Band 4 - Kapitel 4

16. Januar 2017 Feriendomizil in der Nähe von Lorch

 

Will fand an diesem Morgen Heulmama und einen der Welpen tot in dem Raum unten vor. Der Herr Graf und der jungen Wolfsrüde saßen neben den toten Körpern. Es roch nach Blut und Erbrochenem. Offensichtlich eine Vergiftung oder so etwas. Will konnte sich daran erinnern, dass er die beiden am Vorabend spät in den Garten geführt hatte, weil sie nochmals den Drang hatten, nach draußen zu gehen. Der schwarze Hund und der junge Wolfsrüde hatten sich schon schlafen gelegt und folgten den beiden nicht. Will hatte beobachtet, dass die beiden irgendwo in der Nähe des Zaunes etwas länger waren, aber im Mondlicht konnte er nicht sehen, was sie da gemacht hatten und er dachte sich auch nichts dabei. Da müssen sie wohl etwas erwischt haben, was ihnen geschadet hat.

 

Otto, Frida von Blau und Will besprachen, was sie wohl tun könnten. Den beiden anderen ging es gut, sie lagen zusammengerollt in der Ecke des Wohnraumes, da man sie nicht bei den beiden toten Vierbeinern liegen lassen wollte. Juliane und Bertram kraulten die beiden, die den Verlust ihrer Freunde betrauerten.

 

Frida und Will konnten sich nur daran erinnern, dass sie beide an unterschiedlichen Tages oder Abendzeiten von einem Spaziergänger beobachtet wurden. Ein paar Mal hatte er sie auch etwas unhöflich angesprochen. Worte wie Drecksköter, blöde Viecher, Scheißer und Umweltverschmutzer sind da gefallen. Will musste sich ein paar Mal auch anhören, dass er den Garten auch so sauber halten sollte, dass die Hundekacke mit all den Parasiten sich nicht auf andere Grundstücke ausbreiten konnte. Aber weder Frida noch Will haben den Mann ernst genommen, zudem konnte ihn Frida nicht so gut verstehen, da ihr Wortschatz in Hochdeutsch noch nicht so groß war. Otto meinte nur, dass er es merkwürdig finde, dass der Mann an diesem Grundstück auftauchte, wo doch der Spazierweg und ein Feldweg fast zweihundert Meter weiter weg verlief. Was machte der Mann auf der Wiese rund um ihr Grundstück eigentlich? Wer sollte denn etwas gegen die Tiere haben, die doch niemandem etwas getan hatten und unter Aufsicht hinter einem Zaun lebten?

 

Will und Frida waren sichtlich empört, wütend und auch voller Trauer. Sie würden die Tiere begraben müssen, aber draußen war der Boden gefroren und so würden sie kein Loch graben können. Will suchte nach einer Lösung. An der Stelle, wo er den Gartenboden am lockersten fand, entfachte er ein Feuer aus Holz. Im Laufe des Tages schob er immer wieder die Glut des Holzes zur Seite und schaufelte die Erde weg, die inzwischen aufgetaut war. Er hatte sich zudem auch noch einige Liter Spiritus besorgt und so erhöhte er die Temperatur des Holzfeuers. Bis zum späten Nachmittag hatte er es doch tatschlich erreicht, dass er ein Grab ausgehoben hatte, dass fast einen Meter tief und einen Meter in der Breite und Länge maß.

 

Am späten Nachmittag, kurz bevor es dunkel wurde, tauchte der geheimnisvolle Spaziergänger auf. Er erkundigte sich, warum Will denn draußen ein Feuer gemacht habe und dann kam die Frage, auf die Will gewartet hatte. Der Mann erkundigte sich nach den Hunden. Will gab so gelangweilt wie möglich eine Antwort. "Die sind weg. Wir haben die zur Zucht freigegeben. So eine Wolfshunddame wie unsere ist ja schon ein paar Tausend Euro wert. Sie ist etwas ganz Besonderes. Und eine der Welpen ist auch schon weg. Nur der große Schwarze und ein Wolfshundwelpe ist noch da, die haben da wohl was gefressen, was ihnen nicht bekommen ist und sind im Haus und schlafen." Der Mann überlegte kurz und fragte dann mit einer fühlbaren großen Neugierde. "Ich habe gar nicht gesehen, dass jemand hier war oder dass sie weggefahren sind?" Da bemerkte der Mann, dass seine Frage doch etwas zu weit ging. Er drehte sich um und eilte davon. Will schaute ihm nach und wartete, bis er aus seinem Blickfeld verschwunden war, drehte er sich um und machte ein Zeichen in Richtung des Hauses und arbeitete dann weiter an dem Grab. Heimlich folgte Frida diesem Mann. Als sie ein Stunde später im Dunkeln zurückkam, wusste sie, wo der Mann wohnte. Genau gegenüber ihrem Haus auf der anderen Straßenseite, keine dreißig Meter von ihnen entfernt. Will kannte das Haus, da er schon ein paar Mal dran vorbei gekommen war, wenn er zum Einkaufen fuhr. Ein altes Bauernhaus, etwas heruntergekommen und es brannte nie Licht im Haus. Immer war es dunkel. Er war der Meinung gewesen, dass das es unbewohnt war und deshalb dem Haus auch keine weitere Beachtung geschenkt.

