Band 4 - Kapitel 33

6. März 2017 22.10 Uhr Blauzahnsiedlung auf Gotland

 

Merit und Mathias saßen händchenhaltend in ihrem Zimmer. Die Geschichte der Magd Umma beschäftigte Mathias genauso wie Merit. Ihr Kontakt zu ihr im Mittelalter war nicht allzu groß gewesen, aber sie gehörte nun mal zur Familie der Blauzahnsiedler und Nordstrandpiraten und da galt eines als oberstes Gebot: jeder genoss den Schutz der Gemeinschaft. Wenn jemand in der Jetztzeit dieser jungen Frau etwas angetan hatte, dann musste das gesühnt werden. Marc und Gerrit besprachen sich gerade mit Melanie, wie man den Tätern auf die Spur kommen könne. Juris und Steffen bereiteten sich darauf vor, am kommenden Morgen zu dem Fischer bei Claus von Olsens Turm zu befragen und nach dem Versteck der Umma im Wald zu suchen. Zwei Spürhunde hatte man bereits ausgewählt und rechtzeitig ein Kleidungsstück der Umma vor der Intensivwäsche gerettet. Vielleicht fanden sie noch etwas mit ihren feinen Nasen, das sie zu dem Versteck führen würde und so hoffte man auch noch Spuren von Menschen zu finden, die Kontakt zu Umma gehabt hatten. In der Siedlung kam Leben auf, das sie so seit einigen Wochen nicht mehr hatten. Juris wollte am kommenden Tag versuchen, mit Hilfe von Merit mit der jungen Frau zu sprechen, um dann eine Zeichnung der vermeintlichen Angreifer auf sie zu erstellen. Aus seiner Polizeiarbeit kannte sich Juris gut aus, wie man Zeugen befragen konnte, um dann ein Bild von Menschen zu erstellen. Er konnte gut zeichnen, hatte aber auch ein Zeichenprogramm der Polizei aus England zur Verfügung, um Täterprofile und Zeichnungen zu erstellen.

 

6. März 2017 22.30 Uhr Ostsee auf der Grid

 

Jan und Markus waren auf der Brücke der Grid. Sie fuhren etwas mehr als achtzehn Knoten und in der Kombüse war es schwierig zu kochen, denn der Wellengang war etwas heftig und es regnete leicht. Birgit und Jon versuchten wenigstens ein paar Rühreier zu machen, während Isabella den Tisch deckte. Markus war allerdings der Meinung, dass sie spätestens wenn sie Stenshamn umrundet hätten und das Wetter sich etwas verbessern würde, sie dann auch schneller als dreiundzwanzig Knoten fahren konnten. Sie würden dann parallel zu den Fährrouten nach Dänemark fahren. Zwischen dem schwedischen Festland und Bornholm mussten sie dann sehr vorsichtig sein, denn da war sehr starker Fährverkehr zu erwarten, dessen Routen sie queren würden und sie mussten als kleineres Boot immer ausweichen. Also ging er jetzt unter Deck, um zu essen und etwas auszuruhen. Er vertraute den beiden alten Männern nicht so recht. Sie hatten beide zwar ein Patent, waren aber schon einige Zeit nicht mehr auf See gewesen - zudem kannten sie die Eigenarten der Grid nicht so gut. Markus war ein ehrgeiziger Mensch, er wollte am nächsten Tag noch vor der Abenddämmerung Nordstrand erreichen.

 

6. März 2017 22.20 Uhr Parkplatz Hotel in Hattstedtermarsch

 

Malte und Konrad verließen eilig ihr Zimmer und achteten nicht darauf, dass die Tür sich hinter ihnen schloss. Mariza hatte in einer Nische gewartet, bis die beiden gingen und wollte dann die Türe mit einer beim Portier entwendeten Generalschlüsselkarte die Türe öffnen, dies war aber nicht notwendig. Bevor die Türe sich schloss, konnte sie ihren Fuß in den Türspalt stellen.

 

