Band 4 - Kapitel 19

Mittwoch 1. März 2017 Gotland Blauzahnsiedlung

 

Gunnar war beruhigt und auch beunruhigt was er aus Nordstrand hörte. Dann kam noch die Sache mit diesem Journalisten Malte Sorensen. Also würde dieser Mann weiter gegen ihn recherchieren. War sein Hass auf ihn so groß oder war der Mann nur ein verbohrter Schreiberling, der meinte, alle Welt müsste wissen, was Gunnar Larson für ein Mensch war. Gunnar war wütend, denn gegen solche Typen gab es keine Gesetze, kein Kraut, kein legales Mittel, um sie daran zu hindern, weiterzumachen. Nach dem Frühstück wollte er sich mit Lars, Erik, Birgit und Melanie beraten. Eventuell würde er auch Julia dazu rufen, denn sie war Journalistin und wusste vielleicht ein Mittel gegen diese lästige Zecke von Tintenkleckser. Ihm fielen immer mehr Namen für diesen Menschen ein und mit jedem Namen, den er fand, wurde sein Wut größer. 

Die Besprechung lief gut. Vorschläge sprudelten aus allen nur so heraus, aber keiner war so gut, dass man ihn durchführen sollte. Erik war dafür, dem Mann einem Unfall zu unterziehen, so nannte er es. Der Unfall sollte ihn für sehr lange Zeit aus dem Verkehr ziehen. Lars war dafür den Mann und seine Kollegen mit Fake Informationen zu füttern und sie auf diese Weise öffentlich bloß zu stellen. Aber das war auch nicht gut, denn das würde einfach zu lange dauern. Birgit und Melanie waren dafür, dass man sich in seiner Nähe einnisten sollte,  ihn beobachten, um eventuell auf diese Weise seine Handlungen zu beeinflussen. Vor allem musste man in Erfahrung bringen, wer ihn finanzierte. Nur wer war dafür geeignet und wen kannte er nicht. Waren sie doch fast alle schon einmal in der Presse erwähnt worden und ihre Bilder waren auf Google und eventuell auch auf irgendwelchen sozialen Medien schon zu sehen. Auch wenn sie alle schon seit über einem Jahr aus der Öffentlichkeit verschwunden waren, so konnte man sich nicht darauf verlassen, dass sie nicht wieder erkannt werden würden. Julia die an der Besprechung teilgenommen hatte meinte, dass das so nicht richtig sei. Sie verschwand für ein paar Minuten und brachte einen Stick mit zurück. Dort waren Bilder von ihnen allen abgespeichert, wie sie noch auf See waren. Julia selbst hatte sich sehr verändert. Ihr jugendlich fast kindliches Aussehen war verschwunden. Sie war gereift und sie trug ihre Haare ganz anders. Sie würde man nicht so schnell erkennen. Auch Betty hatte sich vollkommen verändert. Sie besaß nun eine sehr weibliche Ausstrahlung, ihr Alter war nicht zu schätzen. Sie konnte zwischen fünfundzwanzig und dreißig Jahre alt sein. Auch sie trug nun eine ganz andere Frisur und mit etwas weniger Make-up und anderer Kleidung wäre sie nicht mehr zu erkennen. Am meisten hatte sich allerdings Felin verändert. Der Gewalt, der sie im Mittelalter ausgesetzt war, hatten ihr Gesicht gezeichnet und auch ihren Körper. Die Narbe über dem linken Auge verlieh ihr etwas Verwegenes und, das musste man zugeben, verlieh ihr etwas, was man sicher als verwegen schön bezeichnen konnte. Sie war durchtrainiert und hatte sich in dem Jahr im Mittelalter körperlich vollkommen verändert. Das Zarte an ihr gab es nicht mehr. Sie war durchtrainiert und körperlich sehr gereift. Auch sie würde man nicht so leicht wieder erkennen. Julia wollte, dass sie alle drei sich in der Nähe des Malte aufhalten sollten. Sie benötigten allerdings neue Namen und Papiere. Lars meinte dazu, dass sie langsam immer mehr in den Bereich des Illegalen mit jeder weiteren Handlungen rutschen würden. Birgit stimmte ihm zu, aber sie meinte auch, dass sie schon längst auf dem Weg der Illegalität und Anonymität waren. Für Erik war das wieder etwas, was ihn begeisterte. Er lebte immer mehr für Abenteuer und Spaßstress. Birgit, Melanie besprachen zusammen mit Julia das Ganze bis ins Detail und dann wurde mit Felin und Betty gesprochen. Die waren begeistert, denn das bedeutete, dass sie aus ihrem gefühlten Gefängnis Blauzahnsiedlung rauskamen und arbeiten konnten.

