Band 4 - Kapitel 5

16. Januar 2017 Blauzahnsiedlung Gotland

Gunnar war verärgert, als er die Nachrichten, die er aus Deutschland bekam, las. Die Reise  musste verschoben werden, weil zwei der Wölfe eventuell vergiftet worden waren? Wie konnte das geschehen? Und was würden Otto und die anderen nun machen? Wichtig wäre es, dass keine öffentliche Aufmerksamkeit erregt würde. Hoffentlich machten die keine Fehler da unten im Süden.

Aber was Gunnar noch zusätzlich belastete war die Ernährung aller. Niemand hatte bedacht, dass ein Jahr im Mittelalter den Stoffwechsel aller verändern würde und dass die Mittelaltermenschen auf die Veränderung so stark reagieren würden. Alle hatten Kreislaufprobleme bekommen. Einmal zu hoher Blutdruck, mal war er sehr nieder. Bei Claus von Olsen wurde festgestellt, dass er nun zusätzlich noch Probleme mit seiner Bauchspeicheldrüse hatte. Ob das im Zusammenhang mit der Gallenkolik zu sehen war, konnte niemand sagen. Weitere Untersuchungen waren notwendig. Nur Merits Gesundheitszustand besserte sich sehr schnell. Mathias kümmerte sich als ihr Ehemann fürsorglich um sie. Offensichtlich war diese Art der Fürsorge ein Heilungskatalysator, den man nicht unterschätzen sollte. Als das in der Führungsrunde, die täglich nach dem Frühstück stattfand, thematisiert wurde, suchten alle nach einer Lösung für dieses Thema. Der leitende Arzt Dr. Reiner Grundmann, ein ehemaliger Oberstabsarzt der Bundeswehr, berichtete aus seiner Einsatzzeit im Hindukusch, dass sie große Heilerfolge bei einheimischen Kranken hatten, wenn vertraute Familienangehörige einen Teil der Pflege übernahmen. Selten waren es Männer, die die Pflege übernahmen, wenn das aber der Fall war, wurden Kinder und Frauen schneller gesund, als man diagnostiziert hatte. Frauen waren vor allem bei den Kindern ein guter Heiler, aber manches Mal war die Überfürsorglichkeit der Mütter sogar hinderlich. Er hatte darüber auch einen Artikel geschrieben, der wurde aber nicht veröffentlicht. Wegen der Ernährung empfahl die Medizinerin für Stoffwechselerkrankungen, dass man Sauerteigbrot aus Gerste und Dinkel machen sollte. Zudem kein Schweinefleisch, sondern Geflügel, Fisch und wenn möglich Wildfleisch, wie Hirsch oder auch Wildschwein. Meiden sollten sie alle Schweinefleisch. Sie vermutete, dass die Pilzerkrankungen durch die Ernährung begünstigt wurden. Mit Medikamenten wollte sie noch keine Behandlung starten, eher über Hygienemaßnahmen wie das Waschen mit Seife, die keine Parfüme enthielten und deren Hauptbestandteile aus Schafsmilch oder Olivenöl waren. Niemand wusste, wie man nach einem Jahr im Mittelalter auf Antibiotika reagieren würde, dazu waren die Blutuntersuchungen noch nicht weit genug abgeschlossen und weiteres musste noch abgeklärt werden. 


