Band 4 - Kapitel 26

3. März 9.00 2017 Uhr Ferienhaus auf Nordstrand

Alle hatten sich vorgenommen, etwas mehr für ihre körperliche Fitness zu tun und waren früh spazieren gegangen, danach im Fitnessraum und dann erst gönnten sie sich ein etwas kargeres Frühstück. Allen war bewusst geworden, dass sie mehr für sich selbst tun mussten und der Müßiggang sie träge, unbeweglich und auch wohl etwas denkfaul hatte werden lassen. Bert übte sich in etwas mehr Askese und ging einige Minuten draußen im Garten mit nackten Füßen im matschigen Schnee hin und her.

 

Danach begann Sophia mit den drei Mittelaltermenschen Sprachübungen zu machen. Frida und auch Juli waren besonders begabt und ihr Wissensdurst machten es Sophia immer wieder schwer, die passenden Worte auf ihre Fragen zu finden. Nicht dass Sophia überfordert war, aber es ging vor allem um Themen der Frauen in der Jetztzeit und da fiel es ihr schwer, in Anwesenheit des Bert die passenden erklärenden Worte zu finden. Pet wurde hinzugezogen und der übernahm es dann, Bert gesondert auf die Sprache der heutigen zu erklären. Die Frauen hatten weniger moralische Bedenken, über gewisse Themen zu sprechen als der ehemalige stellvertretende Abt. Von Mann zu Mann konnte er es leichter hinnehmen, Worte auszusprechen, die er zwar kannte und sie zu lernen bereit war, die zu seiner Zeit für ihn vollkommen tabu waren.

Die anderen hatten sich zu einer Gesprächsrunde zusammengefunden, um die von Gunnar gestellte Aufgabe, wie sie sich ihre Zukunft vorstellten, zu besprechen. Was konnten sie tun, um sich beruflich wieder in die Jetztzeit einzubringen? Recht schnell kamen sie zu einem Punkt, der sie länger beschäftigen würde. Sollte jeder für sich alleine etwas tun oder wollten sie gemeinsam ihre Zukunft gestalten?

Sie wollten zusammenbleiben, das war der Tenor ihres Gedankenaustausches. Dann wurde eine Liste erstellt, welche Ausbildung jeder hatte, welche besonderen Fähigkeiten jeder besaß und was sie gerne tun würden. Die Liste war lang und es fehlte natürlich Sophia und Pet sowie die drei Mittelaltermenschen. Sie wollten alle mit einbeziehen in ihre Planung. Keiner sollte außen vor bleiben.

Nichts Besonderes geschah an diesem Tag, außer dass zum ersten Mal seit Wochen die Sonne sich durch die Wolken drückte und die Strahlen ein Gefühl von etwas Wärme aufkommen ließen.

Die Vierbeiner wunderten sich nur darüber, dass sie an diesem Tag öfters längere Spaziergänge machen durften. Auch ein Effekt des Fitnessprogamms.

