Band 4 - Kapitel 9

21. Januar 2017 8.30 Uhr Gotland, Blauzahnsiedlung

 

Bisher schien alles gut gelaufen zu sein. Die Nachrichten von Nordstrand waren gut und nun wollten sich alle wieder auf das Hier und Jetzt konzentrieren. Otto hatte ihnen aus Waiblingen noch einige verschlüsselte Informationen geschickt, in denen er darauf hinwies, dass die Briefe, die er von Peter dem Bärentaler erhalten hatte, nicht immer identisch mit denen waren, soweit wie er sich daran erinnern konnte, die er nun hier im Jahre 2017 vorliegen hatte. Offensichtlich waren welche in fremde Hände gefallen und verändert worden. Nichts unbedingt Gravierendes, aber doch es fehlten Passagen am Ende von Briefe oder gar komplette Seiten. Oder wurde es durch die Jahrhunderte verändert? Seit seiner Reise durch die Jahrhunderte glaubte selbst ein Physiker an Dinge, die man nicht berechnen oder nachweisen konnte.

 

Gunnar hatte diese Informationen gelesen, konnte aber nichts damit anfangen, da Otto nicht konkret mitteilte, was denn fehlte oder was eventuell verändert wurde. War es nur dessen Bauchgefühl, hatte er vielleicht Erinnerungslücken oder korrigierte die Zeit seine Erinnerungen? Er würde ihn bitten müssen, seinen Verdacht zu begründen. Aber Gunnar hatte eine andere Möglichkeit, um das zu prüfen. Pet Bär, der Bärentaler aus dem Mittelalter, war ja ganz in seiner Nähe. Also sollte Otto ihm die Berichte  und Briefe schicken und mit Kommentaren versehen, wo Verdachtsmomente der Manipulation bestanden. Gunnar unterließ es aber bewusst, Pet Bär jetzt darüber schon zu informieren. Der sollte mit diesen Schriftstücken spontan konfrontiert werden.

 

Nach dem gemeinsamen Frühstück an diesem Tage wollten man die Arbeiten der nächsten Tage gemeinsam planen. Erik und Lars war aufgefallen, dass einige Mitglieder von der Blauzahnsiedlung mit einer gesteigerten Reizbarkeit auf die einfachsten Anforderungen reagierten. Bei einigen war festgestellt worden, dass sie einen erhöhten Testosteronspiegel im Blut hatten. Da die Reizbarkeit und die Unruhe auf beide Geschlechter verteilt war, konnte man spontan noch nicht feststellen, woran das lag. Als man sich dann aber ein Bild über die Aufgaben der Personen im Mittelalter mit dem erhöhten Testosteron machte, war schnell klar, dass es fast alle waren, die zum Führungskreis gehörten oder diejenigen, die oft in Kämpfe verwickelt waren oder mit schwerer körperlichen Belastung zu tun hatten. Der Müßiggang in der Jetztzeit war nicht gut. Einer der Ärzte beschrieb es so, dass man nach einem Marathonlauf auch nicht einfach auf den Boden liegen sollte, wenn die Erschöpfung einen übermannte. Herz und Muskelarbeit mussten langsam zur Ruhe kommen und nicht zu schnell. Und da es sich in diesem Fall um eine hohe psychische und physische Belastung gehandelt hatte, musste man noch mehr darauf achten, dass man körperlich und auch seelisch den heiß gelaufenen Lebensmotor vorsichtig abkühlte. Relativ schnell waren Wege gefunden worden, um neue aber doch ähnliche Belastungen in den Alltagsrhythmus einzubauen. Da in der Siedlung auch zwanzig Reitpferde zu Verfügung standen, wurde eine Reitergruppe gebildet, für die anderen wurden Kampfsportarten wie Stockkampf oder Fechten angeboten. Zudem wurde eine Läufergruppe gebildet, zu der sich fast alle Mitglieder aus der Mittelaltergruppe und auch die Mitglieder des Ärzteteams meldeten.

 

Pet und Sophia konnten daran nicht teilnehmen, da sie sich mit der Gruppe auf Gotland und der auf Nordstrand beschäftigen mussten. Sie interviewten zuerst die drei auf Gotland zusammen mit ihren Paten. Vorlieben, Neigungen, aber auch Neugierde und Wünsche wurden abgefragt. Natürlich waren diese sehr unterschiedlich und vor allem, sie waren meist erklärungsbedürftig, da die Antworten nicht immer in die Jetztzeit passten. Claus von Olsen wollte alles über das Rechtssystem erfahren, über die Verbreitung des Christentums, welche Stämme gerade gegeneinander kämpften. Was ihn am meisten interessierte, war der Zustand und die Erfolge seines Ordens. Lars, sein Pate und auch Mathias als Jurist mussten sich überlegen, wie sie alles dem ehemaligen Ordensmann lehren konnten.

