Band 4 - Kapitel 14

27. Januar 2017 Nachmittag auf Nordstrand

 

Sophia, Will mit dem Herrn Grafen und Pet gingen weiter, ohne die wartenden Reporter, ihre Fragen oder die Kameras zu beachten. Kam ihnen jemand näher als zwei Meter, setzte sich der große Vierbeiner dafür ein, dass der Abstand gewahrt blieb, der durch die Länge seiner Leine vorgegeben war. Als sie auf der Höhe des Polizeiautos waren, klopfte Pet an die Scheibe der Fahrertüre. Der Polizeibeamte öffnete das Fenster und fragte Pet, was er denn von ihm wolle. Nicht die übliche Höflichkeitsfloskel, mit was man dienen könne oder ob man Hilfe benötigte. Nein der Ton war sehr unhöflich und abweisend. "Ich dachte ich kann Ihnen helfen, da sie hier stehen und sich nicht wegbewegen oder in Aktion treten." gab Pet zur Antwort. Als die Pressemeute nun Fotos machten, wie Pet und die anderen Blauzahnleute neben dem Polizeiauto standen, zog der Fahrer des Polizeiautos seine Mütze tiefer ins Gesicht, startete den Motor und fuhr an. Die Reifen schleuderten Pet und auch einem Teil der Journalisten Schneematsch in die Gesichter und auf die Kleidung. Sprachlos über dieses Verhalten von ein paar Ordnungshütern reinigte man sich von dem nassen Schmutz. "Das war kein richtige Polizeiauto. Habt ihr das Nummernschild angeschaut? Da hat jemand sehr dilettantisch mit Farbe oder schwarzem Isolierband versucht ein Polizeikennzeichen nachzumachen." Pet drehte sich um, schaute den an, der das gerade gesagt hatte an. "Hat jemand ein Foto von dem Wagen gemacht? Dann kann man das ja mal überprüfen, ob das ein gefälschtes Nummernschild war. Und nun habe ich eine Bitte an Sie alle. Wir wollen in Ruhe und ohne Belästigung spazieren gehen. Ist es möglich, dass sie uns nun in Ruhe lassen? Wir stehen Ihnen morgen ab 11.00 Uhr gerne zur Verfügung. Hier draußen, nicht bei uns drinnen und schon gar nicht jetzt." Damit wandten sich die drei mit dem Herrn Grafen ab und gingen Richtung Deich weiter. Untypisch für Journalisten verfolgte sie in dem Moment keiner. Man hörte noch ein paar Mal das Klicken von Fotoapparaten und dann war Ruhe.

Auf der Deichkrone spürten sie den kalten Wind von Meer. "Bis auf eine Person vor unserer Einfahrt sind inzwischen alle weg und ich sehe bei einem Campingplatz - oder was das auch immer sein mag - das Polizeiauto stehen. Gehen wir am Meer entlang, dann sehen die uns nicht und wir schleichen uns dann über den Deich zu dem Auto. Vielleicht finden wir heraus, wer das in dem Fahrzeug ist." Will war einfach neugierig und wollte wissen, wer sie da mit Matsch beglückt hatte und wer die Insassen wirklich waren. Als sie auf der Höhe waren, wo sie das Auto gesehen hatten, überquerten Sophia und Pet den Deich. Sicher würde es den Beobachtern auffallen, dass Will mit dem Hund nicht dabei waren, aber die konnten ja immer noch hinter dem Deich sein.

Langsam schlenderten Sophia und Pet den Deich hinunter. Sie waren etwas mehr als fünfzig Meter von dem vermeintlichen Polizeiauto entfernt. Als sie die Straße erreichten, gingen sie sehr langsam auf das parkende Fahrzeug zu. Sie wollten Will Zeit lassen, sich hinter das Fahrzeug zu schleichen. Sie konnten ihn aber nirgends entdecken. Also blieben sie stehen und warteten, was den Insassen in dem PKW auffallen musste. Man sah an den Abgaswolken, die aus dem Auspuff kamen, dass der Motor gestartet wurde. Als der PKW dann zurücksetzen wollte, um Sophia und Pet zu entkommen, machte das Auto einen kleinen Sprung nach oben und mit einem gut zu hörenden blechernem Knacken blieb das Auto mit aufheulendem Motor stehen. Pet und Sophia rannten los, denn sie vermuteten, dass sich ein Unglück ereignet hatte und Will oder der Herr Graf verletzt sein könnten. Aber kaum waren sie auf zehn Meter an das Fahrzeug heran, sahen sie Will und den großen schwarzen Hund etwas abseits des Weges stehen.

