Band 4 - Kapitel 13

27. Januar 2017 im Wald auf Gotland

Marc sah lange nichts. Er hörte nur die Stimmen der Frauen. Melanies und Sylvias Stimmen erkannte er, aber die dritte Stimme, die sehr laut und etwas schrill klang, war ihm unbekannt. Es dauerte lange bis er endlich die drei Frauen sehen konnte. Sylvia lehnte an einem Baum und wie es aus der Entfernung aussah, von der aus Marc sie sehen konnte, blutete sie aus einer Wunde am Kopf. Melanie kämpfte mit der fremden Frau. Es sah aber nicht frauentypisch aus, wie die beiden sich attackierten. Mit geballten Fäusten und mit Fußtritten fighteten sie miteinander. Marc rannte auf die beiden zu. Fast hatte er sie erreicht, als Melanie mit einem gut gezielten Faustschlag ans Kinn der Unbekannten diese zu Boden schlug. Etwas außer Atem, die Hände auf die Knie gestützte, stand Melanie da. "Du kommst spät. Hier gibt nichts mehr für dich zu tun!" hauchte sie kraftlos heraus. Marc schaute die Frau, die auf dem Boden lag, an. Sie hatte die Augen geschlossen, atmete heftig und hatte eine Hand auf das Kinn gelegt. 

"Was ist mit dir passiert." fragte Marc Sylvia. "Sie hat mir mit ihrem Fotoapparat eins übergezogen. Dieses Teleobjektiv ist verdammt hart." antwortete sie. Marc schaute sich nach der Kamera um. Sie lag einige Meter weiter hinter Sylvia im Schnee.

Unter normalen Umständen würde eine Frau wie Sylvia bei den Verletzungen sich den Kopf halten und jammern oder sogar weinerlich bei ihm oder bei Melanie die aufgeschlagenen Hände beklagen. Aber nichts dergleichen geschah. Beide waren gefasst, zwar immer noch etwas außer Atem, aber keine zeigte Gefühle, die auf Schmerz hindeuteten. Nur die Frau auf dem Boden fing nun an zu stöhnen. Marc packte die Frau an ihrer Jacke und zerrte sie hoch. "Wer sind Sie und warum verfolgen sie Gunnar Larson?" Zuerst hing sie noch wie ein nasser Sack an Marcs Armen, aber langsam versteiften sich ihre Muskeln und sie konnte mit seiner Hilfe stehen. "Wer sind Sie und warum verprügeln sie mich? Ich habe nichts Unrechtes getan." Marc wurde ungeduldig und Melanie stand nun aufrecht neben ihm und zeigte auch, dass sie ungehalten war. Sie meinte, dass diese Frau noch mal etwas Körperkontakt brauchte, damit es ihr leichter fiele, Antworten zu geben. Aber da begann die Unbekannte zu reden. "Mein Name ist Sigrid Larsson. Mit zwei s bitte. Ich bin Fotografin und Malte Sorensen hat mich engagiert, damit ich für ihn Fotos für eine Reportage über den geheimnisvollen Gunnar Larson mache, der Larson mit nur einem s. Wir haben gestern damit angefangen, uns vor der Blauzahnsiedlung herumzutreiben. Und als wir einen Tipp bekamen, dass es ein Flugzeugunglück mit eine paar Mitarbeitern aus der Blauzahnsiedlung gegeben haben soll, witterte Malte eine große Story. Die Bezahlung, die mir Malte in Aussicht gestellt hat, war gut. Der Vorschuss, den ich bisher bekommen habe, auch. Und jetzt lassen Sie mich los, ich will gehen. Sie haben mir ordentlich eins verpasst und mein Kopf brummt." 


Gunnar und Lars kamen auf die Gruppe zu. Marc hob kurz die Hand nach oben und gab zu verstehen, dass sie ruhig sein sollten. Gemeinsam gingen sie schweigend zu dem Fabia durch den hohen Schnee zurück. Lars stützte Sylvia, denn die Verletzung am Kopf blutete noch leicht und ihr war schwindlig. Marc und Melanie hatten Sigrid Larsson untergehakt und halfen ihr beim Laufen. Dort fanden sie eine Szenerie vor, die keiner wirklich sehen wollte. Juris und John hatten Malte gefesselt und der saß auf dem kalten Boden neben seinem Auto. Offensichtlich hatten die beiden ihn ordentlich verprügelt, denn er hatte eine Platzwunde am Kopf, sein linkes Auge war geschwollen und die ganze linke Gesichtshälfte und die Unterlippe waren blutig. Seine Hände waren auf dem Rücken mit Schnürsenkeln zusammengebunden. 

