Band 4 - Kapitel 24

2. März 2017 9.50 Uhr Hotel in Hattstedtermarsch

 

Malte Sorensen kannte nun seine beiden neuen Kollegen. Friedrich Bauer, ein dreiunddreißigjähriger Journalist und sein Freund und Kollege Konrad Breitenbacher, der mit seinen neununddreißig Jahren eher wie über fünfzig aussah. Er rauchte bei jeder Gelegenheit selbstgedrehte Zigaretten und wirkte sehr nervös. Er hatte an diesem Morgen schon drei Mal den Frühstückstisch verlassen, um draußen vor dem Hotel zu rauchen. Die drei hatten sich vom Moment, als sie sich am Flughafen begrüßten, bestens verstanden. Die drei waren Jäger und ihr Wild waren Storys, Geschichten und Bilder, die die Welt besser nicht sehen sollte. Breitenbacher war der Fotograf der Gruppe. Sobald er einen Fotoapparat in der Hand hatte, wurde er ruhig. Der Kasten war wie eine Droge für ihn und die Bilder, die er machte, waren gut. Zudem hatte er Bildbearbeitungsprogramme auf seinem Laptop, die Malte noch nie gesehen oder gar von denen er gehört hatte. Friedrich Bauer dagegen wirkte wie ein ewiger Student. Gebildet, ein lockerer Typus und zudem ein Verwandlungskünstler. Das konnte Malte schon dreimal feststellen. Am Flughafen sahen beide etwas heruntergekommen aus. Ihre blauen Flecken waren noch zu sehen. Beim Abendessen sah Konrad immer noch wie ein Penner aus, Friedrich hingegen wie ein junger Mann, der gerade erfolgreich ein Tennismatch hinter sich gebracht hatte, ohne hinterher duschen zu müssen. Und nun am Frühstück begegnete Malte wieder ein ganz anderer Friedrich. Er sah aus, als ob er heute zu einer Vorstandssitzung bei einer Bank gehen müsse. Grauen Zwirn, hellblaues Hemd und feingemusterte dunkelblaue Krawatte. Schwarze Schuhe und passend zur Krawatte Socken in der gleichen Farbe. Mit der Kleidung änderte sich auch seine Sprache und Ausdrucksweise. Heute führte er seine Unterhaltung mit seinen Kollegen in einem einwandfreien Hochdeutsch mit einem ganz leichten britischen Akzent. Malte bewunderte ihn dafür und nahm sich vor, etwas von den Verwandlungskünsten des Friedrich erlernen zu wollen. Selbst der Kellner, der sie am Frühstückstisch bediente, war etwas verwundert darüber, dass er nun zum vierten oder fünften Mal einen anderen Gast mit derselben Zimmernummer und dem gleichen Partner am Frühstückstisch bediente. 

