Band 4 - Kapitel 7

17. Januar 2017 5.15 Uhr Gotland

 

Gunnar wurde vom Brummen seines Mobiltelefons geweckt. Es dauerte etwas, bis er in der Lage war, den Anruf entgegen zu nehmen. Er hatte nicht erwartet, auf diesem Telefon um diese Uhrzeit einen Anruf zu bekommen. Diese Nummer für dieses Telefon kannten nur Will, Lilli und der Chef seiner Securityabteilung. Anrufer, Nummern oder auch Telefonate selbst konnten nicht nachverfolgt oder abgehört werden. Als er das Gespräch entgegennahm, erkannte er Wills Stimme. Der berichtete, was geschehen war und was sie entdeckt hatten. Zum Abschluss musste er noch hören, dass der Fotograph sich sehr wahrscheinlich das Genick bei dem Treppensturz gebrochen hatte. Er war auf jeden Fall tot. Wie er es gewohnt war, machte Will seine Vorschläge, wie weiter zu verfahren sei. Gunnar wollte nicht immer, dass nur er sich Gedanken über Vorgehensweisen machte. Das erwartete er von seinen Mitarbeitern, sowie diese sich auch darauf verlassen konnten, dass er, wenn er diesen zustimmte, immer zu seinen Mitarbeitern stand und bei eventuellen Fehlentwicklungen diese mit trug und auch für die Korrekturen sorgte.

 

Wills Vorsachlag musste schnellstens umgesetzt werden. Die medizinische Hilfskraft und die beiden Techniker, die man nach Waiblingen geschickt hatte, standen nicht mehr zur Verfügung. Die waren schon in Schleswig-Holstein. Deshalb mussten nun zwei Securitymitarbeiter noch an diesem Tag zum Feriendomizil kommen. Ein IT Spezialist und einer der Leute, die sich aufs Beseitigen von Spuren verstanden und sich um die "Sauberkeit der Objekte" kümmern konnte. Dabei war nicht die Hygiene gemeint, sondern das Beseitigen von genetischen Hinterlassenschaft und Hinweisen, die zu den Blauzahnleuten und zu Gunnars Experiment führen konnten.

 

Die Mitarbeiter waren um 7.30 Uhr bereit zum Abflug in Visby bereit. Eine Turboprob Maschine stand dort. Der Lear Jet konnte für diese Mission nicht benutzt werden, da das weitere Ziel für die Landung dieser Maschine nicht geeignet war. Die etwas mehr als elfhundert Kilometer mit dem Flieger würde man in etwas mehr als zwei Stunden schaffen. Mietwagen ab Schwäbisch Hall zum Feriendomizil würde nochmals etwas mehr als eine Stunde dauern. Also würden die Männer gegen 11.30 Uhr ihren Arbeitsbereich erreichen. So lange mussten sich alle gedulden. Der Vorschlag von Will wurde auch bezüglich Otto sofort umgesetzt. Otto sollte sich zusammen mit Lilli einen Mietwagen besorgen und nach Waiblingen fahren. Er durfte schon gar nicht mit dieser Situation in Verbindung gebracht werden, also musste er so schnell wie möglich weg. Er war der Verbindungsmann, der im Süden von Deutschland weiter seiner Arbeit nachgehen sollte. Er bekam alle Dokumente, die Gunnar erstanden hatte, mit und sollte daraus eine Chronik erstellen. Eigene Erlebnisse von ihm und seinen Begleitern sollte er ebenfalls dokumentieren. Das war seine Aufgabe. Sein Kontakt sollte Pet Bär bleiben und sonst niemand. Um 10.30 Uhr verschwand Otto Kraz, die Verabschiedung von Frida dauerte etwas länger. Sie hielt Otto so lange umarmt, als wollte sie ihn nie wieder loslassen. Erst als Bert sie sanft aus der Umarmung löste und sie mit sehr beruhigender Stimme ermahnte, dass ihr Leben doch weiterging und sie dann aufforderte, gemeinsam mit ihm eine Gebet zu sprechen, kam Otto los.

 

Um 9.30 Uhr informierte Gunnar nach dem Frühstück alle über die Ereignisse in Süddeutschland. Sein Bereichsleiter für Security, den alle inzwischen Anton nannten, erklärte die Risiken der Situation und er wolle gemeinsam mit Pet Bär eine Risikoanalyse  und einen Maßnahmenkatalog erstellen, sollten sie in Gefahr kommen, dass Informationen über das Experiment nach draußen dringen oder das jemand Kenntnis davon erlangte, dass Menschen aus dem Mittelalter sich in der Jetztzeit befinden würden. Melanie,  Sophia und Lars boten sich an, an der Erstellung der Analyse mitzuarbeiten und Anton nahm das gerne an, da er vor allem Melanies Eigenschaft schätzte, komplizierte, komplexe Sachverhalte in sehr kurzen und einfachen Sätzen darzustellen.