 

Merit hingegen wollte vieles über Familie, Viehzucht, Hausbau und Ernährung wissen. Isabella, die hier die Patenschaft übernehmen durfte, wählte sich eine weitere Partnerin, um die vorhandenen Fragen zu beantworten und Schulungen für Merit durchführen zu können. Carla als resolute und lebenserfahrene Frau, die zudem auch sehr gut kochen konnte, eignete sich gut dazu und war sehr erfreut darüber, als sie davon erfuhr, die Aufgabe zu übernehmen. 

 

Merta hingegen war sich sehr unsicher, was sie eigentlich wissen wollte. Sie war eine junge Frau mit viel Energie, Lebensfreude, aber ihr bisheriges Leben war davon abhängig, dass man ihr Anweisungen gab, die sie dann zu erfüllen hatte. Eigene Bedürfnisse oder auch Wünsche kannte sie nicht wirklich. Zudem merkte Sophia und auch ihre Patin Julia, dass sie ein gesteigertes Interesse dem anderen Geschlecht hatte. Sie wurde aber unter der strengen moralischen Vorstellung erzogen, dass man sich hier sehr bedeckt hielt und sich dazu nicht äußerte. Und ihr war noch immer aus Erzählungen und Erlebnissen bewusst, dass Männer auf sie zukamen und ihr Wille hier keine Rolle spielte. Julia bat deshalb darum, dass Birgit ihr bei der Erziehung von Merta helfen sollte. Sie sprach das Wort Erziehung bewusst aus, da man hier nicht von lernen oder schulen sprechen konnte. Merta musste in einem Sinne erzogen werden, dass sie merkte oder sich bewusst wurde, was der eigene Wille war. Pet und Sophia nahmen das in ihrem Gedächtnis mit, denn vor allem die mittelalterliche Moralvorstellung, deren Verlogenheit und Auswüchse, waren ein Thema, das sicher bei allen eine Rolle spielen würde, wenn sie komplett mit der Neuzeit konfrontiert würden. Wobei die jetzige Moralvorstellung auch nicht unbedingt von Humanismus, Ehrlichkeit und Klarheit gedüngt war. Durch den Kapitalismus, der doch in vielem dem Gottkönigtum des Mittelalters ähnelte, waren die moralischen Grundwerte auch nicht immer zu verstehen. Das bedeutete, dass man den Menschen aus dem Mittelalter den Unterschied zwischen Vorstellung, Angedachtem sowie auch verbrieften Rechten und den gelebten Werten dezidiert erklären musste. Das war sicher eine Herausforderung, die zuerst auch in den eigenen Reihen der Blauzahnsiedler erklärt werden musste. Je mehr sich Sophia und Pet damit beschäftigten, um so mehr hatten sie das Gefühl, vor eine nicht zu bewältigenden Aufgabe gestellt zu sein. Oder war das schon immer so? Je mehr sich die beiden mit ihrer Vergangenheit im Mittelalter auseinandersetzten und dann mit der Jetztzeit beschäftigten, um so mehr wurden sie unsicher, was denn nun die bessere Zeit war. Sicher gab es enorme Fortschritte, was die medizinische und die Nahrungsversorgung betraf, aber das war nicht alles. Starben im Mittelalter sehr viele Menschen durch Gewalt und Unterernährung oder wegen hygienischer Mängel so waren es heute im Verhältnis zur Weltbevölkerung gefühlt mehr Menschen, die durch Kriege und Gewalt, Hungersnöte, hygienische Mängel und Wassermangel ihr Leben lassen mussten oder in tiefster Armut ihr Leben fristeten. Also war der Fortschritt nicht überall angekommen, so wie im Mittelalter. Und was bewirkten die Religionen? Wie sollten sie das alles erklären, was für sie selbstverständlich war und was sie nicht erklären konnten. Sophia meinte, dass sie jetzt den Unterschied selbst erlebt hatten. "Ja da hast du recht. Wir können nun, ohne dass es zu Verklärungen des glorreichen Rittertums im Mittelalter kommt, selbst den Vergleich herbeiführen. Wir haben erlebt, was es bedeutet, in dieser Zeit zu leben. Auch wenn es nur ein Jahr war und wir privilegiert gelebt hatten, so haben wir doch erlebt, was es bedeutete, in dieser Zeit sein Leben zu gestaltet. Und unsere Freunde aus dem Mittelalter, die wir mitgebracht haben, können uns vielleicht vor Augen führen, wie wir heute leben und wo der wirkliche Unterschied dabei ist. Wir müssen uns nicht mit eventuell geschönten Aufzeichnungen abgeben oder übertriebene und glattgebügelte Berichte als Datenquellen zu Analysen dieses vergangenen Jahrhunderts heranziehen. Wir waren dort und haben vieles gesehen und erlebt. Wir müssen uns vielleicht auch etwas distanzierter mit unserer Jetztzeit befassen. Das wird schwer werden, aber versuchen müssen wir das." Pet wurde klar dabei, dass das eine Aufgabe für Otto Kraz gewesen wäre. Der Mann konnte einfach Dinge gut erklären, ohne sie in den Himmel zu heben oder sie gleich dabei in Grund und Boden zu reden.