Malte und Konrad hörten schon von weitem das Hupen eines Autos. Offensichtlich war hier die Alarmanlage ausgelöst worden. Der Mietwagen von Malte, ein neueres BMW Modell blinkte und hupte und kurz bevor sie das Fahrzeug erreichten, hörte das Spektakel auf. Sie sahen zwei Männer bei dem BMW stehen. Das Licht der Beleuchtung war nicht kräftig genug und so sahen sie die beiden nur als Schatten, als einer von ihnen sie auf Englisch ansprach."Gehört einem von Ihnen das Auto? Als wir das Gehupe hörten, sind wir beide hier her gekommen. Dann haben wir gesehen, dass da wohl ein Marder oder so etwas weghuschte. Könnte sein, dass das Vieh an dem Theater schuld war. Malte bedankte sich und öffnete die Tür, als er beim Auto war. Er steckte den Zündschlüssel ein, um den Alarm ganz auszuschalten, der sonst automatisch nach fünf Minuten wieder angefangen hätte. Dann öffnete er die Motorhaube. Dabei fiel ihm ein, dass der Mann an der Türe gesagt hatte, dass etwas auf dem Autodach gelegen habe. Und tatsächlich lag da ein Stück Ast auf dem Dach, das er nicht sehen konnte, sondern nur ertastete. "Aha, der Knüppel hat wohl den Alarm ausgelöst und kein Marder." Der Mann, der ihn vorher angesprochen hatte, meinte trotzdem, dass es wohl besser sei, sich den Motorraum genauer anzuschauen. Die Motorraumbeleuchtung war hell genug, Malte und auch Konrad konnten nichts entdecken. Als sie die Motorhaube wieder schlossen, waren die beiden Fremden weg. Malte wollte den Zündschlüssel abziehen, um dann das Fahrzeug wieder verschließen. Der Schlüssel steckte nicht mehr. Malte tastete seine Taschen ab, fand den Schlüssel nicht. Im Handschuhfach hatte er ein Taschenlampe und mit der leuchtete er nun den Boden vor der Autotür ab. Nichts war zu sehen.

 

 

 

6. März 2017 22.28 Uhr im Hotelzimmer von Malte Sorensen

 

Mariza hatte sich schnell in dem Zimmer zurechtgefunden. Die beiden Männer hatten leichtsinnigerweise das Zimmerlicht angelassen, als sie nach draußen geeilt waren. Der Laptop war noch an und Mariza verband ihr Tablet mit dem Gerät. Die Speicherkarte des Fotoapparates steckte bereits und so konnte sie die Daten der Karte herunterladen und sie daraufhin komplett löschen. Ein Programm, das sie aus Gotland erhalten hatte, spielte sie dann auf den Laptop. Automatisch wurden sämtliche Daten, die per Mail ankamen oder auch abgesendet wurden, weitergeleitet an eine Mailadresse auf Gotland. Diese konnte allerdings nicht nachverfolgt werden, sollte jemand dieses Spyware finden. Da sie direkt auf den Laptop aufgespielt wurde und nicht von außen kam, war das schwieriger, da Mariza die Anfrage des Computers positiv beantwortete, als sie die Frage erhielt, ob man das Programm zulassen wolle. Gerade als sie fertig war, kam bereits die erst Mail an. Ein Unbekannter fragte nach, ob Malte jetzt endlich etwas Brauchbares gefunden hätte. Er wollte endlich etwas haben, das er gegen Gunnar und die Nordstrandpiraten verwenden konnte. Und er wollte wissen, ob Gunnar Larson noch mehr Immobilien auf Nordstrand besaß. Zudem hatte er jemanden beauftrag, der Sigrid Larrson bestrafen würde. Niemand verließ seine Organisation, ohne dass er dafür sein Zustimmung geben würde. Dies war offensichtlich auch eine Drohung an alle anderen, die für ihn arbeiteten.

 

Dann verließ Mariza das Zimmer wieder. Sie hatte das erledigt, was sie wollte. Als sie ihr Zimmer auf dem Stockwerk darüber erreichte, rief sie eine Handynummer an. Carlo und Luigi konnten verschwinden, sie hatte ihren Auftrag erledigt und die beiden mussten Malte und Konrad nicht mehr weiter beschäftigen. Malte und Konrad fanden nach langer Suche endlich den Autoschlüssel. Er lag etwas verdeckt am Vorderreifen auf der Fahrerseite. Malte vermutete, dass er ihn fallengelassen hatte und ihn dann versehentlich dorthin gekickt hatte. Eine andere Idee hatte er nicht dazu und für beide war das nun erledigt. Sie dachten nicht mehr an die beiden Männer, die kurz bei ihnen waren und machten sich auf den Weg in ihr Hotelzimmer.

 