 3. März 2017 9.50 Uhr Hotel in Hattstedtermarsch

Malte Sorensen, Friedrich Bauer und Konrad Breitenbacher saßen immer noch im Frühstücksraum ihres Hotels. Die Auswertung der Fotografien hatten keine neuen Erkenntnisse gebracht. Das Gesicht des Unbekannten war trotz der Bildbearbeitungsprogramme, die sie besaßen, nicht deutlich zu machen gewesen. Nur seine auffällig aufrechte Haltung und sein langer grauer Bart, den man auf den drei Bildern erkennen konnte, blieb ihnen als Erkennungsmerkmal. Wo würden sie mehr erfahren und für ihren Story verwerten können? Auf Gotland, wo sie fast keine Möglichkeit sahen, hinter den Zaun und die Mauern zu schauen, oder hier im Norden Deutschlands? Das Ferienhaus konnte man von der Straße aus gut sehen, aber rund um das Gelände war ein dichtes Gebüsch, das trotz der fehlenden Blätter zusammen mit den Sichtschutzwänden keinen Einblick in den Garten und auf die Terrasse erlaubte. Dass Pet inzwischen schon ein Bild von seinem Konterfei erhalten haben könnte, vermutete Malte Sorensen. Also so einfach um das Geländer herumzuschleichen, ohne aufzufallen, war nicht möglich. Bei ihrer Suche nach Möglichkeiten, dem Ferienhaus näher zu kommen, entdeckten sie bei ihrer Suche auf Google Maps, dass etwas mehr als achtzig Meter vom Haus entfernt am Deich ein Gebäude stand. Sie fuhren also mit dem Auto dort hin und sahen, dass es sich um einen Stall handelte. Wie es ihnen schien, war der nicht mehr in Gebrauch, denn vor der Stalltür sahen sie keine Spuren, weder von Menschen noch von Tieren. Von innen waren auch keine Geräusche zu hören. Friedrich brach die Stalltür auf und drang in den Stall ein. Es war dunkel in dem Gebäude und so musste er die Taschenlampe, die in seinem Handy integriert war, einschalten. Er leuchtet sein Umfeld aus und sah nur ein paar alte Reifen, einen Handkarren, Leitern und sonst nichts. Der Stall maß zehn auf acht Meter und war etwas mehr als drei Meter hoch. Eine Leiter führte auf eine Art Trockenboden hoch. Dort oben fand Friedrich ein Fenster, das genau zum Ferienhaus der Nordstrandpiraten den Blick eröffnete. Malte und Konrad standen Schmiere vor den Eingang und als Friedrich nach draußen kam und einen Fotoapparat mit einem Teleobjektiv verlangte, waren sie alle begeistert. Hatten sie doch sehr wahrscheinlich den Platz gefunden, der es ihnen ermöglichte, das Haus aus sicherer Entfernung zu beobachten. Friedrich legte sich hin, stellte den Fotoapparat mit dem Teleobjektiv auf das Stativ und suchte dann das Haus. Fast hätte er laut gejubelt. Er konnte das Haus, die Fenster und ein Stück des Vorgartens bestens beobachten. Keines der Fenster hatte Vorhänge und so hatte er teilweise einen guten Einblick in die Zimmer. Nur durch die Dachfenster konnte er nicht schauen, Die Schräge der Fenster und das Licht, das sich darin spiegelte, verhinderten das. Schnell machte er noch ein paar Bilder von den Fenstern, der Haustüre und vom Garten und stieg dann die Leiter hinunter. Draußen berichtete er den beiden anderen von dem, was er entdeckt hatte und welche Möglichkeiten ihnen dieser Standort eröffnete. Konrad richtete die Türe so wieder hin, dass so gut wie möglich keine Einbruchsspuren zu entdecken waren. Dann verschwanden sie wieder in Richtung ihres Hotels.

Im Hotel schauten sie sich die Bilder auf dem Monitor eines Laptops an, konnten aber nichts Auffälliges entdecken. "Wir sollten uns erkundigen, wem diese Scheune gehört. Dann fragen wir, ob wir dort Tieraufnahmen machen können. Wenn wir dort ungestört arbeiten könnten, wäre es besser für uns. Wie kommen wir da an die Adresse ran? Das Katasteramt gibt nicht so ohne weiteres den Eigentümer bekannt. Hier in Deutschland sind die staatlichen Funktionen doch sehr darauf bedacht, das bisschen an Macht gegenüber dem hilfesuchenden Bürger auszukosten." Das Gelächter, das dann folgte, war unschön und laut, aber sicher berechtigt. Friedrich suchte die Adresse des Amtes heraus und rief dort an. Eine nette weibliche Stimme meldete sich am anderen Ende der Leitung. Sehr eloquent und mit sehr vielen Fremdworten durchsetzt versuchte Friedrich herauszufinden, wie empfänglich die Dame für kleine charmante Gefälligkeiten war, ohne dabei sein wirkliches Ansinnen zu verraten. Nach zehn Minuten Gespräch wusste er, dass sie neu im Amt, sie sechsundzwanzig Jahre alt und unverheiratet war. Und sie ging gerne Essen, beziehungsweise ließ sich gerne ausführen. Friedrich verriet nur so viel, dass er ein bekannter Fotograf war, dass er vor ein paar wütenden Prominenten aus New York sich hierher zurückgezogen hatte und dass er auf der Suche nach Motiven war, die Nordstrand im beginnenden Frühling  zeigten. Er habe einige Objekte gesehen und wollte sich versichern, dass er hier urheberrechtlich keine Problem bekam, damit er hier Aufnahmen machen konnte. Die junge Damen war so fasziniert von seiner Ausdrucksweise, dass sie einen Termin auf dem Amt mit ihm machte, ohne zu fragen, was er überhaupt von ihr wollte. Ein Termin kurz vor Feierabend war einfach zu verlockend, sodass Friedrich es sicher gelingen würde, die Dame zum Essen auszuführen.

