Band 4 - Kapitel 25

2. März 2017  Scandic Hotel 10.00 Uhr im Frühstücksraum

Dorothea Walter schaute Malte Krahn und Mathias erstaunt an. Sie sollte also nun am kommenden Tag einhundertfünfzig Kilometer weiter reisen. Ein Zimmer im Hotel in Hattstedtermarsch würde ab dem kommenden Tag gebucht und sie sollte die drei Freundinnen beschützen, dabei aber noch drei Journalisten beobachten. Aber die drei Journalisten sollte sie sich nicht nur anschauen, sie sollte herausfinden, wer der Auftraggeber für deren Tätigkeit war. Da niemand dort ihre Identität kannte, würde sie das ohne Versteckspiel tun können. Die Bilder der Personen wurden ihr auf ihr Handy geschickt. Malte erwähnte dann aber noch, dass sich zwei aus der Blauszahnsiedlung in der Nähe aufhalten würden. Carlo und Luigi würde man zur gegebenen Zeit auch über ihre Anwesenheit informieren. Dorothea stellte noch einige Fragen zu ihrem Auftrag, die Malte bis auf eine alle beantworten konnte. Die letzte Frage, die sie stellte, sollte dann Mathias beantworten. "Ist vorgesehen, dass ich eventuell auch mit etwas Nachdruck über den Auftraggeber erfahren soll?" Mathias überlegte und rief dann in Anwesenheit aller Gunnar an. Seine Antwort überraschte niemanden. "Wenn es sein muss, sollten wir auch mit etwas unsauberen Mitteln zur Erfüllung des Auftrages vorgehen. Dazu sollte Dorothea aber jemanden anfordern, der die entsprechenden Mittel anwenden würde. Das bedeutet, wenn es sein muss und alle anderen Mittel ausgeschöpft sind." Das war eine klare Antwort und alle drei konnten sich damit einverstanden erklären. Da es galt, alle Nordstrandpiraten und die Mittelaltermenschen zu schützen, würde man eventuell zu Methoden greifen müssen, um das Ziel zu erreichen. "Und warum sind dann die drei Frauen im Hotel, wenn die den gleichen Auftrag habe? Welchen Sinn macht es, dass ich dann unerkannt parallel auf das gleiche Ziel hinarbeite?"

Die Frage von Dorothea war sicher berechtigt. "Wenn die drei Frauen mit ihrem Auftrag scheitern sollten, weil sie erkannt werden, muss noch jemand da sein, der weitermacht. Denn dann wird es für uns alle sehr gefährlich und diese Absicherung müssen wir haben. Das bedeutet nicht, dass wir Betty, Felin und Julia nicht trauen, aber sie müssen beschützt werden und ob sie so viel Einfühlungsvermögen besitzen und mit der Verschlagenheit dieser Journalisten zurechtkommen, wissen wir nicht. Wir haben die Frauen auf den Weg gebracht, bevor wir uns nun dazu entschlossen haben, dich zusätzlich dazu einzusetzen. Wir reagieren derzeit mehr, als dass wir gut geplant vorgehen. Das müssen wir korrigieren. Ja wir sind etwas in Panik geraten, als wir mit der Situation konfrontiert wurden. Dass wir dich eingestellt haben ermöglicht uns, es nun besser zu machen. Wenn du andere Ideen hast, dann bitte sage uns das." Mathias wollte einfach nur das Beste und merkte, wie Malte auch, dass sie wohl alle etwas zu hektisch reagiert hatten. Aber die Aktion war angelaufen und sollte weitergehen. Zudem benötigten alle einfach wieder Herausforderungen, die mit etwas Anspannung verbunden waren, sonst würden sie sich alle hilflos vorkommen und das war nicht gut. Dorothea nickte, sie hatte verstanden, dass sie so etwas wie ein Rettungsanker war und spannend war es allemal. Was sie nicht sagte, sie war einfach neugierig, Mittelaltermenschen kennen zu lernen. Wie waren diese Leute, waren sie anders als die modernen Menschen? Die halbe Welt kannte die Geschichte der Nordstrandpiraten und sie wurde jetzt in diese Gruppe aufgenommen. Wer würde da nicht zugreifen, an einem der größten Abenteuer, die es noch geben konnte, teilzunehmen. Sie kannte noch einen Teil der Namen der verrückten Typen, Lars, Erik, Jan, John, Greg und Marc und viele andere mehr. Wo waren sie alle? Sie würde diese alten Männer kennenlernen, die so viel erreicht und geleistet hatten. Sie war nun auch schon etwas angejahrt und man gab ihr die Chance ihres Lebens, noch ein Sahnehäubchen draufzusetzen. Diese Leute tickten auf jeden Fall anders, als alles, was sie bisher kennengelernt hatte.