 

Inzwischen hatte Will die beiden Wolfskadaver in das Grab gelegt - in Decken gehüllt. Über die Körper legte er einige schwere Steine, die er im Garten und der Umgebung gesammelt hatte. Dann schüttelte er den Aushub darüber und stampfte alles fest. Den Abschluss bildete eine Steinplatte und darauf stellte er einen Dreibeinschwenkgrill. Nun sah alles so aus, als ob der Aushub und die andere Konstruktion als Grillplatz gedacht war. Blut und Proben des Erbrochenen hatte er bereits in einem Paket an das Institut in Schleswig Holstein geschickt. Er wollte wissen, ob man hier noch etwas feststellen konnte, was auf Gift oder andere Stoffe hinweisen würde, damit er sicher sein konnte, woran die beiden gestorben waren. Die beiden anderen zeigten keinerlei Auffälligkeiten, sodass alle davon ausgingen, dass nur die beiden anderen von dem Gift oder etwas anderem getötet worden waren. Solange das aber nicht sicher war, beschlossen Will und Otto, dass sie die Abreise besser verschieben sollten.

 

Per E-Mail verständigte er Gunnar über die Vorkommnisse. Der Flug wurde umgehend abgesagt und man wollte warten, bis die Ergebnisse der Untersuchungen kamen.

 

"Der Mann hat uns ständig beobachtet. Er meinte, dass niemand da war, der die Hunde hätte abholen können. Was wollte der nur von uns und warum hat er uns beobachtet?" Will stellte die Frage an alle, als sie sich am späten Abend im Wohnraum versammelt hatten. Otto dachte nach und versuchte eine Erklärung zu geben. "Das Haus hier ist doch eigentlich ein Ferienhaus. Zwei Wohnungen, der Garten, der große Keller, das passt weniger zu einem typischen Ferienhaus. Ich habe vor ein paar Tagen im Internet mal etwas recherchiert. Das Haus oder auch die Wohnungen wurde meistens an Leute vermietet, die für einige Monate hier waren und bei einem der Forschungsunternehmen oder bei einem Produktionsbetrieb gearbeitet haben. Meist waren es Leute, die man kurzfristig hierher geholt hat oder es waren Mieter, die sich erst die Wohnung oder das ganze Haus gemietet haben, bis sie etwas Festes gefunden haben. Also waren das immer wechselnde Bewohner hier in diesem Haus. Wahrscheinlich war der Mann einfach sehr neugierig oder ihm war langweilig und schlich hier deshalb immer wieder rum. Er muss nicht unbedingt etwas mit dem Tod unserer vierfüßigen Freunde etwas zu tun haben."

 

Betreten und nachdenklich saßen sie alle da. Frau von Blau war offensichtlich nicht damit einverstanden, dass man den Tod ihrer zwei Freunde versuchte, mit Erklärungen abzutun. "Nein so geht das nicht. Ich will das wissen, was der Mann da getan hat. Ich gehe zu ihm und befrage ihn." Lilli stand auf und ging zu ihrer neuen Freundin. "So einfach ist das nicht in deiner Zukunft und in unserer Wirklichkeit. Du kannst hinüber gehen, bei ihm anklopfen und ihn fragen, ob er die Tiere vergiftet hat. Entweder er gibt dir eine Antwort oder er schlägt dir die Türe vor der Nase wieder zu. So wirst du die Wahrheit nicht erfahren. Wir sollten abwarten, bis wir wissen, woran sie gestorben sind. Erst dann können wir etwas unternehmen. Aber wie sollten wir ihm nachweisen, dass er an ihrem Tod schuldig ist?. Die Polizei können wir nicht einschalten, denn wir dürfen auf keinen Fall Aufmerksamkeit erregen."

 

Frida war unglücklich und konnte da nicht an sich halten. "Wer ist bitte Polizei? Wenn die ihn befragt, muss er da gestehen, ob er es war oder nicht? Können die ihn foltern, dass er gesteht? Oder dürfen die nach Gift oder Beschwörungsformeln suchen?"