An diesem Tag tauschten sich die drei aus, was sie bisher an Erkenntnisse über Gunnar Larson, die Blauzahnsiedlung und die Nordstrandpiraten an Informationen und Bildern besaßen. Schnell fanden sie heraus, dass sie nur das an Wissen angesammelt hatten, was sie in der Presse, auf Homepages der Blauzahnleute und Nordstrandpiraten auch nachschauen konnten. Sie hatten weder wirklich bahnbrechende neue Erkenntnisse zusammentragen können, noch waren sie sicher, was sich hinter dem Zaun der Blauzahnsiedlung tat. Auch kannten sie nur die Bewohner des Ferienhauses auf Nordstrand, hatten ein paar Bilder, aber mehr war da bisher nicht an Wissen angesammelt worden. Immer wieder schauten sie sich die Bilder an und das erster Erlebnis der Neuerkenntnis bescherte ihnen Friedrich. "Wir kennen die Nordstrandpiraten, die alten Männer also, wir kennen die Mannschaften der beiden anderen Boote, nennen wir sie Blauzahnleute. Wir kennen das Ärzteteam und die Securityleute. Alle haben ihre Funktion und Historie, aber es sind neue Personen dabei, die wir bisher noch nirgends gesehen haben und deren Funktion oder Historie im Dunstkreis von Gunnar Larson neu sind. Wo kommen die her und wer sind sie? Wenn ich die Bilder sehe, sind auf Nordstrand drei Gesichter, die ich bisher nirgendwo gesehen habe. Und auf Gotland wissen wir es nicht. Auch haben wir nicht von allen uns bekannten Personen Bilder ihrer Gesichter. Wir kennen nicht einmal die Anzahl der Leute, die dort hinter dem Zaun leben. Malte, du hast nur Bilder gemacht, als die ihre Ausfahrt über Gotland gemacht haben, wo man dich dazu noch erwischt hat. Dieser Lars hat sich gewaltig verändert. Wenn ich mir die Pressebilder von 2015 anschaue und das Bild, das du gemacht hast oder das du hast machen lassen, dann hätte ich den Mann auf der Straße nicht erkannt. Der hat sich gewaltig verändert. Eher jünger, kraftvoller und dynamischer sieht der aus. Die Haare sind zwar jetzt ganz grau, der Bart auch, aber da seine Haarpracht nun länger ist und er einiges an Gewicht offensichtlich am Bauch weg und an die Oberarme verlagert hat, ist er erst auf den zweiten oder dritten Blick zu erkennen. Auch die Bilder von Pet und der Sophia zeigen Personen, die mit denen auf den Booten bei der Weltreise wenig gemein haben. Das ist für mich die erste wichtige Erkenntnis, die wir haben. Die Leute haben sich im Aussehen verändert. Und nun kommen noch diese Bilder, die du da besorgt hast - aus Süddeutschland. Die Mitarbeiterin von Gunnar Larson, diese Liliane Grodegund, eine Ex Assistentin von Larson. Hübsches Ding und die ist nun auch auf Nordstrand. Die beiden anderen Frauen kennen wir nicht, die sind neu dabei. Wer sind sie und was machen sie da bei den Nordstrandpiraten? Von den Männern, die dort waren, haben wir keine Bilder oder Namen. Man sieht nur einmal einen Mann mit einer Glatze von hinten auf einem Bild und das Bild eines großen, schwarzen Hundes. Kann uns dein Kontakt noch weitere Bilder besorgen?" Malte musste verneinen, sein Kontakt zu dem Fotografen war abgebrochen und er konnte keine weiteren Bilder besorgen. Auf Gotland hatte er allerdings ein Bild gemacht, das einen riesigen Typen zeigte, der sehr aufrecht und mit einem weißen Mantel kurz zu sehen war. Langer grauer Bart, leicht grau gelocktes Haar. Wenn man dieses Bild bearbeiten würde, vielleicht konnte man da mehr erkennen. Gunnar hatte zwar einige Bilder von der Kamera seiner ehemaligen jungen Kollegin gelöscht, aber nicht alles. Einige Bilder hatte er noch auf seinem Laptop. Friedrich holte sich das Bild und bearbeitete es. Nach zehn Minuten hatten sie einen Ausschnitt, wo der Mann sehr genau zu sehen war. "Sag mal, drehen die da einen Ritterfilm. Der Mann kommt mir vor wie einer aus diesem Film, wo sie Jerusalem erobern. Seht ihr das Kreuz auf dem weißen Mantel, der Bart konnte nicht alles verdecken. Und der auffällig aufrechte Gang. Da haben wir ein weiteres Bild eines neuen uns Unbekannten." Malte konnte da nicht an sich halten. Wie konnte er das übersehen? "Also doch Menschenversuche. Die altern nicht auf Gotland und Nordstrand. Vielleicht ist der Alte da im Bademantel oder was das sein soll ein Versuchskaninchen?" Für die drei war das natürlich eine Story als Journalisten, die sich, wenn es wahr wäre, bestens vermarkten lassen würde. Sie träumten schon von Fernsehauftritten, Pulitzerpreis und einem Geldsegen. Und was sollte ihnen schon passieren, wenn man sie erwischen würde? Gunnar Larson war nicht der Typ, der mit Mord oder sonstigen ähnlichen Vergeltungsmaßnahmen sich zur Wehr setzen würde. Und die paar blaue Flecken, die sich bisher eingehandelt hatten, war das schon wert.

2. März 2017 12.00 Uhr Ferienhaus Nordstrand

Alana, Frida, Sasha und Sophia machten sich auf den Weg, um in Husum Lebensmittel einkaufen zu gehen. Sie hatten sich eine Einkaufsliste gemacht und waren erstaunt darüber, was sie alles brauchen würden.

Will und Simon wollten sich ein gebrauchtes Auto bei einem Händler in der Nähe anschauen. Pet und Will waren der Meinung, dass es besser wäre, sich von den Mietwagen zu trennen und mit eigenen Fahrzeugen in Norddeutschland zu fahren. Der Händler hatte einen Mercedes Van mit sieben Sitzen und einen mit sechs Sitzen im Angebot. Sie hatten die Möglichkeit, dieses Fahrzeug auf die Kanzlei von Mathias zu kaufen und zuzulassen. Er hatte in Schleswig ein Büro und so würden sie weniger mit diesem Fahrzeug hier auffallen. Zudem konnte man die Mietwagen leichter verfolgen, denn Anfragen bei der Mietwagenfirma würden sie transparenter für staatliche Stellen machen. GPS Daten konnten ausgelesen werden und auch die Kilometerleistungen waren über den Verleiher leicht zu erfragen.

