Kapitel 80

30. August 1216 Waiblingen

 

Die Gefangenen waren dem Vogt der Staufer übergeben worden. Die beiden Kranken schickte man unter sicherer Begleitung nach Lorch. Dort gab es bereits ein Siechenhaus. Otto machte sich Gedanken darüber, wie er mit weiteren Bedrohungen umgehen sollte. Offensichtlich gab es keinen Weg ohne Gewalt, den man gehen konnte. Sei es die Gewalt der Waffen oder auch die Gewalt der über den Glauben auf die einfachen Menschen ausgeübt wurde. Frieden und Ruhe gab es nicht, außer bei den Gebeten in der Kirche, wo man sich kurz beschützt fühlte. Eine trügerische Ruhe war das aber. Er hatte den Glauben zwar nicht gänzlich verloren, aber das, was man den Menschen versprach, trat selten ein und dass man entweder in die ewige Verdammnis kam oder ins Paradies, war eine Geschichte ohne Nachweis. Man konnte nur daran glauben oder nicht und in beiden Fällen stürzte man ins Unbekannte ab. Also lebte Otto von Kraz zu Wipplin, der Ritter des Hauses der Staufer im Hier und Jetzt und widmete sich seiner Aufgabe als Chronist und Lehrer, Herr über Haus und Hof, Mensch und Tier.

 

Die Arbeiten am Haus nebenan und auf seinem Hof schritten fort. Constanze und ihre Tochter Marta kümmerten sich auch darum. Am Anfang gab es manches Mal Probleme mit den Handwerkern, die die Anweisungen einer Frau nicht annehmen wollten, aber nachdem sie mit dem Dolch und einem Knüppel immer wieder gezeigt hatte, wie gut sie damit umgehen konnte, wenn ihr einer der Männer zu nahe trat, wurde ohne übles Murren gearbeitet. Andererseits wurden die Handwerker und Knechte gut behandelt, erhielten gutes Essen und hatten eine sichere und trockene Schlafstatt. Im Laufe der Zeit wurde ihr sehr viel Respekt gezollt, das verbreitete sich sehr schnell in Waiblingen und im Umland. Anfangs wurden die Handwerker, wenn sie nach getaner Arbeit sich ein Glas Wein oder auch mal ein saures Bier in einem Gasthaus leisteten, mit verächtlichen Bemerkungen bedacht, aber nachdem der Erfolg am Bau und auch im Wirtschaften des Gutes immer sichtbarer wurde, verstummte auch diese Kritik. Eine Frau von niedrigem Adel, zudem auch noch Witwe, die über freie Männer das Zepter schwang, war sehr ungewöhnlich, aber es gelang. Dann war da noch der Otto von Steinfeld, zwar ein Bastard, aber ein Staufer, der schützend seine Hand über die Dame hielt. Zudem war der Große Staufer Friedrich immer noch in der Nähe und selbst die einfachen Leute wussten, dass es besser war, sich mit jemandem gut zu stellen, der mit einem Mächtigen im Bunde war.

 

Am 10. September 1216 war die Ernte eingeholt, die Obstbäume waren frei von Frucht und man begann sich auf den kommenden Herbst und Winter einzustellen. Otto hatte klugerweise einige Fässer und Tonkrüge mit Öl gekauft und Wachs für Kerzen besorgt. Dafür hatte er sehr viele Schafe hergeben müssen, aber die Tiere, die er noch hatte, konnten in den Ställen des Gutes untergebracht werden und mussten nur bei Bedarf geschlachtet werden. Constanze und er ergänzten sich gut bei der Arbeit auf dem Hof. Kluge Entscheidungen wurde getroffen und die Menschen, die zum Haushalt gehörten, konnten sicher sein, dass für alle gut gesorgt war. Inzwischen war die Anzahl der Bewaffneten auf zwanzig Männer angewachsen. Sie kümmerten sich inzwischen um alle Teile der Hofgüter und zeigten sich überall kampfbereit, um schon im Keim Gedanken nach Raub und Diebstahl zu ersticken, die aufkeimen könnten. Siegbert, der Hauptmann der Männer, hielt diese gut im Zaum. Es gab kaum Klagen über die Bewaffneten und sie verrichteten ihre Arbeit gut. Der Staufer Otto und Otto von Kraz teilten sich die Bezahlung der Männer und so belastete diese große Anzahl an Männern nicht zu sehr die Kasse. 