Pet trat schnell neben die Fahrertüre und öffnete diese. "Jemand verletzt, können wir ihnen helfen?" Der Uniformierte schaute ihn etwas erschrocken an und es dauerte etwas, bis er sich von dem kleinen Schock, den er hatte, erholte. "Treten Sie bitte vom Fahrzeug weg. Sie können doch nicht einfach die Türe aufreißen." blaffte er aus dem inneren Pet an. Der zuckte nur die Schultern und trat einen Schritt zurück. Die Beifahrertüre wurde geöffnet und ein Mann in Uniform stieg aus. Man sah sofort, dass diese Uniform nicht maßgeschneidert war. Die Ärmel der Jacke waren eindeutig zu kurz, die Mütze zu groß und hing über die Ohren ins Gesicht, der Mann sah einfach lächerlich aus. Ohne etwas zu sagen, ging er ums Auto herum. "Du bist auf einen großen Balken gefahren. Der liegt an deinem rechten Hinterreifen. Lag der schon da, als wir hierher gefahren sind?" Der Mann wollte Will mit dem Herrn Grafen ignorieren und den Balken wegziehen. Kaum hatte er sich gebückt als die nasse Schnauze des Hundes in seinem Gesicht herum schnupperte. Erschrocken fuhr er herum und wollte den Hund wegdrücken. Das sonore Brummen des Herrn Grafen brachte ihn dazu, steif und aufrecht dazustehen. "Sie sind nicht von der Polizei. Schlecht sitzende Uniform, keine Waffe und ein gefälschtes Nummernschild. Schlicht weg ein Fakepolizist. Das wird teuer. Amtsanmaßung nach §132 Strafgesetzbuch. Also bitte, wer sind Sie?" Will klang in dem Moment wie ein deutscher Amtsträger.