 

"Warum nennt ihr eigentlich alle den Bereichsleiter Anton? Soweit ich weiß, lautet sein Name Malte Krahn. Hat das mit dem Spitznamen etwas auf sich? " fragte Pet Melanie, als sie kurz alleine waren. Melanie musste lachen. "Das hat schon seine Bedeutung. Warum sprechen nur die Frauen von Anton, aber die Männer sprechen alle von Malte. Schau dir doch den Typ an. Kräftig, gut aussehend, intelligent, einfach ein Prachtkerl. Am Anfang wurde er unter uns Frauen Adonis genannt, das fanden wir aber irgendwann zu flach, bedeutungslos, denn er bedeutete nur von Aphrodite geliebter Jüngling. Das ist er nicht. Und unsere Bildungsbürgerin Birgit kam auf die Idee, ihn Herkules zu nennen. Zu lange und nicht spaßig genug, dann kam sie auf Anton. Von Marcus Antonius, dem Römischen Feldherrn und letzten Liebhaber der Kleopatra, oder die andere Ableitung bedeutet Sohn des Herkules. Ja Frauen denken auch mal um die Ecke, darauf wärst du nie gekommen." Nein, Pet wäre nicht darauf gekommen. Bei Anton dachte er eher an Anton und Pünktchen, an die Romanfigur von Erich Kästner. Aber wenn die Frauen eine so komplizierte Erklärung für diese Namensgebung haben wollten, dann sollte ihm das auch recht sein. Wie war das nochmals mit Melanies Fähigkeit, komplizierte Dingen in einfachen Sätzen zu erklären?

 

Das "Sicherheitsmeeting" fand im Büro von Anton statt. An dem ovalen Besprechungstisch in diesem Büro fanden bis zu zehn Leute Platz, also konnten sie sich gut ausbreiten. Kaffee, Wasser und auch Obst standen auf dem Tisch bereit. Anton referiert über das, was sie schon wussten und nannte die Gefahren, die daraus entstehen konnten. Ein Toter, Einbruch in ein fremdes Haus durch Frida und Will, genügend Spuren, Spuren eines vermeintlichen Verbrechens, die Dateien mit den Stalking Bildern und Adressen. Geschäftspartner, IP Adressen, Mailverkehr und eventuell Dokumentationen über Gewaltverbrechen. Zudem zwei Tote und verscharrte Wölfe, Personen die es nicht gab beziehungsweise aus einem anderen Jahrhundert kamen. Sie würden unter den derzeitigen Umständen keiner gut geführten Untersuchung standhalten. Also mussten sie etwas unternehmen. Hubertus von Falkenstein und Lorenz Andersen, seine beiden Mitarbeiter würden vor Ort eine Bestandaufnahme machen und Vorschläge erarbeiten.

 

Als erste Maßnahme wurde vorgeschlagen, dass die verbleibenden fünf Personen, also Will, Lilli, Bert, Juli und Frida und die beiden Vierbeiner nicht nach Gotland kommen, sondern woanders hin gebracht werden sollten. Da Gunnar noch einige Häuser und größere Grundstücke besaß, wurde eines im Norden Deutschlands herausgesucht. Auf Nordstrand hatte er noch ein Haus mit acht Ferienwohnungen. Der ehemalige Bauernhof, der umgebaut wurde und ein Reetdach erhalten hatte, war ideal für das, was sie vor hatten. Das Haus war für fahrradfahrende Gruppen gedacht, die mit wenig Gepäck reisten und nur eine kurze Verweildauer dort vor hatten. Diese kleinen Wohnungen waren einfach ausgestattet. Ein- und Zweibettzimmer mit Dusche, einer Gemeinschaftsküche und einem großen Speiseraum. Bewirtschaftet sollte es von einer Person werden, die allerdings noch nicht eingestellt worden war. Da das Haus erst vor ein paar Tagen fertig geworden war und noch keine Buchungen vorlagen, konnte es sofort bezogen werden. Eine abhörsichere Kommunikation konnte dort installiert werden. Für die Vierbeiner musste man kurzfristig eine Gehege am Gebäude bauen. Das Gebäude war bereits von einem Zaun und einer hohen Hecke umgeben. Ein Sichtschutz konnte man noch zusätzlich aufbauen, das musste man aber sicher in Eigenregie machen, denn kurzfristig war wohl kein Handwerker verfügbar. Solange mussten die Vierbeiner sich zu Zeiten im Garten aufhalten, wo nicht allzu viele Menschen am Haus vorbeigingen, damit sie nicht gesehen wurden und selbst mit Unruhe reagierten. Der ehemalige Stall, der zu dem umgebauten Bauernhof gehörte, eignete sich gut, um den Vierbeinern eine überdachte Bleibe zu geben. Die Nachbargebäude lagen alle in einer Entfernung von etwas mehr als einhundert Metern, die Zufahrt war von der nächsten Straße dreißig Meter entfernt. Das Meer war keine einhundert Meter entfernt. Ideal für das, was man vorhatte. Wie man mit eventuellen Begegnungen von Nachbarn oder Feriengästen umgehen wollte, sollten sie dann selbst vor Ort entscheiden.

