Band 4 - Kapitel 8

19. Januar 2017 Süddeutschland

 

Hubertus von Falkenstein und Lorenz Anderson saßen mit Frida, Will, Lilli, Bert und Juli am Frühstückstisch. Am Abend vorher hatten sie bereits ihren ersten Gang zum Haus des Mario Salita gemacht. Lorenz beseitigte den Leichnam, indem er ihn in eine Plane einrollte und in den verlassenen Stall neben dem Bauernhaus brachte. Sollte jemand, aus welchen Gründen auch immer, das Haus betreten, so würde man nicht sofort über die Leiche stolpern. 

 

Simon und Oleg wurden noch an diesem Vormittag erwartet, dann wollten sie alle mit den Sichtungen der Computerdateien beginnen und mit dem "Reinigen" des Hauses. Es durften keine Spuren gefunden werden, die auf eventuelle Besucher hinweisen könnten.

 

Schutzanzüge für die Tatortbegehung lagen bereit und als Simon und Oleg um 10.00 Uhr ankamen, besprach man die Vorgehensweise. Hubertus und Lilli sollten sich sofort an die  Computer setzen und alles gespeicherte Material, die Verläufe, Bilder und Filme anschauen und eine erste Auswertung vornehmen. Wichtig war allen, ob man Spuren eines weiteren Kollegen von Mario finden würde oder ob er wirklich alleine gearbeitet hat.

 

Der Morgennebel löste sich nicht auf und so konnten Will, Simon, Oleg und Lorenz sich zum Nachbarhaus schleichen und ihre Arbeit beginnen. Lilli und Frida machten sehr ausgedehnte Spaziergänge rund um die beiden Häuser, um rechtzeitig auf ungebetene Gäste aufmerksam machen zu können. Der Herr Graf diente ihnen als Tarnung und das freute ihn sehr, denn so einen ausgedehnten Spaziergang hatte er schon lange nicht mehr machen dürfen.

 

Offensichtlich hatte der Tote keinerlei Papierunterlagen im Haus. Nichts wurde gefunden außer einem sehr guten Scanner und einem Reißwolf mit sehr viel Papierschnipsel. Lorenz wollte diese zum Müll geben, fand aber nirgends einen Mülleimer für die Entsorgung. Wo hatte der Mann seinen Müll gelassen? Küchenabfälle oder auch Sonstiges fanden sie nicht. Im Stall fand Simon einen großen Ofen, der noch einen Kamin hatte. Er stand auf einem Steinsockel und in ein paar Metern Entfernung, in einem ummauerten Erdloch, war ein großer Haufen mit Asche. Alles erkaltet und fast komplett verbrannt, nur ein paar Stücke verkohlten Materials waren noch drin. Der Mann wollte keine Spuren hinterlassen, so wie sie jetzt auch.

 

Hubertus schloss inzwischen seinen Laptop, den er mitgebracht hatte, an die Anschlüsse des Hauses an. IP Adresse des Mario kannte er schon, auch die letzten besuchten Internetadressen, wo er sich eingeloggt hatte. Er fand die Bankverbindungen und die Kontoauszüge, die Adressen der Kunden aus dem DarkNet hatten sie bereits auf seinen Speichern gefunden. Hubertus versuchte alle Kontakte, Adressen und Verbindungen zu sichern, deren er habhaft werden konnten. Dann fand er eine weitere Adresse, die offensichtlich nur von der bekannten Mario IP Adresse aus angewählt werden konnte, in einer Cloud eines allen vollkommen unbekannten Anbieters. Dort waren die Mietverträge für das Haus, die Kaufunterlagen für das Foto- und IT-Equipment abgelegt und auch seine persönlichen Unterlagen sowie Versicherungen, sogar ein Lebenslauf und die Passwörter für die Bankgeschäfte. Sein ganzes Leben digitalisiert auf dieser Cloud war da zu lesen. Hubertus speicherte alles und wollte danach die Cloud löschen, als er bemerkte, dass das Herunterladen der Daten nicht funktioniert hatte. Die Daten konnte er nicht auf seinem Laptop speichern. Sein System zeigte zwar an, dass die Daten heruntergeladen wurden, aber nach dem Beenden des Vorgangs löschte sich die Datei selbstständig in seinem System. Nach dem dritten Versuch, sich die Daten auf sein Laptop zu speichern, versuchte Hubertus nun, die Daten zu kopieren und in der Cloud erneut zu speichern. Dies gelang ihm und die Kopien seiner Speicherung konnte er nun herunterladen. Er verschlüsselte die Dateien und schickte sie umgehend nach Gotland per Mail, versteckt hinter ein paar Tierfotos. Mit den üblichen Entschlüsselungsprogrammen waren die Dateien nicht zu öffnen und so konnte man sicher sein, dass niemand, der das nicht lesen sollte, so ohne weiteres öffnen konnte. Zudem verschickte er die Daten mit der IP-Adresse, die demnächst verschwinden würde.

