Band 4 - Kapitel 28

3. März 2017 18.10 Uhr in Husum

 

Friedrich gab den anständigen Mann und wartete geduldig vor der Wohnung von Elene Euphos. Sie wollte sich nur kurz frisch machen, wie sie sagte. Es war zwar noch kühl, aber Friedrich ging ein paar Schritte die Straße entlang. Elena hatte ihm zwar angeboten, dass er oben bei ihr in der Wohnung warten konnte, aber er lehnte dankend ab. Er wollte bei ihr das Bild eines gebildeten und anständigen Mannes erhalten. So hoffte er doch etwas mehr an Vertrauen bei ihr zu gewinnen. Dass er bei allem, was er gerade machte, von Dorothea überwacht wurde, bemerkte er nicht. Dorothea bemerkte aber, dass noch jemand ihn beobachtete. Julia saß in ihrem Auto fast schon etwas zu nahe am Eingang zur Wohnung. Als Friedrich weit genug weg war, ging Dorothea zu dem Fahrzeug und klopfte an die Seitenscheibe. Julia erschrak ordentlich, denn damit hatte sie nicht gerechnet. Sie öffnete die Scheibe und wollte fragen, was die Dame wollte, die war aber schneller als sie. "Verschwinden Sie bitte unauffällig. Ich komme von Gunnar und soll auch diese Typen beobachten. Sie bringen alles nur in Gefahr, wenn er sie entdeckt. Wir kennen uns nicht und im Hotel bin ich nur ein Gast unter vielen, sagen Sie das auch den beiden anderen. Ich mache das schon. Ich habe Erfahrung in solchen Sachen. Fahren sie jetzt los. Er sollte uns nicht zusammen sehen und sie schon gar nicht." Julia schaltete sehr schnell, auch wenn sie etwa erstaunt war, welche Entwicklung das alles nahm. Sie startete den Motor und fuhr weg, dabei vermied sie es, in die Richtung zu fahren, wohin Friedrich Bauer gelaufen war.

 