"Gut, bitte ziehen Sie den Hund hier ein wenig weg. Dann können wir reden." Der Herr Graf trollte sich auch ohne Leinenzug zurück zu Will und stellte sich neben ihn. "Wir sind von der Stockholmer Internetabenposten. Wir wollten die Aktivitäten von Gunnars Larson und das Tun der Blauzahnleute aufarbeiten. Wir gaben uns daher als Polizisten aus, um bei Ihnen erst einmal etwas Aufregung zu verursachen. So ein paar Stunden vor dem Haus mit dem Auto rumstehen und morgen wären wir dann in Zivil gekommen. Wir arbeiten mit Malte Sorensen zusammen, der gerade auf Gotland ist. Genügt das?"  Pet wurde wütend, denn dass die Presseleute manches Mal zu Mitteln griffen, die nicht sehr fein waren, um an eine Story zu kommen, konnte er verstehen, aber das mit dem Polizeiauto war einfach nur dreist und wenn man ihnen damit noch Angst einjagen wollte, dann war das für ihn zu viel. Er griff dem Mann im Auto an die Jacke und zerrte ihn aus dem Auto. Schmerzfrei ging das nicht vonstatten, aber der Mann war so überrascht von diesem Angriff, dass er sich nicht sogleich dagegen wehrte. Offensichtlich konnte er auch nicht glauben, dass ein älterer Mann mit so viel Kraft ausgestattet war. Erst als er ganz aus dem Auto war, versuchte er sich von dem Griff des ehemaligen Bärentalers zu befreien. Er wunderte sich nur, dass er auf einmal auf dem Rücken im Schneematsch lag und der alter Kämpe ihn immer noch festhalten konnte. Der erste Schlag traf den Fakepolizisten an der linken Wange und zeigte ihm Bilder des Sternenhimmels, dann wurde er mit einer gewaltigen Kraft nach oben gerissen. Verschwommen sah er das Gesicht von Pet. "Hört zu, ihr seid hier, um uns zu ärgern. Ihr wolltet uns Angst machen? Das können wir auch. Zudem gibt es hier keine Zeugen. Und wenn ihr mit ein paar Platzwunden im Kofferraum eures Autos gefunden werdet, das mit den gefälschten Nummernschildern meine ich, und ihr tragt immer noch diese Uniformen, dann werdet ihr viel unangenehme Fragen beantworten müssen. Und das lange bevor man sich eventuell mit uns beschäftigt. Also verschwindet so schnell ihr könnt und das bitte, bevor ich wirklich sehr unhöflich werde." Mit dem letzten Wort flog der Uniformierte in den Matsch zurück. Dann umrundeten Pet und Sophia das Auto und gingen auf Will zu. Als Sophia an dem zweiten Polizisten vorbeikam, blieb sie kurz stehen und fragte ihn mit der unschuldigsten Miene, die sie aufsetzten konnte. "Traurig? Oder sogar etwas böse mit uns?" Mit einem fast schon als blöd zu bezeichnenden Blick schaute der Mann Sophia an. Als er keinen Kommentar abgeben wollte, meinte Sophia zu ihm. "Möchten Sie auch so ein paar Heldenmale haben wie Ihr Kumpel da drüben im Matsch?" Empört meinte er etwas von Körperverletzung, anzeigen, zurückkommen und zum Schluss fiel noch das Wort aufmischen. Das war Sophia genug und die Bauchdecke ihres Gegenübers wurde in seinen Körper heftig und schmerzhaft durch einen Faustschlag gedrückt. Er krümmte sich und wenn Sophia stehen geblieben wäre, hätte sie ihn auffangen können, aber sie war nicht stehen geblieben. Also landete er auch im Schneematsch. Ohne auf die beiden weiter zu achten, gingen sie weiter und zurück zum Ferienhaus. Als sie schon ein Stück gelaufen waren, fragte Will die beiden, warum sie so gewalttätig reagiert hätten. Man hätte die beiden auch anders zur Vernunft bringen können. "Nein Will, das hätten wir nicht können. Je länger man mit einer angemessenen Antwort wartet, um so wirkungsloser wird sie. Und die paar Schläge müssen die schon einstecken können. Es sind widerliche Gesellen, sie wollten uns Angst einjagen, uns bespitzeln und eventuell in der Öffentlichkeit vorführen. Wir haben in dem Jahr im Mittelalter einiges gelernt. Man muss bei einigen Dingen viel Geduld haben und andere Dinge brauchen eine schnelle, klare, fühlbare Antwort, sonst wird man nicht ernst genommen. Die müssen wissen, dass wir nie Freunde werden können, sondern dass wir ihre Feinde sind und sie müssen wissen, dass wir kompromisslos agieren, wenn es sein muss. Manche kennen nur die Sprache, bei der man Antworten mit roter Tinte schreibt. Wenn wir uns juristisch wehren wollten, dauert das und macht zu viel kaputt. Die wissen nun, mit wem sie rechnen müssen, wenn sie uns zu nahe kommen. Und morgen, wenn wir der Presse gegenübertreten, werden wir uns wie Kuschelbären verhalten. Dann sind eventuelle Aussagen der beiden nicht glaubwürdig." Sophia schien Spaß an der Sache zu haben, so begeistert war sie von sich selbst und dem Gewaltausbruch. "Hat euch das Mittelalter so verändert? Seid ihr so schnell bereit, Gewalt anzuwenden?" Will´s Frage war mit einer Ernsthaftigkeit gestellt worden, dass Pet kurz stehen blieb und Will anschaute. "Ja, das Mittelalter hat uns verändert, hart gemacht, aber es ist auch etwas anders mit uns geschehen, unsere Sinne wurden geschärft. Ich beobachte heute meine Gegenüber anders. Ich höre intensiver zu, versuche herauszufinden, ob derjenige es mit mir ernst meint oder ob er mich belügt. Das Überleben hing davon ab, ob unsere Instinkte funktionierten und alle Sinne wach waren. Mit meinem Verstand, meinem Intellekt, den ich ins Mittelalter mitgenommen habe, ohne dass ich erahnen konnte, woher das kam, hat dort eine andere Wahrnehmung gehabt, anders Wissen aufgenommen. Instinkte haben sich entwickelt, die ich vorher noch nicht kannte. Ich weiß nicht, ob es den anderen genau so erging, aber ich empfinde vieles anders als vor einem Jahr. Mein Körper ist durch das harte Training ein anderer geworden. Ich kann mehr leisten als vorher. Ich bin kein Superman geworden, habe keine übernatürlichen Kräfte, aber die Veränderungen sind sichtbar und fühlbar für mich. Ich fühle, nein ich spüre das, die beiden hätten nicht aufgehört, uns zu verfolgen, um an ihre Story zu kommen, deshalb war das gut, dass sie wissen, dass wir sehr hart sein können. In den Augen des einen habe ich Überheblichkeit gesehen, aber sein Körper war nicht auf Gewalt eingestellt. Also bringe ich das in Einklang miteinander. Nun hoffe ich, dass man uns in Ruhe lässt." Will schüttelte nur den Kopf, denn er konnte es nicht glauben, was Pet da sagte. Ihn erstaunte es dann auch nicht mehr, dass Sophia sofort bestätigte, was Pet da gesagt hatte. Wir sind anders geworden, diese Worte hörte er wie eine Warteschleife auf einem Telefonanschluss immer wieder in seinem Kopf. Konnten Menschen sich so verändern? Er kannte weder Sophia noch Pet, bevor sie zurück ins Mittelalter gingen, aber konnte sich nicht vorstellen, dass sie vorher so waren.

Zurück im Ferienhaus mussten sie allen Zurückgebliebenen kurz berichten, was sie erlebt hatten. Dabei erfuhren sie von Sasha, was auf Gotland passiert war. Auch dort waren die Blauzahnleute von einem Team Reportern verfolgt worden und auch dort eskalierte das Ganze offensichtlich in einem Gewaltausbruch.