Was Gunnar, Pet, Lars und auch Sophia etwas verwunderte war die Begeisterung der Ärzte, mit der die sich ihren Aufgaben widmeten. Sophia sprach den leitenden Arzt Dr. Grundmann darauf an und bat ihn, dass er die Blauzahnleute nicht als Versuchskaninchen betrachten sollte. Der schüttelte den Kopf und meinte dazu, dass das gar nicht der Grund ihrer allgemeinen Begeisterung sei, sondern die Tatsache, dass die Menschen im Mittelalter unter gewissen Umständen sogar gesünder seien als sie vermutet hätten, wenn es einige grundlegende Errungenschaften der sogenannten Neuzeit damals schon gegeben hätte. Hygiene und ausreichend sauberes Wasser waren Voraussetzungen für ein gesundes Leben. In der Antike seien die Menschen in der Regel auch älter geworden wie im Mittelalter. Und dass sie nun die Möglichkeit hatten, dies auch wissenschaftlich zu untermauern, dass unsere technische Entwicklung nicht unbedingt von Vorteil sei, sondern dass man diese benötigte, die Fehler anderer Entwicklungen zu beheben. Sophia verstand nicht, was der Mann damit meinte. "Dazu müssten sie sich viel Zeit nehmen, damit ich Ihnen das erklären kann. Die Zeit haben wir aber gerade nicht und vielleicht haben sie mal abends etwas Zeit, bei einem Glas Wein, dann kann ich ihnen das alles erklären." Sophia schaute den Mann an. War das der Versuch, ein Date mit ihr zu bekommen? Er sah gut aus, durchtrainiert, Mitte fünfzig, graues aber noch volles Haar. Über sein Aussehen konnte man sich nicht beschweren. Ohne weiter darüber nachzudenken antwortete sie ihm. "Ja gerne, das ist eine gute Idee, aber einen kleinen Ansatz der Erklärung könnten sie mir doch geben?"  Der Mann hatte es eigentlich nicht eilig und wirkte trotzdem gehetzt. "Nur so als Idee zum Nachdenken. Mit Zunahme der Monokulturen im Ackerbau, mit der Züchtung von Turbofeldfrüchten und dem vermehrten Einsatz von Pestiziden, Düngemitteln gibt es vermehrt Allergien und Stoffwechselerkrankungen. Dagegen gibt es Medikamente, werden neue entwickelt und neue Krankheiten hervorgerufen. Ist das normal? Gehört das dann zum vielgelobten Fortschritt? Wir alle werden statistisch älter, aber mit welchen Mitteln? Und stellen Sie sich die Frage, wer profitiert von alledem am meisten? Der sogenannte einfache Bürger? Weltweit ist die Lebenserwartung gestiegen. In Europa sichtbar, aber wer differenziert das? Wer muss früher sterben und wer darf länger leben. Wir haben nur sehr oberflächliche Daten darüber, Durchschnitt halt." Dann ließ er einfach Sophia stehen und begab sich in eines der Krankenzimmer. Der Mann verstand es, Spannung zu erzeugen und er ließ eine Frage vollkommen offen. Was hatte das mit ihr und dem Mittelalter zu tun?

Auf dem Rückweg zu Haupthaus begegnete sie Pet. Der sah ihr nachdenkliches Gesicht und fragte sie, was sie denn beschäftigte. Sie berichtete von dem kurzen Gespräch mit Grundmann, ließ aber seine Einladung auf ein Glas Wein unerwähnt. "Ich kenne die Personalakte des Mannes. Hochgebildet, Glanz-Abitur und eine Doktorarbeit, die sehr viel Beachtung erhalten hat. Er war drei Mal verheiratet. Ein guter Arzt und dazu noch einer Typ, der sich der Forschung verschrieben hat. Er hat einen Aufsatz