Band 4 - Kapitel 32

6. März 2017 17.45 Uhr Ferienhaus auf Nordstrand

 

Pet versuchte verzweifelt aufzustehen. Die Schmerzen an der Seite, wo er sich die Rippen gebrochen hatte, waren groß. Das Atmen fiel ihm schwer und die Gedanken in seinem Kopf beschäftigen ihn sehr, er kam nicht zur Ruhe. War er ein Mörder? Hatte er den Arzt, Psychologen oder was der Mann sein mochte wirklich im Kampf getötet? Im Mittelalter war das anders. Da gehörte der Kampf zum Alltag und er hat sicher einige Menschen sehr schwer verletzt oder gar getötet. Das aber mit Doktor von Steinhausen war etwas anderes. Warum war das eigentlich etwas anderes? Auch hier hatte er sich nur verteidigt und der Mann kam dabei zu Tode. Die innere Zwiesprache, die Pet da betrieb, war ermüdend, aber er kam trotzdem nicht zur Ruhe. Wenn nur jemand da wäre, mit dem er reden und dem er seine Seelenpein beichten könnte. Das leise Klopfen an der Türe hatte er nicht gehört, nicht einmal als sich die Tür öffnete. Er hatte die Augen fest geschlossen. Der Schmerz und die Gedanken hatten einen Teil seiner Sinne blockiert. Er schrak auf, als ihn jemand berührte. Er öffnete seine Augen und konnte nur etwas verschwommen ein Gesicht erkennen, aber in seiner Nase hatte er einen Geruch, den er gut kannte. Das Parfüm, das er hier wahrnahm, kannte er gut. Sophia war zurück, jetzt konnte er sie auch sehen. Sie hatte seine rechte Hand fest umfasst und setzte sich schweigend auf die Bettkannte. Mit der freien Hand strich sie ihm über die Wangen und trocknete damit auch die Tränen, die ihm im Halbschlaf aus den Augen gelaufen waren. "Dir geht es wohl nicht gut mein Freund. Ich habe schon gehört, was da passiert ist und dass man dich gut versorgt hat." Dann berührte sie seine Lippen mit ihren Fingern, um ihm zu zeigen, dass er nichts sagen sollte. Lange saß sie schweigend an Pets Bett. Schaute ihn nur an, in der rechten Hand die seine und die andere Hand an seiner linken Wange.

 

"Du hast Fieber Pet. Dein Kopf ist nassgeschwitzt und ganz rot. Ich hoffe nicht, dass die Wunde sich entzündet hat." Pet hatte kein Fieber, der innere Kampf hatte ihn in Schweiß ausbrechen lassen. Sophia deckte ihn auf, nahm den Verband von der Wunde an der Hüfte. Sie erschrak darüber, als sie sah wie diese Verletzung genäht worden war. Die Wunde war noch rot, aber kein Anzeichen, dass sich etwas entzündet haben könnte. Sie erneuerte den Verband und schaute sich dann die Seite an, wo er sich die Rippen angebrochen hatte. Alles war rot, blau, gelb am Brustkorb angelaufen, etwas angeschwollen war die Stelle auch. Sie holte ein paar Eisbeutel und legte die auf die Verletzung.

 

Eine Zeit lang war er wieder alleine mit sich und seinen Gedanken. Dann kam Sophia wieder. Constanze war mitgekommen und hatte frische Bettwäsche dabei, Sophia stellte eine große Tasse Tee auf den Tisch neben dem Bett. "Du musst dich umziehen. Alles ist nass geschwitzt und das Bett müssen wir auch frisch überziehen. Wir heben dich raus und du setzt dich, solange wir das Bett machen, auf den Sessel." Die Schmerzmittel hatten ihm einiges an Kraft genommen und Sophia musste zusammen mit Constanze Pet helfen aufzustehen und zum Sessel zu gehen.

 

6. März 2017 17. 50 Uhr am alten Turm des Claus von Olsen auf Gotland

 

Merit, Claus von Olsen, Meldra und einer der Securitymitarbeiter, Paul Moulin waren seit Stunden auf der Suche nach einer Person, die der alte Fischer, der sich im Turm häuslich niedergelassen hatte, ihnen beschrieben hatte. Er wusste nicht, ob es eine Frau oder ein Mann sei, aber dieser Mensch hätte lange Haare, sei etwa eins-siebzig groß und würde wirr daherreden, das klang aber einfach heiser. Die Sprache klang ihm vertraut und doch konnte er die Person nicht verstehen. Die sei vor einigen Wochen hier aufgetaucht und würde immer wieder auftauchen, ihm beim Fischen helfen und dafür einfach ein paar Fische als Belohnung mitnehmen. Nein, die Polizei hätte er nicht verständigt. Die Beamten könne er hier im Turm nicht gebrauchen. Man wollte ihn immer wieder dazu zwingen, aus dem Turm auszuziehen, aber der Turm hatte seinem Vater gehört, das Fischerboot hatte er auch von ihm geerbt und trotz seiner achtzig Jahre sei er hier alleine sehr glücklich.