 

Simon hatte inzwischen eine KeyCard für einen Renault gefunden. Aber weder auf dem Gelände noch im Stall oder der Garage war ein Auto abgestellt. Hubertus schaute im Internet nach, zu welchem Typ die Card gehören könnte und fand auf Grund eines Identitätscodes auch den Typ des Fahrzeuges. Es war ein Renault Espace. Lilli wurde angerufen und beauftragt, bei ihrem Rundgang auf diesen Fahrzeugtyp zu achten, der eventuell irgendwo in der Nähe geparkt sein könnte.

 

Dem Nebel war inzwischen einem heftiger Schneefall gewichen. Lilli hatte versucht, Frida verständlich zu machen, was sie suchen sollten, aber das war wohl etwas zu viel für Frida. Sie hatte es nicht verstanden. Das Wort Auto und suchen war ihr klar, aber welches Auto, Marke und eventuell der Typ, das verstand sie nicht. Also suchte Lilli auf ihrem Smartphone das Bild von so einem Modell und fand es auch. Sie zeigte es Frida und die nickte verständig und zeigte in eine Richtung, wo sie vermutete, dass dort das Gesuchte stehen könnte. Und tatsächlich fanden sie keine einhundert Schritte auf der Seite ihres Ferienhauses das Fahrzeug auf einem Waldparkplatz abgestellt. Lilli meldete sich bei Simon und erklärte ihm, wo der Wagen stand. Dann machten sie mit dem inzwischen schon etwas müde gewordenen Herrn Grafen weiter ihre Runde.

 

Simon fand das Fahrzeug und die KeyCard passte. Er öffnete es und schaute erstaunt durch die Fahrertüre ins Fahrzeuginnere. Vorsichtig stieg er ein, sehr darauf bedacht, trotz der Schutzkleidung und der Handschuhe, keine Spuren zu hinterlassen. Bevor er die Füße ins Fahrzeug hineinzog, stülpte er sich auch über seine Schuhe ein paar Gummiüberzieher, damit er keine Sohlenabdrücke hinterlassen würde.  Kein Unrat oder sonst irgendetwas sah er, aber die hinteren Sitze waren ausgebaut und dafür standen dort Stative für Filmkameras oder auch Fotoapparate fest montiert. Auch ein kleiner Tisch war an dem Beifahrersitz hinten fest angebracht. Zusammengerollt lagen eine Decke und ein Schlafsack auf dem Boden. Sonst war nichts, was auf den Besitzer hinweisen würde, im Fahrzeug. Handschuhfach und Ablagefächer waren leer. Die hinteren Scheiben waren mit einer Folie abgeklebt, sodass man nach draußen sehen konnte, aber von draußen nicht ins Auto hinein. Simon wollte gerade das Fahrzeug starten, als er im Rückspiegel einen Schatten durch das Schneegestöber sah. Irgendjemand oder irgendwas kam da auf dem Waldweg in Richtung Auto. Schnell verzog sich Simon in den hinteren Teil des Fahrzeuges und verkroch sich unter dem Tisch. Er hoffte, dass derjenige, der da gerade vorbeikam, nicht zu intensiv durch die Frontscheibe ins Auto schaute und ihn dabei entdeckte. Er wartete eine Weile, hörte ein schlurfendes Geräusch kommen und sich dann auch wieder entfernen. Nach ein paar Herzschlägen späte er vorsichtig über den Sitz hinweg nach draußen. Die Frontscheibe war mit Schnee bedeckt und so konnte er nichts sehen. Also kroch er zum Fahrersitz und bückte sich, als er den elektrischen Fensterheber betätigte. Er öffnete die Fahrerseitenscheibe nur einen Spalt, um hinaus zu spähen. Er sah einen Mann, der einen Hund an der Leine führte, in etwas mehr als zehn Metern Entfernung im Schneegestöber entschwinden. Er rechnete sich aus, bis wann der Mann das Ende des Waldweges erreicht haben könnte und startete dann das Fahrzeug. Es dauerte etwas, bis sich der Motor erbarmte, rund zu laufen, offensichtlich war das Fahrzeug schon einige Zeit hier abgestellt, aber irgendwann war alles fahrbereit und Simon fuhr los. Keine zehn Minuten später erreichte er das Gehöft des Mario und wie durch Zauberhand öffnete sich das Garagentor und er fuhr das Fahrzeug in die Garage. Offensichtlich war im Auto ein Annäherungssensor versteckt, der die Verbindung zum Garagentormotor herstellte und das Öffnen auslöste. Auffällig war, dass das Tor sich sehr schnell öffnete und auch, nachdem das Fahrzeug abgestellt war, wieder schloss. 