geschrieben, der sehr interessant ist. In dem Aufsatz stellt er die These auf, dass die Art, wie wir uns regional ernähren, auch einen Einfluss auf unsere Gesundheit hat. Auf eine Ernährung, die weit außerhalb unserer Herkunft und der gewohnten Regionalernährung herkommt, muss sich unser Stoffwechsel erst eingewöhnen. Dies könnte Generationen dauern. Ein paar Beispiele hat er da aufgeführt. Milch und Weizen waren Asiaten weniger gewöhnt als wir Europäer. Seit aber die Asiaten anfingen, sich dieser Nahrungsmittel verstärkt zu bedienen, schon seit der Kolonialzeit, haben Magen - und Darmprobleme dort zugenommen. Mehr konnte ich mir nicht merken. Zudem hat er privat offensichtlich auch Interesse, sich an diesen Forschungen zu beteiligen. Seine letzte Frau starb an einer Spritzmittelvergiftung bei Feldforschungen in Südamerika vor etwas mehr als fünf Jahren. Aber bitte, das habe ich dir im Vertrauen erzählt. Vor allem das mit den drei Ehen. Pass auf dich auf. Deine Augen haben so geglänzt, als du mir von dem Mann erzählt hast." Kaum hatte Pet aufgehört, mussten Sophia laut lachen. Sie waren inzwischen so vertraut miteinander, dass sie sich die Art der Belehrungen sparen konnten. "Pet du bist doch nicht ein wenig eifersüchtig? Und wenn nur ein wenig, dann werde ich deinen Puls noch etwas erhöhen. Er hat mich auf ein Glas Wein eingeladen und will mir dann mehr von seinen Thesen erzählen. Ich habe seine Einladung angenommen." Dann tippte sie ihm mit dem rechten Zeigefinger auf seine Herzgegend. "Keine Woche ist der hier und ich habe ein Date mit ihm." Sie wollte sich wegdrehen, als Pet sie an der Schulter festhielt. "Du leidest unter emotionaler Demenz. Du hast in meinem Bett auf der Blauzahn geschlafen. Wie oft saßen wir nächtelang zusammen und haben geredet und vieles mehr." Er war eindeutig eifersüchtig, das war in seiner Stimme zu hören. Und jetzt war es an ihr, ihren Emotionen freien Lauf zu lassen. "Und ich bin eine Frau und kein Kumpel, mit dem man mal ein Bier trinkt oder ein Glas Wein und Stammtischgespräche führt." Auge in Auge standen sie sich gegenüber, fast wie gelähmt. Pet musste nachdenken, denn er suchte nach Worten, die nicht in seinen Kopf oder über seine Lippen kommen wollten und oder konnten. Bis es auf einmal wieder Klick bei ihm machte. Da war es wieder, der Kippschalter, die Bremse, das bourgeoise Denkmuster. Alter Mann und jüngere Frau, was hat er, was sie an ihm anzieht? Oder war es mal wieder die Illusion, dass man sich mit einer jüngeren Frau selbst wieder etwas Jugend holen kann. Oder war Alter doch nur eine mathematische Größe und ein gesellschaftliches heraufbeschworenes Problem? "Achthundert und ein Jahr hat es gedauert, dass wir uns so gegenüberstehen. Wir sollten nicht darüber reden." Dann nahm er sie in den Arm und gab ihr eher eine flüchtigen Kuss und drückte sie dann an sich. So blieben sie lange stehen, bemerkten nicht, wer an ihnen vorbei ging, neben ihnen stehen blieb oder einen Kommentar abgab. Erst als Melanie sie beide mit ihren Armen umschloss und ihren Kopf zwischen die beiden drängte, kamen sie wieder zu sich. Schweigen blieben alle drei dann noch eine Weile so eng umschlungen stehen.  