 

Siegbert selbst war ein alter Kämpfer, eigentlich schon zu alt für so eine Aufgabe, aber er war doch körperlich so gestaltet, dass man ihm nicht ansah, wenn ihn etwas anstrengte. Er war um die sechzig Jahre alt, hatte keine Haare mehr auf dem Kopf, dafür einen kurzen gepflegten eisgrauen Bart, der seine Narben, die er im Gesicht hatte, etwas bedeckte. Er trank fast keinen Wein oder Bier, aß sehr mäßig, hatte gute Manieren und - das wussten inzwischen alle, die ihn kennengelernt hatten - war ein gerechter Mann. Dass er nie wirklich schmutzig war, lag daran, dass er regelmäßig ins Badehaus ging und seine Kleider immer wieder wechselte und sie waschen ließ. Er habe das im Heiligen Lande so gelernt, meinte er. Krankheiten konnte man durch Pflege des Körpers und mäßigen Genuss an Essen und Trinken fern halten. Er hatte allerdings ein Laster, er liebte die Frauen. Zu Huren musste er nicht gehen, er fand immer wieder eine Magd oder eine vernachlässigte Ehefrau, die seinem Charme erlag. Eine Frau, Katharine Brunnenbauer, eine einfache Wäscherin, hatte es ihm angetan. Sie war um die dreißig Jahre alt, lebte als Witwe im Haus ihres Bruders, dem Johannes Tascher und musste zwei unmündige Kinder versorgen. Nie brachte man die beiden in Verbindung miteinander. Sie konnten ihre Zusammenkünfte geheim halten. Wenn sie aber nicht die Gelegenheit dazu hatten, gab es für den Herrn Siegbert immer andere weibliche Wesen.  Nur im Hause der Herrn Otto von Kraz wurde er nicht fündig, da er sich hier sehr streng benahm.

 

Am 6. September 1216 kam Otto von Steinfeld zu Besuch. Seine Kammer im oberen Stockwerk des Haupthauses war schon fertig und die nahm er umgehend in Beschlag. In seinem Gefolge befand sich auch eine sehr vornehme Dame, Signora Mona Adelia Monte Minori, die Witwe eines Hauptmanns der Garnison aus Palermo. Nach dem Tod ihres Gatten musste die Dame von Sizilien fliehen, da man ihr ihr Erbe streitig machte und es nach ihrem Tod einem Cousin zweiten Grades zufallen sollte. Sie hatte bereits ihr einziges Kind durch Meuchelmörder verloren und hoffte in den Stammlanden der Staufer einigermaßen in Sicherheit zu sein. Da aber keine geeignete Kammer mehr auf dem Gut zur Verfügung stand, gab Constanze ihre Kammer der Dame und teilte nun das Schlafgemach mit Frida von Blau. Das machte Gregor Büren und Otto von Steinfeld doch etwas traurig, da sie nun keine störungsfreien Nächte mehr mit ihren Geliebten verbringen konnten. Aber der Herr von Büren warnte gleich beim Einzug die Signora Monte Minori, dass es manchmal doch sehr umtriebig im Hause sein könnte und sie besser nicht darauf achten sollte. Die Signora verstand sehr wohl, was er da meinen könne und nickte mit einem Lächeln dem Ritter zum Zeichen des Verstehens zu. In bestem Latein mit vielen Brocken Deutsch durchmischt antwortete sie ihm. "Ich hoffe aber nicht, dass ich deshalb meine Kammer fest verschließen muss, mein Herr Ritter. Wir achten in meiner Heimat darauf, dass eine Signora respektiert wird und man sie auch im Schlaf schicklich behandelt. Eine meiner Zofen wird vor der Türe sicherlich einen Schlafplatz finden." Gregor musste kurz überlegen, wenn eine Zofe im Gang nächtigen würde, dann wären seine nächtlichen Ausflüge doch sehr erschwert und auch Otto von Steinfeld wäre davon nicht sehr begeistert. "Signora Monte Minori der Herr von Steinfeld und ich machen des Nachts hier regelmäßig unsere Wachgänge und unten vor dem Eingang steht die ganze Nacht eine Wache. Es wird nicht notwendig sein, dass eine eurer Zofen hier auf dem harten Boden schläft." Sie lächelte immer verschmitzter und Gregor wurde sehr unsicher, denn er konnte sich keinen Reim darauf machen, welche Bedeutung dieses Lächeln wohl haben könnte. Sie nickte nur und verschwand mit einer Zofe in der Kammer.