 

Ein letztes Mal standen Merit und Claus auf einem kleinen Hügel und schauten ins Land hinein. Da kam Merit auf die Idee, laut in ihrer alten Sprache zu rufen. "Komm hierher, hier sind Freunde." rief sie ein paar Mal und dann warteten sie. In der Dämmerung sahen sie, dass eine Gestalt auf sie zukam. In der alten Sprache rief jemand heiser und doch verständlich. "Bist du das Herrin? Und steht da nicht der Ritter Claus von Olsen neben dir?" Dann erreichte die Gestalt die beiden Wartenden. Nein dieser Mensch war keine einssiebzig groß, klein, schmächtig, verfilzte Haare, die vielleicht mal blond waren. Eingewickelt in schmutzige Decken und an den Füßen ein paar alte Filzpantoffeln, so stand sie nun da. Sie kniete nieder. "Herrin, ich bin froh, dass ihr da seid. Hier ist alles auf einmal ganz anders. Merkwürdige Dingen gehen hier vor. Niemand kann meine Sprache sprechen. Ich habe mich in einer Höhle im kleinen Wald versteckt, der Fischer gibt mir manches Mal was zu essen, weil alle anderen aus unserer Siedlung verschwunden sind und ich habe Furcht, große Furcht, weil so viele Teufel und Dämonen jetzt unsere Insel besetzt halten." Dann begann sie bitterlich zu weinen. Merit hob sie hoch, umarmte sie eine Weile und spürte, dass sich einige Bewohner, die es sich auf dieser Gestalt bequem gemacht hatten, zu ihr umziehen wollten. Dann erkannte sie, wer das war. Das war Umma, ein Unfreie, die sie aus Schweden mitgebracht hatte. Eine Magd, die nicht genau wusste, wie alt sie war, aber sie schätzte, dass sie etwa siebzehn oder achtzehn Jahre alt war. "Komm mit, wir haben ein neuen Heim gefunden. Habe keine Angst, es gibt keine Dämonen oder Teufel. Wir haben ein neues Heim erschaffen, groß und schön. Schaue dir alle Wunder an." Merit bemerkt nicht sofort, dass Umma in Ohnmacht gefallen war und sie ein Mädchen im Arm hielt, dass sich im Tiefschlaf befand. Claus nahm sie hoch und trug sie in seinen Armen bis zum Auto. Paul Moulin meinte während der Fahrt zur Siedlung scherzhaft. "Wir werden jetzt alle gut duschen müssen und unsere Kleider werden wir besser verbrennen und das Auto, das werde ich wohl erst begasen müssen, bevor da wieder jemand rein sitzen kann. Ich spüre jetzt schon, dass ich mindestens einen Floh im Genick habe."

 