Da stand sie nun alle etwas hilflos um den übel zugerichteten Malte. Sigrid Larsson starrte bedrückt und ängstlich auf den am Boden Liegenden. Ihr schwante Übles, denn wenn man den Mann so verprügelt hatte, was erwartete sie noch. Gunnar packte Lars und zog ihn einige Schritte weg von allen.  "Seid ihr alle irre? Ihr könnte doch den Mann und die Frau nicht so zurichten. Wir hatten doch besprochen, dass kein Blut fließen soll. Ich will die zwei nur los bekommen. Aber nicht so. Was hat euch da geritten? Hat euch das Mittelalter so verdorben? Ist Gewalt eines der wichtigsten Argumente, die ihr dort gelernt habt zu gebrauchen? Und vor allem, wo habt ihr alle so gelernt zu kämpfen. Ich habe Melanie gesehen, aus einiger Entfernung, aber ich konnte sie beobachten. Die kämpft wie eine aus den billigen China Filmen. Kung Fu, Judo  und so was. Ich kenne mich da nicht so gut aus, aber sie kämpfte schweigend und es sah sehr professionell aus. Ich glaube, wenn Marc nicht dazu gekommen wäre, hätte die Frau noch mehr abbekommen. Habt ihr euch nicht mehr in der Gewalt?" Lars schaute ihn fast ausdruckslos an, nickte nur und gab eine Antwort, die Gunnar ganz aus dem Konzept brachte. "Und was soll das? Du wolltest ihn weg haben. Wir haben ihm gezeigt, dass mit uns nicht gut Kirschen essen ist. Wir sind hier zu sechst. Was mich mehr stört ist diese Fotografin. Hübsche Frau, im Moment weniger. Ich habe keine Ahnung, was sie an Fotos gemacht hat und was die beiden bisher herausgefunden haben. Vor allem habe ich gehört, dass sie schon von dem Flugzeugunglück wissen. Dass da eine Maschine abgestürzt sein kann ist bekannt, aber dass eine Spur zu uns führt gefällt mir nicht. Lass uns die Fotos anschauen und dann sollten wir von hier verschwinden. Wir nehmen die beiden mit." Kalt und ohne Spur von Bedauern über die Verletzten hatte er sich geäußert. Er wollte sich gerade umdrehen und gehen, als er Gunnar noch mal anschaute und dann noch ein paar deutliche Worte fand. "Ja das Mittelalter hat mich und die anderen verändert. Gewalt als Mittel der Konfliktlösung war Alltag. Aber das Schlimmste war, dass wir alle keine Ruhe fanden. Nie war der Schlaf tief genug, damit man sich ausgeruht fühlte. Immer lauerte irgendeine Gefahr. Man wurde immer misstrauischer, weil man seinen Frieden suchte, den man nicht fand. Alles was den gesuchten Frieden störte, musste beseitigt werden. Und wie sollte man das tun? Es gab keine Polizei, keine Staatsmacht, die einen schützte. Nur man selbst und die Freunde, denen man vertrauen konnte, bildeten einen Schutzwall um einen selbst. Und das war es, Freunde und Familie schützen einen und man beschützte sie. Tat man das nicht, war man schnell alleine und nur wer Macht hatte und reich war, konnte sich den Schutz kaufen. Und heute? Wir werden nicht mehr so schnell wegen einem Apfel, den jemand haben will, gemeuchelt, sterben nicht alle an Unterernährung, eher am Gegenteil. Man hat uns das Recht auf Selbstschutz fast ganz genommen. Die Staatsmacht tut das, oder besser gesagt sie tut so, als ob sie es tun würde. Leute wie dieser Malte dürfen uns belästigen, sie haben sogar das Recht dazu. Du bist ein Mann in der Öffentlichkeit und der Ehrenkodex der Medienvertreter sagt, dass alle Menschen das Recht hätten, alles über dich zu erfahren. Wo ist deine Privatsphäre, wo beginnt sie und wo endet sie? Ich muss klagen, damit festgestellt wird, wo sie beginnt und wo sie endet. Wo ist mein Recht auf mein eigenes Ich. Im Mittelalter waren zu viele Menschen entmündigt, rechtlos und verdammt arm dran. Immer wieder frage ich mich, was hat sich geändert, außer dass ich heute besser schlafen kann, weniger Hunger leide und nicht wegen einem Spreisel im großen Zehen sterben muss? Wo ist meine Freiheit hin? Wir müssen dafür bezahlen mit unseren Gedanken, die wir nicht aussprechen sollen und mit Geld, das wir für andere verdienen müssen. Ja die Lust an der Gewalt hat bei mir zugenommen, weil sie mich auch zufrieden stellt. Ich habe mich selbst und meine Freiheit verteidigt, weil ich es so wollte. Und jeder, der meine Freiheit stört, weil er unerwünscht in meine Nähe kommt, soll das wissen." Gunnar packte Lars an der Schulter und zog ihn nahe an sich heran. "Bist du irre geworden oder bist du irgendeinem Diktator begegnet, der dir was Falsches zu rauchen gegeben hat. Gewalt ist keine Lösung, für nichts." Zum ersten Mal, seit sie miteinander gestritten hatten, musste Lars lächeln. "Du hast recht, Gunnar, ich bin irre. Das Mittelalter hat mich verändert und hart gemacht, aber auch die Augen geöffnet über unsere Art, heute zu leben. Ich muss erst wieder zu mir finden. Es ist gut, dass du um die Blauzahnsiedlung einen hohen Zaun hast ziehen lassen. Der schützt nicht nur uns, sondern auch die, die außerhalb des Zaunes leben, vor uns. Wir haben noch vieles zu erzählen und aufzuarbeiten. Wenn wir das hinter uns haben, wird es uns besser gehen oder man wird uns alle wegsperren müssen."