Zum Abendessen saßen die drei Journalisten wieder beisammen. Einheitsessen wie so oft, Pommes Frites, Schnitzel und Salat, dazu Bier und laute Gespräche. Allerdings wurden die Gespräche leiser, als sich an den Nebentisch drei junge Damen setzten. Bald wussten die Journalisten, wie die Damen mit Vornamen hießen. Juli, Betty und Felin und sie bestellten sie sehr ausgefallene Speisen. Eine war offensichtlich Vegetarierin, die ganz Schlanke und wahrscheinlich die Jüngste. Die drei Männer registrieren in ihrem Gedächtnis, dass sie Felin gerufen wurde. Sie hatte ein asiatisches Aussehen, aber sprach ein einwandfreies Deutsch. Juli, die andere wollte Fisch essen und fand auch einen, den sie genießen wollte. Sie war wohl die Älteste, denn immer maßregelte sie die anderen beiden Damen. Die Dritte im Bunde, eine Betty, brauchte sehr lange, bis sie wusste, was sie zu essen wünschte. Was absolut Landestypische, Sauerfleisch mit Bratkartoffeln und ein Bier dazu. Sie plauderten locker, laut und sehr unbedarft, sodass die Herren mitbekamen, dass die Damen sich einige Tage auf einer Abenteuertour befanden. Warum hier auf dem Land, wo nichts passieren würde, weit weg von Diskos, Shoppingcentern und anderen Vergnügungen für Frauen in diesem abenteuerlustigen Alter? Diese Frage stellen sich die Männer von der schreibenden Zunft nicht, sie waren so auf diese Frauen fixiert, dass sie sich diese doch sehr wichtige Frage nicht stellten. Ihnen fiel auch nicht auf, dass sich, als ihr erstes Interesse nachließ, nur immer zwei der Frauen unterhielten und die dritte, die am nächsten zu ihrem Tisch saß, schwieg und sich offensichtlich auf ein Schriftstück konzentrierte, das vor ihr lag. Ihr Kopf rückte auch etwas in ihre Richtung, als Friedrich nochmals von dem kommenden Rendezvous mit der leichtgläubigen Frau vom Katasteramt sprach. Und die anderen Gäste kümmerten sich nur um sich selbst und ihre Essen vor sich auf den Tischen. Niemand beachtete die Frau, die nur zwei Tische weiter von den jungen Frauen alleine an einem Tisch saß und nach dem Essen in einer Zeitung las.

Als dann zu etwas später Stunde die Damen sich noch an die Hotelbar begaben, folgten ihnen vier weitere Gäste in einem Minutenabstand. Die Damen bestellten sich zuerst einigen bekannten Cocktails, um dann zu Sekt überzugehen. Nur der Barkeeper wusste, dass die Damen sich alles nur alkoholfrei bestellten. Ihr Lachen aber deutete auf einen erhöhten Alkoholspiegel hin und Friedrich machte sich auf und wollte eine Gespräch mit den Frauen anfangen. Bekam sofort eine üble Abfuhr von Julia, der schwesterlichen Gouvernante. Aber Felin drückte sie in den Hintergrund und plauderte wild drauf los. Und bald waren Betty, Felin und Friedrich in Gespräche vertieft, die doch oft ins Frivole ableiteten.

Irgendwann verschwand Konrad Breitenbacher auf den Weg in sein Zimmer und überließ den beiden Kollegen das Feld am Tresen. Denn inzwischen hatte auch die strenge dreinblickende Dorothea in Malte Sorensen einen Gesprächspartner gefunden.

Auf Umwegen kam Konrad am Empfang vorbei, der wie üblich nicht besetzt war. und nahm Einblick in das elektronische Anmeldebuch. Dort suchte er sich die Adressen der Damen und fand alle für ihn wichtigen Daten. Alter und den Familiennamen Benson, der Name kam ihm zwar bekannt vor, aber er wusste nichts mehr damit an zu fangen. Er würde sich Morgen oder auch später darum kümmern.

Kurz nach Mitternacht machten sich die drei Damen unvermittelt auf, verabschiedeten sich und verschwanden sehr schnell auf ihre Zimmer. Friedrich war etwas enttäuscht, denn er hatte sich noch etwas mehr von diesem Abend erwartet, aber das konnte sich ja irgendwann noch ergeben.

Malte verabschiedete sich auch von Dorothea und ging mit seinem sehr angetrunkenen Freund Friedrich auf ihr Zimmer. Er hatte nicht bemerkt, dass ihm Dorothea das Handy aus der Tasche genommen hatte. Sie lud sich alle Daten, die sie finden konnte, auf ihr Handy und ging dann zum Barkeeper, um ihm ihren Fund zu übergeben.

Eine Stunde später hatte Tammy Bernstein alles auf ihrem Laptop.

Am frühen Morgen trafen die drei jungen Frauen Dorothea Walter im Fitnessraum des Hotels. Von den Herren war nichts zu sehen, obwohl zumindest Friedrich versprochen hatte, dass er auch kommen würde.

