Band 4 - Kapitel 17

28. Februar 2017 am späten Nachmittag auf Gotland

 

Malte Sorensen wurde von Dr. Nils Fredrikson untersucht. Er hatte ein paar Schürfwunden und eine Prellung auf dem rechten Handrücken. Nichts dramatisches, aber Lars musste sich eine ordentliche Standpauke von ihm anhören. Folterungen verabscheute der Doktor und das bekam außer Lars auch Gunnar zu hören. "So und nun wisst ihr, was ich davon halte. Bleibende Schäden wird er nicht davon tragen, aber passt auf, ich habe mir seine Augen angeschaut, da ist zu viel Rot in den Augen und das schwarz-braune an den Tränensäcken kommt nicht von Schlaflosigkeit. Ich tippe auf zu viel Alkoholkonsum. Hat er eigentlich ständig Durst und beginnt manches Mal leicht zu zittern? Passt auf ihn auf, gesund ist der nicht." Mit diesen Worten verabschiedete sich der Doktor von den beiden.

 

Gunnar fertigte ein Protokoll an, in dem war zu lesen, dass Malte aus freien Stücken auf weitere Recherchen gegen ihn und die Blauzahnleute verzichten würde, zudem habe er wissentlich gegen die Persönlichkeitsrechte verstoßen. Er entschuldigte sich für seine Vorgehensweise, auch dies wurde im Protokoll festgehalten. Auf eine Anzeige wurde verzichtet. Das Ganze wurde von einem Notar aus Visby bestätigt, den man kurzfristig in die Siedlung gebeten hatte. Sigrid Larsson wurde in diesem Protokoll nicht erwähnt. Erst nachdem der Notar weg war und man ihm eine Kopie des Protokolls überreichte, fiel ihm das auf. "Und was ist mit Sigrid? Wird die hier weiterhin festgehalten?" Gunnar lachte laut auf. "Du kannst dich gerne von ihr verabschieden. Sie wird zukünftig für mich arbeiten. Freiwillig und für ein gutes Honorar. Den Vorschuss kann sie dir gleich mit übergeben. Den hat sie von mir bar bekommen, damit sie dich los wird. Dieses Protokoll ist bei einem Notar hinterlegt und ist bindend. Wenn ich dich noch einmal sehe, dass du wissentlich meinen Weg kreuzt, in die Nähe einer meiner Unternehmungen oder Häuser kommst, dann bist du fällig. Da rettet dich kein Anwalt mehr und kein Gericht. Und wage es nicht, dich auf Nordstrand sehen zu lassen. Deine beiden Kumpanen haben wir auch schon bearbeitet." Dann holte Gunnar Sigrid, die Malte schweigend das Geld übergab, sich die Übergabe auch schriftlich bestätigen ließ, sich dann ohne sich von ihm zu verabschieden ging. Da stand er nun, Malte Sorensen mit einem Berg an Schulden, denn den Vorschuss würde er sicher an seinen Auftraggeber zurückzahlen müssen und ohne Story. Aber was war das nochmal mit Nordstrand? Zweit Kumpane hätte er da gehabt und von Süddeutschland war gar nicht die Rede. Vielleicht konnte er doch noch etwas machen. Wenn sich sein Auftraggeber melden würde, könnte er versuchen, die Kontaktdaten von den zweien auf Nordstrand zu bekommen. 

 

Weitere Gedanken konnte er nicht mehr fassen. Da stand er nun auf einmal vor dem Gittertor zur Blauzahnsiedlung, sein Auto stand vor dem Eingang und er war alleine.  Es war zu kalt, um weiter vor dem Tor stehen zu bleiben. Bevor er noch ins Auto einstieg, drehte er sich um, suchte vor dem Tor die Kamera der Videoüberwachung, hob die rechte Hand und streckte den Mittelfinger nach oben. Dann stieg er in sein Auto und fuhr davon.

