schlafsofe stand am Ende seines Bettes. Die einfache Begründung, dass die Damen sich nun das Zimmer mit ihm teilten war, dass er Pflege benötigte und eine Person alleine ihm nicht helfen konnte. Diese Tatsache mussten die zwei Frauen in der Nacht auch unter Beweis stellen, als Pet einen Krampf in der Rückenmuskulatur bekam und kaum noch atmen konnte, weil sich das auch auf die angebrochenen Rippen auswirkte. Constanze verstand es sehr gut, den Krampf zu lösen, sodass er bald wieder normal atmen konnte. Er schwitzte zu stark und trank zu wenig. Nichts schmeckte ihm und so zwangen ihn Sophia und Constanze, zuerst Wasser zu trinken. Als er sich nach einem halben Liter Wasser weigerte, weiter zu trinken, holte Sophia aus dem Kühlschrank in der Küche eine Flasche von seinem geliebten Riesling. Er bekam jeweils ein kleines Glas voll, wenn er danach die gleiche Menge Wasser trank. Am Morgen war Pet immer noch so entspannt, dass ihn niemand wagte, aufzuwecken.

 

Am Frühstückstisch eröffneten Birgit und Isabelle den anderen ihre Mission, die sie auf Nordstrand hatten. Der Neubau des kleinen Hotels und dem Umbau des dazugehörigen Reiterhofs war bald abgeschlossen. Gunnar hatte das Projekt aus den Augen verloren und es war noch kein Personal eingestellt worden, auch wurde das Projekt noch nicht einmal auf dem Ferienmarkt angeboten. Auch das Ferienappartmenthaus daneben war bald fertig. Birgit und Isabella sollten sich darum kümmern, dass das zum Laufen kam.

 

Nach dem Frühstück besuchten Isabella, Birgit, Sophia und Constanze Pet in seinem Krankenzimmer. Inzwischen war er wieder so klar, dass er etwas erhöht in seinem Bett sitzen konnte. Isabelle erzählte Pet, warum sie nach Nordstrand gekommen waren. Die Idee von Lars, dass sie alle sich wieder Arbeit suchen sollten und Gotland verlassen, war sicher gut, aber wie und wann? Isabella und Birgit hatten ja nun eine Aufgabe. Mitarbeiter für das Hotel suchen, aber wenn das erledigt war, was war dann zu tun? Mussten sie etwas tun? Eigentlich gab es bisher genügend zu tun und sie waren zufrieden. Pet überlegt einige Zeit. "Ja ich denke, wir sollten uns alle wieder eine Beschäftigung suchen. Geld verdienen, uns mit unserer Arbeit entwickeln. Wir sind doch eine Gruppe, die so viele Talente hat, dass man daraus etwas machen kann. Den Müßiggang, den wir jetzt betreiben, führt zu nichts. Wir leben fast wie im Paradies mit einem angeschlossenen Abenteuerspielplatz. Nur wenn wir das satt haben, was geschieht dann mit uns. Wir leben doch ein bisschen wie Adam und Eva. Nackt und ohne Scheu in einem großen Garten. Wir haben zu essen, befolgen die Regeln, die uns der Herr auferlegt hat, haben eine wenig Sex, entdecken den Garten und sonst geschieht nichts. Erst wenn die Schlange vermeintlich Eva verführt und die dann die verbotene Frucht pflückt, passiert etwas. Gott vertreibt die beiden zur Strafe aus dem Paradies. Vielleicht hatte der Herr einen anderen Plan mit den beiden, wusste aber nicht, wie er es ihnen erzählen sollte. Sie sollten raus aus dem Paradies und endlich arbeiten, sich entwickeln, Kinder in die Welt setzen, den Pflug erfinden und noch vieles mehr. Waren Adam und Eva selbstbewusste Menschen? Waren sie nur zwei Wesen, die in einem zoologischen Garten namens Paradies lebten? Sie mussten dort raus und arbeiten, um die Menschheit zu dem zu machen, was sie heute ist. Arbeit gibt uns allen nicht nur Lohn und Brot, sie gibt uns Selbstbewusstsein, Selbstvertrauen, Arbeit macht erfinderisch und wir lernen dabei auch zu genießen. Abhängen ist gut, aber nicht für immer und ewig. Ok es gab und gibt da einiges an Fehlentwicklungen der Menschheit, aber die werden wir nur beseitigen können, wenn wir aktiv in der Gesellschaft unseren Beitrag leisten. Warum sucht ihr Mitarbeiter für das Hotel und die Ferienwohnung? Die müsst ihr nicht suchen, die sind schon da. Wir sind das, die Nordstrandpiraten. Wir können managen, Betten machen, kochen, waschen, Geschirr spülen, alles was dazu gehört. Ich denke wir werden alle etwas finden. Der der hier bleiben will, für den finden wir etwas und wer gehen will, der darf gehen. Und als erstes werden wir die Leichen in unseren Kellern beseitigen, ein wenig in unserer Umgebung mit dem Besen für Ruhe und Sauberkeit sorgen, also die vertreiben, die uns schaden wollen und dann machen wir uns daran, sesshaft zu werden." Die Frauen brauchten einige Zeit um zu begreifen, was Pet da gerade für eine Idee entwickelt hatte. Isabella stand auf. "Ich rufe Gunnar an, das ist die Idee. Er soll das mit den anderen besprechen und dann machen wir einen Plan, denn ich sage, wir sollten das machen. Bedenkenträger werden abgefüllt und überzeugt oder rausgeworfen."

