Kapitel 85

11. November 1216 in der Siedlung der Jarl

 

Über Nacht hatte es ein wenig geschneit, der starke Wind hatte sich beruhigt, aber alles Wasser draußen war gefroren. Peter und Sophia drängten darauf, zur Blauzahnsiedlung zurückzukehren. Sie luden Schafswolle und getrockneten Fisch auf den Pferdewagen auf. Die Räder haben sie festgezurrt und Bretter untergeschoben, nun war der Wagen ein großer Schlitten und nach dem Morgengrauen brachen sie auf. Peter lenkte den Schlitten, alle anderen ritten auf ihren Pferden. Sie hofften, dass sie bis zur Dämmerung an ihrem Ziel sein würden. An einige Stellen sahen sie, dass viele Pferde und zu Fuß marschierende dort unterwegs gewesen waren. Zur Mittagszeit stießen sie auf ein erkaltetes Lagerfeuer. Sie vermuteten, dass hier Claus von Olsen mit den Seinen ihr Nachtlager aufgeschlagen hatten. Sie konnten sich vorstellen, dass die Gefangenen, die sie gefesselt mitführten, ihren Zug verlangsamte.

 

Sie erreichten die Blauzahnsiedlung noch vor dem Abendglühen, das den Himmel über ihnen rot, orange und mit einigen grau blau färbte. Claus von Olsen war schon da und hinter der Siedlung auf der großen Wiese hatte man ein Lager errichtet. Zelte waren aufgestellt worden, große Lagerfeuer brannten und die ganze Wiese war voll mit Tieren und Menschen. Die Wachen, die er aufgestellt hatte, blickten grimmig drein, denn als sie angekommen waren, hatte sich einer der Gefangenen befreien können und war geflohen. Drei Reiter und Claus von Olsen verfolgten ihn. Die Hunde setzte man auf den Mann an und da es weder schneite noch sonst irgendwelche Witterungsverhältnisse seine Spur verwischen konnten, war man sicher, den Mann wieder einfangen zu können.

 

11. November Mitternacht, Claus von Olsen an der Küste von Gotland

 

Die Hunde hatten die Spur des Mannes aufgenommen und doch immer wieder verloren. Claus und seinen Männern war klar geworden, dass sie es mit einem Flüchtigen zu tun hatten, der es gut verstand, seine Spuren zu verwischen. Der Mann musste mit einer Kraft ausgestattet sein, die es ihm ermöglichte, trotz des langen Fußmarsches jetzt noch immer zu laufen und dabei den Hunden zu entkommen. An der Küste, keine zweitausend Schritte von seinem Turm entfernt, verloren sie die Spur. Die Hunde, Pferde und die Männer waren allesamt  müde und so ritten sie zum Turm. Die Sterne und der Mond gaben zwar genügend Licht und deshalb war es hell genug, aber sie mussten eine Pause machen und frische Pferde waren auch von Nöten.

 

Claus von Olsen war wütend auf sich selbst und die Männer, die die Wache übernommen hatten. Der Mann war gefesselt wie alle anderen, wie konnte er entkommen? Wie konnte er sich vor allem von den Fesseln befreien? Hatte ihm jemand geholfen? Er musste den Mann finden, denn er wollte alle diese Fragen beantwortet haben. Er schickte drei seiner Männer aus, die an der Stelle Wache halten sollten, wo er die Spur verloren hatte. Bei Morgengrauen ritt Claus mit seinen drei Reitern an die Stelle, wo er die Spur verloren glaubte. Die Hunde waren auch wieder erholt und voller Elan. Alfred, einer seiner Männer, ein ausgezeichneter Bogenschütze, war derjenige, der sich das Gesicht des Mannes gemerkt hatte, ritt neben dem Herren von Olsen. Die drei Wachen die er aufgestellt hatte, folgten freiwillig dem Trupp, da sie sich ein klein wenig Abwechslung vom Alltagstrott von der Arbeit am Turm erhofften. Einer dieser Männer berichtete, dass er ein Licht, das von einem Feuer stammen konnte, gesehen habe. Etwas an der Küste entlang, aber auch einige hundert Schritte vom Ufer entfernt. Die Hunde hatte die Spur noch nicht gefunden und trotteten deshalb neben den Reitern her. Der Mann, seine Name war Cornelius, hatte wohl recht, denn sie fanden eine Feuerstelle, etwas mehr als achthundert Schritte entfernt in einer Mulde. Das Feuer war noch nicht allzu lange erloschen und bald hatte die Hunde auch wieder die Spur des Mannes gefunden. Die Spur führte sie weg von der Küste, aber wohin der Mann wollte, wusste niemand. Die Gegend war sehr einsam, nur das Kloster Roma lag in diese Richtung. Die Zisterzienser hatten dort vor sechzig Jahren eine Klosteranlage errichtet und einige Handelswege kreuzten sich an dieser Stelle. Auch eine Herberge war dort zu finden. Wollte der Mann sich dahin wenden und im Kloster verstecken? Claus von Olsen hatte nicht die Macht, in das Kloster einzudringen. Da sie ohne Problem den Weg nehmen konnten und zu Pferd waren, würden sie das Kloster vor dem Flüchtigen erreichen.