Gegen 14.00 Uhr war alles besprochen und ein Plan war verabschiedet. Sie sollten neue  Ausweise bekommen und zwar mit ihren richtigen Vornamen und einem gemeinsamen Familiennamen. Ihre Vita war so konstruiert, dass sie alle drei den gleichen Vater hatten, aber unterschiedliche Mütter. Julia als die Älteste sollte generell die Gouvernante spielen, Betty die Stille und Ruhige und Felin sollte das leichtsinnige Mädchen sein. Der Familienname Bennson war Dänisch und als Wohnort wurde allerdings eine Straßburger Adresse angegeben. Dort hatte Julia einen Onkel, der als Journalist für eine Dänische Fernsehstation arbeitete. Marc Bennson sollte als Bruder des verstorbenen Vaters der drei Mädchen fungieren. Er galt seit etwas mehr als zehn Jahren im Kongo als verschollen. Reisedokumente und alles andere würden sie in zwei Tagen bekommen. Dieser Marc Bennson würde auch die Buchungen für das Hotel bei Nordstrand übernehmen und einen Mietwagen besorgen. Natürlich machte Marc Bennson das nicht aus reiner Selbstlosigkeit und weil Julia ihm so nahe stand. Marc Bennson bekam die Aussicht auf eine exklusive Story über fragwürdige Arbeitsweisen von Journalisten in Aussicht gestellt. Nachdem dann noch der Name  Malte Sorensen und Gunnar Larson fiel, war er sofort mit allem einverstanden und gab noch seine Kontonummer preis, wohin man die Kosten seiner Aufwendungen hin überweisen sollte.

Als diese neue Entwicklung beim Mittagessen bekannt gegeben wurde, gab es einige, die damit nicht einverstanden waren. Nicht weil der Plan schlecht war oder weil die drei jungen Frauen gingen, sondern weil die Tatenlosigkeit bei einigen zu einer gewissen Aggression führte, die sie trotz sportlicher Betätigung nicht abbauen konnten. Vor allem Carlo und Luigi litten sehr darunter. Sie wollten auch was unternehmen, nicht mehr im goldenen Käfig der Blauzahnsiedlung sitzen und abwarten, was da noch passieren würde. Sie waren zwar alle erst kurze Zeit hier in ihrem Jahrhundert zurück, aber diese Tatenlosigkeit war nichts für sie. Sie waren zwar schon etwas angejahrt, aber die letzten Jahre hatten sie alle neu strukturiert. Sie waren alle weit weg von dem, was man ihnen vorgelebt hatte und dem sie nacheifern sollten. Alte Menschen tun so was nicht, wurde ihnen von Jugend an vorgesungen. Aber das traf nicht auf sie zu. Arbeit, Abenteuer, Lernen, sich viel bewegen und der Wille zu kämpfen und sich zu behaupten, das hatte sie die letzten Jahre geprägt. Sie waren das wahre Vorbild für - die Mittsechziger heute sind sie die neuen Mittvierziger.

Ihre Bilder wurden über Google und in den bekannten Presseartikeln mit entsprechenden Fotos über die Nordstrandpiraten gesucht und man stellte fest, dass die beiden, Carlo und Luigi mit etwas veränderten Haaren, dem Kürzen ihrer Bärte nicht mehr so schnell wieder erkannt werden konnten. Also sollten diese beiden ebenfalls auf Reise geschickt werden. Sie benötigten keinen anderen Reisedokumente, denn warum sollten zwei ehemalige Weltreisende nicht zu dem Ausgangsort dieser Reise zurückkehren. Ein Hotel nicht weit von dem Hotel, wo die jungen Frauen ihre Bleibe gefunden hatten, war schnell gefunden. Die Abreise der beiden wurde auf den nächsten Tag festgelegt. Neues Leben mit neuen Ideen und Aufgaben beflügelte alle in der Siedlung. Sie suchten nun alle nach ihren neuen Aufgaben. Die Suchaktion nach dem abgestürzten Flugzeug würde mit Hilfe von Markus Malstrom gestartet werden. Er sollte von der jungen Fotografin Sigrid Larsson, Erik, Isabella und Maria begleitet werden. Maria war ein sehr gute Beobachterin und hatte ein fast schon fotografisches Gedächtnis. Isabella wollte ganz einfach mit, da sie und Maria seit längerem schon so eine Art Schicksalsgemeinschaft bildeten. Beiden suchten den Mann fürs Leben und hatten zudem einen sehr hohen Anspruch an das, was sie ihre Zukunft nannten. Maria war zudem sehr sportlich und war eine sehr gute Schwimmerin. Das war nicht wichtig, denn bei diesen Temperaturen im Winter war die Ostsee sehr kalt und niemand würde ihre Schwimmleistungen abfordern. Aber Gunnar und Melanie stimmten ihrem Ansinnen, an der Suchaktion teilzunehmen, zu und so stand die Mannschaft fest.