 

Hubertus hatte inzwischen noch mehr in einer weiteren Cloud gefunden. Baupläne von Häusern und auch Straßenpläne, verteilt in ganz Deutschland. Der Abgleich mit den Adressen der beobachteten Frauen ergab, dass er solche Informationen von allen seinen vermeintlichen Opfern gesammelt hatte. Von dem Gehöft, wo sie sich gerade befanden ebenfalls. Hier war sehr auffällig, dass er sämtliche Straßen und Feldwege  der Umgebung genauestens in eine Karte eingezeichnet hatte und ihre Befahrbarkeit bei den unterschiedlichsten Wettersituationen wie Schnee, Regen, Erntezeit, Nachtzeiten, Vollmondbeleuchtung beschrieben hatte. Auch die Entfernung und Fahrzeiten zu den unterschiedlichsten Fernstraßen war genau beschrieben und eingezeichnet. Und auf zwei Parkplätzen schien er Fahrzeuge abgestellt zu haben. War er eventuell darauf vorbereitet aufzufliegen?

 

Inzwischen war es schon weit nach 16.00 Uhr und alle waren hungrig und benötigten eine Pause. Lorenz und Oleg waren inzwischen so weit, dass man alle möglichen Spuren, die zu ihnen führen konnten, zu beseitigen. Sie würden das noch in dieser Nacht durchführen. Will hatte inzwischen ein Tierkrematorium ausfindig gemacht und würden die beiden Kadaver am nächsten Tag ausgraben, in eine Kiste legen und zum Krematorium fahren. In der Nähe befand sich ein Recyclinghof, dort würden sie alle Kabel und den nicht mehr benötigten Elektroschrott abgeben. Simon wollte die Teile alle so unkenntlich machen, dass es sehr schwer sein würde, sie in irgendeiner Form einem Einkauf oder einer Bestellung zuzuordnen. Auch die Stative im Renault konnte man dort los werden.

 

Und so begann um 20.00 Uhr an diesem Tag die Aktion, totale Spurenbeseitigung, im Haus des Mario. Lorenz und Oleg beheizten den Ofen im Stall mit allem Papier, das sie fanden. Rund um den Ofen legten sie dann Holzspäne und etwas Stroh, das sie fanden und legten die Leiche dann vor den Ofen. Ein Flasche Spiritus wurde als Brandbeschleuniger benutzt und so drapiert, als ob Mario den Spiritus selbst als Katalysator zu Einsatz gebracht habe. Als dann an dem Leichnam Kleider und Haut angebrannt waren, wurde der Körper mit dem Kopf zuerst in die Grube mit der Asche gesteckt. Sie drapierten ihn so, wie Will ihn unten an der Treppe gefunden hatte, mit den Füßen höher wie der Kopf. Nach etwas mehr als einer Stunde war das Feuer erloschen und beschädigte das Gebäude oder sonst nichts in der Scheune. Mit einem Nebelautomaten, den sie fanden, wurde das Haus insektenfrei gemacht. Mit Spiritus reinigten sie sämtliche Flächen, die sie berührt hatten. Es würde so aussehen, als ob Mario das Haus von irgendeinem Insekt gereinigt haben wollte und dabei dann bei dem Ofen zu Fall gekommen war und den Tod fand. Einer oberflächlichen Untersuchung würde das standhalten. Nur wenn jemand die Leiche sehr genau untersuchte, würde derjenige feststellen, dass in der Lunge des Toten weder Insektizide noch Rauch oder  Qualm zu finden waren. Die Frage war nur, wann man den Leichnam fand. Je länger das dauerte, um so geringer wurde die Möglichkeit, dass jemand entdeckte, dass Mario an einem andern Ort im Haus den Tod gefunden hatte. Nach 23.00 Uhr war die Aktion beendet und alle verließen das Haus.