 

Otto wurde klar, dass es nicht nur sprachliche Barrieren gab, sondern auch Verständnisprobleme mit dem heutigen Rechtssystem. "Die Polizei sind wie der Vogt und seine Männer dafür da, für Recht und Ordnung zu sorgen. Aber sie dürfen nicht so ohne weiteres in ein Haus eindringen und foltern darf man bei uns schon lange nicht mehr. Aber es gibt andere Methoden, um Gerechtigkeit zu erreichen. Wir wissen mehr, wenn die Untersuchungen des Erbrochenen stattgefunden hat und wir die Ergebnisse haben. Wir müssen uns einfach in Geduld üben. Zudem sind Tiere in unserem Rechtssystem Sachen, das bedeutet eigentlich, dass der Mann, wenn er es getan hat, etwas beschädigt hat. Er würde sehr milde bestraft werden. Tierquälerei ist zwar ein strafwürdiges Verbrechen, aber in unserem Lande geht man dagegen nicht sehr hart dagegen vor und die Strafen, sofern welche verhängt werden, sind sehr milde." Die Mittelaltermenschen verstanden gar nichts mehr. Da war jemand, der schuldig sein könnte und da sollte man sich einfach in Geduld üben und warten. Da gab es den Vogt Polizei, der durfte aber auch nichts machen und dann noch milde Strafen für so etwas.

 

"Ich komme aus einer anderen Zeit, in der vieles anders war. Aber eines dachte ich, ist immer gleich und allen heilig. Die Familie schützt sich gegenseitig. Und zur Familie gehören auch alle Lebewesen, mit denen wir arbeiten, die wir essen, die uns nützen. Nur wir dürfen mit den Tieren etwas tun. Ein Fremder darf das nicht, sonst wird er bestraft. Ich schlachte meine Schafe, weil sie mir gehören. Tut das ein anderer ohne meine Erlaubnis, so ist der ein Dieb, denn er stielt nicht nur ein Schaf, sondern setzt mich dem Hunger aus, weil mir das Schaf fehlt, um mich und die Meinen zu ernähren. Die Hunde schützen mich, sie sind wichtig für mich. Ich strafe sie, wenn sie mich ärgern, aber ein anderer darf das nicht. Wenn jemand meinen Hund quält oder gar tötet, so beschädigt oder nimmt er mir mein Eigentum. Ein Teil meines Schutzes ist mir genommen und er hat auch meine Ehre verletzt. Ich konnte mein Eigentum nicht schützen, ich bin schwach, das soll ich hinnehmen? Nein Otto von Kraz, wir mussten zu meiner Zeit viel Leid und Elend ertragen, aber uns schützen, das durften wir allemal. Ja es gab Ausnahmen, aber mein Stand durfte das und musste das. Wenn wir alle warten bis Vogt Polizei kommt, wenn er kommt, dann soll ein Fremder meine Ehre wieder herstellen? Nein wo soll ich dann meine Wut lassen? Soll ich mich in Geduld üben, warten bis die Untersuchung von der Hundekotze abgeschlossen ist? Können diese Hexen und Zauberer das überhaupt? Was machen die damit? Schnuppern daran, sehen sich das an? Nein, ich will diesen Mann sehen, ihm in die Augen schauen. In den Augen kann man vieles lesen. Ich will da rüber gehen."

 

Will und Lilli fanden, dass sie recht hatte. Indizien waren das eine, aber es ging um den Hintergrund der möglichen Tat. Warum sollte ein Mensch eine Kreatur töten, die ihm weder nützte, noch ihm schadete? Angst konnte es nicht sein, denn sonst würde er ja die Umgebung des Gartens meiden. Vor allem Lilli musste ihr zustimmen, wenn sie das nicht schützen durfte, was zu ihr gehörte, was war mit ihrer Ehre? Ehre war auch Selbstachtung und das Gegenteil von Ehre war Schande. Je mehr sich Lilli Gedanken darüber machte, um so mehr spürte sie das Korsett der Regeln, in denen sie lebte. Otto sah, dass sich alle Gedanken über diese Situation machten. Er konnte sich gut vorstellen, wohin das alles führen würde.

 

"Nicht dass wir nun in die Zeiten von Ehrenmord, Blutrache und sonstigem zurückfallen. Wir haben Gesetze, an die wir uns zu halten haben. Auch wenn uns diese manches Mal einengen und unserer Wünsche nach Gerechtigkeit Schranken setzen, so dürfen wir nicht vergessen, dass diese Gesetzte auch uns schützen." Otto sah, dass seine Ausführungen nur wirklich von Bertram und Will gehört werden wollten. Juliane, Lilli und Frida waren gefangen in ihren Emotionen. "Ich werde dich begleiten, wenn du da rüber willst. Es ist besser so." Will wollte nicht, dass nun überstürzt eine Aktion gestartet wurde, die eventuell im Chaos endete. Und er konnte sicher Schlimmeres vermeiden, wenn Frida ihren Gefühlen freien Lauf lassen wollte.