Scandic Hotel 9.00 Uhr Frühstücksraum

Malte Krahn und Mathias saßen sich gegenüber und besprachen noch einmal, wie sie Gespräche führen wollten. Zuerst sollte Malte mit ein paar Begrüßungsfloskeln für eine entspannte Atmosphäre sorgen. Eine Verschwiegenheitserklärung musste dann von allen unterzeichnet werden. Wenn das geschehen war, würde Mathias den Ablauf erläutern, die Stelle, die zu besetzten war, beschreiben. Dann sollten die Bewerber von sich erzählen. Wenn Malte und Mathias der Meinung waren, dass sie jetzt genug Wissenswertes erfahren hatten, sollte eine kurze Pause folgen. Malte und Mathias wollten sich dann beraten, um  weitere mögliche Schritte zu besprechen. Da Mathias sehr schnell auf dem Laptop schreiben konnte, würde er Protokoll führen.

Um Punkt 9.30 Uhr traf die erste Gesprächspartnerin ein. Mariza Colonelli stand am Empfang und Malte sowie Mathias holten sie dort ab. Mariza umarmte Malte kurz, deutete einen Wangenkuss an und reichte umgehend Mathias die rechte Hand zur Begrüßung. Malte stand wie ein begossener Pudel da. "Mathias und weiter?" fragte Mariza. "Bleiben wir einfach bei Mathias. Ich begleite heute Malte und werde Protokoll führen. Ich bin Anwalt und kümmere mich um die Verträge, die wir abschließen wollen. Wie ich gesehen habe, kennt ihr euch gut." Erstaunt schaute Mariza Malte an. Seine fast schon kühle kurze Ansprache irritierte sie. "Ja, uns verbindet ein alte Freundschaft, die ist aber schon lange in Vergessenheit geraten. Ich habe mich ganz einfach gefreut, Malte zu sehen." Dabei schaute sie Mathias prüfend an, ob er das so ohne weiteres hinnehmen würde. "Ich habe offensichtlich versäumt, dir zu sagen, dass wir vor Jahren eine Affäre miteinander hatten. Die ist vorbei und ich lasse mich in diesem Fall bei der Auswahl der Mitarbeiter von rein sachlichen Argumenten und Fakten leiten. Und nun sollten wir in den Besprechungsraum gehen." Den Blick, den Mathias auffing, als er sich von Mariza abwendete, um zu gehen und dabei auch das Gesicht von Malte streifte, sagte ihm etwas anderes. Das würde ein spannendes Gespräch geben.

Mathias ging hinter Malte und Mariza her und beobachtete, wie sich die beiden bewegten. Malte bewegte sich mehr als nur steif. Kerzengerade ging er, die Hände wie ein Militarist fest an die Hosennähte gepresst. Sie hingegen ging locker, die Hüften leicht schwingend neben ihm her. Ja das konnte man sich ansehen, dachte Mathias, als er ihren Gang weiter beobachtete. Selbstbewusst, ihre körperlichen Vorteile darstellend, ohne dass sie sich Mühe geben musste, dem davoneilenden Malte hinterher zu kommen. Und sofort kam ihn wieder seine Frau ins Gedächtnis. Merit, die eigentlich schon über achthundert Jahre alt wäre. Eine Frau aus dem Mittelalter und doch so jung. Er war dreißig Jahre älter als sie und doch kam er sich in ihrer Nähe nie so alt vor. Aber neben dieser Mariza, die etwa zwölf Jahre jünger war als er, kam er sich alt vor. Warum das nur? Ein Gefühl, das sich innerhalb dieser zehn Minuten seit sie sich zum ersten Mal begegnet waren, sofort in seinem Kopf breit machte. Und dann dieser Malte, ein dynamischer Typ, dem fast alle Frauen aus der Blauzahnsiedlung nachschauten und eventuell zu Füßen liegen würden. Wie nannten sie ihn alle noch mal? Anton, weil keine das Wort Adonis verwenden wollte. Hier aber reagierte er offensichtlich mit einer gewissen Verkrampfung dieser Frau gegenüber. Dann erhaschte Mathias Nase einen feinen Duft. Er vermutete ein Eau de Toilette mit etwas Zedernholz, Lavendel-Aromen und noch etwas, was er nicht definieren konnte. Warum hatte er das vorher nicht wahrgenommen, als er ihr etwas näher war? Hier geschahen Dinge, die er noch nicht bewerten konnte.

