Kapitel 86

24. Dezember 1216 Waiblingen im Hause des Otto von Kraz

 

In seinem Raum im ersten Stock des Herrenhauses saßen Otto und Frida von Blau am Tisch. Otto versuche seine Chronik zu verfassen und Frida half ihm, die Erinnerungen an die letzten Wochen mit ihrem Wissen gemischt zu Pergament oder Papier zu bringen.

 

Otto war immer noch schockiert von dem, was in den letzten Wochen geschehen war. Nach der Befreiung der Katharine und ihre beiden Kinder aus dem Hause des Johannes und der Niederschlagung eines Aufstandes in Waiblingen durch die Bewaffneten des Steinfelders war Ruhe in den Ort eingekehrt. Erzwungene Ruhe, sicher und erkauft durch den gewaltsamen Tod von drei Bürgern und dem des Johannes Tascher. Es gab mindestens noch zehn Verletzte in Waiblingen und einige Bürger mussten sich vor dem Gericht der Staufer rechtfertigen. Unterstützung bekamen die Staufer vom Stellvertreter des Abtes aus Lorch, Bruder Bartholomäus. Er zitierte viele Bibelstellen, wo Gewalt gegen Frauen und die Willkür verdammt wurde. Seine Ausführungen brachten selbst den etwas rebellischen Ortsgeistlichen wieder auf den Boden des alltäglichen Lebens zurück. Vor allem, dass Jesus Christus die Gewaltlosigkeit als eines seiner Grundsätze immer wieder betonte, schienen einige vergessen zu haben. Und dann zitierte Bartholomäus die zehn Gebote, wobei er sein rhetorische Können dazu nutzte, gewisse Interpretationen einzufügen, die das Handeln des Siegbert und der Staufer, sowie das weitere Tun des Otto von Kraz zu Wipplin sich nun in einem ganz anderen Lichte darstelle, wie so mancher Bürger es sehen wollte. Die Handlungen und die Rechtfertigung über die Bibeltexte zu erklären zeigten Wirkung. Es herrschte nun Frieden im Ort und in der weiteren Umgebung. Otto war zufrieden mit sich selbst und dem bisher Erreichten, denn er konnte nun in aller Ruhe sich dem widmen, was er so gerne tun wollte. Jungen Menschen etwas lehren und sie auf das Leben nach Verlassen des Schutzes seines Hauses vorzubereiten. Und er konnte nach Herzenslust schreiben. Briefe, Chroniken, Gedichte, Lieder und er begann zu Zeichnen. Constanze leitete das Haus und die Güter, ohne jeglichen Widerspruch von Knechten oder der Obrigkeit.

 

Frida von Blau war etwas erzürnt darüber, dass Gregor nun schon wieder für den Staufer unterwegs war, aber sie wusste, dass er zurückkommen und dass sie dann heiraten würden. Immer wieder bekam sie bei diesem Gedanken ein unfassbares Glücksgefühl. Wem war es denn vergönnt, den Menschen zu heiraten, den man liebte. Die Ehe war doch eher ein Zweckgemeinschaft und in gewissen gesellschaftlichen Schichten auch eine politische Entscheidung.  Glück durfte man doch nur empfinden, wenn es die Kirche, der Kaiser, der Stadthauptmann oder sonst jemand, der Macht über einen besaß, es erlaubte. Und sie hatte einfach so viel erlebt, dass sie alles, was jetzt geschah, nur noch als das Glück empfand. Und nun saß sie einem Mann gegenüber, der Glück als Ergebnis von vielen schlimmen Ereignissen sah, die sich kurz auflösten und man, weil es gerade keine Gefahr oder kein Unglück gab, es nun als Glück empfand. Oder irrte sie sich? Der Mann konnte einfach alles erklären und deshalb meinte sie, dass er das Herzrasen, das sie in der Nähe von Gregor hatte, auch als ein Ergebnis irgendeines Ereignisses empfand. Nein für sie schubste Gott, der in ihr mit dem Glücklichsein verbunden war, ihr Herz an und nicht irgendeine Verbindung von Sonne Mond, und Sternen, zu fetten Speisen, dem Treppensteigen oder den nächtlichen Schreien irgendwelcher Betrunkener. Immer wieder schaute sie ihn an, wenn er schrieb, ihr Fragen stellte und dann seine Worte und Sätze formte. Seine Ehrlichkeit war einfach unfassbar, sein Charme unverbindlich verbindlich und sie spürte seine Nähe, die doch so unendliche weit weg für sie war. Er hatte etwas von einem guten Vater, starkem Bruder und doch einem Mann, den man begehren konnte, an sich. Sie saß an diesem Tag sehr gerne hier und half Otto mit ihren Gedanken und Sichtweisen.