Als sie die Siedlung erreichten, warnte Paul alle, die kamen, dass sie mit kleinen üblen Tierchen ein Problem hatten. Sie mussten sich alle auf der kleinen Isolierstation im Krankenrevier erst entkleiden und duschen. Merit half der immer noch etwas benommenen Umma beim Duschen. Dann wurde die vollkommen geschwächte Umma von Dr. Frederike Soust untersucht. Dr. Nils Fredrikson, der die Untersuchung vornehmen wollte, musste sich in Sicherheit bringen, als er versuchte, die auf dem Untersuchungstisch Liegende anzufassen. Sie wehrte sich und hatte versucht, ihn zu beißen. Während die Ärztin die junge Frau untersuchte, versuchte Merit ihr die Haare zu kämmen. Oberflächlich war Umma unterernährt, abgesehen dass sie von einige Parasiten gequält worden war, aber ansonsten schien sie gesund zu sein. Mit einem leichten Sedativ wurde sie schlafen gelegt, dann Blut entnommen und auch ein paar Haare wurden zur Analyse ins hauseigene Labor gebracht. Bei einer weiteren Untersuchung, die man bei der tief schlafenden Umma vornehmen konnte, stellte die Ärztin fest, dass sie am Rücken, an den Handgelenken und an der Innenseite  einige Verletzungen hatte, die am abheilen waren. "Das sind alte Blutergüsse, die schon fast verschwunden oder verheilt sind. Jemand muss sie festgehalten oder gefesselt haben. Auffällig ist auch, dass sie sich die Schamhaare entfernt haben muss. Die Haare sind erst vor etwas mehr als zwei oder drei Wochen rasiert worden. So alt könnten auch die Hämatome sein. Ich bin kein Fachmann, aber die Kopfhaare sind zwar verfilzt, aber noch nicht so lange. Das bedeutet, dass irgendetwas vor zwei oder drei Wochen passiert sein muss. Ich glaube, dass sie mal einen gesunden, muskulösen Körper hatte und sie deshalb die jetzt sichtbare Unterernährung gut überstehen konnte." Merit versuchte immer noch die Haare zu entflechten, hatte aber dabei der Ärztin gut zugehört. "Sie war in der Siedlung bei den Schafen und Ziegen. Sie melkte die Tiere und machte Käse aus der Milch. Ich habe sie vom Hof meines Vaters aus Schweden mit auf die Insel gebracht. Ein paar der jungen Männer interessierten sich für sie, aber sie machte wenig Anstalten, sich für einen besonders zu interessieren. Früh wurde ihr von den Frauen aus eurer Zeit, die die Siedlung gegründet hatten beigebracht, dass man beim Umgang mit der Milch und für das Käse machen immer sehr reinlich sein musste und daran hielt sie sich. Sie wusch sich immer, trug saubere Kleidung in unserer kleinen Meierei. Die Haare hatte sie immer zu einem Kranz gebunden und trug einen Haarreif. Sie war immer schon sehr kräftig, das musste sie auch sein, denn die Ziegen waren nicht immer bereit, sich melken zu lassen, da musste man schon zupacken können." Dann stoppte Merit ihre Arbeit an den Haaren. Der Kamm war am Hinterkopf hängen geblieben und das lag nicht am Verfilzten. Sie ertastete etwas Spitzes, Hartes das da in den Haaren steckte. Dann sickerte etwas Blut durch die Haare. Doktor Soust schaute nach und stellte fest, dass in der Kopfhaut ein Stück Metall steckte. Vorsichtig rasierte sie ein wenig die Haare weg, die rund um das Metall waren. Es sah aus wie ein Angelhaken, der dort steckte. Er war mit seinem Widerhaken weit eingedrungen und die Haut darum war bereits etwas entzündet. Nicht stark, aber es musste schmerzhaft sein. Sie konnte sich die Haare nicht mehr kämmen, weil es sie schmerzte. Offensichtlich wollte sie die Parasiten loswerden, indem sie sich die Haare zwischen den Beinen entfernte, aber am Kopf konnte sie das ohne fremde Hilfe nicht machen. Was war da denn geschehen?

 

 6. März 2017 18.00 Uhr Nordstrand im Stall 

 

Malte Sorensen und Konrad Breitenbacher standen vor den weißen Tüchern, mit denen der Wolf bedeckt war. "Ich mache ein paar Fotos von dem Tier. Hebe das Tuch hoch. Erst den ganzen Wolf und dann die Verbrennungen am Fang, oder nennt man das Maul?" Konrad forderte seinen Freund auf, nun zu handeln. Das Blitzlicht war stark und beide befürchteten, dass man das draußen sehen konnte. Malte war das egal, er wollte seine Story haben und diese Bilder benötigte er für die Geschichte, die sich in seinem Kopf zu einer Schlagzeile gerade entwickelte. Gunnar Larson finanzierte Versuche an Menschen und Tieren. Deutsche und schwedische Behörden verschlafen es, die Verbrechen des geheimnisvollen Gunnar Larson aufzudecken. Das war ein Schlagzeile, für die es sich lohnte, ein paar Blitze zu ertragen. Als sie fertig waren, schlichen sie nach vorne und schauten aus dem Fenster, ob sie jemanden sehen konnten. Es war zwar inzwischen dunkel, aber man konnte genug erkennen. Da war niemand in der Nähe. "Sollen wir noch nach oben steigen und versuchen, ob wir etwas da drüben in dem Ferienhaus erkennen können. Wir haben genügend Zeit und offensichtlich ist niemand in der Nähe. Wir sollten es riskieren." Malte hatte das Theaterblut des Journalismus geleckt und war nicht zu stoppen. Er leuchte mit seinem Handy die Scheune aus und dann stellten sie die Leiter an und beide kletterten nach oben. Sasha und Simon beobachteten das Ganze mit Besorgnis. Sie lagen keine drei Meter von der Stelle entfernt, wo die beiden die Leiter angestellt hatten. Zwar waren sie durch ein paar Heuballen verdeckt, was aber würde passieren, wenn die beiden dort oben nicht zur Vorderseite gingen, sondern hier oben herumsuchen würden?