Kaum hatten sie den Raum betreten, wo das Gespräch stattfinden sollte, klingelte das Handy von Mathias. Eigentlich hatte er es auf lautlos gestellt, aber diese Funktion beinhaltete auch die Möglichkeit, dass sich Nummern bemerkbar machen konnten, deren Anrufen unbedingt zu ihm durchdringen durften. Und dazu gehörte Otto, Otto von Kraz. Unter den strafenden Blicken von Malte nahm er das Gespräch an. "Hallo mein Freund. Otto ist es sehr wichtig? Ich bin gerade in einer Besprechung." Dann hörte er gespannt zu was Otto ihm zu berichten hatte. "Oha. Ist gut Otto. Ich melde mich sobald wie möglich bei dir." Dann wurde das Gespräch beendet.

Das Gespräch lief wie Malte und Mathias es geplant hatten. Mathias war bald mehr als nur fasziniert von dieser Frau, analytisch, sehr sachlich, mit einem wachen Blick ausgestattet. Kein Wort zu viel, nicht abschweifend. Sie gab das von sich preis, was man wissen wollte und nicht mehr. 

Immer wieder prüfte sich Mathias, ob seine fast schon euphorische Begeisterung für diese Frau irgendeinen hormonellen Hintergrund haben könnte. Er machte sich deshalb während des Gespräches eine Pro und Kontra Liste. Einsatzmöglichkeit für das Projekt Blauzahnsiedlung, Nordstrandpiraten waren gegeben, er fand von den sachlichen Gründen passte alles sehr gut. Sie war geeignet für sie, bis auf einen Punkt oder besser, bis auf zwei Punkte. Würde das ehemals enge Verhältnis zu Malte sich störend auf die Arbeit auswirken? Und wie sah es mit der Verschwiegenheit aus? Diese Frau war berechnend und doch undurchschaubar. Sie setzte ihren Charme bewusst ein und er konnte sich vorstellen, dass sie die Welt der Männer etwas durcheinander brachte. Zudem wie würden die Frauen darauf reagieren? Obwohl diese Frau nicht unbedingt als schön zu bezeichnen war, war sie jemand, der polarisierend wirkte. Die einen waren sicher begeistert von ihr, aus welchen Gründen auch immer und es würde sicher welche geben, die sie ablehnen würden. Und plötzlich kam ihm der Gedanke und das Wort das er die ganze Zeit gesucht hatte. War sie anpassungsfähig, würde sie in die Gruppe passen, für die sie arbeiten sollte. Wie sah es aus mit ihrer Fähigkeit, sich einzuordnen oder gar unterzuordnen? Während Mathias diese Gedanken machte, führte Malte das Gespräch mit Mariza fort. Willkürlich unterbrach er das Gespräch zwischen den beiden. "Ich habe da eine Frage? Wir haben bisher alle harten Faktoren besprochen. Welche Fähigkeiten Sie nachweislich haben und was Sie für und tun können. Aber es gibt da einige Dinge die mich doch sehr interessieren. Bisher haben Sie nicht oft im Team gearbeitet und waren da immer sehr erfolgreich. Wenn ich Sie Mariza nach ihrer Teamfähigkeit frage, können Sie einfach nicken und ja sagen, dass sie diese Fähigkeit haben? Die Fähigkeit sich auch unterzuordnen? In keinem ihrer Arbeiten war das bisher groß gefordert. Bis auf einmal, als Sie mit Malte zusammen gearbeitet haben und da kam es dann zu einer intimen Freundschaft. Wie ich das auch immer bewerten kann, das ist nicht die Art der Unterordnung oder besser gesagt der arbeitstechnischen Partnerschaft, die wir anstreben. Also wie bewerten Sie selbst diese geforderte Fähigkeit?" Stille machte sich breit im Raum. Mathias meinte sogar zu sehen, dass sich das Gesicht von Mariza etwas errötete.

 

"Soll ich solange raus gehen, damit du etwas entspannter reden kannst?" fragte Malte. Mathias griff das sofort auf. "Das entscheidest du und nicht Mariza. Wenn du der Meinung bist, dass es besser wäre, dann tue das. Gehe auf die Toilette, mache eine kurze Wanderung durchs Haus und lasse uns frischen Kaffee bringen. Wenn du das so willst. Ich gebe dir zwanzig Minuten, dann sollte sich Mariza, wenn es was zu sagen gibt, es mir mitteilen. Mehr Zeit gebe ich nicht." Das war Mathias einfach zu unterwürfig, wie sich Malte da verhielt. Er war doch derjenige, der die Gesprächsführung übernommen hatte. Und nun war Mathias doch sehr neugierig geworden. Schweigend stand Malte auf und ging. "Zwanzig Minuten habe ich gesagt und nicht mehr." Mathias zog seine Armbanduhr ab und legte sie demonstrativ auf den Tisch.