Simon schaute bedenklich in die Runde. Er bezweifelte, dass sie unter diesen Umständen ihr Geheimnis lange oder gar für immer bewahren konnten. Er kannte das Problem, wenn einmal die Presse Witterung für ein journalistisches Wild aufgenommen hatte, dann waren die staatlichen Kräfte auch nicht weit. Die einen wollten eine Story, die anderen befriedigten ihre Auftraggeber mit Informationen, die sie zum Schluss als unersetzlich darstellten. Eine Überlebensstrategie, die er gut genug kannte. Und sie hatten nun mal ein Geheimnis zu bewahren, das wirklich für alle Menschen von Interesse sein konnte. "Was könne wir tun, damit wir für diese Leute uninteressant werden?" Lillis Frage in den Raum geworfen brachte alle zum Nachdenken. "Wir müssen Normalität reinbringen. Alles was wir tun als selbstverständlich darstellen. Unsere Freunde aus dem Mittelalter nicht verstecken. Sie sollen sich zeigen. Dass wir eine Weltreise mit vielen Abenteuern hinter uns haben, wird die Leute noch einige Zeit interessieren, aber irgendwann ist diese Neugierde auch befriedigt und wir können uns wieder um uns selbst kümmern. Wir müssen uns nun schnell darum kümmern, dass ihr euch, Frida, Bertram und Juliane frei bewegen könnt, ohne aufzufallen." Sophia hatte wohl recht. Je geheimnisvoller man sich gibt, umso mehr Neugierde erweckt man." Lilli hatte recht, Normalität war das beste Mittel gegen zu viel Neugierde. Aber sie mussten sich noch mit Gotland abstimmen, was sie der Öffentlichkeit preisgeben konnten und was besser nicht bekannt wurde.

Sie machten sich eine Liste, was sie abzustimmen hatten. Wo waren sie in diesem Jahr, als sie komplett von der Bildfläche verschwunden waren? Wo konnten keine Nachforschungen gemacht werden? Und es musste glaubwürdig sein. Wer waren die neuen Mitglieder und woher kamen sie? Warum waren sie nun bei den Nordstrandpiraten oder auf Gotland. Sie hatten zwar eine Vita, aber die würde bei zu intensiven Recherchen nicht standhalten können. Also mussten sie weiter im Hintergrund bleiben, aber sie sollten nicht versteckt werden.

Am späten Nachmittag schicken sie per Mail die Informationen nach Gotland. Das Verschlüsselungssystem für das Mailsystem, das von einer der Firmen des Gunnar entwickelt wurde, verhinderte zu fast einhundert Prozent, dass es jemand lesen konnte. 

In den Abendnachrichten im Fernsehen wurde über das Flugzeugunglück berichtet. Bilder ihres Hauses auf Nordstrand waren zu sehen, Bilder von Gunnar, Archivbilder der Maschine, aber sonst wurde wenig bekanntgegeben. Das Luftfahrtbundesamt und die schwedischen Behörden hatten bisher noch keine Erkenntnisse. Zum Abschluss wurde noch die Drohung ausgesprochen, dass man weiter über dieses Unglück berichten und man zu gegebenem Zeit weitere Hintergrundinformationen liefern wollte. Allen war damit klar, dass sich die Behörden und die Pressemeute weiter mit ihnen beschäftigen würden. Das passte niemand, dass sie nun schon wieder im Fokus der Öffentlichkeit waren. 

 

"Dann können wir nur noch gut gestylt aus dem Haus gehen. Guter Eindruck ist wichtig, damit man sich mehr mit uns, den Kleidern und unserem extravaganten Verhalten beschäftigen und nicht mit Hintergründen. Wir müssen morgen shoppen gehen." Sophias Idee fand sofort Anklang bei allen Frauen, selbst Frida und Juliane, die das Wort Shoppen eigentlich nicht kannten, stimmten zu. Irgendwie scheint das genetisch verankert zu sein, wenn es ums Shoppen ging, egal aus welcher Zeit, von welchem Kontinent oder aus welchem Kulturraum sie kamen. "Und wir Männer müssen uns auch eine Rolle suchen. Wir gehen mit. Ich denke, dass wir in Hamburg aufgehoben sind und alles finden, was wir brauchen. Einer sollte hier bleiben und die Hunde und das Haus bewachen." Sasha hatte sofort die passende Antwort. "Ich glaube, daß Simon das gerne übernimmt. Ich habe da sowieso meine Ideen, wie sich mein Bruder kleiden sollte, kenne seine Kleidergröße und kann für ihn einkaufen." Damit war der Plan für den kommenden Tag gemacht. Die Presse und der Termin war vergessen.