Mit Taschen und Körben machten sich die drei Damen auf, um die Vorratsräume und die Kühlschränke wieder zu befüllen. Pet gab Sophia seinen Wunscheinkaufszettel mit. Der Weinvorrat war etwas heruntergekommen und musste wieder aufgefüllt werden. Und bis sein Lieferant aus Süddeutschland seinen Weine auf den Weg brachten, würde es noch etwas dauern.

Als die sechs das Haus verlassen hatten wurde es ruhig im Haus. Draußen war es trübe und kühl, Schneeregen machten aus den Wegen eine Matschstrecke. Selbst die beiden Vierbeiner hatten wenig Interesse, sich bei diesem Wetter länger außerhalb des Hauses und deren Wärme aufzuhalten.

Pet ging rüber in den Fitnessraum. Dort war bereits Lilli und Juli. Juli wurde gerade gezeigt, wie man sich auf einem Hometrainer bewegte, die Pedale drückte und dabei mit den Händen den Lenker festhielt. Im Frühling und Sommer sollte sie dann Fahrradfahren lernen.

Pet fing an, wieder seine Arme, den Rücken und die die schlaff werdende Bauchmuskulatur zu straffen. Bereits nach zwanzig Minuten zeigte er die ersten Schwächen und reduzierte seine Bewegungen. Besorgt schauten Lilli und Juli ihn an. Der Schweiß floss in Strömen und Pet musste nach vierzig Minuten ein Trinkpause einlegen. Es ging nichts mehr. Er war erschöpft, schneller als er gedacht hatte. Er duschte sich und legte sich danach oben in den Ruheraum. Unten mühte sich Lilli immer noch damit ab, Juli das Fahrradfahren am Hometrainer beizubringen. Solche koordinierten Bewegungen waren schwer für sie. Immer wieder musste es ihr Lilli vormachen. Irgendwann verschwanden die Geräusche in Pets Ohren und wurden in einem Traum mit aufgenommen. Die beiden tanzten um ihn herum und er versuchte sich ebenfalls mit ihnen im Tanz zu drehen. Immer schneller wurde das in seinem Traum, Udo Lindenberg mit seinem Sonderzug nach Pankow tanzte mit ihm. Auf einmal war Udo weg und er selbst drehte sich immer schneller bis er stürzte. Mit einem kräftigen Knall landete er auf dem Boden. Schnell waren Lilli und Juli bei ihm oben im Ruheraum. Benommen lag er neben der Liege. Als er endlich wieder ganz zu sich gekommen war spürte er Hände, die seinen Kopf hielten. Er lag bei Juli im Schoß, die sich auf den Blden gekniet hatte. Lilli fühlte seinen Puls. Angestrengt versuchte sie, den zu ertasten. "Unten ist ein Blutdruckmessgerät. Ich hole das mal." Mit den Worten eilte Lilli davon und kam eine Minute später wieder nach oben. Fachmännisch legte sie ihm das Gerät an und schon hörte Pet die Pumpe des Messgerätes. Hoher Blutdruck und sehr niedriger Puls. "Du hast sehr wahrscheinlich zu wenig Flüssigkeit getrunken." Lilli holte ein Glas Wasser und ließ ihn trinken. Sie beugte sich ganz tief zum ihm dabei herab. "Jetzt wird der Puls auch noch nach oben gehen." murmelte Pet nach dem ersten großen Schluck. "Das schadet dir nicht und wenn du dabei deine restlichen Lebensgeister wieder erlangst, war es das für mich wert." Natürlich hatte Lilli bemerkt, dass Pet einen guten Ausblick in ihren Ausschnitt bekommen hatte und sich seine Augen nicht davon lösen konnten. Juli verstand nichts von alle dem, da ihre Gedanken und Sorgen ganz bei Pet waren und sie immer noch liebevoll seinen Kopf hielt. Nach zehn Minuten waren seine Werte wieder auf normal angekommen und er konnte sich erheben. Lilli passte auf, dass er noch zwei weitere Gläser mit Wasser trank. Als er sich dann auf die Liege setzte, platzierte sich Lilli neben ihn und nahm ihn fest in den Arm. "Kurz hatte ich Angst um dich. Pass besser auf dich auf." Dann stand sie abrupt auch, dirigierte Juli nach unten und von dort hörte man bald wieder die Gerätegeräusche.

