Band 4 - Kapitel 27

4. März 2017 8.30 Uhr Hotel in Winnenden

Mariza Colonelli hatte bereits gefrühstückt. Sie wollte ihre Ruhe und war deshalb der erste Gast beim Frühstück. Zeitungen lagen aus und als sie ihr Frühmahl beendet hatte, griff sie nach einer der Zeitungen. Willkürlich, denn welche Zeitung sollte sie denn lesen, damit sie über die Region gut informiert wurde. Wusste sie doch, dass die meisten Artikel die die nationale wie die internationale Politik betrafen, gekauft waren und die wenigen regionalen Teile meist von Journalisten verfasst wurden, die ihren Schreibtischplatz selten verließen. Nur wenn es etwas über einen Kleintierzüchterverein, einen Kindergarten oder gar etwas über einen hundertjährigen Bürger zu berichten gab, eilten sie mit einem Fotoapparat los, um ihrem Bericht ein paar Bilder beifügen zu können. Es ging darum, die Seiten zwischen den bezahlten Annoncen zu füllen. Kaum jemand der Leser machte sich die Mühe, die Glaubwürdigkeit irgendwelcher Berichte oder Reportagen zu überprüfen.

Skandale der zahlreichen Prominenten waren doch wichtiger als Berichte über Gifte, die die Lebensmittel haltbarer machen sollten und dabei gesundheitsschädlich waren. Medikamente wurden auf den Markt geworfen, die versprachen, den Darmkrebs besser besiegen zu können. Dabei hatte man nur die Verpackung und sie selbst geschmacklich etwas verändert. Die Pressemitteilungen der Pharmaindustrie waren einfach so gut, dass man nicht recherchieren, sondern sie einfach nur ein wenig verändern musste, um sie dann in Druck zu geben. Jeden Tag der gleiche Müll, das war ihr Eindruck. War es nicht der zu weiche Stuhlgang eines Schauspielers, dann war irgendeine Katze, die in einem Abflussrohr hängen geblieben war. Und die internationale Politik gab nichts Intelligentes mehr her. Was war aus den USA geworden, aus Europa? Die hochgelobte Demokratien verkamen doch zu Lobbyveranstaltungen mit anschließendem internationalen Händedrücken und Hochglanzbildchen. Die Automobilkrise und die Bankendepression hatte doch gezeigt, dass die Politik nur noch ein Handlanger der Konzerne war. Hat man denn irgendwo gelesen, wie viel Privatkapital die Banken oder wie viele Arbeitsplätze dies beiden Krisen vernichtet hatten. Hochqualifizierte Arbeitsplätze wurden zu Handlangerarbeiten herabgewürdigt. Mariza durchlebte an diesem Morgen mal wieder ihren politischen Frust und verlor sich in ihrer Gedankenwelt. Sie hatte für diese Machtmenschen gearbeitet, manchen miesen Job erledigt und nun saß sie in Winnenden in einem Hotel, um zu frühstücken. Sie sollte sich doch eigentlich eher damit beschäftigen, zwei Irre aus der psychiatrischen Klinik herauszuholen. Frauen aus dem Mittelalter, so ganz war sie nicht davon überzeugt, dass da alles mit rechten Dingen zuging. Aber sie bekam ein gutes Gehalt, dieser Mathias war ein verdammt symphytischer Typ und irgendwie war es doch interessant, für Gunnar Larson zu arbeiten. So eine Type wie Elon Musk, Howard Robard Hughes oder welche Exzentriker es noch gab, die sich Firmenimperien erschaffen hatten. Niemand wusste ob Gunnar Larson Milliardär war oder nur ein paar hundert Millionen besaß. Er hatte einiges erfunden und zu Geld gemacht und so wie es schien, holte er Leute aus dem Mittealter in die Jetztzeit. Ein Fluchthelfer? Jetzt musste sie wegen ihrer eigenen Gedanken lachen und machte einen der Kellner damit auf sich aufmerksam. "Darf ich ihnen noch was bringen?" Ihr Nein enttäuschte ihn und er zog sich in seine Ecke zurück. Bis auf ein junges Paar waren bisher keine weiteren Gäste im Speiseraum. 

 

Es wurde Zeit, sich mit Otto Kraz zu treffen. Sie hatte ein Bild von ihm auf ihr Handy bekommen, damit sie ihn auch erkennen konnte, wenn sie sich begegneten. Sie schaute sich nochmals das Bild an und da stand er schon vor ihr am Tisch. Sie hatte sich ihn größer vorgestellt, als sie aufgestanden war und sie sich mit Handschlag begrüßten. Ein freundlich dreinschauender älterer Herr mit einer kräftigen Hand und einer Stimme, die so neutral klang wie die Durchsage an einem Bahnhof.

