Band 4 - Kapitel 16

28. Januar 2017 Nordstrand

 

Sasha war die Erste an diesem Tag, die aufgewacht war und machte sich noch vor 6.00 Uhr daran, das Frühstück zuzubereiten. Sophia, Frida und Juliane waren ebenfalls sehr früh wach und halfen Sophia beim Tischecken. Am späten Abend hatte Sophia den beiden noch erklärt, was Shoppen bedeutete. Die Worte Konsum und Genuss wurde mit vielen und einfachen Worten erklärt und die Aufregung war bei den beiden entsprechend groß. Mathias kam etwas später und wirkte leicht verkatert. Er meinte nur, dass er schlecht geschlafen hätte und unter heftigen Kopfschmerzen leiden würde. Für die Shoppingtour nach Hamburg stand er an diesem Tage nicht zur Verfügung. Simon könne ruhig mit seiner Schwester mitgehen, da er bei den Hunden im Haus bleiben würde. Kaum war das Frühstück fertig und der Duft von frischem Kaffee durchzog das Haus, kam Simon, Pet, Will, Lilli, Bertram, Sasha und Alana.

Als sie sie mit dem Frühstück angefangen hatten, wurden die beiden Mietwagen, die sie für diesen Tag gemietet hatten, von der Verleihfirma gebracht. Einen Mercedes V Klasse mit sieben Sitzen und einen großen BMW. Das würde die Reise nach Hamburg komfortabel gestalten. Und sofort entstand ein Streit, wer mit wem und mit was fahren würde. Pet und Mathias wurden als Fahrer auserkoren. Pet sollte mit dem BMW fahren und Mathias, der schon immer ein Fan von geräumigen Fahrzeugen war, den Van. Pet fand es lächerlich, dass sich erwachsene Menschen darum stritten, wer wo und mit wem fahren würde und meinte dann, dass das Los entscheiden sollte. Er nahm acht Streichhölzer und kürzte drei davon, die anderen ließ er so, wie sie waren. Wer die drei kurzen ziehen würde, der konnte im BMW mitfahren und wer die langen zog, durfte im Van mitfahren. Im Mittelalter war dieses Losverfahren schon bekannt, allerdings nicht mit kleinen Streichhölzern. Frida, Simon und zuletzt Sophia zogen die kurzen Hölzer. Damit stand fest, wer mit wem fahren würde. Wobei Simon lieber mit seiner Schwester fahren wollte und mit Alana tauschte. Pet und Will schüttelten immer wieder den Kopf, das Ganze versetzte sie in ihre Kindheit und Jugendzeit, wo man sich darüber stritt, wer in welcher Fußballgruppe mitspielen sollte. Pet und auch Will waren als Jugendlichen keine beliebten Fußballer und beide waren immer diejenigen, die man zum Schluss zwangsweise in die Mannschaft aufnahm, weil sie übrig waren. So änderten sich die Zeiten.