 

Niemand begegnete ihnen, erst kurz bevor sie das Kloster erreichten, sahen sie einige Leute die ihnen entgegen kamen. Als diese den Reitertrupp sahen, wollten sie in die andere Richtung davon laufen. Claus von Olsen rief ihnen zu, dass sie in friedlicher Absicht zum Kloster wollten und ihnen nichts Böses tun wollten. Wie der Ritter sah, handelte es sich um einfache Menschen, die in ärmlicher Kleidung daher kamen. Kurz bevor sie die immer noch ängstlichen wirkenden Leute erreichten, ließ Claus seine Männer anhalten und von den Pferden absteigen.  Er hob die Hand zum Zeichen der friedlichen Annäherung  und ging auf die Menschen zu. "Mein Name ist Claus von Olsen und ich will mit meinem Männern diesem Kloster einen Besuch abstatten. Unterwegs haben wir einen Mann gesehen, der offensichtlich vor etwas auf der Flucht war. Er trug einen grauen Umhang und darunter, so schien es mir, ein Hemd mit dem Wappen eines Ritterordens. Habt ihr diesen Mann gesehen?" Ein älterer Mann trat aus den Gruppe nach vorne auf Claus zu. "Nein, aber dort drüber, wenn ihr euch umdrehen wollt, steht einer auf einem Hügel und scheint uns zu beobachten. Wenn das der Gesuchte ist, dann habt ihr ihn gefunden. Im Kloster ist kein Fremder, wir waren gerade dort, um einen Kranken dorthin zu bringen. Wenn ihr uns nun weiterziehen lassen würdet. Es sind ein paar Frauen bei uns und unsere Kleidung ist nicht so gut, wir frieren alle schon heftig." Einer von Olsens Männer wollte nach vorne kommen und dem Mann einen Schlag versetzen. "Wie unverschämt seid ihr gegenüber einem Ritter ihr Bauerntölpel." Bevor der alte Mann den Schlag abbekam, packte Claus seinen Mann am Arm und hielt ihn fest. "Niemand ist hier frech oder unverschämt und niemand wird hier geschlagen. Wir wissen nun, was wir wissen wollten. Steigt alle auf und kümmert euch um den Flüchtigen." Claus von Olsen bedankte sich bei dem alten Mann, gab ihm ein kleines Silberstück, stieg auf sein Pferd und folgte seinen Männern. Der alte Mann rief Claus hinterher. "Wenn das ein Judaslohn war, dann will ich dein Silber nicht." Der Ritter hielt sein Pferd an, drehte sich um und rief dem Mann zu. "Nein das ist es nicht. Es ist Gottes Lohn, weil ihr uns auf die Spur eines flüchtenden Piraten geführt habt. Behaltet es und nochmals mein Dank alter Mann." Dann ritt er seinen Männern hinter her. Der Flüchtling sah, dass man auf ihn zu kam und versuchte, das Kloster vor den Reitern zu erreichen. Claus von Olsen erkannte das und lenkte sein Pferd nun direkt auf das Kloster zu. Er würde den Mann weit vorher erreichen als die anderen, die jetzt erst ihre Richtung änderten. Sie hatten übersehen, dass sie um eine Mauer herumreiten mussten, dieser musste Claus nicht ausweichen. Kurz bevor er den Flüchtenden erreichte, zog er sein Schwert. Es zu nutzen, war nicht notwendig. Der Mann sah, dass er es nicht zum Kloster schaffen würde, sank auf die Knien und hob seine Arme in die Höhe.

 