 

Batholomäus hatte sich für den Abend angesagt. Gemeinsam wollten sie speisen und einen guten Schluck Wein trinken. Jonata, Ottos Mündel und die Tochter des stellvertretenden Abtes sollte ebenfalls dabei sein. Um der Schicklichkeit Genüge zu tun, bat Otto Frida ebenfalls mit ihnen zu speisen. Ein Weingefäß aus Ton mit dem Namen von Otto von Kraz, der in den gebrannten Ton eingeritzt war, hatte er gefunden und wollte den Inhalt gemeinsam mit seinen Gästen trinken.

 

24. Dezember 1216 Blauzahnsiedlung

 

Claus von Olsen hatte am in die Blauzahnsiedlung gebracht. Sein Zustand war drei Wochen lang sehr kritisch, aber die Heilkünste, die Kräuter von Gerretius und Alana halfen ihm, dass er aus dem Fieberwahn wieder zurückfand. Für den Abend war eine Feier angesagt, um die Genesung von Claus gebührend zu feiern. Man hatte einige Tage vorher eine Kiste mit Tongefäßen gefunden, dort standen alle Namen der Blauzahnleute - auf jedem Behältnis eingeritzt in den Ton. Alle die die ersten Siedler waren, Peters Mannschaft, die Mannschaft der Frauen unter der Führung von Birgit aus Hammaburg und Sophia und die Mannschaft des Simon und seiner Schwester Sasha. Jeder hatte sein eigenes Trinkbehältnis. Die die keine Behältnis bekamen, sollten jeder einen Schluck von den anderen bekommen, das waren Claus, Merit die Frau des Mathias sowie Meldra, die befreite Sklavin, die sich inzwischen mit allen aus dem Frauenhaus gut verstand und sehr beliebt war. Sie konnte wunderbar singen und sollte alle an diesem Abend mit ein paar Liedern unterhalten.

 

 

 

23 Dezember 2016 in der Wohnung des Gunnar Larson, der sich nun Lars nannte

 

Die Dokumente, Briefe, Beschreibungen und Zeichnungen die er gesammelt hatte, reichten dem Gunnar Larson aus, um sich ein Bild des Mittelalters machen zu können. Es reichte ihm vollkommen. Seine Meinung, dass es nur ein technische Entwicklung bis zu heutigen Tag gab und keine wirklich moralische, wurde bestätigt. Moralische Entwicklungen dienten meist nur, um sich vor Kritik zu schützen. Alles war wie immer dem Machtstreben, der Neugier und vielen niedrigen Instinkten unterworfen. Die Welt zerstörte wie immer weiterhin Existenzen, von Menschenhand geschaffenes, nur um den Gelüsten der Macht erliegen zu können. Anstatt die Ressourcen die vorhanden waren, zum Wohle aller zu nutzen, wurde vieles zerstört und musste mit viel Mühe neu errichtet werden. Und wie im Mittelalter zeigte es sich, dass vor allem die vermeintlichen Eliten die großen Versager waren. Nicht die Menschen, die jeden Tag aufstanden, zur Arbeit gingen und ihr Tagewerk erledigten, waren an dem Chaos schuld, sondern die Eliten, die ihr geistiges Potenzial nicht wirklich für das Allgemeinwohl nutzten. Ja, ihm war bewusst, dass er da zu viel verlangte, aber eine Überlegung war es doch wert.

 

Nein das Mittelalter war immer noch in uns.