 

Malte und Konrad gingen zum Fenster an der oberen Seite und versuchten, etwas zu erkennen. Mit einer Kamera, die mit einem Restlichtverstärker ausgestattet war, suchten sie die Fenster des Ferienhauses ab. Da an den unteren Hausfenstern keine Gardinen waren, die die Sicht nach innen behinderten, konnten sie mit dem Teleobjektiv und dem Restlichtverstärker erkennen, was sich hintern den Fenstern abspielte. Malte machte einige Fotos. Zwei der Frauen, die er da fotografierte, schienen im bekannt vorzukommen.

 

Lilli und Juliane waren in der Küche und bereiteten das Abendessen zu. Immer wieder sah man Marta, die gerade den Esstisch deckte, ins Bild kommen. Malte lobte sich selbst, dass er sehr viel Geld in diese Ausrüstung gesteckt hatte. Nur so war er in der Lage, das sichtbar zu machen, war fast einhundert Meter weiter passierte. Das nächste, was er sich anschaffen wollte, war ein Drohne mit Fotoapparat oder ein Filmkamera. Solche Gedanken kamen ihm, als er immer wieder auf den Auslöser seines Fotoapparates drückte. In einem der oberes Stockwerke war auch Licht an und er stellte sich nun darauf ein, auch hier hinein zu schauen. Zwei Frauen machten offensichtlich ein Bett, denn sie hantierten mit Leintüchern und wie es schien mit einer Bettdecke herum. Dann wurde ein Mann sichtbar, der von diesen beiden Frauen gestützt wurde. Sie zogen ihn aus und sein Oberkörper wurde sichtbar. Der Mann trug einen Verband um den Oberkörper. War das eine Verletzung, die verbunden werden musste? Malte konnte sich nicht von diesem Fenster trennen, obwohl Konrad ihn drängte, nun zu verschwinden. Die beiden Frauen halfen dem Mann nun bei Laufen und er verschwand aus dem Sichtfeld von Maltes Okular. Er jetzt packten die beiden ihre Ausrüstung zusammen. Malte informierte Konrad, was er gerade gesehen hatte und was er vermutete. "Der Mann, den ich da gesehen habe, war verbunden. Das war einer der Nordstrandpiraten, soweit ich das erkennen konnte. Wir können nachher die Bilder bearbeiten und dann werden wir sicher mehr sehen. Spannend, was hier passiert."

 

Als sie den Stall verlassen hatten, informierte Sasha alle per Handy, was sie gesehen und was die beiden besprochen hatten. Sofort war allen klar, dass diese Bilder nie veröffentlicht werden durften und das hier nichts, was die beiden gesehen hatten, in irgend einer Form publiziert werden durfte. Aber wie konnte man das verhindern?

 

Mariza rief Simon und dann noch Will an. Sie sollten ihr zum Hotel folgen. Sie hatte eine Idee, wie man in den Besitz der Bilder kommen konnte.

 

Dorothea hatte schon, weitsichtig wie sie war, etwas Vorarbeit geleistet. In jedem der Zimmer der drei Journalisten befanden sich Mikrophone und so konnte man feststellen, was gerade in den Zimmern gesprochen wurde. Simon und Will mussten ihr nur helfen, die beiden aus ihren Zimmern zu locken und sie würde den Rest erledigen. Von unterwegs aus telefonierte sie zuerst mit Dorothea und dann mit Tammy Bernstein. Und keine zehn Minuten später hatte sie alles, was sie benötigte auf ihrem Tablet.

 

 6. März 2017 22.10 Uhr Hotel in Hattstedtermarsch

 

Malte und Konrad bestellten sich ein paar Bier auf ihre Zimmer und dann wurde der Inhalt der Fotospeicherkarte auf das Laptop von Malte geladen. Sie schauten sich die Bilder an. Das was sie sahen kannten sie schon, dann begannen sie aber die Bilder von der Küche und von Pets Schlafraum zu bearbeiten. Gesichter wurden vergrößert, Gegenstände taxiert. Die beiden Gesichter der Frauen in der Küche kamen Malte nun sicher bekannt vor, aber er wusste nicht woher. Pet kannte er aus den Storys der Nordstrandpiraten. Dann schaute er sich wieder die Bilder an, da klopfte jemand an die Türe. "Herr Breitenbacher, Herr Sorensen sind sie da? Kommen sie bitte, mit ihrem Auto stimmt was nicht. Der Diebstahlalarm ist losgegangen und der Portier hat nachgeschaut und da liegt etwas Schweres auf ihrem Auto."