Diese Szene war natürlich in dieser Gemeinschaft nicht unbemerkt geblieben und an diesem Abend war sie Gesprächsstoff bei Tisch. Die Ärzte und die medizinischen Hilfskräfte, die sich unter die Blauzahnleute mischten, hörten aufmerksam den Gesprächen zu. Langsam wurde ihnen auch bewusst, dass die erotische Komponente zwar vorhanden war, aber alles eher auf der Basis einer sehr guten Freundschaft untereinander ablief. Dass sie diese Basis eventuell schon längst verlassen hatten, wurde erst jetzt einigen bewusst. Es war mehr als das. Sie waren so aufeinander eingespielt, dass sie sich wenig Gedanken über sich selbst und ihre Gemeinschaft Gedanken gemacht hatten. Wie standen sie tatsächlich nach diesen zwei Jahren, die sie gemeinsam verbracht hatten, zueinander? Das Abenteuer der Weltumfahrung, das Mittelalter und nun waren sie hier auf Gotland und alles hatten sie gemeinsam erlebt. Einige waren später hinzugekommen, manches Mal hatten sie sich aus den Augen verloren und dann wieder gefunden. Einige waren durch Krankheit oder den Tod nicht mehr dabei, aber keiner war vergessen. Begonnen hatte doch alles mit ein paar alten Männern, die sich selbst wieder spüren wollten, die den Mut aufbrachten, nach einem ausgefüllten Arbeitsleben nochmals etwas Neues anzufangen. Dann kam unterwegs die Jacht hinzu, die später mit einer Frauenmannschaft den Weg der Blauzahn immer wieder kreuzte. Simon verfolgte sie aus damals ihnen unbekannten Gründen, bis auch er mit seiner Mannschaft ihnen folgte und sie eine Beziehung zueinander aufbauten, die zur Freundschaft wurde. Und dann die Reise ins Mittelalter, jeder fand da seinen Platz und füllte ihn aus. Wie konnte man so eine Gemeinschaft nennen? Nach einem guten und ausführlichen Essen mit ein paar Gläsern Wein diskutierten sie nun alle drüber. Was waren sie nun miteinander, zueinander, wie standen sie zueinander. Allerdings wurde die Diskussion einmal unterbrochen, als Lars und Pet meinten, dass der Wein nicht zum Essen gepasst hätte. Einige beschwerten sich dann auch darüber, dass man offensichtlich nicht in der Lage war, den passenden Tropfen aufzufinden. Da war allen eines klar. Otto fehlte ihnen, seine Fachkenntnis der Physik, sein manches Mal oberlehrerhaftes Verhalten, aber auch sein Können, was die Auswahl der Weine betraf. Ein Teil von ihnen war nicht da. Er lebte, aber war weit weg. Was würde geschehen, wenn noch jemand die Gruppe verlassen würde? Erst jetzt wurde ihnen auch bewusst, dass sie Menschen, mit denen sie vor achthundert Jahren zusammen waren, auch verlassen hatten. Würde die sie vermissen? Wurde Claus von Olsen, Merit oder auch Merta vermisst, oder wen vermissten sie hier im Hier und Jetzt? Merit hatte ihrem Partner Mathias folgen dürfen, aber wie stand es um Claus und Merta? Oder im Süden von Deutschland mit Bertram, Juliane und Frida. Frida hatte ihren geliebten Partner im Mittelalter zurücklassen müssen, wie fühlte sie sich? War auch sie so stark in die Gemeinschaft eingebunden, wie sie hier alle? Im Süden hatte ein kleiner Teil Freunde und Bekannte ihrer Zeit verlassen. Frida hatte den Mann für ihr weiteres Leben verlassen, zwangsweise ohne ihren Willen so wie alle, die in diesem Mittelalter geboren waren. Und wenn sie nun hierher kam, in eine Gemeinschaft, die sie nur vom Hörensagen kannte, wie würde sie sich fühlen? Waren sie so stark, um sie bei sich aufzunehmen, sodass sie sich so fühlen würde, wie sie sich alle untereinander? Geborgen, sicher, geliebt und geachtet. Ja sie mussten sich Gedanken darüber machen, dass irgendwann der Alltag bei ihnen allen einziehen würde. Denn sie hatten das Ziel ihrer Reise erreicht. Was würde nun kommen? Es gab am Tisch mehr Fragen als Antworten. Schnell war allen klar, dass sie sich ein neues Ziel suchen mussten. So wie sich jetzt lebten, so ginge das ganz sicher noch eine Weile gut, aber irgendwann war der Reiz des Neuen dahin. Und auf einmal machte sich auch Angst breit. Würde ihre Gemeinschaft dann auseinanderbrechen? Würden sie es nochmals schaffen ein neues Ziel für alle zu finden?