 

Bei einer Tasse Kaffee tauschten sie nur kurz ein paar Freundlichkeiten aus und kamen dann schnell zur Sache. Otto hatte inzwischen herausgefunden, dass der behandelnde Arzt in Winnenden direkt wohnte. Ein fünfundvierzigjähriger Junggeselle, der einen Hang zu Protzerei hatte. Der Mann besaß zwei Porsche 911, war Mitglied in einem Golfclub und schrieb ab und zu Artikel für eine Fachzeitschrift. Bewertet wurden die Artikel als mittelmäßig bis unwissenschaftlich. Aber der Psychologe lebte noch vom Ruf seines Vaters, der sich durch erfolgreiche Behandlungen von Kriegstraumaopfern einen gewissen Ruf erarbeitet hatte.  Das waren die Erkenntnisse von Otto, die von Mariza passten gut zu dem, was sie gerade erfahren hatte. Der Psychologe hatte sich zuerst auf das Fachgebiet der Sexualkunde spezialisiert und auch an einer Universität dazu einen Lehrstuhl inne gehabt. Aber offensichtlich waren seine Forschungen doch zu sehr von praktischen Anwendungen bei jüngeren Studentinnen gekennzeichnet, sodass er, um einen Skandal zu vermeiden, seinen Lehrstuhl aufgeben musste und sich dem Fachgebiet seines Vaters zuwendete. Da man Constanze und Marta für Flüchtlingen hielt, die offensichtlich traumatisiert waren, wurden die beiden ihm überstellt. Dreimal in der Woche versuchte er, mit den beiden zu sprechen und viermal in der Woche durften die beiden in Begleitung einer Aufsicht im Park der Klinik spazieren gehen.  Die medikamentöse Behandlung hatte man auf ein Minimum festgelegt, da die beiden weder gewalttätig noch sonst irgendwie auffällig waren. Aus den Berichten konnte man schließen, dass der Arzt weniger Interesse an den beiden hatte wie zur Zeit ihrer Einweisung. Vielleicht lag es auch daran, dass man versuchte, die Unterbringungskosten zu senken und die beiden irgendwann in den Bereich verlegen wollte, wo sie keine so intensive Betreuung benötigen würden. Das sollte bereits in den kommenden drei Tagen geschehen. Die ersten Ausflüge hatten sie unter Beobachtung bereits machen dürfen. Sie wussten damit, wo sie hingehen und wohin sie nicht gehen durften. So ein Ausflug war die beste Gelegenheit, die beiden aus ihrer misslichen Lage zu befreien. Mariza hatte als Mietwagen einen Van mit verdunkelten Scheiben besorgt. Da die beiden Otto kannten, sollte er sie in einem unbeobachteten Augenblick zu sich locken und sie würden in dem Van dann zuerst zu Ottos Haus fahren und später würde Mariza sie nach Nordstrand bringen. Was sie aber unbedingt noch herausfinden mussten, waren die Wirkungen des Medikamentes, das man den beiden verabreichte hatte. Denn man konnte sich diese Psychopharmaka nicht einfach besorgen und man wollte nicht, dass die beiden Entzugserscheinungen haben würden. Der Bericht bezüglich der Verabreichung und der sichtbaren Wirkungen waren in den Arztberichten sehr lückenhaft. Otto wollte diesbezüglich kein Risiko eingehen. Sie beschlossen also, zu Otto zu fahren und sich bei einem der Ärzte auf Gotland wegen des Medikamentes zu erkundigen.

 