 

Was würde aber nun geschehen, wenn er seine "Versuchskaninchen" zurückholte, in das hier und heute? Wissen in die Vergangenheit zu transferieren war nicht möglich, die war nun mal unabänderlich, aber wie sah es aus mit dem Wissen, das man aus der Vergangenheit direkt in das jetzt mitbrachte? Die Forschung hatte bisher vieles an Wissen aus den vergangenen Jahrhunderten gesammelt. Das was in den Köpfen der Vorfahren stattfand, hatte man versucht zu interpretieren und kein akademisch Gebildeter ließ sich von seiner Meinung und dem Erforschten abbringen. Was würde geschehen wenn er nun Zeitzeugen präsentierte? Würde man ihm oder seinen Zeugen Glauben schenken? Eher nicht, denn das Urteil, das er gegen die Eliten aussprechen würde konnte niemand akzeptieren. Es würde das ganze System von Macht, Machtanspruch, von Banken bis zu den philosophischen Lehren über den Haufen werfen. Die Weltreligionen würden rebellieren und, so vermutete er, Kriege würden ausbrechen in nie gekanntem Ausmaß. Nichts hatte sich wirklich geändert, nur die Kulisse, die Lautstärke, der Hunger, der in den Bäuchen und in den Köpfen stattfand war der gleiche.

 

Aber er musste sie alle zurückholen. 

 

Samstag 24. Dezember 2016 Gotland Blauzahnsiedlung

 

In der Aula der Siedlung erwachte langsam das Leben. Wie aus einem tiefen Rausch wachten zuerst die alten Männer auf. Lars, Erik, Pet, Simon und alle die anderen, etwas später dann die jüngeren. Am längsten dauerte es bei den Frauen. Sophia und Birgit waren da die ersten, die aus ihrem tiefen Schlaf erwachten. Fast alle waren dann bis gegen Mittag aus dem Schlaf erwacht, nur Claus von Olsen, Merit und Meldra lagen noch auf den Matten auf dem Boden des großen Saales.

 

Alle konnten sich nach langen Nahdenken daran erinnern, wo sie herkamen und wo sie nun waren. Keiner konnte sich das erklären, aber sie fanden sich damit ab, dass es eine Tatsache war, sie waren ins Mittelalter transferiert worden und nun waren sie wieder hier im jetzt. Sie wussten alle, wer Claus von Olsen war, Merit und auch Meldra, nur sie wussten auch, dass die nicht hier sein durften. Sie gehörten einer anderen Zeit an.

 

Pet´s erste Sorge galt seinem Freund Otto Kraz. Er war nicht hier, er war in die Heimat gezogen. Hatte auch er die Reise zurück in die Gegenwart geschafft?

 

Samstag der 24. Dezember 2016 Waiblingen

 

Otto erwachte als ersten. Sofort wusste er, dass er wieder in seiner Zeit zurück war. Etwas benommen versuchte er aufzustehen. Er tastete zuerst seine Umgebung ab und fühlte dann einen Arm in seiner Hand. Er schaute sich um und sah Frida neben sich liegen und neben ihr Jonata. Beide waren in ihren Kleidern, die sie vor Beginn dieser Reise anhatten immer noch gekleidet. Auf der anderen Seite, nahe bei der Türe lehnte Bartholomäus an der Wand und schlief offensichtlich. Und in einer der Ecken stand ein Weihnachtsbau, spartanisch mit ein paar roten Kerzen und einige roten Kugeln geschmückt.

 

Otto versuchte sich an das, was geschehen war, zu erinnern. Er fand in seiner Rückschau auf die Geschehnisse der letzten Zeit nun immer mehr an Fakten. Hatte nicht er und Bartholomäus gemeinsam mit den beiden Freuen gegessen und sie hatten den köstlichen Wein gemeinsam gekostet. Dann waren sie in einen Schlaf verfallen. Und dann war auf einmal alles im Kopf von Otto präsent. Er war im Mittelalter und nun wieder im hier und jetzt. Aber diese drei durften nicht hier sein. Sie gehörten nicht in diese Zeit. Und was war wohl mit seinen Freunden auf Gotland geschehen. Waren sie auch wieder zurück?