 

2. März 2017 12.00 Uhr Gotland Blauzahnsiedlung

 

Tammy Bernstein hatte inzwischen einen Weg gefunden, sich in den Computer des psychiatrischen Klinik in Waiblingen einzuhacken. Sie fand die Bilder der zwei Frauen und die Krankenakten. Sie schickte die Bilder an Otto und der konnte bestätigen, dass es sich um Constanze und Ihre Tochter Marta handelte. Auch sie waren also in der Jetztzeit angekommen. Beide wurden als psychisch krank und verwirrt beschrieben und waren unter Drogen gesetzt worden. Bisher waren nur medikamentöse Behandlungen angesetzt worden. Die Polizei suchte halbherzig nach Verwandten der Kranken und man erhoffte sich nach einiger Zeit der Ruhigstellung, dass die beiden dann Auskünfte geben konnten. Man vermutete sogar, dass die beiden Flüchtlinge aus Syrien oder aus einem andern arabischen Staat waren, die während ihrer Flucht den Verstand verloren hatten. Waren doch viele Menschen in Deutschland angekommen, die keine vernünftigen Auskünfte über ihre Herkunft geben konnten oder wollten. Man stufte sie sie indirekt in diesen Gruppe ein und wartete ab. Die Politik hatte bereits Einfluss genommen, um die beiden weit entfernt von Presse oder Öffentlichkeit zu halten. Passte es doch gar nicht ins das Bild der Flüchtlinge, die sich auf den Weg nach Europa gemacht hatten, um dort Sicherheit und Frieden zu finden. Sie konnten weder die Sprache der Flüchtlinge, noch wussten sie, woher sie kamen. Sie sagten etwas von „ Ghibellinen, sid gegrüßet, edle Reck, irrsal, Otto vonde Kraze, mächtig Mühsal, „das klang alles wie ein kaputtes Deutsch. Zudem trugen sie Kleidung, die hier und auch im nahen und fernen Osten niemand kannte. Als ein Arzt die ältere der beiden untersuchen wollte, verabreichte sie dem Mann eine ordentliche Ohrfeige und beschimpfte ihn als „keine Buhle von der meine“. Auch die junge Frau, wahrscheinlich ihre Tochter, verhielt sich sehr auffällig. Die Aufnahme- und Arztberichte waren voll von Mutmaßungen. Man hatte die beiden vermessen, gewogen, Blut abgezapft und sie waren körperlich gesund.

 

Otto war schnell klar, als er all das gelesen hatte, dass er die beiden so schnell wie möglich aus diesem Klinikum herausholen musste. Er schickte deshalb eine Nachricht an Gunnar und bat ihn nochmals um Unterstützung. Am 3. März am frühen Morgen bekam er die Antwort, auf die Otto gewartet hatte. Eine Mariza Colonelli würde sich bei ihm melden und gemeinsam sollten sie einen Plan entwickeln, die beiden aus der Klinik zu befreien.

 

3. März 2017 10.00 Uhr Blauzahnsiedlung

 

Gunnar schüttelte immer wieder den Kopf. Alleine saß er in seinem Büro und fragte sich, was er da angerichtet hatte. Wie sollte das alles enden? Er hatte das Gefühl, dass ihm nun alles über den Kopf wachsen würde. Die Suchmannschaft war unterwegs, um das verschollene Flugzeug zu suchen. Auf Nordstrand versuchten seine Leute, die Journalisten zu überwachen, die ihrem Geheimnis auf der Spur waren. Wie lange würde es wohl noch dauern, bis sich die Behörden intensiv um ihn und sein Projekt interessieren würden? Nur eines war sicher, die Nordstrandpiraten waren verschlagener und zäher als er gedacht hatte. Die alten Männer, die Frauenmannschaft und auch Simon mit seinen Leuten waren eine eingeschworene Mannschaft, auf die er sich verlassen konnte und auch die andern. Gab es Schwachstellen? Ja natürlich gab es die, aber nicht innerhalb der Projektteilnehmer. Selbst die fast schon zu erwartenden Reibereien unter den Geschlechtern oder den Altersgruppen gab es nicht.