 

8. März 2017 11.30 Uhr Flughafen Hamburg

 

Carlo und Luigi warteten in der Halle vor der Gepäckausgabe und Zollkontrolle. Das Flugzeug aus Gotland war gelandet und das Gepäckrondell lief an. Das Bild von Sigrid Larsson hatten sie zwar, aber in ihren Köpfen war sie immer noch im Original, wie sie sie vor ein paar Tagen auf Gotland gesehen hatten, abgespeichert. Die Fluggäste kamen, holten ihr Gepäck, gingen an der nicht besetzten Zollkontrolle vorbei. Da kam sie und sie war nicht sofort zu erkennen. Sie hatte ihr Aussehen wirklich verändert. Kürzere Haare, nicht mehr blond sondern etwas rötlich, ein Businesskostüm, Schuhe mit Absätzen, über dem Arm ein Wollmantel und eine Tasche, einen Koffer zog sie hinter sich her, der garantiert keiner Studentin gehören konnte. Und dann noch die Brille, die sie etwas älter machte, ihr aber sehr gut stand. Sie kam auf Carlo und Luigi zu, gab ihnen die Hand, als ob die Herren ihre Mitarbeiter seien und übergab ihr Gepäck dann an die beiden. Beide dachten das Gleiche in diesem Moment. Dreißig Jahre jünger und ich würde mich an sie ranmachen.

 

Eines war sicher, spontan würde sie so niemand erkennen, der sie zu kennen glaubte.

 

8. März 2017 12.45 Uhr Nordsee

 

Die Erfindung von Simon funktionierte. Die Kisten brannten und die mit Stahlseilen befestigten Steine brachten diese dazu, auf den Meeresgrund zu sinken. Ein paar Minuten dampfte es noch hinter der Grid bis das Phosphor-Schwarzpulver-Benzingemisch seine Arbeit erledigt hatte. Dann kamen noch ein paar Luftblasen an die Oberfläche. Die Mannschaft der Grid wartete eine Stunde lang, ob nicht noch etwas an die Oberfläche kommen könnte, was verräterisch war, aber es passierte nichts.

 

8. März 2017 12.45 Uhr Hotel in Hattstedtermarsch

 