 

Simon hatte bereits alle Kabel klein geschnipselt, dass es nach Abfall aussah, der von einer Bastelei stammen konnte.

 

Am kommenden Tag fuhren Will und Simon den Elektroschrott beseitigen und die beiden Tierkadaver zu dem Krematorium. Zwei Wolfshunde verbrennen, die Asche in eine Urne und eine gepresster Stein aus der Asche als Erinnerung. Da sie keine Adresse im Umland hatten und sich als Touristen ausgaben, mussten sie die Rechnung sofort bezahlen. Will hatte genügend Bargeld zur Verfügung und bezahlte die 635,00 € sofort. Die Urne konnten sie dann kurz nach der Mittagszeit abholen. Sie warteten so lange bis die Kiste in den Flammen des Verbrennungsofens war. Der Besitzer hatte natürlich vorher die beiden Tierkadaver sehen wollen und überzeugten sich davon, dass hier kein Verbrechen stattgefunden hatte, das man mit dem Verbrennen unsichtbar machen wollte.

 

Als sie gegen frühem Nachmittag mit der Urne zurückkamen, war das Haus aufgeräumt und alle zur Abreise bereit. Ihr Flugzeug würde vor 16.30 Uhr bereitstehen. Also mussten sie spätestens um 15.00 Uhr losfahren. Die Vierbeiner wurden in den Van in ihren Boxen eingeladen, das Gepäck kam dann dazu. Oleg und Simon mussten auch ihren Mietwagen noch mit einige Gepäckstücken beladen. Hubertus und Lorenz waren bereits losgefahren. Sie hatten das gesamte eigene wie auch das gefundene IT Equipment dabei und die gut verpackten weißen Anzüge, die sie im Haus des Mario getragen hatten. Diese mussten sie mitnehmen und am besten erst am Ort ihres weiteren Wirkens entsorgen.

 

Um 16.20 Uhr war die Chartermaschine beladen. Die Hunde durften kurz vorher noch den schneebedeckten Rasen vor der kleinen Abflughalle in Schwäbisch Hall benetzen. Für Frida, Bert und Juli war die Bekanntschaft mit einem Flugzeug und mit dem Fliegen eine vollkommen neue Erfahrung. Zur Sicherheit hatte Simon drei Spritzen mit leichtem Beruhigungsmittel dabei, falls irgendjemand in Panik geraten würde. Will hatte den dreien zwar erklärt, was nun passieren würde, aber zwischen erklären und dann geschehen gab es große Unterschiede. Will saß neben Frida, Bert und seine Tochter Juli saßen nebeneinander. Lorenz und Oleg den beiden gegenüber, Simon hatte sich ganz hinten in der Maschine neben Lilli gesetzt. Hubertus dachte, dass er eine Bankreihe für habe, da er sehr groß war und damit seine Beine seitlich etwas ausstrecken konnte, aber sie hatten eine Stewardess dabei, die sich neben ihn setzte.

 

Beim Anschnallen musste den dreien aus dem Mittelalter geholfen werden, aber das war nicht das Problem, das kam erst als die Motoren aufheulten und das laute pfeifende Geräusch der Turbopropmotoren immer lauter in die Kabine eindrang. Zuerst drücke Frida die Hand von Will fest und als dann die Maschine abhob, drückte sie diese an ihre Brust. "Mein Herz springt gleich raus, dann musst du es wieder eindrücken." Will spürte das Rasen ihres Herzens und wollte seine Hand wieder von ihrer linken Brust nehmen. "Nein lass deine Hand dort, das hilft mir." schrie Frida Will ins Ohr. Die Stewardess und Hubertus, die das Ganze von Ihren Plätzen aussahen, grinsten fast schon unverschämt zu Will hinüber, Frida sah das alles nicht. Sie hatte die Augen geschlossen. Bert und Juli saßen starr in ihren Sitzen und Bert sprach leise eine Gebet nach dem anderen.

 

Sie waren auf dem Weg nach Husum und würden dort gegen 18.20 Uhr landen. Zwei Vans standen bereit, damit sie sofort nach Nordstrand weiterreisen konnten.