Band 4 - Kapitel 3

1. Januar 2017 Gotland Blauzahnsiedlung

 

Die ersten Gespräche mit den Zeitreisenden hatte er mit seinem Verwandten Lars und dann mit Erik, Peter und Sophia. Das was er hörte und was ihm berichtet wurde, erstaunte ihn und sein Bild vom Mittelalter musste wohl korrigiert werden. Er hatte immer die Befürchtung gehabt, dass seine Reisenden so wie sie zurück ins Mittelalter gereist waren, so auch wieder zurückkamen, ohne Erinnerungen. Dem war nicht so. Konnte man offensichtlich keine Erinnerungen mitnehmen, wenn man in der Zeit zurückging, so war es doch möglich diese aus dem Mittelalter in die Jetztzeit mitzunehmen. Aber für ihn war es nicht nur wichtig, mehr aus dieser Zeit zu erfahren, sondern er wollte auch wissen, was es mit dem Charakter machte und wie der Gesundheitszustand seiner Zeitreisenden bestellt war.

 

Gerrit und Sylvia nahmen von allen Blutproben, Kot und Urin wurde von allen eingesammelt und sollte untersucht werden. Bei der Blutentnahme wehrte sich Claus von Olsen etwas, aber Sylvia lenkte ihn so ab, dass er sich das letztendlich gefallen ließ.

 

Das Labor in Schleswig Holstein wurde mit Untersuchungen überschwemmt, aber Gunnar bestand darauf, dass alles so schnell wie möglich erledigt wurde. Er wollte keine Seuchen aus dem Mittelalter in das Jahr 2017 importieren. Zudem wollte er, dass ein Zahnarzt oder besser ein Ärzteteam alle untersuchen sollten. Dafür hatte er ein paar  Militärärzte, die sich schon im Ruhehestand befanden, rekrutiert. In einem neuen Nebengebäude war dafür ein kleines Medizincentrum eingerichtet worden. Die Ärzte und ein paar Hilfskräfte sollten am 4.1.2017 ihre Arbeit aufnehmen. Die Ärzte stammten ausschließlich aus Schweden, Norwegen und Deutschland. Sein Vertrauen in angloamerikanische Mediziner war nicht allzu groß, denn hier zweifelte er an der notwendigen Diskretion, die bei so einer Aktion nun mal notwendig war. Sie waren von ihm persönlich ausgewählt worden. Zwei Zahnärzte, eine Frauenärztin und eine Fachärztin für Stoffwechselerkrankungen, zwei Allgemeinmediziner, eine Chirurgin, ein Psychologe und dazu noch drei weibliche und zwei männliche medizintechnische Assistenten. Für dieses Personal war ein kleines Hotel innerhalb der Siedlung gebaut worden. Um das ordentlich betreiben zu können, waren durch seinen Leiter der Security- Abteilung noch drei Mitarbeiterinnen für den Service und zwei Köche eingestellt worden. Alle waren ehemalige Militärangehörige aus Europa.

 

Am Anfang wollte Gunnar das Team so klein wie möglich gestalten, denn er fürchtete, dass es zu viele Mitwisser gab und dass dann Einzelheiten dieses Experimentes nach außen dringen könnten. Die Gefahr, dass man Krankheiten aus dem Mittelalter in die Neuzeit einschleppen würde, war aber zu groß. Er wollte nicht schuld daran sein, wenn sich längst besiegt geglaubte Seuchen ausbreiten würden, aber wichtiger war es ihm, sein Team zu schützen und die bestmöglichste ärztliche Versorgung zu gewährleisten. Er hatte ja über ein Jahr Zeit dazu gehabt, die Leute auszuwählen, die nun an seiner Seite stehen und das Projekt begleiten würden.

 

Dass er alle Gerätschaften, Pläne und Möglichkeiten der Zeitreise vernichtet hatte, sollte niemand wissen. Die Gefahr, dass man diese Möglichkeit missbrauchen würde, war zu groß. Alles Wissen darüber befand sich nur noch in seinem Kopf und dort sollte es verborgen bleiben.