Die Anfrage wegen der Behandlung der beiden Frauen in Winnenden wurde an Dr. Reiner Grundmann gesandt. Auf 12.00 Uhr wurde dann eine Telefonkonferenz einberufen. Auf Gotland waren daran der leitende Oberarzt Dr. Reiner Grundmann, Dr. Frederika Soust, die Frauenärztin, der Psychologe Fritz Müller, Gunnar Larson sowie Lars. Pet war von Nordstrand aus zugeschaltet. Mariza und Otto saßen in der Wohnung in Waiblingen zusammen. Jeder von ihnen hatte die gleichen Informationen erhalten. Geleitet wurde die Konferenz von Otto. Zuerst gab Otto seine persönliche Einschätzung zum Geisteszustand der beiden Frauen ab. Dann wurde über die allgemeine medizinische Versorgung gesprochen, die man aus der Dokumentation ersehen konnte. Fritz Müller sprach dann das Thema des Psychopharmakon an, das man verabreicht hatte. "Dieses Mittel ist vollkommen ungeeignet, um psychische Störungen zu behandeln. Es hat nur eine leichte bis mittlere sedierende Wirkung. Es hilft beim Einschlafen und soll vor allem für eine körperliche Entspannung sorgen. Was aber sehr intersannt ist, sind die selten auftretenden Nebenwirkungen diese Medikamentes. Diese Nebenwirkungen treten aber nur auf, wenn gleichzeitig Alkohol verabreicht wird. Geringe Mengen reichen da schon. Der Patient kann sich für einen bestimmten Zeitraum an nichts mehr erinnern. Soll heißen, dass der Patient die Erinnerung nach der Gabe des Medikamentes mit alkoholischem Getränkt für etwas mehr als ein oder gar zwei Stunden verliert. Er wird sie nie an das erinnern, was während dieser Zeit geschehen ist. Körperlich sind die Patienten fit, zeigen keine Störungen, nur das Gehirn scheint eine Blockade zu haben. Man hat das Medikament lange Zeit in Geheimdienstkreisen eingesetzt, da man für einige Zeit im Erinnerungsvermögen des Patienten eindringen kann. Wahrheitsdroge dazu zu sagen wäre nicht ganz richtig. Man kann nur Bruchstücke erfahren, denn dieser Zustand der Patienten variiert zwischen geistiger Abwesenheit und Aufnahmefähigkeit und man kann nie sagen, was jetzt Traum oder Phantasie ist und was real. Dann fallen die Patienten in einen kurzen Dämmerschlaf und wachen vollkommen ruhig auf. Macht man das allerdings im Rahmen des Biorhythmus, also macht man das Abends, wenn der Patient schlafen soll, dann wachen die Probanden nicht auf, sondern schlafen weiter. Es ist ein tiefgreifender Eingriff in die Psyche eines Menschen, wenn man das macht. Vor allem, wenn man das zu oft anwendet, besteht die Gefahr eines Hirnschlages oder es treten epileptische Anfälle auf. So wie ich das hier sehe, besteht für die Frauen Lebensgefahr. Diese Aufzeichnungen zeigen, dass der behandelnde Arzt die Anwendungen nur Abends nach 19.00 Uhr gemacht hatte. Und wir wissen nicht, was er erfahren hat oder was er mit den beiden Frauen sonst noch gemacht hat. Von Manipulation bis sexuellen Übergriffen ist alles möglich. Ja das sind Unterstellungen, aber die äußere ich nur, weil diese Aufzeichnungen des Arztes nicht dem Standard entsprechen und mehr als nur oberflächlich sind." Die allgemeine Empörung war groß, zudem hatte Fritz Müller deutlich gemacht, dass dieser Arzt eventuell Wissen über ihr Projekt gesammelt hatte. Die Entscheidung wurde sehr schnell getroffen. Die Frauen mussten umgehend befreit werden. Sie mussten zudem erfahren, was dieser Arzt schon wusste und warum er die Behandlung der beiden so durchgeführt hatte.

 

Ein Dreierteam wurde aus den Securityleuten zusammengestellt, Fritz Müller und die Frauenärztin sollten das Team begleiten. Pet und Sophia würden ebenfalls dazu stoßen. Flüge waren ab Gotland gebucht, Pet und Sophia würden mit dem ICE über Hamburg anreisen. Hotelzimmer wurden gebucht und Mietwagen besorgt. Man würde sich am kommenden Tag um 10.00 Uhr in der Wohnung von Otto treffen.  

 

4. März 2017 15.00 Uhr Ostsee vor der Küsten von Schweden

 

Die Suchmannschaft war an dem Ort eingetroffen, wo man die Absturzstelle vermutete. Sigrid Larrson suchte mit einem Fernglas die Küste der kleinen Felseninsel ab. Die Wellen an einem der Felsen zeigten etwas Silbriges, wenn sich das Wasser kurz zurückzog. Markus Malstrom sah es dann auch, nachdem ihn die junge Frau darauf aufmerksam gemacht hatte. Sie ankerten in der Nähe und fuhren mit dem Beiboot zu der Stelle. Ein Stück Metall, vielleicht etwas von einem Flügel, ein paar Meter weiter fand Sigrid, die von Erik begleitet wurde noch ein größeres Stück Metall. Isabelle und Maria waren ein Stück weiter in die kleine Insel eingedrungen. Außer ein paar kleine Büschen und Moosen wies das felsige Eiland keinen Bewuchs auf. Sie fanden fast auf der anderen Seite, keine dreißig Meter vom ersten Fundort eines Metallstückes das abgerissene Bugrad. Sie suchten die kleine Insel weiter ab, fanden aber auf diesem vierzig auf dreißig Meter großen Felsenstück nichts mehr. Sigrid fotografierte alles, was sie und wo sie es gefunden hatten. Durch die Verteilung der Fundstücke meinte Markus feststellen zu können, wie die Flug oder Absturzbahn sich weiter ergeben haben könnte. Etwas mehr als zweihundert Meter in dieser Richtung lag nochmals so eine Felseninsel.