Das Laptop war inzwischen auf Sparmodus gegangen und hatte sich ausgeschaltet. Kaum war der Bildschirm wieder hell, sah Malte dass er eine Mail bekommen hatte. Sein Auftraggeber wollte einige Fragen beantwortet haben. Als er schon eine Antwortmail verfassen wollte, meinte Konrad, dass sie sich zuerst die Bilder anschauen sollten, um dann ein paar der Fotografien der Mail beizufügen. Malte öffnete die Datei und stellte fest, dass sie leer war. Die Speicherkarte war komplett leer. Auch die alten Dateien darauf waren weg. Dann prüfte er seinen Laptop und stellte fest, dass bis auf drei Bilddateien alle anderen weg waren. Alles Fluchen und Schimpfen nützte nichts, die Dateien waren verschwunden. Nur die drei Dateien mit den alten Bildern der Nordstrandpiraten aus seiner Zeit als Pressefotograf waren noch da und die beiden Dateien von dem Mann, der ihm die Bilder von Frauen geschickt hatte, darunter waren auch die aus dem Süden Deutschlands. Das waren Kostproben seiner voyeuristischen Fotoarbeiten, die er als Lockmaterial an Malte geschickt hatte. Malte klicke die Bilder kurz durch, in der Hoffnung, dass sich die aktuellen Bilder hier versteckt hatten. Das war aber nicht so, aber kurz musste er bei einem Bild anhalten. Die Gesichter von zwei Frauen erkannte er. Malte meinte, dass er diese heute schon einmal gesehen hatte. Eine junge Frau und die Assistentin von Gunnar. Konrad, der neben ihm saß bezichtigte Malte sofort, ein Perversling zu sein. "Nein das waren Bilder, die man mir mal zugeschickt hatte. Die kamen von einem Typ, der immer wieder versuchte, Bilder an mich zu verkaufen. Aber schau dir mal die beiden Gesichter an. Erkennst du nicht die beiden? Die habe ich doch im Ferienhaus gesehen. Du hast doch auch mal durch das Objektiv geschaut. Erinnerst du dich daran?" Konrad erinnerte sich daran. Seine Frage, wo denn diese Bilder gemacht worden waren, konnte Malte nur fragmenthaft beantworten. "Das war irgendwo im Süden von Deutschland, mehr Informationen habe ich von dem Typ nicht bekommen. Und er antwortet nicht mehr, als ich ihn angemailt habe. Das war im Darknet for Pictures. Da werden alle möglichen Bilder angeboten und gehandelt. Der ist jetzt weg. Adresse nicht mehr vorhanden." 

 

6. März 2017 23.50 Uhr Husum in der Wohnung der Elena Euphos

 

Das Essen war schnell beendet und Friedrich musste nun unter Beweis stellen, dass er den Gelüsten der jungen städtischen Angestellten gerecht werden konnte. Sie schien ausgehungert zu sein und erst, nachdem beide vollkommen erschöpft nebeneinander in ihrem Bett lagen, konnte Friedrich anfangen, seine Wünsche zu äußern. Er war zwar sehr müde, aber er raffte sich auf mit ihr zu reden. "Dieser Gunnar Larson, dem dieses Ferienhaus und der Stall oder die Scheune auf Nordstrand gehört, hat der noch mehr Häuser dort? Ich frage das, weil ich es komisch finde, dass jemand einen Stall dort besitzt ohne ihn zu nutzen." Sie fragte ihren Lover nicht, warum er das nun so genau wissen wollte. "Ich kann nachschauen, aber ich habe dir doch schon gesagt, dass diese Immobilie nun einer Anwaltskanzlei gehören. Ich kann mich nur noch an den Vornahmen von dem Anwalt erinnern. Der lautet Mathias, den Rest habe ich vergessen." Dann schlief sie zufrieden ein.

 

7. März 2017 im Hotel in Hattstedtermarsch

 

Vor dem Haus verlor Dorothea die Lust aufs Warten, wann Friedrich wohl aus dem Haus rauskommen könnte und fuhr zum Hotel zurück. Um 1.00 Uhr traf sie dort ein und weckte Mariza auf. Die berichtete ihr kurz, was sie gesehen hatte und spielte ihr dann das Band vor, was die beiden, nachdem sie bemerkt hatten, dass die Bilder gelöscht waren noch entdeckt hatten. "Sie haben also in Süddeutschland Liliane Grodegund, die Assistentin von Gunnar Larson wiedererkannt. Was für Bilder das sind weiß ich nicht und wer die andere Person auf dem Bild ist auch nicht. Aber wir können mal nachschauen, wer denn gemeinsam mit Lilli auf einer der Aufnahmen zu sehen ist?" Sie erkannten sofort, dass Malte nur Juliane Priester meinen konnte, die war in der Küche gemeinsam mit Lilli zu sehen. Dann zeigte sie Dorothea noch die Mail von dem Unbekannten. "Hast du das schon nach Gotland geschickt? Die wollen der jungen Frau etwas antun. Das klingt nicht gut. Langsam kann ich den Gunnar Larson verstehen, dass er sich ein paar Securitymitarbeiter leistet. Wenn eine junge Fotografin schon bedroht werden soll, nur weil sie ihren Job für diesen Malte und damit für diesen Unbekannten hingeschmissen hat." Natürlich war die Mail schon bei Gunnar und bei Malte Krahn, dem Chef der Sicherheitsabteilung. Beide fragten sich, was da wohl alles dahinter stecken würde. Warum hatten sich die Nordstrandpiraten und Gunnar Larson in der Blauzahnsiedlung Feinde gemacht. Nur weil ein paar alte Männer mit zwei anderen Schiffen zusammen eine Welt umsegelt hatten? Oder weil sie alle im Mittelalter waren und versehentlich ein paar neue Erdenbürger von damals in der Jetztzeit aufgetaucht sind? Das machte sicher neugierig, aber man bekam doch damit keine Feinde? Beide dachten schweigend nach und beide kamen zum gleichen Ergebnis. Es war sicher beängstigend und vielleicht auch gefährlich für diese Leute, hier zu arbeiten, aber es war auch ungeheuer interessant. Sie liebten trotz allem beide das Abenteuer und da wollten sie dabei sein. Zudem waren alle, die sie bisher kennengelernt hatten, einfach sympathische Typen und da sie nicht im Zentrum der Geschichte waren sondern nur Randfiguren, konnten sie sich doch etwas zurücklehnen und sich die Sache weiter anschauen. So dachten sie auf jeden Fall.