Claus von Olsen stieg von seinem Pferd und ging mit erhobenem Schwert auf den Mann zu. Er traute ihm nicht, denn wer sich so aus der Gefangenschaft befreien konnte und so weit auf der Flucht geschafft hatte, der würde sich doch nicht kurz vor seinem Ziel so einfach ergeben? Aber der Flüchtige hatte keine Chance mehr, die anderen Reiter hatte ihn nun auch erreicht und umstellten ihn und Claus. Hinter sich hörte man laute Rufe. Der Ritter drehte sich um und sah ein paar Mönche auf sie zulaufen. Sie wedelten mit den Armen und riefen irgendetwas, was man aus der Entfernung nicht verstehen konnte. "Haltet mir die Mönche vom Hals. Ich will mich in aller Ruhe mit dem Kerl unterhalten und die Tonsuren würden mich nur stören." Und sofort ritten drei Mann in Richtung der Rufenden und stellten sich denen in den Weg. Claus von Olsen rammte sein Schwert in den Schnee und packte den Gefangenen am Kragen und zog ihn hoch. "Wer bist du? Wie konntest du entkommen und wer hat dir dabei geholfen? Rede schnell, dann sind wir schnell fertig und wenn mir deine Antworten gefallen, dann übergebe ich dich vielleicht dem Kloster. Also jetzt rede." Claus war sehr ungeduldig, das war deutlich zu spüren und man merkte sehr deutlich, dass er jetzt nicht mehr viele Zeit verschwenden wollte. "Gnade Herr, ich habe nichts Unrechtes getan." jammerte der Mann den Ritter an und Claus rammte ihm seine Faust in den Magen, sodass der Mann stöhnend in die Knie ging. "Nur die Antworten auf meine Fragen, sonst nichts." brüllte ihn Claus an. "Ich bin Jonas, Bruder Jonas aus diesem Kloster hier. Niemand hat mir geholfen. Ich habe ein Messer in meinem Gewandt versteckt gehalten und die Fesseln konnte ich mit viel Geschick durchtrennen. Fragt die Mönche, die kennen mich. Der Bischof hat mich ausgeschickt, um diese Abtrünnigen zu belauschen und im richtigen Moment dem Bischoff zu melden, wo sie sind und was sie vorhaben."  Ohne sich umzudrehen rief der Ritter. "Lasst die Kuttenträger durch. Ich will mit ihnen reden."

 

Claus von Olsen löste seinen Griff nicht vom Kragen des Mannes, auch als die Mönche empört Einspruch gegen diese rüde Behandlung erhoben. "Ruhe, schweigt, sonst werden alle für immer schweigen. Antwortet, ohne Gejammer und ohne Geschichten zu erzählen. Kennt ihr diesen Mann und wie ist sein Name?" Einer der Mönche antwortete. "Ja wir kennen ihn. Das ist unser Bruder Jonas, der vor einem Jahr von uns im Auftrage des Bischoffs Albert von Buxthoeven ausgeschickt wurde, um einen der Schwertbrüder zu beobachten. Jonas ist einer von uns. Bevor er zu uns kam, war er Jäger für den Bischoff. Geschickt im Anschleichen, sich Verstecken und beim Verstellen. Wir haben gehört, dass ihr diese Abtrünnigen gefasst habt und haben den Bruder erwartet." Claus von Olsen dachte nach. Irgendetwas konnte hier nicht stimmen. So schnell konnten diese Brüder doch gar nicht erfahren haben, was an der Küste geschehen war. Und von weitem war doch gar nicht zu sehen, dass da ihr Mitbruder auf das Kloster zueilte. Sie hatten ihn wohl erwartet. Nein das war nicht glaubwürdig was diese Mönche hier behaupteten. Dass der Bischoff Spione ausgesandt hatte, konnte er sich gut vorstellen. Aber warum einen Mönch auswählen, der das Keuschheitsgelübte abgelegt und sich der Waffenlosigkeit verschrieben hatte. Der sollte sich mit einem Messer, das er versteckt hatte, befreit haben? Hatten sie die Gefangenen nicht alle auf Waffen untersucht? Und ausgerechnet diesem schwächlichen Kerl sollte es gelingen zu fliehen. "Ich glaube euch allen nicht. Wir werden den Mann mitnehmen und befragen, wenn es sein muss, werden wir wohl etwas heißes Eisen zur Befragung nehmen, das lockert die Zunge. Wird die zu heiß, wird der Mann mit seinem Kopf so lange ins Wasser gedrückt, bis er sich abgekühlt hat und sich an alles erinnert, was wir wissen wollen. Genug geredet, wir ziehen ab."  So kalt und brutal war Claus von Olsen bisher nur in den Schlachten gewesen. Dieser immerwährende Kampf um Gerechtigkeit, gegen Lüge und Betrug war zu viel für ihn. Wenn ihm nun die Mönche Lügengeschichten auftischen wollten, dann musste man der Wahrheit und der Gerechtigkeit mit Feuer und Schwert Geltung verschaffen.

 

"Packt ihn wir werden uns um die Wahrheit in meinem Turm bemühen." Seine Männer packten Jonas, fesselten ihn erneut, nicht ohne ihm vorher das Messer, das er noch besaß abzunehmen. Die Mönche wehklagten laut und baten Claus von Olsen doch den Bruder frei zu lassen, der kümmerte sich aber nicht darum.

 

Kurz nach Sonnenuntergang kamen sie am Turm an. Jonas wurde in eines der Zellen eingesperrt.