Um 8.30 Uhr waren sie soweit und fuhren los. Erst nach Husum, dann über die Landstraße bis kurz vor Heide und auf die Autobahn. Laut ihren Navigationsgeräten würden sie um 10.30 Uhr am Parkhaus am Bleichenhof eintreffen. Aber schon bei Itzehoe erwartete sie ein Stau. Aber den gab´s ja immer schon und sie verloren im Stau über 20 Minuten. Kurz vor Hamburg dann nochmals ein Stau. Alle waren genervt, denn sie freuten sich auf die Tour durch Hamburg. Am Vormittag sollte es weder schneien noch regnen und sie würden trocken bummeln gehen können, aber je länger sie im Auto saßen, um so geringer wurde die Chance, ihren Einkauf trockenen Fußes machen zu können. Dann waren sie um 11.00 Uhr im Parkhaus. Die Augen der Mittelaltermenschen waren riesengroß. Autofahren, ja das kannten sie ja schon, Parkhaus, Hochhäuser und diese Menschenmassen, das war neu für sie. Frida redete und redete, stellte Fragen, berichtete Neues, was sie sah und war nicht mehr zu halten. Sophia versuchte, ihren wirren Redefluss zu bremsen, aber das war kaum möglich, bis Simon ihr eine sanfte, fast streichelnde Ohrfeige gab, sie dann in den Arm nahm, küsste und damit ihre Gegenwehr unterdrückte. Sie hing mitten auf dem Gehweg am Ausgang des Parkhauses in seinen Armen und es dauerte sehr lange, bis Simon seinen Mund öffnete. "Ich kenne dich erst seit ein paar Tagen, aber Frida von Blau, ich muss dir gestehen, dass ich mich unsterblich in dich verliebt habe." Er flüsterte ihr das zwar ins Ohr, aber die anderen Nordstrandpiraten konnten leicht erahnen, was Simon ihr gerade ins Ohr gehaucht hatte. Tief in ihrem Herzen war da immer noch Otto, der Stauferbastard. Sie wusste, dass sie ihn nie wieder sehen würde und Simon sah ihm ähnlich, bewegte sich so wie er und sie fühlte sich auch zu ihm hingezogen. Zuerst wusste sie nicht warum, nun aber wollte sie ihrem Herz vertrauen, das so kräftig schlug, als ob es zu ihm hineinspringen wollte. Hemmungslos begann sie zu weinen. Die Menschen, die um die Gruppe herum hetzten oder auch welche, die auf der anderen Seite der Straßen gingen, blieben stehen und beobachteten das, was sie da sahen. Einige reagierten gerührt, weil sie offensichtlich fühlten, was da gerade geschah, andere wiederum schüttelten den Kopf und dann gab es noch die Antiemotionsbegeisterten. Diese Typen fanden das einfach unmöglich, dass man sich bei dem Wetter mitten in Hamburg und um diese Uhrzeit seinen Emotionen so hingab,und dabei noch den ganzen Gehweg versperrte. Hinter sich hörte Pet noch einen dummen Kommentar einer älteren Dame. "Dieses junge Ding, schmeißt sich so einem alten Kater an den Hals. Wahrscheinlich hat er genügend Geld, um sie an sich zu binden." Sophia und Pet drehten sich gleichzeitig um und schauten auf die Dame. Es fiel sofort auf, dass hier keine Frau aus dem üblichen Milieu des Alltags war. Ein sichtbar teurer Mantel, ein Kopftuch und Stiefel, die man nicht bei einem Diskounter oder in einem normalen Modegeschäft kaufen konnte. Der Hals trotz Kälte noch frei, sodass man die Perlenkette gut sehen konnte, die das welke Fleisch zierte. Die Upperclasshanseatin, wie Peter sie in seinem Kopf zu deuten suchte. "Nein kein Kater und kein junges Ding. Einfach zwei Menschen, die sich gefunden haben. Ohne dabei auf Kontoauszüge zu achten oder Standesdünkel achtgeben zu müssen." Fast wäre Sophia noch mehr Worte herausgerutscht, wenn Pet sie nicht mit einem Stubser daran gehindert hätte. Sie wollte noch sagen, dass Frida keine Kontoauszüge kannte und Standesdünkel sie nie hätte beachten müssen. Herkunft aus einem Rittergeschlecht galten nun mal in der heuten Zeit nichts mehr. Hier gab es nur noch den Geldadel, die Politmonarchen und die Bildungsfürsten, die hatten aber nichts mit dem Mittelalter zu tun. Mit einem empörten Kopfschütteln drehte sich die Dame und ihre Begleitung um und tauchten ab in die Niederungen des Schneematsches auf der Straße.

Sophia wendete sich Pet zu. "Du hättest mich nicht stoßen brauchen, damit ich ruhig bin. So wie Simon Frida zu Schweigen gebracht hat, hätte genügt. So ein Kuss wirkt bei Frauen manchmal Wunder, Herr von und zu Bärental." Dann hakte sie sich bei ihm unter und zog ihn mit sich.

Bis gegen 15.00 Uhr durchstreiften sie alle Modeläden, Kaufhäuser und Schmuckgeschäfte. Die Kreditkarte, die Will von Gunnar zur Verfügung gestellt bekommen hatte, ermöglichte ein entspanntes Einkaufen. Die Damen erstanden einiges an sehr modischen Kleidungsstücken. Als es dann allerdings zum Kauf von Unterwäsche und Nachtgewändern kommen sollte, mussten sich die Herren in ein Café zurückziehen. Will musste dabei allerdings in Handyrufbereitschaft bleiben, da er zum Begleichen der Rechnungen benötigt wurde. Nachdem auch das erledigt war, wurden die Herren zum Kauf modischer Kleidung genötigt. Dies dauerte allerdings nicht so lange. Dann wollte Pet noch Einiges für den Genusssektor besorgen. Vollbepackt brachten sie ihre Einkäufe zu den Fahrzeugen im Parkhaus. Dann ging es weiter. Für die Genüsse des gemütlichen Beisammenseins musste noch gesorgt werden. In der alten Bleiche gab es einen Tabakladen, der führte exzellente Zigarren, Pfeifentabake, Gin und Cognac. Dort wurde Pet, Simon und Will fündig. In einer Weinhandlung fanden sie dann noch einige Weine, die sicher zu einer entspannten Situation abends am Kaminfeuer führen würde. Kaum waren sie aus der Weinhandlung draußen, begann ein heftiger Schneeregen niederzugehen und sie beeilten sich, zum Parkhaus und den Autos zurück zu kommen.