 

7. März 2017 0.55 Uhr Blauzahnsiedlung auf Gotland

 

Gunnar hatte noch nicht geschlafen. Er, Mathias, Lars, Malte Krahn und Erik saßen im Rauchersalon. Feiner Duft von Pfeifentabaken und Zigarren hing in der Luft. In den unterschiedlichsten Gläsern war Rotwein, Gin oder auch Whisky, passend zum jeweiligen Tabak ausgewählt. Sie saßen, seitdem die Mail von Mariza eingetroffen war und sie die ersten heftigen Reaktionen gezeigt hatten, schweigend zusammen. Die ersten Diskussionen, wie man da etwas unternehmen konnte, waren verstummt, als ihnen Malte Krahn, den alle inzwischen Anton nannten, klar machte, dass sie gegen ein Geist angehen mussten. Sie wussten nicht, wer hier was vor hatte. Nur gegen wen es gerichtet sein sollte war bekannt. Sie konnten die junge Frau Sigrid Larsson sicher hier in der Blauzahnsiedlung schützen, aber man konnte sie hier nicht ewig einsperren. Und wie sollte man ihr das sagen? Wie würde sie darauf reagieren. Zudem wer wollte hier Daten über Gunnar Larson sammeln, um ihm zu schaden? Und warum wollte man etwas gegen die Nordstrandleute unternehmen. Die alten Männer hatten mit einige anderen eine Weltumsegelung gemacht, dann waren sie im Mittelalter gelandet und zurückgekommen. Das würde alles neugierig machen, aber warum wollte man ihnen schaden?

 

Das eine oder andere Mal zuckte jemand hoch, als ob er eine zündende Idee hätte, dann kam aber doch nichts.

 

Lars stand auf einmal auf. "Wir müssen hier weg. Der Zaun, die Security, das alles erscheint einigen Leuten zu geheimnisvoll und weckt offensichtlich zu viel Neugierde. Hast du noch einen Platz, wo wir hingehen können? Und wo einige von uns Arbeit finden? Wir können nicht ewig hier dem Müßiggang frönen. Wir müssen was tun. Vor allem müssen wir unseren Gästen aus dem Mittelalter irgendwann mal gewisse Freiheiten geben. Pet und Sophia sind auf Nordstrand derzeit gebunden, die haben keine Zeit, sich auch um die hier zu kümmern. Wir sollten irgendwie woanders mit mehr Freiräumen leben. Und wer gehen will, sollte die Möglichkeit haben zu gehen. Wenn jemand gehen will."   Lars hatte recht. So konnten sie nicht weiter leben. Sie mussten wieder in einen normalen Alltag zurückkehren können und die Mittelaltermenschen in ihr Leben integrieren. Das ginge ganz sicher nicht in einer Großstadt, aber irgendwo auf dem Land und da, wo Fremde nicht als Fremde, sondern als Gäste betrachtet werden.

 

Gunnar  überlegte kurz und konnte fast aus dem Stegreif antworten. Ich habe noch drei Objekte auf Nordstrand, ganz in der Nähe des Ferienhauses. Eine Hotelanlage, nicht sehr auffällig mit einem kleinen Bauern- und Pferdehof zusammen.  Für Menschen, die gerne das Feeling von Urlaub auf einem Bauernhof und doch mit den Annehmlichkeiten eines Hotel verbinden wollen. Und daneben eine Apartmenthaus mit zehn Ferienwohnungen. Sehr luxuriös ausgestattet das Ganze. Mathias du müsstest nachschauen, wann die bezugsfertig sind. Die sind in deiner neuen Gesellschaft zusammengefasst. Eigentlich sollten die Vermietungen ab Sommer beginnen, aber wir haben das noch nicht veröffentlicht und angeboten."

 

Ein Umzug auf Nordstrand, auf den Ursprungspunkt ihrer Abenteuer? Das wäre keine schlechte Idee.