 

Alle Mittelaltermenschen sollten am besten als erstes damit konfrontiert werden, wie die Erde aussah. Rund, in viele Länder aufgeteilt mit deren Sprachen und religiösen Unterschiedlichkeiten. Menschen, Massen, Maße und Gewichte, Währungen und Handel, Rohstoffe und Auseinandersetzungen und was wichtig war, die politische Kultur. Demokratie, Despoten, Autokraten, alles musst erklärt werden. Es gab keine Lehrbuch für Zeitreisende. Erwachsene Menschen hatten ihr Bild von den sozialen Strukturen gebildet und nun musste das eventuell alles korrigiert werden?

 

All diese Gedanken und Vorstellungen schrieben die beiden auf Zettel und klebten die dann an eine Pinnwand. Erst unsortiert und dann wurden sie gemeinsam mit den sechs Paten strukturiert. Die drei Mittelaltermenschen saßen dabei und staunten, was man ihnen da alles lehren und zeigen wollte. Sie waren mit der Sortierung noch nicht ganz fertig, als Claus von Olsen aufstand und etwas wütend zwischen die Paten trat. "Wir kommen nicht aus einer Höhle, sind keine Bärenkinder oder Idioten. Auch wir haben Lehrer gehabt und durften unsere Erfahrungen machen. Diese Welt, in die ihr uns gebracht habt, ist kompliziert und vieles ist nicht zu durchschauen. Unsere Welt war schon kompliziert genug. Kompliziert, weil es viele gab, die sie so haben wollten. Die Kirchenfürsten an erster Stelle. Gepredigt wurde in Latein, als ob Gott Lateiner wäre. Also waren die Priester die Mittler und damit machten sie sich wichtig. Der Adligen hatten das unterstützt, weil sie nicht immer die Kraft besaßen,  ihrer Aufgabe als Edle und Herrscher gerecht zu werden, also brauchten sie die Institution, um sich als von Gott gewollte Herrscher darzustellen. Viele wussten das, wie Machtanspruch und gottgewollte Ordnung wirklich funktionierte, wenige konnten sich dagegen wehren. Und nun kommen wir aus dieser vermeintlich rückständigen Zeit in die...wie nennt ihr das?" Claus dachte kurz nach. „Moderne - und meint, wie fortschrittlich diese Zeit ist. Hoc mentore, moderne Zeit oder fashion, die Moderne ist dann eher Mode, nicht Moderne. Sie mag anders sein, unsere Zeit, mit jedem Wimpernschlag verändert sich etwas auf diesem Erdenkreis, Scheibe oder Kugel. Das muss so sein, vor allem im Kampf, im Krieg wird vieles gefunden, was den Sieg sicherer macht. Wir hatten auch Maße, Gewichtseinheiten, wir kannten Tag und Nacht, wussten, wo Osten und Westen ist. Selbst der Vorgang der Geburt war uns bekannt. Wir wussten, was Schmerzen sind und dass Folter selten die Wahrheit hervorbrachte. Wir müssen zuerst verstehen, wie ihr empfindet, was euch antreibt und wo eure Träume sind. Zeigt uns, wie ihr zusammen leben wollt und auch müsst. Sagt uns, wer die Regeln und Gesetze macht und warum." Das Warum spukte er förmlich laut heraus. "Sagt uns, was ihr unter Liebe versteht, dann werden wir eher verstehen, was ihr uns sagen und lehren wollt." Worte aus dem dunklen Mittelalter?