Erst nachdem die Damen ihr Frühstück beendet hatten und den Frühstücksraum verließen, trafen sie die Herren wieder. Mit einem „Wir sehen uns“ verabschiedete man sich und ging seiner Wege. Julia hatte inzwischen die Adresse des Katasteramtes gefunden und wusste, wo sie um 15.30 Uhr zu sein hatte. Sie beschlossen eine Besichtigungstour auf Nordstrand zu machen, aber vorher sorgten sie dafür, dass die Herren ihnen nicht folgen konnten, oder dass sie sich zufällig auf der Insel treffen würden. Ein tiefer Riss in einem der Reifen sorgte dafür, dass sich der Druck langsam aber sicher aus dem Gummi entfernen würde. Mit dem Frühstück (Nach dem Entdecken des Schadens und dem Reifenwechsel, würden sicher drei bis vier Stunden vergehen. Solange glaubten sie vor Verfolgern sicher zu sein. Das würde aber auf jeden Fall reichen, dass Friedrich pünktlich beim Katasteramt erscheinen konnte.)

Friedrich war pünktlich im Amt und fand seine Ansprechpartnerin. Frau Elene Euphos empfing ihn und bat, ihn Platz auf dem Stuhl nehmen. Nach einem kurzen verbalen abtasten, ein bisschen anlächeln kam Frau Euphos zum Thema. Was wollte denn der Fremde von ihr?  "Ich bin Fotograf und habe einige Punkte auf Nordstrand gefunden, wo ich gerne meine Kamera aufbauen würde, um die Natur zu fotografieren. Drei dieser Plätze liegen offensichtlich auf Privatgrundstücken, die ich nicht so ohne weiteres betreten darf. Vor allem ein Grundstück liegt für meine Aufnahmen so günstig, dass ich den alten Stall, der dort steht gerne als Ausganspunkt für meine Fotoserie nehmen würde. Nur ich kann den Stall nicht einfach betreten und sollte deshalb wissen, wem der gehört oder wen ich dazu befragen könnte." Dann beschrieb Friedrich ihr den genauen Standort und gab ihr auch ein paar Fotos, die den Stall und die Straße davor zeigten. Frau Elene Euphos war sich ihrer Funktion auf diesem Amt sehr wohl bewusst, denn sie durfte nicht einfach irgendwelche Auskünfte über Besitzverhältnisse eines Grundstückes oder eines Stalles geben. Dazu musste man eine schriftliche Anfrage mit Begründung stellen und die Begründung, ob eine Anfrage beantwortet werden würde, war meist nur eine. Wollte jemand das Grundstück erwerben, sollte dort in der Nachbarschaft ein Gebäude gebaut werden oder lagen öffentliche Interessen vor? Fotografieren gehörte nicht zu den Begründungen, die so eine Anfrage rechtfertigten. Also musste das Amt beim Besitzer nachfragen, ob sie dem Anfragenden die entsprechenden Informationen geben durfte. Das konnte dauern. Aber Elena wäre keine Elena, wenn es dafür keine anderen Möglichkeiten gäbe. Schließlich galt es ja, einen gutaussehenden Künstler zu unterstützen. Sie ließ sich das Versprechen geben, niemandem zu verraten, woher er diese Information hatte, dafür würde sie am Abend mit dem netten Friedrich Bauer essen gehen. "Das Grundstück gehörte einer Immobiliengesellschaft auf Gotland und wurde jetzt auf eine Anwaltskanzlei übertragen. Dieser Kanzlei gehören neben diesem Grundstück, wo der Stall stand, noch weitere auf Häuser und Grundstücke auf Nordstrand . Der Fotograf hörte nur das Wort Mathias und nicht einmal mehr den Nachnamen, denn er war sofort im Bilde. Gunnar, Mathias, also die Nordstrandpiraten hatten Immobilienbesitz auf Nordstrand! Er notierte sich noch die Adresse der Kanzlei, dann signalisierte Frau Elena Euphos, dass sie nun Feierabend habe. "Ist wohl ein bisschen früh, um Essen zu gehen, oder was meinen Sie? Wo wohnen Sie denn, Herr Bauer?" Friedrich berichtete ihr das und gab ihr zu verstehen, dass er etwas weiter ab in einem Hotel wohnen würde. Um alles etwas einfacher zur gestalten bat Elena den sympathischen Fotografen mit zu sich nach Hause, denn sie wollte sich vor dem Abendessen noch frisch machen.

 

Der Abend fängt gut an, dachte der Fotograf. Wenn man sich die gewaltige Nase von Elena wegdachte, sah sie eigentlich ganz gut aus. Also fuhr die gute Elena samt Fotograf nach Hause und harrten, was da noch alles passieren würde. Während die Frau sich bereit machte, um ihr Büro zu verlassen, schickte Friedrich die Informationen noch weiter an Malte.