 

Gunnar sollte auf Gotland unbedingt die Nähe der Behörden suchen. Es war besser, Kontakte zu knüpfen, bevor man mit Mutmaßungen und Gerüchten konfrontiert wurde, die zu viele Neugierige zum Gelände pilgern ließen. Zudem sollte das alles als Institut für empirische Sozialforschung bezeichnet werden. Zudem mussten sie noch eine logische Erklärung für den hohen Sicherheitsstandart finden. Hoher Zaun, eine kleine Securtymannschaft mit Waffen waren für ein solches Institut eher unüblich. Dies sollte mit sehr teurem Equipment für die Datenauswertung und der Softwareentwicklung für diese Forschung erklärt werden. Da man bereits eine Namensliste der Inselverwaltung übergehen hatte, würde man nun die Arbeiten in dem Institut den Behörden erklären müssen. Da es sich um ein Privatinstitut handelte, war es von einer behördlichen Kontrolle eher befreit. Die Schulung der Mittelaltermenschen musste forciert werden, damit sie sich bald möglichst  auch außerhalb der Blauzahnsiedlung problemlos bewegen konnten. Als weitere Maßnahme sollten also Schulungsmaßnahmen entwickelt werden, die für alle sechs gleichermaßen gültig sein sollten, zudem musste man noch individuelle Schulungen entwickeln, die dem Bildungsniveau entsprachen. Auch eine geschlechtsspezifische Schulung musste stattfinden. Personen wurden vorgeschlagen, die den allgemeinen Teil der Schulungen entwickeln und durchführen sollten. Jedem der Mittelaltermenschen wurde im Rahmen dieses Entwicklungsmeeting ein Pate zugewiesen, sprich eine Vertrauensperson, die jeden für die nächsten Monate begleiten sollte. Drei aus der Blauzahnsiedlung wurden für das Haus in Nordstrand benannt, die dort die Patenschaft der Zeitreisenden zu übernehmen hatten. Sasha für Frida, Mandy für Juliane, Gregorius für Bertram. In der Blauzahnsiedlung wurde Lars für Claus von Olsen als Pate ausgewählt, Merit erhielt nicht ihren Mann Mathias als Paten, sondern Isabella, Merta durfte sich an Julia anhängen.

 

Nach der Vorstellung vor dem Führungsgremium der Blauzahnsiedlung wurden alle Maßnahmen angenommen. Als Leiter der Maßnahmen ernannte man Pet und Sophia als seine Stellvertreterin. Pet wollte diese Funktion nicht, da er unter extremer Flugangst litt und diese Funktion von ihm verlangte, dass er sehr viel mit dem Flugzeug reisen sollte. Lars meinte nur, da müsse er wohl jetzt durch und damit war die Diskussion beendet.

 

Simon hatte bisher allem schweigend zugeschaut, aber nun wollte auch er seinen Beitrag leisten. Er bot an, dass Oleg und er auch nach Süddeutschland zu reisen, um die Kollegen des Securityunternehmens zu unterstützen. Er war nicht nur ein guter Seemann und Kapitän, sondern auch ein guter Analytiker, der ganz am Anfang seiner beruflichen Karriere noch beim russischen Geheimdienst war und dort für die Auslandsspionage gearbeitet hatte. Oleg war als ehemaliger Kriminalbeamter bei der Polizei in St. Petersburg, musste sich lange Jahre mit Gewaltverbrechen beschäftigen, bevor er zu Simon und seiner Mannschaft kam. Das Führungsgremium stimmte zu und so wurde ein Flug von Visby nach Frankfurt gebucht und ab dort konnten sie mit einem Mietwagen zu ihrem Ziel bei Schwäbisch Gmünd weiterfahren.  Anton verständigte seine beiden Mitarbeiter, dass sie Unterstützung bekommen würden und bat beide eindringlich, die Zusammenarbeit anzunehmen. Er befürchtete nämlich, dass  Hubertus von Falkenstein und Lorenz Anderson gekränkt sein könnten, weil man ihnen Unterstützung schickte.