 

An diesem 4. Januar saßen alle im großen Saal zum Frühstück beieinander. Die Feierlichkeiten zu Silvester hatten sich in Grenzen gehalten, da alle sehr starke Ermüdungserscheinungen zeigten. und selbst am vierten Tage des neuen Jahres waren alle immer noch erschöpft. Nach dem Frühstück saßen alle noch beieinander und besprachen ihre Erlebnisse, die sie vermissten oder aber auch, die sie nie wieder haben wollten. Aber es war sehr leise, keiner sprach laut oder war auffällig. Meldra und auch Merit klagten nach dem Frühstück über leichte Unterleibsschmerzen und so machte sich Gerrit daran die beiden im Krankenrevier zu untersuchen. Kaum lagen die beiden auf den Behandlungsliegen wurde auch Claus von Olsen hereingebracht. Er klagte ebenfalls über Schmerzen in der Bauchgegend. Alle drei hatten eine angespannte Bauchmuskulatur und Schmerzen im Oberbauch - zudem gestand ihm Merit, dass ihr Anus beim Stuhlgang brannte und sie wund war. Claus von Olsen gestand ihm danach, dass es ihm genauso ging. Meldra dagegen sagte ihm, dass sie ständig Hunger habe und sich trotz des Essens immer müde und schwach fühlte. Gerrit befragte die drei, was sich denn seit ihrer Ankunft hier geändert habe, vor allem was das Essen betraf. Alle gestanden, dass sie sehr gerne Süßes aßen und auch sehr viel mehr von dem weißen Brot gegessen hatten. Das kannte man im Mittelalter gar nicht. Sofort wurde Gunnar gerufen und er musste sich mit seinem Labor in Schleswig Holstein in Verbindung setzten. Er ordnete an, dass die Bluttests noch einmal bei den dreien überprüft werden. Gerrit vermutete eine Pilzerkrankung, denn die Zufuhr von so viel Kohlehydraten begünstigte das. Entweder vertrugen sie die moderne Nahrung gar nicht oder es war eine Erkrankung, die man nur mit modernen Diagnosegeräten feststellen konnte.

 

Das Ärzteteam kam gegen Mittag und sie hatten ihren ersten Einsatz bei den drei Mittelaltermenschen. Der Zustand der drei verschlechterte sich nicht bis zum Abend. Claus von Olsen klagte nun über Schmerzen im Genick. Er hatte sich so sehr verspannt, weil er den Schmerzen entgehen wollte und die Zähne dabei zu heftig aufeinander presste. Felin besuchte die drei Kranken und als sie sah, wie Claus verspannt auf seinem Bett lag und ihn an seinen Schultern betastete, ging sie los, um eine Salbe für ihn zu mischen. Dazu nahm sie  einfaches Olivenöl, etwas Zitronensaft, Meersalz mit etwas Chilipulver, vermengte das und massierte damit seine Schultern, den Hals und seinen Rücken. Dann besorgte sie feuchte, warme Tücher und wickelte damit einen Oberkörper ein. Und tatsächlich sorgte sie dafür, dass er sich entspannte und sogar einschlief. Die Ärzte hatten ihre Untersuchungen noch nicht beendet und die Analysen lagen noch nicht vor. Dass sie Claus von Olsen mit einfachen Mitteln zu helfen wusste, erstaunte die Mediziner.

 

Gerrit, Sylvia und Felin besprachen sich und da Gerrit bei den Kollegen etwas mehr Gehör erhalten würde, da er selbst approbierter Arzt war, ging er auf seine Kollegen zu. Er teilte ihnen ihre Vermutungen mit, dass die drei wahrscheinlich Darmparasiten hätten. Bei Claus von Olsen waren sie sich nicht ganz sicher, denn hier waren die Krämpfe nun vorbei und er klagte nur noch etwas über leichte Schmerzen auf der rechten Bauchseite, die aber langsam aufhörten. Parasiten, meinten auch das Ärztekollegium, wären schon möglich, diese konnten sich nun durch die ungewohnte kalorienreiche Ernährung explosionsartig  vermehren und aktiv werden. Gerrit und Sylvia empfahlen als erste Maßnahme, dass die drei lauwarmes Wasser mit etwas Zitronensaft erhalten sollten, damit sie nicht dehydrierten, um dann die Untersuchungen mit diesem Ansatz weiterzuführen. Dem gesamten Ärzteteam erschien das logisch. Mittelalter, Hygiene, andere Ernährung warum nicht? Sie mussten sich einfach auf eine geänderte, für sie noch unbekannte Lebensweise einstellen, die Krankheiten verursachen konnte.

 

Claus von Olsen wurde als erster einer Untersuchung mit einem Sonografen unterzogen. Und man entdeckte, dass er offensichtlich ein Gallenkolik hatte. Eine kleine Kugel war noch im Gallenkanal und ein etwas größerer Gallenstein war schon fast durch den Gallenkanal weiter gezogen. Er lehnte es ab, dass man ihm Schmerzmittel gab, er wollte so etwas nicht haben. Für ihn war der Schmerz noch erträglich.