 

Malte Krahn saß in seinem Büro. Er hatte alle drei potentielle Kandidaten kontaktiert. Am kommenden Tag würde er sie in Hamburg treffen. Die Flugscheine waren schon auf dem Wege zu den Bewerbern. Ein Konferenzraum und ein Hotelzimmer im Scandic hatte er für sich gebucht. Für die Bewerber hatte er in drei unterschiedlichen Hotels, die mindestens drei Kilometer vom Scandic entfernt und auch untereinander weit genug entfernt waren, gebucht. Er wollte damit vermeiden, dass sich die Bewerber zufällig trafen und austauschten, wusste er doch nicht, ob sie sich kannten. Mathias würde ebenfalls dazukommen. Er hatte noch den Mietwagen und würde zum ersten Termin rechtzeitig da sein. Die erste Kandidatin war Mariza Colonelli, die würde um 9.30 Uhr eintreffen. Geplant war ein Gespräch, das nicht länger als zwei Stunden dauern sollte. Ab 12.30 Uhr war das Gespräch mit seiner ehemaligen Kollegin Dorothea Walter geplant. Da sie die aussichtsreichste Kandidatin war, wollte er mit ihr zu Mittag essen gehen, um dabei schon ein kleines Vorgespräch zu führen. Und zuletzt war das Gespräch mit Bernard Noir geplant. Beginn um 16.00 Uhr, denn sein Flieger aus Kapstadt kam erst um 13.45 Uhr an und mit den Zollformalitäten und den Kontrollen plante Malte Krahn, dass er gegen 16.00 Uhr im Hotel ankommen würde. sollten zweite Gespräche stattfinden, so würde man die auf den Folgetag legen. Kaum hatte er seine Planungen abgeschlossen und per Mail Mathias informiert, kam Gunnar in sein Büro. Der eröffnete ihm, das er der Meinung sei, dass auch die Nordstrandpiraten im Ferienhaus einen Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin aus dem Securitybereich benötigten. Malte erklärte Gunnar, dass sie mit der vorhandenen Mannschaft das schwer leisten könnten. Gemeinsam prüften sie das finanzielle Budget, das Gunnar für diesen Bereich erstellt hatte und stellten fest, dass sie noch mindestens einen weiteren Mitarbeiter einstellen konnten, ohne zusätzliche, nicht budgetierte Kosten zu verursachen. Malte hatte bei der technischen Ausrüstung sehr günstig eingekauft und Kosten in einem sechsstelligen Eurobetrag eingespart hatte, zudem hatte er in den Personalkosten ebenfalls Einsparungen erreicht. Dies lag daran, dass die Unterbringungskosten für die Mitarbeiter günstiger ausgefallen waren, wie geplant. Die Honorar für den Berater der Suchmannschaft, Markus Malstrom, würde Gunnar aus eigener Tasche bezahlen.

 

Malte entschied, dass es vielleicht gut wäre, wenn er dafür vielleicht einen der Neuen einsetzen würde. Simon war auch ein ehemaliger Geheimdienstmann und würde zusammen mit Will sicher gewissen Auseinandersetzungen widerstehen können. Was ihnen fehlte war jemand, der Informationen sammeln und auswerten konnte und mit lästigen Journalisten umzugehen verstand. Mariza Colonelli war sicher diesbezüglich die richtige. Vor allem war es ganz gut, wenn sie etwas weiter von ihm entfernt tätig war. Seine Gefühle für sie waren nicht ganz beerdigt und er wusste nicht, wie es bei ihr aussah. Aber die Gespräche mit ihr mussten erst stattfinden, dann konnte man weiter planen. Sein Flug nach Hamburg ging um 17.30 Uhr und er wäre gegen 21.00 Uhr in Hamburg.

 

Auf dem Flughafen erreichte ihn der Anruf von Will, dass sie gerade von der Polizei kontrolliert werden sollten. Mathias hatte er bereits informiert und der riet ihnen, dass sie nichts unternehmen sollten, was die Polizei in irgendeiner Form provozieren könnte. Malte teilte ihm noch am Telefon mit, dass, wenn es Probleme gäbe, er ab 21.00 Uhr auf dem Handy in Hamburg zu erreichen sei. Das beruhigte Will und die Verbindung wurde unterbrochen.

 

In der Blauzahnsiedlung um 17.20 Uhr

 

Gunnar war sehr aufgeregt, denn so ein Polizeikontrolle konnte unangenehm werden. Die Papiere von Frida, Bert und Juli waren zwar perfekt und ihre Vita war auch auf den Behördencomputern hinterlegt, sollte aber jemand weitreichende Nachforschungen anstellen oder sie zu Einzelverhören gezwungen werden, könnte es etwas schwierig werden, wie sollte man die holprige Sprache der drei erklären sollte.

