Band 4 - Kapitel 20

1. März 2017 7.30 Uhr Ferienhaus auf Nordstrand

 

Mathias war schon lange weg und Will war nun derjenige, der Frühstück für alle machte. Rühreier, Speck, Kaffee und Brot tischte er auf. Der Duft verbreitete sich schnell im Haus und so kamen alle sehr schnell in den Speiseraum. Zum ersten Mal durften die beiden Vierbeiner in diesen Raum. Der Wolf benahm sich natürlich sehr rüpelhaft, weil er sofort versuchte, auf den Tisch zu steigen. Der Herr Graf zeigte ihm aber, wo sein Platz sei. Dabei kam es zu einer kleinen Beißerei, seinen Übermut bezahlte der Wolf mit einer blutigen Lippe. Murrend verzog er sich in eine Ecke. Der Herr Graf hatte mal wieder bewiesen, dass er der Chef war. Die sonst sehr ängstliche Juli tröstet den Wolf  und der ließ sich ohne weiteres einfach kraulen. Sehr untypisch für einen Wolf. Gerade nach solchen Situationen, wenn ein gewisser Adrenalin-Überschuss das Tier durchflutete, könnte es zu aggressiven Handlungen kommen. Hier war es ganz das Gegenteil, der Wolf beruhigte sich schnell und Juli konnte mit ihren Streichelbewegungen und ihren Worten das Tier vollkommen für sich einnehmen. Ein paar mal brummte er noch in Richtung des Herrn Grafen, dann war Ruhe im Speisezimmer. 

Auf dem Esstisch lag noch ein Zettel, eine Nachricht von Mathias, dass gestern ein paar Journalisten vor der Tür gestanden hätten und er die versprochene Erklärung nicht abgegeben hatte, aber von allen sich die E-Mail Adressen oder die Telefonnummern hatte geben lassen. Pet und Will wussten, dass sich die Journalisten nicht so schnell zufrieden gaben. Die würden sich veralbert fühlen und eine Retourkutsche war zu erwarten. Journalisten waren auch nur Menschen, die aber manches Mal die Macht sowie die Möglichkeit hatten, ihren Emotionen einen Pressefreiheitsanstrich zu geben und damit zu zeigen, dass man sie nicht ignorieren sollte.

Als Bertram dann auftauchte, blieb er vor dem Tisch stehen. "Kann mir jemand sagen, wo ich hier eine Kirche des rechten und wahren Glaubens finden kann. Ich möchte beten gehen." Alana, die hinter ihm in den Raum gekommen war, konnte ihm umgehend eine Antwort geben. "St. Knud ist eine Kirche, die ist sicher sehenswert und dem alten Glauben verbunden. Mit dem Auto keine zehn Minuten entfernt."  Will stellte sich daraufhin gleich zur Verfügung, ihn dorthin zu bringen. 

Nach dem Frühstück um 9.00 Uhr fuhren Will und Bertram zu der Kirche. Sie war offen, aber um diese Uhrzeit befand sich niemand in der Kirche. Bertram kniete sich vor den Altar und betete leise, während Will, ein Protestant mit dem Hang, nur in Notzeiten Gott anzurufen, sich in die erste Bankreihe setzte.

"Was tust du hier, mein Sohn?" Erschrocken blicke Bertram und auch Will auf. Niemand hatte den Priester kommen hören, der nun vor Bertram stand. Bert stand auf und obwohl der eine Stufe tiefer stand als der Mann in der Soutane, überragte er ihn um einen halben Kopf. Panik kam in Will auf und er wollte zu Bert hin, um dem Mann zu antworten. "Warum kniet man vor einem Altar, vor einem Kreuz? Damit man wunde Knie bekommt? Ich bete. Ich bin der Sohn unseres Herrn und meines Vaters. In meiner Kirche stört man nicht, wenn jemand mit Gott spricht, denn das ist die reinste Form, um mit unserem Herrn in Verbindung zu treten. Ich danke euch, dass ich hier beten durfte. Habt einen gesegneten Tag." Bert hatte in feinstem Hochdeutsch gesprochen, schaute den Mann noch kurz an, drehte sich um und ging zurück zum Ausgang. Will konnte ihm kaum folgen. Von hinten hörte man den Priester noch. "Entschuldigen Sie, ich wollte ihre Gebete nicht unterbrechen." "Sit Dominus benedicere tacet." rief Bert ihm zurück. Draußen fragte Will ihn, was er dem Priester denn zugerufen habe. "Der Herr segne die Schweigsamen, aber es sollte noch weitergehen, Patientes estote ad sentiens, was so viel wie - die Geduldigen und Fühlenden- heißt. In deiner Sprache würde man sagen. Sei still, habe Geduld und fühle mit den Menschen. Das tut man nicht, die stillen Gebete eines Menschen unterbrechen. Ein tumber Mensch, dieser Mann in seinem feinen Stoff. Da war keine Demut, Dignität in seinen Augen."  