 

War es die Seereise oder auch der Aufenthalt im Mittelalter, der sie alle so geformt hatte? War so ein Abenteuer dazu geeignet, die Geschlechter, die unterschiedlichen Altersgruppen und die verschiedenen Bildungsniveaus zu einer Gruppe zu formen, die so gut funktionierte? Fast schon konnte man das als harmonisch bezeichnen. Es schien so, denn er selbst hatte am Anfang nur auf die Führungsqualitäten von Männern gesetzt. Nun aber war er soweit, dass er es anders sah. Er hatte seit der Zusammenarbeit mit den Seefahrern und Zeitreisenden gelernt, dass jung und alt, Mann oder Frau, sehr gut zusammenarbeiten konnten. War es die außergewöhnlich Situation, die das zu Wege gebracht hat? Sicherlich war es die außergewöhnliche Situation, die das herbeiführte. Die Schwarmintelligenz einer solchen Gruppe war unschlagbar. Keine Machtkämpfe untereinander, die das Projekt bremste oder ins Schwanken brachte. Vielleicht kamen die erst.

 

Oder war das alles nur eine Scharade? Einige von ihnen hatten im Mittelalter im Kampf Menschen mit primitiven Mitteln wie Schwerter, Äxten, mit Bolzen oder Pfeilen getötet. Es gab Verwundete und......keiner von ihnen war gestorben. Verwundet ja, aber keiner war im Kampf getötet worden. Waren sie so gut, dass sie unsterblich waren? Nein, das war nicht möglich. Seine Gedanken drehten sich immer wieder um ein Thema. Hatte das Mittelalter diese Menschen so verändert? Oder war es schon diese Seereise? Vor allem, wie weit hatte diese Zeit den Charakter dieser Menschen verändert?

 

Dann wurde er aus seinen Gedanken aufgeschreckt, als er die Nachricht erhielt, dass sich die Suchmannschaft auf den Weg gemacht hatte, das Flugzeug zu suchen.

 

Als nächstes bekam er von Mathias die eine Mailnachricht, dass man drei neue Mitarbeiter hatte. Gesprächsnotizen, Arbeitsverträge und Informationen über ihre Einsatzorte waren beigefügt. Wie immer hatte der Anwalt alles akkurat zusammengestellt. Kopien der Arbeitsverträge gingen sofort an seinen Vermögensverwalter mit der Aufforderungen, den dreien auch Kreditkarten erstellen zu lassen.

 

Erst jetzt gestattete sich Gunnar, sich in seinem Bürostuhl etwas zurückzulehnen und seine Gedanken von Befürchtungen und Vorbehalten zu befreien.

 

3. März 2017 Scandic Hotel 10.00 Uhr im Frühstücksraum

 

Es waren arbeitsreiche Tage für Mathias und Malte. Sie hatten ihre Aufgaben erledigt und konnten zurück nach Gotland reisen. Ihr Flugzeug würde um 13.20 Uhr starten, also blieb ihnen noch etwas Zeit, in aller Ruhe beim Frühstück die Zeitungen zu lesen, die man ausgelegt hatte. Das Hotel war hier sehr großzügig, denn es waren auch regionale Zeitungen in der Auslage. Malte las einen Artikel über den Tod eines Menschen in einem einsamen Haus in Süddeutschland. Mal wurde in der Nähe von Göppingen als Ort angegeben und ein paar Zeilen darunter Schorndorf. Offensichtlich ging man von einem Unfall aus, was aber das aufgeräumte Haus betraf, war man sich noch nicht sicher, ob es sich um zwei unterschiedlich Szenarien handeln könnte. Die Bewohner aus dem Haus gegenüber hatte man bisher noch nicht befragen können. Das wusste auch Malte, einer davon war in Waiblingen und die anderen auf Nordstrand. Was ihn dann allerdings etwas unruhig werden ließ, waren die letzten Zeilen in diesem Zeitungsartikel. Der Tote soll an einem Internetpornoring beteiligt gewesen sein und man verfolge derzeit Spuren im Internet auf den sogenannten Darknet Seiten.

 

Malte fotografierte den Artikel und schickte ihn nach Gotland an Tammy Bernstein. Sie sollte nachforschen, was man bisher wusste oder ob es noch Spuren von dem Netzwerk des Mannes gab.