Pünktlich um 18.30 Uhr stand Bauer vor dem Eingang. In einem Blumengeschäft hatte er noch einen Strauß Blumen gekauft und nun wartete er. Aus sicherer Entfernung beobachtete ihn Dorothea. Was hatte der Mann eigentlich vor? fragte sie sich. Eine junge Frau aus dem Katasteramt, was wusste die schon, was wirklich für ihn interessant sein konnte? Gab es eine Vernetzung der Grundbuchämter oder der Katasterämter? Oder konnte man leichter Anfragen von Amt zu Amt stellen? Und warum sollten hier Fragen auftauchen? Oder war er nur einfach an dieser Frau interessiert und meinte bei ihr leichtes Spiel zu haben? Sie konnte ihre Überlegungen nicht weiter betreiben, denn Elena kam aus dem Eingang heraus. Friedrich überreichte ihr den Strauß. Sie konnte zwar nichts hören, aber offensichtlich war die junge Frau sehr erfreut über diese Geste, hakte sich dann bei dem Mann unter und sie gingen etwa zwanzig Minuten weiter bis zu einem Restaurant. Mit einer Jahreszahl als Namen war das schon etwas ungewöhnlich. Sofort googelte Dorothea, was für eine Art von Speiselokal das wohl war. Es gehörte zu den hochpreisigen Lokalitäten der Umgebung. Sollte sie sich auch in das Lokal begeben oder woanders warten? Nein sie entschloss sich zu einer anderen Vorgehensweise. Sie beobachtete die beiden durch ein Fenster, bis sie ihre Bestellung aufgegeben hatten und ging dann zurück zu dem Wohnhaus, aus dem Elena gekommen war. Am Klingelschild sah sie, dass die Frau im oberen Stockwerk des Vierfamilienhauses wohnte. Für sie war es keine Problem in die Wohnung zu gelangen. Sie wartete so lange, bis sie der Meinung war, dass sie niemandem im Treppenhaus begegnen würde und verschaffte sich mittels kleiner Werkzeuge Zugang in den Hausflur und dann in die Wohnung. Eine kleine Dachgeschosswohnung, zwei Zimmer, kleine Kochnische, eine Bad in dem das reinste Chaos herrschte. Höschen, Büstenhalter, Bluse lagen auf dem Boden, Wollsocken und ein Pullover waren achtlos auf den Wäschebehälter geworfen. Es roch nach sehr viel Eau de Toilette, auffällig stark nach Lavendel duftend. Neben dem Zahnputzbecher lag eine Packung Präservative. Im Badezimmerschrank fand Dorothea noch einige andere interessante Dinge. Medikamente gegen Migräne, ein Asthmaspray und eine Packung leichter Schlaftabletten. Im Wohnraum waren sehr wenig Möbel. Zwei Sessel, ein kleiner Tisch und bei der ein Esstisch mit zwei Stühlen davor. Ein größerer Wohnzimmerschrank vervollständigte das Mobiliar. Dorothea öffnete eine der Schranktüren. Das muss wohl die Hausbar seine, dachte sie. Gläser für verschiedene Getränke und ein paar Flaschen mit etwas stärkeren Getränken wie Ouzo, Kräuterlikör, und einen sehr teuren Grappa. Da kannte sie sich gut aus. Keine der Flaschen war angebrochen, alle noch vollkommen neu. Nebendran fand sie dann einige Bilder in Rahmen, die man sehr achtlos da hineingeworfen haben musste. Elena mit einem Mann in ihrem Alter, Hintergrund ein Dorf mit weißen Häusern. Das muss wohl irgendwo in Griechenland aufgenommen worden sein, war Dorotheas Gedanke. Wenn das ihr Freund war, dann war Friedrich ein Quantensprung in Bezug auf Aussehen. Der Kerl neben ihr hatte eine Nase, die ihm sicher den Spotnamen Pinocchio eingebracht hätte. Ein anderes Bild zeigte den Mann mit der markanten Nase in der Uniform eines Marineangehörigen. Soweit sie das beurteilen konnte, war der Mann ein Unterleutnant. Ein weiteres Bild zeigte ein Haus in den Bergen mit einem kleinen scheinbar gepflegten Garten davor. Sie legte die Bilder zurück und versuchte dabei, die Unordnung einzuhalten. Im Fach daneben fand sie einige Ordner mit persönliche Unterlagen. Von der Geburtsurkunde bis zu Versicherungsunterlagen war dort alles vorhanden. Laut Geburtsurkunde war Elene älter als vermutet, geboren wurde sie 1984 auf der Insel Chios. Auch Übersetzungen mit ihrem Abiturzeugnis und Studiennachweise eines Geologistudiums. Auf den Zeugnissen stand allerdings das Geburtsdatum 1988. Das Studium hatte sie ohne Abschluss beendet, dafür hatte sie eine Ausbildung hier in Deutschland als Verwaltungsgehilfin gemacht. Ihr Arbeitsvertrag der Stadt Husum lag auch in diesem Ordner. Nun, die Frau war wirklich auf eine Einladung zu Essen angewiesen, bei dem Gehalt, das sie da bekam. Im zweiten Ordner fand sie einen griechischen Erbschein mit einer bestätigten Übersetzung ins Deutsche und Englische. Sie hatte vor einem Jahr offensichtlich eine größeres Erbe erhalten. Ein Haus auf der Insel Chios, fast einhunderttausend Euro an Barvermögen und ein kleines Aktienpaket.  Haus und Bargeld schienen von ihrem Vater zu stammen, das Aktienpakte wurde ihr von einem Engländer vermacht. Dorothea fotografierte das alles, vielleicht würde man diese Informationen einmal benötigen. Als sie alles zurücklegen wollte, rutschte ein Stück Papier aus einem der Ordner heraus. Eine Studienbestätigung der Christian-Albrechts-Uni in Kiel, sie hatte dort sechs Semester Informatik studiert. Was machte die Frau hier auf einem Amt in Husum, wenn sie solche Voraussetzungen hatte? Einige Ihrer Arbeiten waren mit der Bestnote bewertet worden. Darüber konnte man sich später Gedanken machen, es wurde langsam Zeit, dass sie sich zurückzog. Dorothea warf noch einen Blick in den Kühlschrank. Das Gemüsefach war prall voll mit frischen Gemüsen, der Rest sah eher sehr karg aus. Diätmargarine, Schafskäse und geräucherten Fisch in Folie. Dazu noch ein angebrochenes Glas mit Himbeermarmelade. Das war´s dann. Der kurze Blick ins Schlafzimmer genügte, um ihr klar zu machen, Elena erwartet heute noch Besuch. Es roch zudem sehr stark nach Zimt und Lavendel.

 

Ungesehen konnte sie wieder auf die Straße gelangen. Sie war fast eine Stunde und dreißig Minuten in der Wohnung gewesen. Lange warten musste sie nicht, als die beiden lachend, Arm in Arm die Straße entlang kamen und gemeinsam das Haus betraten. Sie konnte sich denken, dass die beiden nicht nur auf eine Tasse Kaffee hoch gehen würden, aber solange wollte sie nicht warten, bis Friedrich wieder herunter kam. Sie wusste nun erheblich mehr und konnte zurück ins Hotel fahren. Sie hoffte das Julia sich entsprechend verhalten und ihre Tarnung nicht auffliegen würde.