 

Als er das Otto von Steinfeld berichtete, musste der laut lachen. Er zog ihn dann in die große Kammer im Erdgeschoss, wo bereits Otto von Kraz, Constanze, Frida und Siegbert saßen. Otto der Staufer scheuchte alle Bediensteten nach draußen, verschloss die Türen und bat alle, sich zu ihm an den Tisch zu setzten. Er sprach leise zu allen, denn man wusste nie, wer an der Türe lauschte.

 

"Diese Signora Mona Adelia Monte Minori ist die Witwe eines Gefolgsmannes von Friedrich. Er war Hauptmann der Palastgarde in Palermo und der Sohn eines Normannischen Grafen. Reich und mit viel Einfluss auf den Adel dort. Man vermutet, dass er ermordet wurde und nicht wie behauptet, einem Reitunfall zum Opfer gefallen sei. Nun wer mit einem Dolch im Herzen vom Pferd fällt, das gibt doch zu denken. Ein Gesandter des Französischen Königs bemühte sich sehr heftig, der Signora Trost zu spenden. Leider wusste er nicht, dass Friedrich bereits dieser jungen schönen Frau sehr heftig Trost spendete. Die Ermordung ihres Sohnes war eine Geschichte, die man erfand, um ihre Flucht besser zu erklären. Sie hatte noch keine Kinder. Was aber richtig war, dass sie große Ländereien auf Sizilien besitzt und man ihre diese durch einen Cousin ihres Mannes streitig machen will. Dieser Cousin befindet sich im Dienste des Papstes und ist geweihter Priester. Die Frau ist also vor den Nachstellungen des Abgesandten und der des Cousins geflohen. Und sie möchte in der Nähe Herrn Friedrich sein. Der hat darum gebeten, sie hierher zu bringen und nicht auf die Stauferburg bei Lorsch oder eine andere. Da gibt es leider immer noch Augen und Ohren des Papstes, der Franzosen und des Braunschweigers. Und nun zu uns, mein Freund Gregor. Die Dame ist nicht dumm und ich habe sie bereits darüber informiert, dass sich die Dame meines Herzens hier im Hause befindet. Und dir sieht man an, dass du nachtwandelst. Also lassen wir die Erklärungen und tun das, was wir tun wollen oder auch müssen. Siegbert, du sorgst dafür, dass keiner der Männer hier oben seinen Dienst meint verrichten zu müssen. Dieses Stockwerk ist zu unserer aller Sicherheit kein Ort für Bedienstete, die wir nicht rufen." Otto von Kraz Haus eine Liebeslaube? Er machte sich schon Gedanken darum, wie denn seine Knechte und Mägde darauf reagieren würden. Dass der Stauferbastard um Frau Constance freite, wussten alle. Und solange niemand etwas Unschickliches sah oder hörte, war Ruhe im Haus. Aber Otto wusste sehr wohl, dass aus Geschwätz und Gerüchten schnell etwas wurde, was die falschen Leute auf den Plan rufen würde.  Also bat er alle darum, so diskret wie möglich zu sein.

 