 

Um 11.00 Uhr checkten die beiden aus und fuhren mit dem Taxi zum Flughafen. Auf dem Wege dorthin bekam Malte die ersten Nachrichten der neuen Mitarbeiter. Bernard Noir bat darum, sich schon am 5. März in Gotland melden zu dürfen, natürlich ohne Bezahlung. Er wollte sich einfach dort ein wenig umschauen. Er nannte das Geländeerkundung betreiben.  Dorothea Walter war auf dem Wege nach Nordstrand. Dort würde sie zuerst die Umgebung des Ferienhauses erkunden, um dann ins Hotel weiterzufahren. Dort konnte sie sich frei bewegen. Niemand kannte ihren Auftrag und als einsame Frau zu der Jahreszeit in einem Hotel würde sie nicht unbedingt auffallen. Mariza Colonelli war auf dem Weg zum Flughafen. Ihr Flug nach Stuttgart sollte um 13.35 Uhr starten. Otto war bereits informiert und das erste Treffen der beiden sollte am kommenden Tag im Hotel in Winnenden, keine vierhundert Meter von der Klinik entfernt, stattfinden.

 

Und die Nordstrandpiraten hatten wieder einmal ordentlich Kosten verursacht. Sie hatten zwar nur zwei gebrauchte Van gekauft, aber die kosteten zusammen immerhin einhundert zehntausend Euro. Das war sehr viel Geld und sie mussten langsam auf die Kostenbremse drücken. Also bekam Pet eine kurze aber klare Anweisung oder feiner ausgedrückt eine Bitte übermittelt, dass man etwas besser auf die Ausgaben achten sollte. Zurück kam von Pet auf Whatsapp eine Emoji mit einem weinenden gelben Kopf und zwei Worten. Haben verstanden.

 

Ohne dass sich die Wege auf dem Flughafenterminal kreuzten, stiegen alle in ihre Flugzeuge. Alles war nun am Laufen und man musste nun abwarten, was die neuen Aktionen für Ergebnisse brachten.

 

3. März 2017 13.30 Uhr auf Gotland, Blauzahnsiedlung

 

Jan, Gunnar und Birgit saßen zusammen, um zu beraten, welche Geschäfte sie nach außen hin betreiben konnten. Jan hatte aus früheren Jahren noch einiges an Kapital, das er einsetzten konnten, Birgit besaß immer noch Anteile an dem Restaurant ihres verstorbenen Gatten in Hamburg und einige Boutiquen in Hamburg und Umland. Zudem besaß sie noch Markenrechte an einem Modelabel, das man ausbauen konnte. John hatte schon vor einiger Zeit signalisiert, dass er in Schottland das Hotel seines Vaters geerbt hatte, das derzeit von einem Geschäftsführer geleitet wurde. Jose und Alberto hatten immer noch ihre Weinberge, die von einem Pächter bewirtschaftet wurden und die Brüder Carlo und Luigi ihr Hotel und auch ein paar Weinberge auf Sizilien. Zudem konnten die Nordstrandpiraten ihre Verbindungen zum Vatikan etwas auffrischen, um auch hier eventuell Geschäfte zu generieren. Julia Piro hatte da immer noch Kontakte. Da ließ sich doch sicher etwas konstruieren, das dem allem, was sie machten, eine seriöses Bild nach außen vermittelte. Gunnar besaß immer noch ein medizinisches Labor in Schleswig Holstein, das sich vor allem mit Blutuntersuchungen einen Namen gemacht hatte und als zweites Standbein Lebensmitteluntersuchungen vornahm. Zudem hatte er noch sehr viel Immobilienbesitz in Europa und Aktionenbesitz von einigen gut verdienenden Unternehmen. Dann kamen da noch die Gelder aus einem Teil seiner Patente, die ebenfalls zehn Jahre lang fließen würden. Und trotzdem mussten sie sich geschäftliche Aktivitäten suchen, die ihre Existenz glaubwürdig machen würden. Nicht alle waren Rentner und bezogen dort ihre Gelder her. Vor allem die Frauen waren bis auf wenige Ausnahmen von der Blauzahnaktion abhängig. Das durfte nicht sein. Er hatte an vieles gedacht, aber nicht an das, was am naheliegendsten war. Jeder hatte das Bedürfnis, für sich selbst zu sorgen und damit unabhängig zu sein. Und für viele gab es noch eine jahrzehntelange Zukunft in ihrem Leben, das mit Arbeit und Selbstbestimmung gestaltet werden sollte.