Am späten Nachmittag kamen zuerst die vier Damen von ihrem Einkauf, trugen Massen an Lebensmitteln, Getränken und Haushaltsartikel herein und verstauten alles sofort. Dann suchte Sophia Pet. Sie fand ihn tief schlafend im Ruheraum des Fitnessbereiches. Lilli erzählte ihr von seinem kurzen Kollaps. "Ja das Problem werden wir alle bekommen oder haben das schon. Wer wie wir Jahre mit sehr viel körperlicher Bewegung und ständiger mentaler Anspannung gelebt hat und dann in eine Ruhephase kommt, muss aufpassen, dass er da keinen gesundheitliche Schaden nimmt. Pet trinkt immer zu wenig, so wie ich übrigens auch und das ist nicht gut. Danke, dass du dich um ihn gekümmert hasst. Wir sollten das heute Abend besprechen und ich werde das auch den Ärzten auf Gotland berichten. Wir brauchen mehr Bewegung und auch ein wenig positiven Stress." Lilli zwinkerte ihr zu. "Hat er das nicht? Ich meine den positiven Stress?" Nicht genug, meinte Sophia. „Es fehlt dabei einfach auch die emotionale und mentale Seite. Da ist bei ihnen allen eine Sperre drin. Das Mittelalter hat da sehr viel Einfluss auf das Heute bei ihnen.“ Es war schwer zu verstehen, was Sophia damit meinte, aber Lilli beließ es dabei und fragte nicht mehr.

Simon und Will kamen am späten Nachmittag, als es schon fast dunkel draußen war. Sie hatten tatsächlich die beiden fast neuwertigen Vans gekauft. Die sollten am Montag 6. März gebracht werden. Die Mietwagen wurden abgemeldet und sollen dann auch am Montag von der Verleihfirma abgeholt werden. Damit wollten sie das Kapitel Mietwagen abschließen.

Simon, Alana und Sasha gingen vor dem Abendessen noch in den Fitnessraum. Nach kurzer Zeit zeigte Simon ähnlich Symptome wie Pet. Die Infos wurden ebenfalls direkt zu den Ärzten nach Gotland geschickt. Erschreckend war die Antwort. Alle Blauzahnleute und nun auch die Nordstrandpiraten zeigten ähnliche Anzeichen einer Erkrankung. Männern wie Frauen, bei alle die die fünfzig überschritten hatten, wurden Kreislaufprobleme diagnostiziert. Will fragte nach, ob sich schon jemand bei Otto deswegen gemeldet habe. Die Antwort lautete: Nein. Den hatte man vergessen.

 

Die Ärzte auf Gotland rätselten darüber, was wohl diese Probleme ausgelöst haben könnte. Die üppige Ernährung, zu wenig Bewegung waren sicher mit schuld daran, aber in so kurzer Zeit erschien das doch etwas fragwürdig. Zeitumstellung, Wetter und ein unbekannter Virus konnten ebenfalls ein Auslöser sein. Ein Hin und Her der Argumente, der Vermutungen. Die Blutuntersuchungen hatten bisher noch kein vernünftiges Ergebnis gebracht, außer des Parasiten, die einige noch in sich trugen, aber dann müssten die Jüngeren auch betroffen sein. Fritz Müller, der Psychologe und die Fachärztin für Stoffwechselerkrankungen Dr. Emma Sorgenson hatten ihre eigene Einschätzung. Der Dauerstress körperlicher und auch mentaler Natur sowie die schnell geänderte Ernährung hatten sich vor allem bei den Älteren der Gemeinschaft bemerkbar gemacht. Weil sich der Stoffwechsel nicht so schnell umgewöhnen konnte und dabei auch noch die Ruhe, die nach den aufregenden Jahren auf einmal bei allen einstellte, konnte der Auslöser sein. Für alle Teilnehmer der Zeitreise wurde umgehend angeordnet, dass jeder mindestens eine Stunde am Tag spazieren gehen musste und dazu noch mindestens eine Stunde sich noch weitere Fitnessprogramme unterzuordnen hatte. Schaden würde das auf keinen Fall. Zudem sollte jeder jeden Morgen vor dem Frühstück einen halben Liter lauwarmes Wasser trinken. Die Maßnahmen galten natürlich auch für die Mittelaltermenschen. Diese Anweisung wurde an alle ausgegeben. An alle, auch an die Ärzte, die Mannschaft im Securitybereich, selbst Gunnar, Will und Lilli mussten sich daran beteiligen. Was sie alle im Mittelalter am Leben erhalten hatte, der tägliche Kampf ums Überleben, der Wille zum Leben, die karge Ernährung wurde ihnen nun in der Jetztzeit vielleicht zum Verhängnis. Müßiggang, ausreichendes Essen und der Stress mit etwas Unbekanntem, dem Entdeckt-werden, machte offensichtlich allen zu schaffen. Reale Gefahren, denen man instinktiv begegnete, die man anfassen konnte, waren offensichtlich leichter zu ertragen wie diese teilweise abstrakten, nebulösen und vagen Gefahren. Also musste man sich auf das Neue einstellen.