Am Sonntag, dem 11. September machte sich der gesamte Hof auf, um in die Kirche zu gehen. Siegbert mit vier seiner Knechte begleiteten die Gesellschaft. Auf dem Platz vor der Kirche blieben seine Männer mit den Pferden zurück, er selbst ging mit in die Kirche. Auch Katharina Brunnenbauer war mit ihren beiden Kindern in der Kirche. Fragend schaute sie verstohlen immer wieder zu ihm. Sein Dienst ließ es nicht zu, sie zu besuchen, das wusste sie aber nicht. Eifersucht und Trauer lagen in ihrem Blick. Siegbert versuchte, ihr ein Zeichen zu geben, dass er kurz nach dem Kirchgang mit ihr sprechen wollte. Es dauerte sehr lange, bis sie begriff, was er von ihr wollte. Das blieb ihrem von Bruder, unter dessen Dach sie lebte nicht unbemerkt. Nach dem Segen und dem letzten Gebet gingen alle sehr langsam aus der Kirche. Nur Otto von Steinfeld, Gregor von Büren und Otto von Kraz blieben zurück, um kurz mit dem jungen Priester zu spreche. Siegbert eilte hinaus, um kurz mit Katharina ein paar Worte zu wechseln. Er hatte sich schon einen Grund für das Gespräch ausgedacht. Katharina wusch auch seine Wäsche für ein paar Münzen und er wollte sie fragen, wann denn seine Wäsche für ihn bereit liegen würde und sie sollte sie vorbeibringen. Kaum hatte er sie auf dem Kirchplatz angesprochen, drängte sich ihr Bruder zwischen ihn und Katharina. "Herr Siegbert, auch wenn ihr einer aus dem Hause des Herrn von Kraz seid und ein Mann der Staufer, so muss ich euch bitten, meiner Schwester keine anzüglichen Blicke zuzuwerfen. Sie ist ein ehrbare Frau, Witwe und lebt in meinem Haushalt. Wenn ihr etwas mit ihr zu bereden habt, dann bin ich dabei. Ansonsten muss ich euch bitten, euch von diesem Weibe fernzuhalten. Ich kenne euren Ruf als Verführer von unschuldigen Weibern, das aber wird nicht in meinem Hause geschehen und nicht bei meiner Schwester. Merkt euch das Herr Siegbert." Dann packte er seine Schwester grob am Arm und zog sie weg. Siegbert eilte ihm hinterher und stellte sich ihm in den Weg. "Mein Herr, ich wollte eure Schwester nur fragen, ob die Wäsche bereit ist und ob sie mir diese vorbeibringen kann. Ich habe seit Tagen wichtige Aufgaben zu tun und muss mich entsprechend kleiden. Der Herr von Kraz und auch die Staufer achten sehr darauf, dass ihre Hauptleute ordentlich gekleidet ihren Dienst erledigen. Und dass ihr meinen vermeintlichen Ruf hier öffentlich anprangert und mich beleidigt, kann ich nicht dulden. Zudem ist mir wohl bekannt, dass eure Schwester ein ehrbare Dame ist und respektiere das. Entschuldigt euch bei mir und eurer Schwester und ich werde die Sache vergessen."  Trotzig schaute Johannes Tascher Gregor an. "Was wollt ihr tun, wenn ich mich nicht entschuldige? Das Schwert ziehen und mich erschlagen?" Inzwischen hatten sich schon einige Leute versammelt und beobachteten den Streit. Gerne sahen einige Männer, die vermuteten, dass ihre Frauen oder Töchter mit dem Herrn Siegbert angebandelt hatten. Die Stimmung war eindeutig gegen Siegbert und so schüttelte der nur den Kopf und sagte laut, für alle hörbar. "Ihr seid ein grober Kerl, der offensichtlich nur mit schwachen Frauen umgehen kann. Und wenn ihr schlechte Träume habt, dann behaltet die für euch, denn das was ihr da sagt, kann nur aus einem schlechten Traum entspringen." Aufrecht und die Hand am Knauf seines Schwertes drängte er sich durch die gaffende Menge. Widerwillig machte man ihm Platz. Auf den Stufen der Kirche standen die drei Herren und hatten nur beobachten können, was geschehen war, gehört hatten sie nichts.

 

Otto von Steinfeld schaute den Siegbert an, er fesselte ihn fast mit seinem Blick. "Was war da los? Ich kann und werde nicht dulden, dass einer aus dem Gefolge der Staufer vom gemeinen Volk umstellt wird. Wir reiten vor das Tor und werden dort reden. Ich will keine Zuhörer haben, die das alles nichts angeht. Sag deinen Männern, sie sollen die Weiber nach Hause begleiten, wir reiten ohne Knechte los."

 

Ohne sich weiter um andere Zuschauer oder die Frauen zu kümmern, bestiegen alle ihre Pferde und ritten los.