 

Visby in einem Hotel 17.45 Uhr

 

Malte Sorensen saß in seinem Hotelzimmer und wartete auf Antwort. Er hatte seinen Auftraggeber bereits per Mail verständigt, dass er von Gunnar Larson gezwungen wurde, seine Recherchen weiter zu betreiben. Mit einer Wortwahl, die man eher einer politischen Gruppierung einer unbedeutenden Oppositionspartei zugetraute, hatte er versucht seine Handeln so darzustellen, dass er nun nur noch im Hintergrund arbeiten könne, dies aber gerne zu Gunsten seines Auftraggebers tun würde. Um die Langeweile der Wartezeit etwas zu vertreiben, zappte er durch sämtliche Fernsehkanäle, die gerade Nachrichten ausstrahlten. Da war doch gerade etwas, dachte er, als er auf einem Süddeutschen Regionalsender hängen blieb. Ein Mann war tot aufgefunden worden, wahrscheinlich durch eine Feuer in einem Stall oder in einer Scheune. Die Bilder, die er sah, erinnerten ihn an etwas. Ein verschneites Haus und dann der Blick zu einem Nachbargebäude und dann wurde auf ein Fenster gezoomt. Damit endete der Bericht. Er suchte in der Videothek des Senders die Nachrichten und fand diese doch tatsächlich. Auf seinem Smartphone speicherte er diese Nachrichtensequenz. Dann schaute er sich mehrere Male den Blick auf diesen Nachbarhaus an. Wo hatte er das schon einmal gesehen? Diese Frage beschäftigte ihn immer stärker bis zu dem Moment, wo er sich daran erinnerte, dass ihm der Kontakt aus Süddeutschland Bilder von VIPS und unbekannten Frauen angeboten hatte. Auf einer Bilderstrecke hatte er das Fenster und Frauen, die sich an- und auszogen, gesehen. Er suchte auf seinem Laptop die Bilder des Kontaktes und fand sie doch tatsächlich. Hier waren drei unterschiedliche Frauen zu sehen. Teilweise waren die Oberkörper entblößt, was aber wichtiger war, er konnte die Gesichter erkennen. Er machte Ausschnittsvergrößerungen, um die Gesichter klarer zu sehen. Und da war ein bekanntes Gesicht darunter. Eine der Assistentinnen des Gunnar Larson. Auf einer der alten Homepages des Unternehmens fand er sie auch. Liliane Grodegund, so lautete ihr Namen. Was machte diese Frau dort in Süddeutschland und wer waren die anderen Frauen. Da der Ort, wo das Haus stand, nicht unbedingt zu einem begehrten Winterurlaubsziel gehörte, fragte sich Malte, was diese Frau dort machte. Eine Frau die sich unter anderen Umständen eher für die Malediven oder St. Moritz als Urlaubsziel entschieden hätte, um eine Schlechtwetterphase hinter sich zu lassen. Was machte sie hier und mit den beiden anderen Frauen? Er konnte seine Gedanken nicht sortieren, denn sein Handy klingelte und wie er sah, war das eine unbekannte Nummer, die ihn versuchte zu kontaktieren, wahrscheinlich sein Auftraggeber. Er meldete sich und hatte keine Gelegenheit, irgendetwas zu sagen. Sein Gesprächspartner brachte ein paar Fakten, die zu seinem Versagen geführt hatten, erklärte ihm seinen neuen Auftrag, der eigentlich der alte war. Er sollte Larson weiter beobachten. Als er dann endlich die Gelegenheit bekam, auch etwas zu sagen, berichtete er, was er erlebt und welche Entdeckung er gemacht hatte. Als er mit seinem Bericht aufhörte, dauerte es einige Zeit, bis er eine Antwort bekam. Er sollte am kommenden Tag nach Nordstrand aufbrechen und dort zwei weitere Mitarbeiter, die ebenfalls in seinem Auftrag über die Geschäfte von Gunnar Larson recherchierten, treffen. Flugdaten und auch die Daten über die zwei Personen, mit denen er in Deutschland zusammen arbeiten sollte, würde er per Mail erhalten. Ohne Abschiedsgruß oder eine weitere Bemerkung wurde das Gespräch beendet. Keine fünf Minuten später meldete sich bei ihm ein Unbekannter, der vorgab, dass sie sich am kommenden Tag auf Nordstrand treffen würden. Der Unbekannte sagte ihm, dass in dieser Jahreszeit auf Nordstrand kein Hotel geöffnet habe und sie in einem Hotel in Hattstedtermarsch seien. Sie würden ihn am Hamburger Flughafen abholen. Dann wurden noch die Bilder der Gesichter per WhatsApp ausgetauscht, damit sie sich gegenseitig auch erkennen konnten. Das Gesicht des Mannes, das Malte auf seinem Display sah, schien mit einer Betonmauer oder auf jeden Fall mit einem sehr harten Gegenstand konfrontiert worden sein, oder er hatte einen anderen Unfall. Ein blaues Auge und eine aufgeplatzte Lippe. Nun Malte sah ebenfalls nicht viel besser aus. Sein Auftraggeber bestätigte die ausgetauschten Bilder, sodass sie alle sicher waren, die richtigen Kontaktleute auf dem Flughafen zu treffen. Die Jobbeschreibung eines Enthüllungsjournalisten enthielt darüber allerdings keine Informationen, dass man sich verletzen konnte oder auch musste.