 

  3. März 2017 19.00 Uhr Hotel in Hattstedtermarsch

 

Felin und Betty hatten beschlossen das Warten auf Julia mit einem mit einem Gang in die Sauna des Hotels zu verkürzen. Sie waren alleine in diesem Bereich und konnten sich ohne groß mit Handtüchern zu bedecken in der Sauna hinlegen. Nach dem ersten Gang und einer Abkühlphase wollten sie gerade wieder in die Sauna gehen, als zwei der Journalisten auftauchten und sich ebenfalls in den heißen Bereich begaben. Malte und Konrad hatten so viel Anstand, sich nicht komplett zu entblößen, sondern bedeckten schamvoll ihre Männlichkeit mit einem Handtuch. Auch Betty und Felin wickelten sich in ihre großen Badetücher ein. Der karge Smalltalk erstarb sehr schnell, denn beide Herren waren es offensichtlich nicht gewohnt, in die Sauna zu gehen. Etwas verstohlen schauten sie sich die beiden jungen Frauen an. Beide hatten an unterschiedlichen Stellen lange, dünne, weiße Streifen und auch größere Narben. Oberarme, Schultern und die Schenkel, soweit man sie sehen konnte zeigten, dass die beiden offensichtlich einige Verletzungen davon getragen hatten. Malte fragte - an die beiden Frauen gewandt. "Motorradunfall oder so?" Betty und Felin wussten sofort, was er meinte. "Ja Motoradunfall. Ist schon einige Zeit her." Malte gab sich mit der Antwort zufrieden und bald darauf verabschiedeten sich die beiden Frauen auch aus der Sauna.

 

Als sie weg waren, sprach Malte seinen neu gewonnen Freund Konrad an. "Wenn das Verletzungen von einem Motorradunfall sind, dann fresse ich einen Besen mit Putzeimer. Das sind Schnittwunden und Verletzungen von Schlägen. Ich habe mal eine Bildersammlung von Kriegsverletzungen aus dem ersten Weltkrieg gesehen. Bilder von Bajonette, Hieb- und Stichverletzungen. Und Bilder von Messerstechereien unter Rockern. Die weißen Striche stammen von scharfen Gegenständen, mit der man die Haut aufgeschlitzt hatte. Die eine Narbe bei dieser Felin ist dilettantisch genäht, die andere muss einen ordentlichen Schlag abbekommen haben, das sieht man, weil der Muskel am Oberarm eine Delle hat. Entweder sind sie einmal misshandelt worden oder betreiben einen für Frauen sehr untypischen Sport. Wenn ich das nicht besser wüsste, würde ich sagen, die haben Säbelverletzungen oder von Messern etwas abbekommen. Aber das passt nicht in unser Jahrhundert. Auf der anderen Seite muss ich sagen, die zwei sehen verdammt durchtrainiert aus. Komische Frauen." Konrad nickte, denn er hatte vor ein paar Jahren im Rockermilieu recherchiert und da waren solche Narben wie Orden, die man gerne herzeigte. Er verstand sehr wohl, was Malte da gesehen hatte und fand, dass er das richtig interpretierte.

 

Später dann im Hotelrestaurant sahen die beiden Herren, bis auf einige ihnen unbekannten neuen Gäste, niemanden, den sie vom Vorabend kannten. Die drei jungen Frauen waren nicht da und die etwas ältere auch nicht. Die kam erst, als Konrad und Malte sich in ihre Zimmer zurückziehen wollten. Auch Friedrich kam nicht, aber damit hatten die beiden gerechnet.

 

3.März 22.10 Uhr ICE auf der Strecke von Hamburg nach Karlsruhe

 