Als sie zu den anderen zurückkamen, meinte Marc zu Gunnar, dass sie viele zu laut geredet hätten. Malte hätte sicher nichts mitbekommen, aber die Frau schon. 

"Die Bilder auf der Kamera zeigen die Blauzahnsiedlung gestern und heute morgen. Nur die Security ist zu sehen, sonst kann man niemanden sehen. Und dann wie du mit dem Auto heute rausgefahren bist. Die Frau hier, Larsson mit zwei ss bitte, meinte, dass das die einzigen Bilder sind, die sie bisher gemacht hat. Ich habe aber ein wenig in ihrem Koffer gestöbert. Die sind schon seit fünf Tagen auf Gotland und Sigrid will mir nicht erzählen, was sie in den drei Tagen vorher gemacht hat, bevor sie hier mit Malte aufgetaucht ist." Auch Melanies Stimme klang in Gunnars Ohren auf einmal kalt und emotionslos. 

Gunnar meinte, dass sie das besser später klären sollten. Er würde nun mit Lars weiterfahren und sie sollten mit Malte und Sigrid zurückfahren zur Blauzahnsiedlung. Draußen im Haus vor dem Tor konnte sich Malte Kran um sie kümmern. Zwei Malte würden sich da dann gegenüber sitzen. Das zwang Gunnar ein kleines Lächeln ins Gesicht. Was er daran komisch fand wusste er nicht, aber es belustigte ihn. Die beiden Frauen übernahmen den Skoda Fabia und fuhren mit Sigrid. John und Marc den Journalisten und packten den in ihr Fahrzeug. Als sie weg waren fuhren auch Lars und Gunnar weiter. 

Verspätet kamen Lars und Gunnar bei Markus Malstrom an. Die Begrüßung war freudig, als Markus und Gunnar sich nach Jahren zum ersten Mal wieder sahen. Lars wurde mit einem festen Händedruck begrüßt. 

Das Holzhaus, in der Nähe des kleinen Hafens war sehr komfortabel eingerichtet. Zuerst führte Markus seine Gäste kurz im Haus herum und zeigte ihnen sein Reich. Fünf Zimmer, unten eine Küche mit Essecke und ein Wohnzimmer. Oben eine Schlafzimmer, das eher wie eine große Schiffskoje aussah. Und daneben zwei Räume, die vollkommen leer waren. "Ich wohne alleine hier. Meine Freundin hat mich vor ein paar Monaten verlassen. Ich lebe alleine. Ist wahrscheinlich auch besser so. Ich bin kein guter Partner für Frauen. Was soll´s, dann kann ich mich besser auf meine Arbeit konzentrieren. Kommt nach unten in die Küche, ich habe eine Kleinigkeit gekocht. Eine Fischsuppe ohne Haut und Gräten mit nur etwas Gemüse und mit einem guten Weißwein. Nein nicht in Weißwein gekocht, ich trinke nichts mehr und lasse auch beim Kochen den Alkohol weg. Der Wein ist für euch, wenn ihr wollt."