 

Claus gab seinen Männern noch ein paar Anweisung und legte sich erschöpft auf sein Lager.

 

Sonntag 13. November 1216 im Turm des Claus  

 

Der Knappe Jull klopfte ein paarmal an die Türe der Kammer, der Ritter schien aber tief zu schlafen und antwortete nicht. Nach dem vierten Versuch eine Antwort zu erhalten, öffnete Jull die Türe zur Kammer des Claus von Olsen. Der lag immer noch auf seinem Lager, Schwert, Umhang, Hemd, Beinlinge und Schuhe lagen unordentlich auf dem Boden. Als Jull sich seinem Herren näherte, hörte er nur ein Röcheln, das von dem Lager seines Herren kam. Die kleine Öllampe brannte noch und der Knappe nahm sie, um sich seinen Herren mit dem Licht zu nähern. Die Augen des Claus waren leicht geöffnet, er atmete sehr schwer und seine Stirn war nass vom Schweiß. Jull berührte seinen Herrn am Arm und sprach ihn an. Er spürte aber nur die Hitze, die der Ritter ausstrahlte, eine Antwort bekam er nicht. Um mehr zu sehen und auch etwas bessere Luft in den dunklen Raum zu bekommen, öffnete er den Laden am Fenster und sofort kam frische, kühle Luft herein. Dann eilte der Junge nach unten, um Carlsen, den ältesten der Mannschaft im Turm zu holen. Der untersuchte den Ritter kurz, um dann an den Knappen seine Anweisungen zu geben. "Mach Feuer hier im Kamin. Wenn es gut brennt, schließen wir die Läden wieder und müssen den Herren mit warmem Wasser waschen und frisch einkleiden. Er muss dieses nasse Gewand ausziehen, aber nicht, solange es so kalt hier ist. Und besorge ein großes Fell, damit müssen wir ihn später zudecken. Ich lasse solange Wasser erhitzen für einen Kräutersud." Der Knappe beeilte sich, das Gewünschte zu erledigen. Carlsen ging nach unten und gab einem der anderen Bewaffneten den Befehl, zur Blauzahnsiedlung zu reiten, um einen Heiler oder eine Heilerin zu holen. "Und gebt dem Gefangenen einen Krug Wasser und ein Stück Brot, seine Befragung wird heute wohl nicht stattfinden." Carlsen, der eigentlich immer sehr schnell, oft unüberlegt handelte, wirkte auf einmal sehr ruhig und bedacht. Niemand widersprach ihm weil er auf einmal die Befehle gab. Alle nahmen das ohne Widerspruch hin. Es machte sich hier bemerkbar, das der Ritter mit viel Disziplin und Verständnis eine Gemeinschaft geformt hatte, die in jeder Situation funktionierte.

 

Alle waren gespannt, was nun geschehen würde, denn Claus von Olsen war der Mann, der ihnen Arbeit, Lohn und Sicherheit gab. Ohne ihn waren sie ohne diese Sicherheit, die alle genossen und wofür sie ihm dankbar waren. Er war ihr Anführer und ihr Kopf.

 

Gegen späten Mittag kamen Gregorius zusammen mit Gerretius. Sofort machten sie sich daran, den schon im Fieber phantasierenden Freund zu untersuchen. Er hatte hohes Fieber, aber warum, das konnten die beiden nicht feststellen. Sie versuchten ihm abgekochtes Wasser, das man etwas abkühlen ließ, mit Wein und Honig gemischt einzuflößen. Er konnte trinken, was die beiden als gutes Zeichen ansahen. Als sie ihn aber umdrehen wollten, um sich seinen Rücken anzusehen, schrie er laut auf. Sein Bett war nass und gelb. Sein Körpergeruch, den man nun wahrnehmen konnte, war streng, nicht nach Schweiß riechend, sondern eher etwas scharf und, wie Gregorius meinte, roch er nach Verwesung. Gerretius taste ihn ab und immer, wenn er in die Nähe über den Hüftknochen kam, stöhnte der Ritter auf. Und als dann der Heiler seine Gemächt untersuchte, brüllte er heftig auf. Da meinte der Heiler zu wissen, was den Ritter plagte. "Die üblen Säfte in seinem Körper haben ihn krank gemacht. Er benötigt viel Flüssigkeit, damit sie ihn verlassen können. Viel Wärme in seinem Rücken tut not. Ich muss einen Sud aus Holunderbeeren und Brenneselblätter machen. Schickt jemanden zur Blauzahnsiedlung und die sollen das Gesuchte hierher bringen. Schnell, sonst wird das Fieber höher und das ist nicht gut." Jull eilte nach draußen und zu Carlsen und der sorgte dafür, dass ein guter Reiter sich in den Sattel schwang, um sofort loszureiten.