 

Langsam erwachte auch Frida aus ihrem Tiefschlaf. Als sie die Augen öffnete und sich umschaute, hörte Otto erst eine etwas verhaltenes „Oh“ und dann die sicher berechtigte Frage. "Wo bin ich?" Denn nichts bis auf das Gesicht Ottos und der Kleidung, die sie trug, erinnerte sie an den Moment, wo sie eingeschlafen war. Jonata lag immer noch schlafend auf dem Boden und Bartholomäus rührte sich auch nicht. "Warte bitte etwas und versuche dich erst einmal zu bewegen und wache erst mal richtig auf, dann erkläre ich dir alles." Ottos Antwort auf ihre Frage berührte sie wenig, denn irgendwie drang sie nicht ganz in ihren Kopf ein. Das Zimmer in dem sie sich befanden, sah ganz anders aus als der Raum, in dem sie vorher gespeist hatten. Otto kannte das Zimmer. Sein altes Studienzimmer im Haus seiner Eltern. Nur dass es wohl etwas modernisiert war. Zentralheizung unter dem Fenster, ein modernes Bett, ein Schreibtisch und darauf ein Computer. In der Ecke gegenüber dem Fenster war ein Kleiderschrank, den er nicht kannte, der aber offensichtliche aus der Zeit stammen musste, wo er in diesem Haus gewohnt hatte.

 

Otto dachte nach, wie er den dreien erklären sollte, was mit ihnen geschehen war. Und wie sollte er den Menschen in diesem Jahrhundert erklären, wo die drei herkamen? Und was war mit der Kleidung? So konnten sie nicht auf die Straße? Fragen über Fragen gingen in seinem Kopf spazieren.

 

24. Dezember 2016 Gotland Blauzahnsiedlung am späten Abend

 

Allen bis auf Claus von Olsen, Merit und auch Meldra war klar, was geschehen war. Sie waren wieder in ihrem Jahrhundert gelandet. Mathias kümmerte sich um seine Frau aus einer Ehe, die nun schon seit achthundert Jahren andauerte. Sophia nahm sich der Meldra an. Pet Bär und Lars knieten neben dem immer noch leicht benommenem Claus von Olsen und erzählten ihm, was geschehen war. Irgendwie nahm der alles, was man ihm erzählte, mit einer Gelassenheit hin, die man ihm nicht zugetraut hätte. Merit war einfach froh, bei ihrem Mann zu sein, nur Meldra begriff nichts. Ihre Vorstellungskraft ging nicht so weit zu verstehen, dass sie durch die Zeit in eine Zukunft gereist war, die eigentlich die Gegenwart war.

 

Pet und Lars machten das Licht an. Die Drei aus dem dreizehnten Jahrhundert erschraken sehr, denn dass aus ein paar Glasstangen Licht herauskam, konnten sie nicht verstehen. Claus suchte den Kamin, wo offenes Feuer sein musste, denn es war warm in dem großen Raum und dann bemerkte er die Glasfront auf der einen Seite. Es schneite und der Schnee kam nicht in den Raum hinein. Lars half dem immer noch schwachen Claus auf und ging mit ihm zur Fensterfront. Vorsichtig fasste er an das Glas. Es war kalt und fest und doch spürte er die Wärme. Er ging mit Hilfe von Lars mit nackten Füßen über den Holzboden und dann auf Fliesen. Alles war warm. Er kannte keine Fußbodenheizung.

 

Dann sah Pet einen Kalender an der Wand. 24. Dezember 2016 Weihnachten. Laut rief er aus. "Leute, heute ist Weihnachten. Das sollten wir feiern und nicht nur das, sondern dass wir alle aus dem Mittelalter zurückgekehrt sind. Hat jemand Hunger? Durst? Ich besorge uns was zum Trinken. Mal sehen, was ich finden kann." Die Begeisterung war groß, denn jetzt war bei allen im Kopf angekommen, dass sie zurück waren und dass sie allen Grund hatten, froh zu sein und feiern sollten. Weihnachten, das war das Geschenk an ihr Leben.

 

Waren sie alle glücklich, zurück zu sein? Das würde sich noch zeigen.