 

Mit sehr viel Kraftanstrengung bargen sie ihre Fundstücke und brachten sie auf das Boot und fuhren in Richtung des anderen Felseneilandes weiter. Dort fanden sie nur eine größere Ölspur und Plexiglassplitter. Sonst konnten sie nichts feststellen. Die nächste Felseninsel lag weit außerhalb der vermuteten Flugbahn, sie fuhren aber trotzdem hin und fanden nichts.

 

In einem Zickzackkurs fuhren sie den vermuteten Kurs dann weiter ab. Das Echolot, das Markus zum Aufspüren von Fischschwärmen einsetzte und ihm nun dazu dienen sollte, das Wrack im Wasser zu finden, zeigte nichts an. Auch die Unterwasserkamera, die er teilweise einsetzte, um Touristen den Meeresgrund und Fische zu zeigen, erbrachte keinen Erfolg. Nachdem sie ein Seegebiet von etwas mehr als zehn Kilometer weit und in der Breite von einem Kilometer abgesucht hatten, brachen sie die Suche ab. Es wurde wieder etwas stürmischer und bei der früh einbrechenden Dämmerung konnten sie nicht mehr vernünftig ihre Suche fortsetzen. Markus beschloss deshalb an die Küste zu fahren, um dort in einer geschützten Bucht zu ankern und den Morgen abzuwarten. Platz zum Schlafen für die Mannschaft war genug da und der Proviant würde für einige Tage reichen. 

 

Erik war mal wieder sehr übermütig. Als sie ankerten, zog er sich aus und ließ sich nackt vom Heck aus in das knapp sieben Grad warme Wasser gleiten. Keine drei Minuten später war er wieder an Bord. "Ich werde alt. Ich friere viel zu schnell." Nackt und frierend vor Kälte stand er in der Kajüte. Bis auf Sigrid kannten alle schon seine Eskapaden und schauten einfach weg. Sigrid begann einfach das, was sie da sah, zu fotografieren. "Ich halte das für die Nachwelt fest, leider habe ich meine Spezialobjektiv nicht dabei, sonst könnte ich die wichtigen Kleinigkeiten besser aufnehmen. Wenn ich da zu nahe rangehe, wird´s dann wahrscheinlich unscharf." Das saß. Erik angelte sich schnell ein Handtuch und verschwand im Schlafbereich. Leise wandte sich Sigrid an die beiden anderen. "Ehrlich, für so einen alten Typ ist der ganz schön verschroben, aber sieht verdammt fit aus." Maria und Isabelle nickten nur. Sie kannten die Vorzüge und auch die Nachteile dieses Mannes zu gut.  

 

Markus bereitete in der kleinen Kombüse ein warmes Essen zu. Der Duft von gebratenem Fisch und Kräuterwürze zog durchs Boot. Aus der Box an Deck angelte sich jeder ein Bier und als sie am Tisch saßen und gemeinsam das Essen genossen, wurde es sehr ruhig an Bord. Sie waren alle erschöpft und jeder hing seinen Gedanken nach. Wenn jemand daran geglaubt hatte, Überlebende zu finden, dann war der Glaube nun verschwunden. Als das Schweigen für Maria unerträglich wurde, fragte sie in die Runde. "Was glaubt ihr, wo das Wrack ist? Gesunken oder sind die Einzelteile über das Meer und des Meeresgrund verstreut?" Markus hatte schon eine Idee, was geschehen sein konnte. "Ich vermute, sie haben das Flugbenzin abgelassen und wollten notwassern. Auf der Insel war zu viel Öl. Ich vermute, die haben sich die Hydraulikleitungen und Ölleitungen abgerissen und das Zeug ist über den Felsen dort verteilt. Auch dass sie das Bugrad dort verloren haben zeigt, dass sie den Felsen gestreift haben. Es ist fast schon ein Wunder dass sie zweihundert Meter weit gesegelt sind und dann noch weiter. Ich vermute dass das Notwassern das Ende war. Das Flugzeug ist schnell voll mit Wasser gelaufen und das Wrack ist schnell gesunken. Das Bugrad zeigt auch Brandspuren. Vielleicht hatten sie Feuer an Bord. Durch den Sturm an dem Tag als sie hier waren, könnte das sinkende Flugzeug noch einige hundert Meter auch unter Wasser in der Strömung weiter getrieben sein. Das können nur Provis finden. Die Marine hat vor ein paar Tagen die Suche ja schon abgebrochen. Warum wir die Teile gefunden haben? Durch Zufall und Glück. Und durch die Vorarbeit von Tammy Bernstein. Das gehört bei so was dazu. Wir werden niemanden mehr lebend finden. So leid es mir tut."