Bertram war empört und wütend und als er im Auto saß, fragte er Will, ob es noch eine andere Kirche in der Nähe gibt. Will versuchte Bertram zu erklären, dass es zwei Arten von christlichen Kirchen auf der Insel gab. Die Katholische und die Evangelischen. Wo war denn da der Unterschied wollte Bert wissen. "Ich bin wirklich nicht in der Lage, dir das zu erklären. Mitte des sechzehnten Jahrhunderts gab es die Trennung zwischen den christlichen Kirchen. Sie begann schon viel früher, aber ab da war es offiziell. Mehr weiß ich nicht. Christlich sind beide, wir glauben alle an den gleichen Gott und an die Dreifaltigkeit und wir beten alle das gleiche Vaterunser, vielleicht mit ein paar unterschiedlichen Worten. In der Verwaltung der beiden großen Christlichen Gemeinschaften gibt es auch Unterschiede. Im Osten gibt es dann noch die orthodoxen Christen. Aber mehr kann ich dir nicht mehr erklären. Um auf deine Frage zurückzukommen, es gibt ein paar Kirchen hier auf der Insel. Ich glaube die anderen sind alle Evangelische Kirchen und die sind nur zu den Kirchenzeiten offen, also am Sonntag. Lass und zurückfahren. Dort sollten wir das dann besser klären, was du wissen möchtest oder auch wissen solltest."

Auf der Heimfahrt saß Bertram schweigend neben Will und starrte auf die Straße. Erst im Kreise der der anderen Bewohner des Hauses fing er wieder an zu sprechen. "Ich habe den Herren nicht gefühlt. Er war nicht in seinem Haus. Nur dieser Mann in seiner schwarzen Kutte war da und störte mich. Wenn ihr mir erlaubt, werde ich mich hier auf der Insel auf die Suche nach dem Herrn machen. Hier im Haus fühle ich ihn mehr als in dieser Kirche. Und ich werde lernen müssen. Was Will mir erzählt hat, verwirrt mich, aber ich will verstehen, was die Menschen heute dazu geführt hat, in unterschiedlichen Kirchen den gleichen Gott anzubeten." An Juliane gewandt meinte er noch. "Ich habe dir gesagt, dass es mir besser geht, wenn ich eine Aufgabe gefunden habe - Nun habe ich eine. Ich werde lernen, studieren und begreifen, warum es so ist? Warum wir den gleichen Gott auf so unterschiedliche Art anbeten und  das in verschiedenen Kirchen." Er freute sich auf seine Aufgabe, die er für sich gefunden hatte. Aber eine Sache war noch zu klären. Wie und wo sollte er das Wissen her bekommen. Wer vermittelte es ihm? Pet und auch Alana begannen sofort im Internet nach Literatur zu suchen. Sophia begann mit ihm, einen Plan zu erstellen, wie er im Internet suchen konnte und wie er es sinnvoll nutzen konnte. Bald kamen sie an ihre Grenzen, da er inzwischen ein brauchbares Hochdeutsch sprach, aber mit dem Schreiben hatte er noch große Schwierigkeiten.

Alana war eine orthodoxe Christin, die in der Nähe von St. Petersburg geboren wurde. Sie bekundete, dass auch sie gerne begreifen würde, warum es im christlichen Glauben so viele unterschiedliche Bekenntnisse gab. Sie schlug deshalb vor, dass Bert, Juli und sie gemeinsam erkunden wollten, wie es dazu kam. Damit hatten drei aus der Gruppe der Nordstrandpiraten im Ferienhaus eine Aufgabe, die sie über Wochen, wenn nicht gar Monate beschäftigen würde.