Auf der Fahrt nach Nordstrand wurde kaum gesprochen. Alle waren müde von den Abenteuern und Anstrengungen des Shoppens. Auf der Höhe von Itzehoe wurde Pet und Will angerufen. Eine Konferenzschaltung ermöglichte es, dass sie alle über die Freisprecheinrichtungen mithören und auch ihren Beitrag leisten konnten. Gunnar informierte sie über ihre beiden Gästen, Malte Sorensen und Sigrid Larsson. Er würde sich wieder melden, wenn er die Gespräche mit den beiden Journalisten geführt hatte. Als das Wort Journalisten gefallen war, wurden alle hellhörig. Waren sie nicht auch überfallartig von Journalisten angegangen worden? Und was war das mit den beiden Typen in dem falschen Polizeiauto? Will meinte dann abschließend, dass sie am nächsten Tag nochmals telefonieren sollten, denn hier gäbe es wohl größeren Erklärungsbedarf. Damit war die Telefonkonferenz beendet. Die Müdigkeit aller, die in den beiden Autos saßen, war vorbei. Die Mittelaltermenschen hatten nicht ganz verstanden, worum es eigentlich ging, aber sie spürten die Aufregung aller und nun lag es an den Jetztzeitmenschen, das alles zu erklären. Was waren Journalisten, was waren falsche Polizisten und warum durfte man nicht als Mensch aus dem Mittelalter erkannt werden? Diese Frage wurde immer mehr von Bedeutung. Was war denn so besonders an ihnen? Sie sahen doch genauso aus wie alle anderen.