In der Essecke saßen sie zuerst schweigend beieinander und löffelten die Fischsuppe. Lars und Gunnar mussten gestehen, dass diese sehr gut schmeckte und beide verlangten auch einen Nachschlag. Weißwein wurde nicht dazu getrunken. Sie wollten beide wach bleiben, denn was sie von Markus wollten, war kompliziert und verlangte von ihm sehr viel. Also warteten sie, bis sie das Essen abgeschlossen hatten und dann begann Gunnar sein Anliegen vorzutragen. Als er geendet hatte fragte ihn Markus, warum er nicht einen professionelle Suchmannschaft anheuern wolle. Nun begann der schwierige Teil für Gunnar. "Das ist ein Flugzeug, das ich für einige Flüge für ein Forschungsprojekt gechartert hatte. Von Süddeutschland nach Norddeutschland und dann von dort sollte es nach Gotland fliegen. Später wieder zurück nach Norddeutschland. Mein Projekt verlangt sehr viel an Bewegung. Ich lasse Mitarbeiter hin und herfliegen. Vor allem sind es am Anfang Leute, die für die Sicherheit des Projektes zuständig waren. Auch einer, der an der Forschung direkt beteiligt war, flog bei diesem Flug mit. Ich muss wissen, was mit ihnen passiert ist. An erster Stelle geht es mir natürlich um die Verschollenen. Um die Piloten wie auch um meine Mitarbeiter, die vermisst werden. So ein Flugzeug kann man ersetzen, aber Menschenleben nicht. Zudem muss ich wissen, dass gewisse Forschungsergebnisse nicht an Bord waren und wenn dem so war, muss ich wissen, wo diese sind. Wir haben sämtliche Daten über das Wetter, die Flugroute, die Strömungen, also alles, was man wissen muss. Aber ich habe keinen Fachmann, der mir diese Daten auswerten kann und der die Suche leitet." Markus verstand, war aber skeptisch, denn es waren nun schon einige Tage her, seitdem das Flugzeug verschollen war. "Wenn ich dir schon helfe, darf ich wenigstens erfahren, welche Forschung du gerade betreibst? Ich möchte an keiner Sache teilnehmen, die ungesetzlich ist." 

Im Zimmer wurde es still. Niemand sagte etwas, alle drei schauten sich nur an, bis Gunnar seinem alten Freund zu verstehen gab, dass er ihm vertraute und dass er einfach Stillschweigen über alles halten sollte, was er sah und hörte. Markus machte klar, dass es für ihn selbstverständlich sei, dass er Stillschweigen halten würde und wenn man es wünschen würde, dann würde er auch eine Vereinbarung über das Stillschweigen unterschreiben - mit angedrohten Konsequenzen. Gunnar nickte und sagte, dass er auf so eine Vereinbarung verzichten würde. Lars richtete sich auf und schaute den alten Freund von Gunnar Larson in die Augen. "Wenn einer plaudert, ist es dann für alles zu spät. Da nützen auch keine Regressforderungen oder Schadensersatzansprüche etwas. Da hilft nur ein Versprechen, das ich dir geben kann. Wenn du plauderst, hacke ich dir den Kopf ab. Glaube mir, ich habe Übung darin." Empört drehte sich Gunnar zu Lars um und packte ihn an seiner Jacke und zog ihn zu sich. "Hör zu Lars, höre auf mit deinen Drohungen. Wir müssen den Menschen, die wir kennen, vertrauen. Es geht nicht anders. Gewalt oder auch das Drohen damit bringt nichts." 

Lars berührte das nicht, dass Gunnar böse auf ihn war. Und als er dann gelassen und mit einem kalten Blick Markus anschaute, meinte der nur. "Na hoffentlich ist der nicht immer so drauf. Sonst steige ich jetzt gleich wieder aus. Ich fürchte mich nicht vor dem alten Mann, aber ich will einen guten Job machen und nicht jeden Morgen schauen, ob Kopf und Hals noch beieinander sind." Das mit dem alten Mann hätte Markus besser nicht gesagt. Lars legte einen rechten Arm auf den Tisch und forderte den Gastgeber, sich mit ihm im Armdrücken zu messen. Markus war kein Schwächling, zwar etwas kleiner als Lars, aber er hatte breitere Schultern und war gute fünfzehn Jahre jünger. Der Tisch wurde freigeräumt, die beiden packten sich an den Händen, umklammerten sie und begannen zu drücken. Von Anfang an sah man, dass Lars über mehr Kraft verfügte als der jüngere Mann. Als dann die Hand von Markus kraftvoll auf den Tisch knallte, musste der kurz aufschreien. "Verdammt hast du Kraft. In welchem Zirkus trittst du denn auf." Die Anspannung verflog sofort bei allen und sie mussten lachen. "Also ich hacke dir den Kopf nicht ab, versprochen, aber wenn du zu viel redest, gibt´s Haue." Der versöhnlich Ton in Lars Stimme brach die letzte noch vorhandene Missstimmung. 

Markus packte seinen Seesack, Karten, Laptop und noch ein paar Dokumente ein. "Meine Seeteufel liegt nicht hier vor Anker, sondern in Visby. Ich musste sie reparieren lassen und sie ist fertig. Ich muss nur noch die Reparaturrechnung zahlen, dann könnten wir los." Gunnar hatte verstanden. Sein Freund war gerade nicht zahlungsfähig und sie mussten das Boot auslösen, wenn sie damit in See stechen wollten.

Zwanzig Minuten später saßen sie alle drei in Auto und waren in Richtung Blauzahnsiedlung unterwegs.