 

Malte musste immer wieder daran denken, dass er noch nie so viele alte Männer kennen gelernt hatte, die so dynamisch und kraftvoll waren. Lag es daran, dass hier Frauen mit im Spiel waren, oder war Gunnar Larson auf eine Droge gestoßen, die den Alterungsprozess rückgängig machte oder verzögerte? Was würde ihn auf Nordstrand erwarten? Auf jeden Fall wollte er es diesen Blauzahnleuten, den Nordstrandpiraten und Gunnar Larson heimzahlen. Nun war ihm dieser reiche Schnösel schon zum zweiten Mal in die Quere gekommen und hatte ihm eine gute Story versaut. Dann schaute er sich nochmals die Bilder aus dem Haus in Süddeutschland an. Die Frauen waren alle durchweg sehr ansehnlich. Sein letzter Versuch, den Kontakt zum Lieferanten der Bilder herzustellen, war gescheitert. War eventuell der Mann, den man tot aufgefunden hatte, sein Bilderlieferant? Es war wohl besser, keine weiteren Versuche zu unternehmen, den Kontakt herzustellen.

 

Blauzahnsiedlung 19.15 Uhr Büro des Gunnar Larson

 

Gebannt schaute Gunnar auf sein Handy. Immer noch keine Nachricht von Pet Bär oder Willi Karr. Was passierte da gerade? Warum diese Polizeikontrolle? Noch in Gedanken versunken schrak er auf, als das Haustelefon sich meldete. Ein Anruf von Tammi Bernstein aus dem Securityteam. "Ich habe zwei Informationen für Sie. Wollen Sie zu mir ins Büro kommen?" Gunnar wollte, denn warten auf irgendeine Nachricht konnte er auch wo anders, als hier in seinem Büro.

 

"Wir haben mit Hilfe von Markus die Wetterlage nochmals am Flugtag überprüft. Die Luftströmungen an diesem Tage waren anders, als bisher angenommen. Denn die Maschine flog mindestens einhundert Meter tiefer, als bisher berechnet. Sie wurde nicht aufs Land hin getrieben, sondern aufs offene Meer hinaus. Wenn die Berechnungen stimmen, müsste sie irgendwo bei der Insel Stenshamn herunter gekommen sein. Da gibt es einige kleinere Inseln, wo niemand wohnt und die Wassertiefe nicht besonders ist. Markus meinte, dass wir da suchen müssen. Und dann wäre da noch Malte Sorensen. Ich habe sein Handy manipuliert, wie sie wollten. Wir hören und sehen alles, was er damit macht. Das Verlinken zu seinem Laptop konnte ich nun auch mit Hilfe des Handys machen. Er hat seinen Auftraggeber kontaktiert. Da kann ich allerdings nicht nachverfolgen wohin oder woher diese Anrufe gehen. Aber ich habe den Kontakt zu einer anderen Gruppe von Männern festgestellt, mit denen er sich auf oder bei der Insel Nordstrand treffen will. Bilder der beiden auf Nordstrand habe ich. Was aber sehr verdächtig ist, dass Malte Bilder von Ihrem Haus in Süddeutschland hat. Bilder von Frida, Juli und Lilli. Er hatte einen Kontaktmann vor Ort. Das sind exakt die Bilder, die wir dort im Netz und auf den Computern gefunden haben. Ich versuche weitere Kontakte auf seinem Handy und dem Laptop zu finden. Sobald ich mehr habe, melde ich mich. Und eines ist sicher, er macht weiter, Sie und die Blauzahnsiedler zu erforschen. Sein neuester Ansatz ist nun Nordstrand." Tammi wandte sich sofort wieder ihrem Bildschirm zu. Sie wollte nicht sehen, wie der Gesichtsausdruck ihres Chefs war. Sie konnte sich vorstellen, was nun in ihm vorging.

 

19:50 Uhr und immer noch keine Nachricht von Pet oder Will. Gunnar war sehr beunruhigt, wollte aber nicht auf einem der Handys anrufen. Er hoffte, dass sie sich melden würden, wenn die Kontrolle vorbei war.