Friedrich hatte Malte und Konrad die Liste mit den Immobilien übergeben und wollte um 13.30 Uhr wieder in Husum sein. Er hatte sich mit seiner neuen Flamme zum Essen verabredet.  Malte und Konrad arbeiteten daran, die Immobilien der neuen Gesellschaft zu suchen. Einige waren auf Google sogar abgebildet, bei einigen konnte sie die Verwendungszwecke feststellen. Die meisten Objekte hatte man in Norddeutschland festgestellt. Im Süden nur zwei, eines davon irgendwo bei Göppingen oder Schorndorf und eine andere Immobilie in Frankfurt. Systematisch suchten sie nach Bildern der Objekte und tatsächlich fanden sie bei dem Haus im Süden auch Bilder. Eine vier Jahre alte Bilderserie eines Unternehmens, das dort eine Abschiedsfeier für einen ihrer Geschäftsführer gegeben hatte und ein paar Bilder aus einer Zeitung. Dort lasen sie von einem Todesfall in einem Haus gegenüber. Dort sei ein Mann offensichtlich ohnmächtig in ein Feuer gefallen. Dann sah man die Bilder vom Haus gegebenüber. Dort wohnte niemand, sonst hätten die Bewohner den Brand eventuell gesehen und den Mann retten können. Malte schaute lange die Bilder vom Haus gegenüber an. "Das kommt mir bekannt vor. Ich war nie dort, aber ich habe diese Fenster und die Häuserfront schon einmal gesehen." Er bat um Ruhe und dachte nach, dann suchte er auf seinem Laptop in einer der verborgenen Dateien nach Bilder. "Hier da sind sie. Die Frauen mit den entblößten Oberkörpern, die Fenster, die Häuserfassade. Kennt ihr die Frauen? Ich schon, die haben wir doch vom Stall aus aufgenommen. Im Ferienhaus auf Nordstrand. Das sind die Frauen. Was haben die im Süden gemacht und warum sind die jetzt hier? Von einem Haus des Gunnar Larson in ein anderes umgezogen. Wir müssen unbedingt nochmals die Frauen fotografieren, um die Bilder dann zu vergleichen. Aber ich bin mir sicher, dass das dieselben Frauen sind wie hier auf diesen Bildern, Ich verfluche mich, dass ich irgendwie die Dateien mit den Bildern vom Ferienaus gelöscht habe."

 

Dorothea und Mariza hatten das Gespräch mitgehört. Umgehend wurde Will darüber informiert und der rief daraufhin Gunnar an. Jetzt brach leichte Panik bei Gunnar aus. Die Journalisten hatten etwas gefunden, das ihm schaden konnte und wenn das an die Öffentlichkeit kam und ein Kriminalist eins und eins zusammenzählte, dann hatte er größere Probleme.

 

8. März 2017 13.45 Uhr in Husum

 

Carlo schlug vor, dass sie essen gehen sollten, denn er hatte Hunger und bis sie am Ferienhaus Osterdeich ankommen und zum Kochen kommen würden, würde er wegen Unterzuckerung sehr schlechte Laune bekommen. Für Sigrid war das in Ordnung, denn auch sie hatte seit dem frühen Morgen nichts mehr gegessen und Luigi war es egal. In einem kleinen Lokal in der Innenstadt, das eher von Einheimischen besucht wurde und nicht vom Tourismus abhängig war, fanden sie das, was sie sich wünschten. Eine Speisekarte mit vielen leckeren Gerichten. Sigrid hatte inzwischen eine neue Identität, aber noch nicht die richtigen Dokumente dafür. Ihr Name lautete Svea Ingerson. Carlo und Luigi mussten sich nun daran gewöhnen und sprachen den Namen ein paarmal aus. Sollten sie in der Öffentlichkeit sie mit ihrem ganzen Namen ansprechen oder nur mit Svea? Was würde besser zu ihrer Tarnung passen? Und welchen Beruf übte sie nun aus? Es musste glaubwürdig aussehen, Carlo und Luigi mussten zu dem Ganzen irgendwie glaubwürdig dazu passen. Sie einigten sich darauf, dass sie bei der Ansprache von Svea bleiben und sich später etwas überlegen würden, welchen Beruf sie ausüben sollte. Kaum hatten sie sich etwas von der Speisekarte ausgesucht, als ein offensichtlich frisch verliebtes Pärchen das Lokal betrat und sich drei Tische weiter setzte. Carlo entdeckte als erster, wer das war. Friedrich mit Elene Euphos saßen da und waren sehr damit beschäftig, sich auf das Lesen der Speisekarte zu konzentrieren. Carlo flüsterte Luigi zu, dass das wohl nun als erster Test durchgehen könnte, ob sie Friedrich erkannte oder nicht. Bilder von ihnen hatte er sicher schon gesehen, aber sie hatten sich ja auch verändert. Haarlängen waren anders, die Bärte ebenfalls. Carlo trug ihn imperial und Luigi balbo, zudem trugen sie keine lockere Freizeitkleidung mehr, sondern eher modisch, französisch urban. Zwei etwas ältere Herren mit einer jungen Frau, die nur auffallen würden, wenn sich jemand Gedanken darüber machte, wer so gekleidet in ein Speiselokal in Husum ging. Aber Friedrich und Elena machten sich darüber garantiert keine Gedanken, denn sie hatten nur Blicke für sich und gerade mal für die Speisekarte.