 

Merik hingegen klagte über Bauchschmerzen und einen üble Drangsal im Kopf. Man sah ihr an, dass litt, denn ihre Wangen hatte eine rote Färbung und um den Mund herum war sie blass. Obwohl sie große Angst vor den vielen fremden Menschen hatte, die mit allerlei unbekannten Gerätschaften an ihr arbeiteten, konnte Mathias sie soweit beruhigen, dass sie sich einen Zugang für Infusionen legen ließ und diesen auch nicht gewaltsam entfernte.

 

Meldra indes schlief tief und fest. Die Frauenärztin meinte, dass Meldra zwar nicht zum ersten Mal ihre Periode habe, aber dieses Mal schien diese doch sehr heftig zu sein. Sie vermutete, dass die Ernährung eine stärkere Empfängnisbereitschaft hervorgerufen habe. Zudem wurden ein paar Proben von ihren Genitalien und dem Anus genommen, diese müssen noch untersucht werden. Bei ihr lag die Vermutung ebenfalls nahe, dass sie entweder einen Pilz habe oder sich eine andere Infektion geholt habe.

 

Peter, Erik, Sophia und Birgit berieten sich, nachdem sie die ersten Analysen der Untersuchungen erfuhren. Wenn ihre Mittelaltermenschen wegen der Umstellung der Ernährung eventuell erkrankten, was würde bei ihnen geschehen? Gunnar wurde hinzu gerufen und er bestand dann darauf, dass alle nochmals gründlich im Laufe der Woche untersucht werden müssten. Die Blutuntersuchungen waren schon erledigt, die Ergebnisse lagen noch nicht komplett vor. Bisher hatte man sich nur die Standarduntersuchungen gemacht. Cholesterin- und Leberwerte, Entzündungswerte, Mineralstoffe, Vitamine im Blut und Harnsäure wurden da bewertet. Mit dem Thema Parasiten hatte man sich noch nicht beschäftigt, aber man würde das tun müssen. Konnte man diese im Blut nachweisen oder waren hier andere Untersuchungen notwendig. Sicher war nur eines, alle zeigten auffällige Ermüdungserscheinungen und das musste nun dringend abgeklärt werden. 

 

Nach Tagen der Unsicherheit war am 12.1.2017 alles klar. Alle drei Mittelaltermenschen litten an Parasiten. Diese hatten sich auf Grund der Ernährung im Jetzt vermehrt und bereiteten nun die bekannten Beschwerden. Claus von Olsen wurde wegen der Gallenkoliken einer kleineren Operation unterzogen und die Steine im Gallengang entfernt. Aber auch einige der Blauzahnbewohnern hatten Erkrankungen aus dem Mittelalter mitgebracht. Von Würmern, Pilzbefall an Füßen und Genitalien über Mangelerkrankungen war einiges vorhanden. Waren diese Krankheitsbilder im Mittelalter wenig in Erscheinung getreten, so spürten man sie offensichtlich erst jetzt. Ein Phänomen, das es galt zu klären. Bei einigen trat nun unverhofft ein Laktose-Intoleranz auf, die sie vorher nicht besaßen. Auf der anderen Seite hatte Pet Bär und Felin, beide hatten ein Glutenunverträglichkeit, keinerlei Auffälligkeiten, was ihr Blutbild betraf - obwohl sie während ihres Aufenthaltes im Mittelalter Roggen, Hafer und auch Emmerbrot gegessen hatten. Die Fachärztin für den Bereich Stoffwechselerkrankungen konnte ihnen das sehr gut erklären. In Kurzform so: Die Getreidearten im Mittelalter besaßen sehr viel weniger Gluten und wurden durch die Zubereitung zu Brot als Sauerteigbrot noch soweit verändert, dass fast kein Gluten mehr vorhanden war. Andererseits gab es im Mittelalter Anbaumethoden, die den heutigen nicht entsprachen und es gab sehr viele Feldfrüchte, die wenig verändert waren und in ihrer ursprünglichen Form angebaut wurden. So wie es auch auf die Zucht von Tieren zutraf. Man wusste heute, dass der Vitamin und Mineralstoffgehalt in den Gemüsen und Obst noch immer optimal war, aber die Enzyme, um diese Vitalstoffe vom Blut in die Zellen zu transferieren, waren durch die Veränderungen in der modernen Zucht verloren gegangen. Man stellte in allen Blutuntersuchungen fest, dass die Menschen mit allem gut versorgt waren, aber die Zellen wurden damit nicht immer in ausreichender Form versorgt, weil die Katalysatoren, die Enzyme zur Aufnahme in den Zellen mangelhaft vorhanden waren. Also wurden die Menschen heute mit verfälschenden Nachweisen und Aussagen beruhigt, damit die Lebensmittelindustrie weiterhin ihre Massenproduktion optimieren konnten, um Gewinne in exorbitanten Größenordnungen einzufahren. - Diesen Vortrag hatte sich Pet Bär und alle, die dieser Ärztin zuhörten als Ansatz genommen, um darüber nachzudenken, welche Erkenntnisse sie noch aus dem Mittelalter mitgebracht hatten, die schon heute vorhanden waren, aber aus wirtschaftlichen Gründen geleugnet wurden.