Inzwischen war es schon 13.00 Uhr und draußen wurde es sehr trübe und man musste schon wieder das Licht einschalten. Alana, Sophia und Bert hatten sich vorgenommen, an diesem Tag etwas zu kochen. Sasha hatte auf einem Bauernhof einen frischen Lammbraten ergattert und das Fleisch war schon eine Stunde in der Bratröhre. Kartoffeln und grüne Bohnen mussten noch gemacht werden. Bert übte sich im verletzungsfreien Kartoffelschälen und es gelang ihm tatsächlich, aus zwei Kilogramm Kartoffeln etwas mehr als zwölfhundert Gramm geschälte Kartoffeln zu machen. Zum Ausgleich der etwas zu geringen Menge der Kartoffeln machte Alana zweitausend Gramm grüne Bohnen mit Speck und Kräutern.

Um 14.00 Uhr war alles bereit und sie konnten endlich essen. Die Mittelaltermenschen waren es immer noch nicht gewohnt, so schmackhafte Gerichte kredenzt zu bekommen und Bert aß wie immer zu viel. In seinem Kopf herrschte immer noch das Prinzip, dass man so viel wie möglich essen sollte, wenn etwas vorhanden war, denn man wusste nie, ob morgen die Scheune abbrennt, alle Vorräte vernichtet oder geraubt wurden und man dann hungern musste. Dass das weniger das Problem in der Jetztzeit war, konnte man ihm nicht beibringen. Frida und Juli nahmen sich da schon zurück und konnten sich ihrem Sättigungsgefühl eher ergeben.

Pet wartete während all der Zeit immer auf eine Nachricht von Gunnar, wie es mit den Presseleuten weiterging und auch auf Mathias, der zu Gesprächen in Hamburg weilte. Diese Tatenlosigkeit machte ihm ebenfalls zu schaffen. Dieses Warten, auf was man heute reagieren musste, lag ihm nicht. Er war eher zum Menschen geworden, der gerne agierte. Er merkte sehr deutlich, dass ihm die körperliche Bewegung fehlte, die er im Mittelalter und auf See hatte. Er fühlte sich träge und müde, manchmal machte sich auch etwas Melancholie bei ihm bemerkbar.