 

Pet wartete lang, fast zu lange, bevor er etwas sagen konnte. Das was er da gehört hatte, beindruckte ihn. Das war mehr, als er erwartet hatte zu hören. War das Mittelalter zur Jetztzeit keine Vergangenheit, sondern nur ein anderer Kontinent auf dieser Erde? Hilfesuchend schaute er zu Sophia, diese signalisierte ihm aber, dass sie genauso hilflos war wie er. "Gut gesprochen mein Freund. Da müssen wir alle wohl etwas mehr nachdenken als wir gedacht haben. Eines mag richtig sein, die Moderne oder Neuzeit ist nur eine Episode auf dieser Erdenkugel. Du hast recht damit, dass sich alles verändert und zwar zu jeder Minute oder wie du sagst, mit jedem Wimpernschlag. Ob es sich zum Besseren ändert, kann man nicht immer sagen. Wir versuchen euch nur das, was wir an Wissen angesammelt haben, zu vermitteln. Das Warum können wir nicht immer erklären. Was wir euch erklären müssen ist sicher eines: Wie wir als Menschen miteinander umgehen, wie wir zusammen leben, welche Erwartungen wir in uns entstehen lassen, wie wir Liebe verstehen. Unsere Sprachen unterscheiden sich und wir müssen uns darauf verständigen, wie wir damit umgehen. Der Afterballen ist der Po, auf dem wir sitzen, Erlaubnis ist Gunst erweisen, Geiz ist Kargheit und Nachricht ist die Kunde oder auch Botschaft. Vieles muss erklärt werden, einige Worte werdet ihr alle nicht kennen und es gab in der Sprache des Mittelalters einfach noch kein Wort dafür. Liebe ist die Minne, was wir heute ganz anders interpretieren, oder die Geliebte ist die Buhle, was in unserer heuten Sprache eine ganz andere Bedeutung hat. Ja es wird schwer, alles zu erklären. Und du hast recht, wir müssen erst unserer Gefühle, Bedürfnisse auch unsere Alltagsphilosophie erklären und dann können wir euch das Wissen vermitteln, da ihr braucht, um hier anzukommen."

 

Claus von Olsen wollte freundlich sein und gab kurz zur Antwort. "Wohl gesprochen mein Freund, verstehen werden wir es aber erst, wenn die Sonne untergeht und wieder aufgeht." Dann lachte er laut und ohne sich zu beherrschen. "Ich habe Jerusalem gesehen, am Horizont lag sie in der gleißenden Sonne, diese verfluchte, geliebte, geheiligte Stadt. Ich bin in Akkon dem Orden beigetreten. Ich habe gekämpft, getötet, fremde Mundarten gelernt. Gegessen, was der Boden mir schenkte, stinkendes Wasser getrunken, den Weibern entsagt, den wirren Worten der Pfaffen zugehört, Gott geliebt und manchmal im stillen verflucht und nun bin ich weit gereist und mein Schicksal hat mich nach allem hierher geführt. Liebe Sophia, liebe Freunde, ich werde lernen, ich werde kämpfen, wie ich es gelernt habe, aber ich werde kein stinkendes Wasser mehr trinken, essen, was mir gegeben wird und mir mundet und - ich hoffe der Herr möge es mir verzeihen - der Keuschheit entsagen. Ich habe dem Herrn genug gedient und werde nun ein bisschen an mich denken. Nur ein wenig, denn die Liebe ist keine Sünde, sie ist ein Gottesgeschenk und ich werde es gerne annehmen, das Geschenk." Sein süffisantes Lächeln war so eindeutig, dass alle wussten, der alte Recke würde sich sein Leben holen und es ausschöpfen, wo es geht. Mit jeder Sekunde, mit jedem Wort, das er aussprach, schien er jünger zu werden, erstand kraftvoll und aufrecht in der Mitte aller. Es war wie eine Widergeburt.

 

Fast eifersüchtig schauten Lars, Mathias und Pet den Mann an. An Jahren waren sie fast alle gleich, aber Claus war ein Mann, den niemand übersehen konnte. Pias Blicke wusste nun jeder, der sie sah, richtig zu deuten. Auch wenn sie fast ein Menschenalter jünger war als der Ordensmann, sie war etwas mehr als nur fasziniert von ihm. Auch Sophia und die anderen Frauen, die im Raum waren, schauten sich den Mann auf einmal genauer an als vorher. Er war anders als die Prototypen der modernen Männer. Hier war nicht der Typ eines gutaussehenden, bestens gekleideten, erfolgreichen, reichen Mannes zu sehen. Hier war jemand, der vom Kind bis zum altem Mann alles in sich trug. Kindliche Neugierde, Beschützertyp, ein kühler Denker und doch warmherzig und er sah einfach nach modernen ästhetischen Gesichtspunkten mehr als nur interessant aus. Ein Mann mit vielen Narben aus dem Mittelter war nun in einer Zeit gelandet, wo zwar die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau per Gesetz und in der westlichen Welt bei fast allen sozialen Schichten angekommen sein sollte, aber ausgerechnet dieser Mann rief offensichtlich bei den Frauen wieder ein verborgenes Gefühl und Bedürfnis hervor.