Sophia, Simon, Sasha und Alana versuchten, das alles zu erklären. Es gab spannende Gespräche in den beiden Fahrzeugen. Es war einfach nicht zu verstehen, dieses „warum durften sie nicht aus dem Mittelalter kommen und sich hier frei bewegen?“ Selbst die Erklärung, dass jemand versuchen könnte, wieder in die Vergangenheit zurückzureisen, um die Vergangenheit zu seinen Gunsten zu verändern, war keine gute Erklärung. Denn warum sollte das jemand tun, wenn sich alles doch so zum Guten gegenüber dem Mittelalter verändert hatte? Erst die Erklärung, dass es immer noch das Spiel der Mächtigen gab, die versuchten, alle Macht die möglich war, auf sich zu vereinen, schienen die drei dann besser zu verstehen. Wer in die Vergangenheit reisen konnte, bekam die Möglichkeit, das Jetzt und die Zukunft zu seinen Gunsten zu verändern. Das durfte nicht sein und da sie der Beweis dafür waren, dass diese Reise möglich war, wollte man ihre Existenz verheimlichen. "Und wie ist es mit eurer Reise in meine Zeit? Was habt ihr verändert? Wolltet ihr was verändern?" Fridas Frage war berechtigt und Pet konnte sie nur damit beantworten, dass sie nicht wussten, dass sie aus der Zukunft ins Mittelalter gereist waren und deshalb nichts bewusst verändern konnten. Aber sicher hatten auch sie Spuren hinterlassen, die etwas in der Zukunft verändert hatte. Das was und wie wussten sie noch nicht. "Aber der, der euch zu uns geschickt hat, der hätte doch wissen müssen, dass ihr etwas verändert?" Frida ließ nicht locker. Pet war verzweifelt, denn er konnte ihr diese Frage nicht so ohne weiteres beantworten. Er hatte sich einfach noch keine Gedanken darüber gemacht. Er bat Frida darum, mit weiteren Fragen einfach zu warten bis sie wieder auf Nordstrand waren. Schmollend presste sie sich in ihren Sitz zurück und schwieg dann offensichtlich etwas beleidigt. Sie war gerade in Stimmung für so ein Frage- und Antwortspiel und Pet wollte nicht mitspielen. Es tat ihm leid, sie verärgert zu haben, aber er wollte sich auf den Verkehr konzentrieren, denn bei der Witterung war das Fahren keine einfache Sache, so dachte er. Aber tief in ihm drinnen war ihm klar, dass er einfach keine Antwort hatte und das Fahren nur als Ausrede benutzte. Sophia, die neben ihm saß erkannte sein Dilemma und versuchte mit ein paar beschwichtigenden Worten Fridas Frust aufzulösen. Das gelang ihr nur teilweise und erst, als sie über ihren Einkauf und die erstandenen Kleidungsstücke sprach, verflog der Frust ganz und Frida plauderte wieder ganz locker los. "Scheiß Rollenspiel. Erst wenn man über Kleidung, Mode, Kinder und die Unterdrückung durch die Männerwelt spricht, werden Frauen aufgeweckt. In den achthundert Jahren hat sich da wenig verändert." Der ausgesprochene Gedanke war für Pet bestimmt. "Das ist nicht richtig. Das Repertoire der Themen hat sich bei den Frauen um einiges erweitert, oder besser gesagt, es war versteckt und ist aus seinem Verließ ausgebrochen. Viele Frauen waren schon immer die klügeren Männer, aber sie durften es wegen des Friedens Willens nicht sein. Eigentlich sind wir Männer die Unterdrückten unserer selbst. Wir lassen es nicht zu, dass das Potential, das in der Unterschiedlichkeit der Geschlechter ruht, sich austobt. Frauen sollten Frauen bleiben und Männer sollten Männer bleiben, aber beide müssen sich auf Augenhöhe begegnen. Und soweit sind wir noch lange nicht. Gleichberechtigung hin oder her, wichtig ist doch nur, dass wir das Potential, das in uns steckt, respektieren und ausnutzen. Aber bitte verderbt dabei nicht, was dieser Unterschied der Geschlechter auch an Schönem mit sich bringt. Von Minne über Anbaggern, Bezirzen und Verführen, das ganze Spiel um das Werben des anderen sollte bleiben dürfen. Nur sachlich respektvoll miteinander leben ist doch reizlos." Sophia schaut Pet von der Seite an. Er hatte mal wieder emotionsgeladen, aber ohne die Miene dabei zu verzeihen, vor sich hin doziert und dabei den Verkehr auf der Straße genau im Blick gehabt. Er und sich nur auf den Verkehr konzentrieren, das war gelogen. Sie hatte ihn vor ein paar Jahren kennen gelernt, als sie in einem Hafen auf Poller saßen, Zigaretten geraucht haben, damals war er noch nervös, manchmal sogar unkonzentriert, aber heute war er anders. Er wirkte um keinen Tag gealtert, eher jünger, immer bei sich. Die Seereise und das Mittelalter hatten ihn verändert. So wie sie und alle, die an diesen Abenteuern dabei waren auch. Aber wie sich das auswirken würde, war ihr nicht klar, nur dass ausgerechnet er nun sowas wie das Einfordern von Romantik aussprach, verwunderte sie. Sie hatte am Morgen schon gesehen, was sich an Simon verändert hatte, der so überraschend Frida auf der Straße geküsst hatte. Und nun saß sie ohne ihn hier mit ihr, Pet und Alana im Auto und forderte Erklärungen.

 

Auf der  Nord-Ostseekanal-Brücke fuhren sie langsam. Will hatte einen Abstand von etwas mehr als fünfzig Meter zu dem BMW, den Pet fuhr, denn der Seitenwind war heftig und so war es gut, dass sie einen gewissen Sicherheitsabstand einhielten. Die paar Scheinwerfer die ihnen begegneten und sie von der Gegenfahrbahn aus beleuchteten, störten niemand. Keiner achtete darauf, was hinter ihnen geschah. Pet bemerkte nicht, dass sich zwischen den Van, den Will steuerte und ihm ein anderes Fahrzeug gedrängt hatte. Auch nicht, dass dieses unbekannte Fahrzeug Will langsam ausbremste und der nicht ausweichen konnte, da neben ihm ständig ein weiteres Fahrzeug fuhr. Als der Abstand nun etwas mehr als einhundert Meter betrug und sie die Brücke passiert hatten, beschleunigte das Fahrzeug neben Will und überholte Pet, scherte vor ihm ein und bremste ihn aus. Dann schaltete sich ein Licht in dem Fahrzeug ein und auf einem Display in der Rückscheibe erschienen die Worte. -  POLIZEI - BITTE FOLGEN - . Bei Schafstedt wurden sie von der Autobahn geleitet und auf einen Parkplatz geführt. Einfahrt und Ausfahrt wurden, nachdem sie dort eingefahren waren, mit Polizeifahrzeugen abgesperrt. Aufgeregt fragten sich alle, was das wohl für ein Aktion war.