 

Pet machte sich mal wieder Gedanken darüber, ob er in seinem Alter, das nun mal unaufhörlich immer größere Zahlen annahm, sich das alles noch antun wollte. Er sprach mit Lars, Greg und Juris darüber. Greg gab ihm zu verstehen, dass Alter habe gar keine Bedeutung in diesem Falle. Entweder wolle man sich solchen Aufgaben stellen oder mal solle es lassen. Und da sie nun mal alle mittendrin in der Geschichte steckten, gab es nur zwei Lösungen. Raus aus dem allem, um heimzugehen, wo auch immer das sein würde oder weitermachen. Aufhören bedeute dann was für ihn? Was würde er machen wollen? Pet musste überlegen. Das mit den Enkeln auf dem Schoß schaukeln, auf einer Terrasse sitzen und eine gute Zigarre rauchen, Glas Rotwein dazu. Ja das war mal seine romantische Vorstellung vom älter sein gewesen, aber das funktionierte nicht mehr. Sein Leben war geprägt vom permanenten Adrenalin-Überschuss in seinem Körper, bedingt durch das Leben, das er nun führte. Er träumte ganz sicher nicht davon, den Mount Everest zu besteigen oder einen Wrestler zu verprügeln, aber er spürte einfach eine unbändige Energie in sich, die verbraucht werden musste. Als er das seinen Freunden mitteilte, gaben sie ihm alle recht. Es war das Leben, das sie seit Ende 2015 führten, das ihnen eine Richtung gab, die sie nicht ändern konnten. Keiner von ihnen war ein Adrenalinjunkie, aber die Energie und Kraft, die sie aufgebaut hatten, forderte ganz einfach, dass sie weitermachten. Greg meinte, ihr nächstes Ziel war, nicht auf den Tod zu warten, sondern ihn noch einige Zeit hinter ihnen herrennen zu lassen, bis sie wirklich langsamer wurden. Alte Männer oder auch Frauen waren zu mehr fähig als nur gebeugt über den Zebrastreifen zu gehen. Die Schwarmintelligenz, die sie zusammen hatten, war überwältigend und sollte, nein musste genutzt werden. Sie waren eine multikulturelle, an Lebensjahren und Geschlechtern gemischte Gemeinschaft, die man als positives Beispiele für eine Gesellschaft nehmen konnte. Aber es hatte auch lange genug gedauert, bis sie so zusammengewachsen waren, wie sie heute existierten. Und es war noch längst nicht das langweilige Tuch der totalen Harmonie über ihnen ausgebreitet, sie mussten immer noch an sich arbeiten, um das nie genannte Ziel der Eintracht wirklich zu erreichen. Es gab immer noch kulturelle Spannungen, Verstimmungen zwischen den Geschlechtern, Differenzen zwischen Altersgruppen und auch Streitigkeiten im Bereich der Bildung und der politischen Ansichten. Aber wie man damit umging war bei den Blauzahnleuten etwas anderes. Offensiv und ehrlich. Als er das aussprach, musste er aufhören zu reden. Greg meinte abschließend, dass sie daran auch noch zu arbeiten hätten. Juris fragte ihn, was er damit meinte. Gregs Antwort erstaunte alle. "Ich meine die Ehrlichkeit, daran müssen wir alle noch arbeiten. Wir sind sicher nicht unehrlich zueinander, aber wir sagen nicht alles, was uns bewegt und was unsere Wünsche sind. Wir treiben zu oft einfach mit." Keiner konnte ihm widersprechen, denn er hatte recht. Sie ließen sich oft genug einfach mittreiben und stellten ihre versteckten Bedürfnisse hinten an.

 

Keiner von den Herren hatte bemerkt, dass sie belauscht worden waren. Sophia, Melanie, Pia, Carla und Olivia hatten das Gespräch belauscht. Sich treiben lassen und die eigenen Bedürfnisse oder auch Wünsche stehen hinten an, das war ein Satz der hängen blieb. Auch das Thema des Alterns beschäftigte die Frauen, obwohl sie alle bis auf den Austausch von Erfahrungen über Gesichtscremes nie darüber gesprochen hatten. Was für Wünsche hatten sie denn, die sie eventuell hinten anstehen ließen? Sich bewusst zu machen, dass man auch alterte - würde das mit ihnen machen?