Nach dem Essen und nachdem die Küche in Ordnung gebracht war, setzte er sich in den großen Raum mit dem Kamin, entzündete dort ein Feuer, holte sich ein Pfeife hervor und stopfte sie mit einem Tabak, den er in Hamburg erstanden hatte. Kaum hatte er sich in einen der beiden Ohrensessel, die vor dem Kamin standen, gesetzt, kam Sophia mit zwei Weingläsern und einer Flasche Rotwein, schenkte sich und ihm ein und setzte sich neben ihn in den anderen Sessel. "Was bedrückt dich mein Freund? Man sieht es dir an, dass dir etwas nicht passt und du grübelst offensichtlich auch noch." Sie wartete geduldig darauf, dass er zwischen zwei Zügen aus der Pfeife und einem Schluck aus dem Glas antwortete. Die Zeit schien er zu brauchen, um nachzudenken, was er antworten sollte und konnte. "Seit Monaten oder Jahren sind wir nun auf der Reise. Körper und Geist waren beschäftigt. Unser Geist war vielen Reizen ausgesetzt, unsere Körper mussten viel Herausforderungen bewältigen. Wir haben es immer geschafft, uns zu behaupten, der Kopf dachte, der Körper agierte und reagierte. Nun aber verfalle ich hier in einen Müßiggang, das bin ich nicht mehr gewohnt. Das war wie vor Jahren, als ich in Rente ging und von täglich zehn bis zwölf Stunden Arbeit am Tag auf null Stunden zurückfuhr." Kurz musst er überlegen. "Nein das ist nicht ganz wahr. Damals hatte ich einen festen Tagesrhythmus, den habe ich seit Jahren nicht mehr. Auf See gab es zwar eine gewisse Routine, die wurde von sehr großen und immer neuen Herausforderungen unterbrochen. Im Mittelalter war es noch dramatischer. Ich musste lernen, mich körperlich noch mehr zu ertüchtigen. Das alles gibt es jetzt nicht mehr. Das ist der Fortschritt unseres Jahrhunderts? Ich merke eines, dass die Routine einen Großteil meines Lebens eingenommen hat. Man redete sich zwar ein, dass man immer neue Herausforderungen bewältigen musste, die sind aber gegenüber dem, was ich die letzten Jahre erlebt habe, nicht zu vergleichen. Eingelullt in sein System der vermeintlichen Sicherheit suchen wir neue Abenteuer und haben die maximal im Urlaub oder bei der Kindererziehung erlebt. Ja das klingt jetzt etwas frustig, aber ich fühle, dass das, was wir heute Leben nennen, so fremdgesteuert ist, dass wir den Spielraum, den man uns gönnt, als Freiheit empfinden, weil wir nicht in der Lage sind, die wahre Freiheit zu empfinden." Zustimmend nickte Sophia, weil sie wollte, dass er weitersprach. Den Tabak etwas drücken, Pfeife neu entzünden, einen Schluck Rotwein und er erzählte weiter. "Wir werden von den Medien eingelullt. Fernsehen, Printmedien, Radio versorgen uns mit schon vorgefertigten Meinungen und zum Schluss glauben wir, dass das unsere Gedanken sind, mit denen wir leben.  Krieg und sozialen Spannungen finden woanders statt. Und nun frage ich mich, stimmt das alles? Wir halten unsere Meinungsfreiheit für eins der höchsten Güter, aber haben wir wirklich die Möglichkeit, dieses Gut auszuleben? Nein, wir haben immer noch ein System, das mit vielen Beschränkungen einhergeht. Im Mittelalter und auf See haben wir für uns gekämpft, uns für das, was wir wollten, eingesetzt. Im Hier und Jetzt werden wir mit Wohlgefühl in Watte gepackt und jeder meint, uns allen geht es gut. Wir sehen die Armut, ob monetär oder geistig nicht mehr. Wir werden genauso manipuliert wie im Mittelalter. Da waren es die Fürsten, aber vor allem die kirchlichen Vertreter. Und heute werden wir genauso manipuliert, anders, ohne Hunger und Ängste vor bösen Geistern." Und wieder fand das Ritual statt, das vor der letzten Redepause ablief. Tabak drücken, Pfeife anzünden und einen Schluck Rotwein nehmen. "Was mich wirklich beschäftigt ist, was jetzt kommt? Wie geht es weiter? Was machen wir nun? Müßiggang ist nichts für uns. Hast du eine Idee?" Mit dieser Frage hatte sie nicht gerechnet. Erst sprach er von sich, seinen Ansichten und dann Müßiggang wäre nichts für uns. Er sprach hier für sie beide? Für alle? Und ob sie eine Idee hätte. Ja, die hatte sie, die würde sie ihm aber nie sagen, niemals.

"Ich vermute, dass uns alle eine sinnvolle Beschäftigung fehlt. Wir haben die Mittelaltermenschen, die wir auf ein Leben in der Jetztzeit vorbereiten müssen. Dann müssen wir uns um uns selbst kümmern. Seit zwei Jahren sind wir alle unterwegs, mit wenig Pausen oder Urlaub. Wir haben viel erlebt. Freunde gefunden und auch welche verloren. Vieles wurde mit einer Emotionalität durchgestanden, aber wo waren wir selbst? Hast du einmal an deine Bedürfnisse gedacht? Was willst du? Ich meine nicht, dass du dir eine Beschäftigung suchst, um dem Alltag zu entgehen, dich körperlich wieder auf Vordermann zu bringen. Ich meine, was will deine Seele, was für Wünsche schlummern in dir?" Sophia wollte ihn auf einen Weg führen, den er tunlichst vermeiden wollte, zu gehen. Gedanken um sich selbst zu machen.

Und da war es wieder, Pfeife stopfen, Tabak wieder entzünden, einen Schluck Wein trinken. "Ich habe das sehr wohl verstanden, was du meinst. So ganz möchte ich meine männliche Seele noch nicht vernachlässigen." Er lächelte sie an. "Aber das ist nur ein Teil, der in mir brodelt. Ich spüre in mir so etwas wie einen Brandherd, der etwas zum Kochen bringen kann, der beobachtet werden muss. Das geht übrigens Simon auch so, selbst Sasha spricht über so ein Brodeln." Sophia merkte sofort, dass er wieder ablenken wollte. "Du und nicht die auch oder die anderen. Was willst du?"

"Ich bin weit über sechzig Jahre alt. Was darf ich noch erwarten?" Das war eher eine Verzweiflungsfrage, die er an sich selbst stellt. "Alles mein Freund. Dazu musst du aber aufstehen und aufhören zu grübeln." Sophias Stimme klang jetzt nicht mehr sehr freundlich, sondern fordernd.