Pet und Sophia hatten es gerade noch geschafft, den ICE in den Süden zu erreichen. Gegen 5.30 Uhr mussten sie in Karlsruhe umsteigen, um nach Stuttgart zu gelangen. Wenn der ICE pünktlich war. Aneinander gelehnt dösten sie in der ersten Klasse. Beide hatten den Wecker ihrer Handys gestellt, sodass sie mindestens eine halbe Stunde vor Erreichen des Bahnhofs in Karlsruhe geweckt werden würden. An richtigen Schlaf war nicht zu denken und irgendwann vor Mitternacht besorgte Pet Kaffee. Er war heiß, dunkel und geschmacklich zwischen „ungenießbar und man kann ihn trinken und muss ihn nicht wegleeren“ angesiedelt. "Was erwartet uns im Süden? Ist es das wert, was wir da machen, um zwei Frauen aus einer Klinik zu befreien? Wenn man uns erwischt und alles fliegt auf, ist das nicht gefährlicher, als sie einfach dort zu lassen, bis man sie entlässt?" Sophia hatte sich Gedanken gemacht, welche Risiken das, was sie da tun würden, mit sich bringen könnte. "Nein, ich bin da anderer Meinung, denn wir tragen auch Verantwortung für diese beiden Frauen. Wir haben zwar nicht aktiv dieses Experimente indiziert, aber als wir uns nach unserer Rückkehr auf alles andere eingelassen haben, haben wir dem allem zugestimmt und sind moralisch dazu verpflichtet, den beiden zu helfen. Denn auch unsere Tarnung könnte deshalb auffliegen und ich will nicht erleben, was man dann mit uns machen würde. Die Presse würde über uns herfallen, Wissenschaftler würden versuchen mit uns Experimente zu machen, ob freiwillig oder mit Gewalt. Geheimdienste und Politik wären hinter uns her. Wir hätten keine Chance, irgendwann mal in Frieden zu leben." Sophia musste ihm zustimmen, denn von dieser Seite her hatte sie das nicht betrachtet. Sie würden wirklich nie in Frieden leben können. Wusste sie doch aus eigener Erfahrung, wie man sie alle während ihrer Weltreise bedrängt hatte. Pressevertreter, öffentlich Ordnungsmächte, Politik und manche private Organisation hatte sie ständig im Auge behalten wollen. Ihre Reise glich oft genug eher einer Flucht als einer Weltumsegelung. Und nun waren sie in einer anderen Situation, die noch spannungsgeladener war als vorher. Sie trugen alle ein wissenschaftliches Ereignis in sich, das niemand erfahren durfte. Andere Menschen würden sich vielleicht in diesen Abenteuern sonnen und von aller Welt bewundern lassen, aber sie waren keine Sexsymbole, Filmschauspieler oder andere Prominente, die sich verstecken konnten. Sie waren wissenschaftliche Objekte, prominent und hatten nicht die Mittel, sich zu verstecken. Als ehemalige Weltumsegler konnten sie irgendwann in Vergessenheit geraten, aber als das, was sie dann noch erlebt hatten, ging das nicht. Sie waren quasi wie die Apolloastronauten auf der Mondmission. Die waren bis heute einzigartig. Ihr wurde jetzt erst bewusst, dass sie nie wieder in ihr altes Leben zurückkehren konnte. Sie alle waren mit einer unzerbrechlichen Kette aneinander gefesselt. Der Kaffee schmeckte auf einmal widerlich bitter. Sie ging zur Toilette und leerte den letzten Schluck weg. Dann schaute sie in den Spiegel und sah sich zu ersten Mal seit langem mit anderen Augen. Sah sie nicht müde aus? Sie hatte vergessen, sich zu schminken, die Haare wirkten auf einmal nicht so frisiert, wie sie es wollte. Veränderte sie sich gerade? Was passierte da in ihr?  Als sie zu Pet zurückkam, fragte sie ihn unvermittelt. "Sehe ich heute anders aus? Verändert sich da gerade etwas in mir? Irgendwie habe ich das Gefühl, dass da was ist, was mich in eine dunkle einsame Ecke treibt." Pet sah sie von der Seite an. "Nein du hast dich nicht verändert, siehst ein wenig müde aus, sonst ist nichts. Aber was in dir vorgeht, kann ich verstehen. Wir kommen nicht zur Ruhe, unsere Energie wird ständig abgerufen und unsere tiefen inneren Bedürfnisse werden immer seltener erfüllt. Da schaltet der Kopf auf Trauer, weil er uns signalisieren will, achte mehr auf dich selbst. Man kann das alles logisch erklären. Hormone, Biorhythmus, Zuckerhaushalt was weiß ich noch alles schalten und walten in uns und steuern das alles. Du musst schlafen, was Gutes essen und wird es schon werden. Und du bist nie alleine und wirst nie hilflos sein. Wir haben noch gute zwei Stunden Zeit. Lehne dich an mich und schlafe ein wenig." Gesagt getan, sie lehnte sich an ihn, er umfasste sie mit einem Arm und als sie sich sicher fühlte, konnte sie einschlafen. Im Einschlafen fühlte sie es, was sie wollte. Sicherheit und eine Schulter an der man einschlafen konnte.

 

Zehn Minuten vor dem Umsteigen weckt Pet sie, denn sie kamen wie durch ein Wunder pünktlich in Karlsruhe an und erreichten den ICE nach Stuttgart ohne hektisches Gerenne. Um 6.30 Uhr waren sie in Stuttgart und nahmen sich ein Taxi nach Waiblingen. Als sie um 7.15 Uhr bei Otto am Haus klingelten, war der schon wach. Die Begrüßung der beiden Freunde war mehr als nur herzlich. Sophia meinte sogar bei beiden eine gewisse Feuchtigkeit in den Augen zu sehen. Otto hatte dafür gesorgt, dass die beiden sich frisch machen konnten und etwas Ordentliches zu Essen bekamen. Noch am Frühstückstisch schlief Sophia auf dem Stuhl ein.