 

Die nächste Überraschung war, dass Claus von Olsen, der stellvertretende Abt Bert und seine Tochter Juli mit Pesterregern in Kontakt gekommen waren, aber einen Ausbruch der Krankheit gab es wohl nicht. Sie hatten eine Immunität entwickelt, die selbst die Mediziner in Erstaunen versetzte.

 

Die Anreise der in Süddeutschland Gebliebenen sollte am 20. Januar 2017 stattfinden. Gunnar musste sich um Reisedokumente bemühen. Keiner der Mittelaltermenschen hatte gültige Dokumente und es würde sehr schwer werden, den Leuten eine nachvollziehbare Vita zu besorgen. Einer seiner Security Mittarbeiter war ein ehemaligen Mitarbeiter im Bereich Cyberabwehr des Schwedischen Verteidigungsministeriums und kannte Mittel und Wege neue Identitäten in die Staatlichen Organe einzuschleusen, die auch einer etwas intensiveren Untersuchung standhalten würden. Also wurden Lebensläufe gebastelt, Passfotos gemacht. Will in der Ferienwohnung in Deutschland und Pet auf Gotland waren eifrig dabei, diesen sechs realen Personen Spuren ihrer Existenz aufzubauen und der Security Mann begann im Netz Spuren dieser Menschen zu legen. Frida wurde deutsch und man dichtete ihr Verwandtschaft zu Pet an. Die Seitenlinie der von Blau war zwar schon seit etwas mehr als vierzig Jahren ausgestorben, aber Frida bekam über ein Testament Titel und Namen vererbt. Ihr Geburtsdatum wurde einfach über achthundert Jahre verschoben, Geburtsort wurde nach Mecklenburg Vorpommern gelegt und damit war alles etwas schwerer nachzuvollziehen.

 

Juli und ihr Vater Bert wurden zu eingebürgerten Deutschen aus Namibia mit etwas mysteriösen Geburtsdaten. Ihre Namen wurden etwas vereinfacht und so wurde aus Bartholomäus oder Bert nun ein Bertram Priester, und aus Jonata oder Juli nun Juliane Priester. Claus von Olsen wurde ein Schwede. Geboren auf einer einsamen Insel im Finnischen Meerbusen. Dort gab es eine Insel, wo vor Jahren eine Kirche mit sämtlichen Unterlagen über Geburten und das Sterberegister abgebrannt war. Bewohnt wurde diese Insel seit einigen Jahren von niemandem mehr. Aus Meldra wurde Merta und Merit behielt ihren Namen und beide wurden zu Töchtern des Claus von Olsen. Probleme gab es bei den Vierbeinern. Hier wurden Impfpässe aus Deutschland benötigt, da Tiere nicht so ohne weiteres nach Schweden beziehungsweise auf die Insel gebracht werden durften. Impfschutz war hier eine der Maßnahmen, die notwendig waren. Hier war es nicht so leicht, nicht nur einen Impfpass zu bekommen, sondern auch die elektronischen Spuren der Nachverfolgbarkeit zu legen. Aber auch das gelang durch den Einsatz von etwas Bestechungsgeldern und einem Tierarzt, der für eine kostenlose Reise nach Norwegen zum Angeln gerne seine Unterschrift und seinen Stempel zur Verfügung stellte und die vier Tiere in seine Kartei aufnahm.

 

in einem Learjet wurden vier Hundeboxen eingepasst, damit man die Tiere nicht in Schlaf versetzen musste, sondern dass sie mit den fünf Fluggästen im Passagierraum mitfliegen konnten. Die etwas mehr als zwei Stunden Flug würden alle ohne Probleme überstehen können. Start war von einem kleinen Flugfeld bei Schwäbisch Hall geplant und es gab in der Nähe von Visby einen alten Militärflughafen, der oft von Privatmaschinen angeflogen wurde und wo keine Kontrollen zu erwarten waren.

 

Wenn alles erledigt war, würde Otto das Ferienhaus aufräumen, sämtliche Spuren beseitigen und sich nach Waiblingen zurückziehen. Wenn das alles so einfach wäre?!