 

Otto konnte niemanden mehr davon überzeugen, dass es besser wäre abzuwarten, bis die Untersuchungsergebnisse da waren.

 

Inzwischen war es Nacht draußen. Kein Mond war zu sehen und die Straßenlaterne war weit weg, sodass sie niemand sehen würde. Frida und Will kleideten sich in schwarz ein. Bertram nahm der Frau von Blau noch das Messer ab, das sie sich in den Gürtel gesteckt hatte.

 

Als die beiden vor dem Haus angekommen waren, klopfte Will an die Türe, denn eine Hausklingel fand er nicht. Nach dem dritten Mal drückte er die Türklinke und diese ließ sich öffnen. Die Taschenlampe, die Will mitgenommen hatte, gab nur einen schwachen Leuchtstrahl her, aber um sich etwas orientieren zu können reichte es. Der Holzboden knarrte nur leicht und als sie dann auf Fließen traten, konnten sie sich lautlos weiter bewegen. Unten gab es eine Küche und einen Esszimmer. Beide wirkten aufgeräumt und sauber. Hinter dem Esszimmer war ein Vorratsraum mit Kühltruhe und Regalen voller Dosen mit Lebensmitteln. Ein weiterer Raum, das musste wohl mal ein Wohnzimmer gewesen sein, war vollkommen leer. Die Treppe lag am Ende des Hausgangs gegenüber der Eingangstüre. Sie stiegen leise nach oben. Offensichtlich war der Bewohner nicht im Hause. Weder in dem Schlafzimmer, das modern möbliert war noch in einem weiteren Raum, der so eine Art Arbeitszimmer war konnten sie jemanden finden oder hören. In der Toilette und Bad war ebenfalls niemand. Wo war der Mann? Will leuchtete in dem Arbeitszimmer herum. Am Fenster, das genau gegenüber ihrem Haus war, sah er etwas stehen. Ein Stativ mit einem Fernrohr darauf und daneben lag ein Fotoapparat mit einem großen Objektiv. Als er merkte, dass Frida ihn etwas fragen wollte, drückte er ihr einen Finger auf ihren Mund. Sie verstand, dass sie schweigen sollte. Will untersuchte weiter, was da auf einem Tisch neben dem Fenster lag. Das Gerät, das da lag kannte er gut, ein Nachtsichtgerät. Was wollte der Mann mit einem Nachtsichtgerät? Will schaute durch das Fernglas. Schemenhaft erkannte er, dass es genau auf eines der Fenster im oberen Stockwerk ihres Hauses gerichtet war. Mit den Fingern wollte er die Sicht etwas verändern und stellte fest, dass an diesem Fernglas ein Kabel war. Mit der Hand suchte er das andere Ende des Kabels und fand es auch. Es endete bei einem Tablet. Kaum hatte er den Bildschirm berührt, wurde dieser hell. Einige Dateiordner wurden angezeigt. Jeder war mit einem Datum abgespeichert und gekennzeichnet. Willkürlich öffnete Will den Ordner vom 31.12.2016 und eine Bilderdatei öffnete sich. Auf den Bildern war Frida und Lilli zu sehen, wie sie sich ankleideten. Er hatte sie durch das Fenster mit einem sehr straken Objektiv fotografiert. Auch der Raum daneben wurde offensichtlich beobachtet. Zweimal fand Will auch Bilder von Juliane, wie sie gerade versuchte, sich einen BH anzuziehen. Auf anderen Dateien, waren Bilder der Wölfe, wie Will mit ihnen spielte. Wieder auf einer Datei waren Bilder des Gartens und Bilder von Bertram. Auf einer weiteren Datei fand Will Bilder ihres Fahrzeuges mit Nummernschild und wie Gunnar ein- oder ausstieg. In anderen Dateien fand er Bilder von Leuten, die offensichtlich schon früher in dem Haus gewohnt hatten. Dieser Mann hatte sie beobachtet und sehr viele Bilder gemacht. Will war sofort klar, dass das nicht gut war, denn wenn diese Bilder und Informationen in falsche Hände geraten würden, dann musste er und auch Gunnar sehr viel erklären. Und das wollte wirklich niemand. Will war geschickt genug um feststellen zu können, dass das Tablet keinen Internetanschluss hatte. Er hoffte damit, dass die Dateien in keiner Cloud gelandet waren oder eventuell weitergeleitet worden waren. Gerade als er das Tablet vom Kabel lösen wollte, hörte er ein Geräusch, dass fremd und neu war. Frida stand neben ihm, von ihr kam das nicht sein und offensichtlich hatte sie auch etwas gehört.