Kapitel 84

11. September 1216 später Nachmittag in Waiblingen

Johannes Tascher lag mit einer blutigen Nase vor Gregor auf dem Boden. Kein Laut war mehr zu hören, weder vor dem Haus noch hörte man einen Laut von den nun immer zahlreicher werdenden Zuschauern des Geschehens. Dass der Johannes offensichtlich seine Schwester geschlagen hatte war eine Sache, dass aber Gregor einen Bürger der kleinen Stadt niedergeschlagen hatte, eine andere. Mit welchem Recht hatte er das getan? Es dauerte einige Zeit, bis das den Zuschauern bewusst wurde. Willkür eines Adligen oder warum hatte man diesen Mann niedergeschlagen und verletzt? Dass eine Frau mit einer ordentlichen Tracht Prügel wieder an ihre Stellung erinnert wurde, gehörte zum Alltag  aber aus Wut jemanden niederzuschlagen, weil er vielleicht etwas zu heftig von seinem Recht als Hausherr Gebrauch gemacht hatte, das war nicht gut. Selbst die beiden Damen in Begleitung des Siegbert kannten das Hausrecht gut genug, um hier nichts sagen zu dürfen. Empört waren sie, aber etwas dazu zu sagen war gefährlich in dieser Situation. Was Constanze aber auffiel waren die Verletzungen der Frau. Die entsprachen nicht einfach ein paar Schlägen. Sie drängte ihr Pferd an die Seite von Otto von Kraz. "Könntest du dafür sorgen, dass wir hier ein wenig Zeit gewinnen, bevor der Pöbel zu laut und aufsässig wird? Ich muss die Katharine befragen." Otto reagierte sofort. "Haltet allein ein. Wir wollten das hier alles in Frieden und ohne weitere Gewalt klären. Reiter bildet einen Kreis um uns, bis wir sicher sind, dass alles nach Recht und Ordnung geklärt werden kann oder sogar geklärt ist."

Und sofort bildeten die Bewaffneten einen schützenden Kreis um die Gruppe herum. Es wurden zwar einige Rufe laut, die meinten, dass sich die hohen Herrschaften nur selbst schützen wollten und man gar kein Interesse daran habe, den Übergriff des Herren Gregor von Büren aufzuklären. Constanze ignorierte das alles, stieg vom Pferd und ging auf Katharine zu. Sie schaute sie an und fragte sie, ob sie sie berühren dürfe. Das arme Weib nickte vorsichtig. Constanze schob das Tuch, das die Frau sich um den Hals und den Oberkörper geschlungen hatte, etwas zur Seite. Die blauen Flecken am Hals zeigten eindeutig, dass sie gewürgt worden war. Dann schob sie das Tuch weiter weg bis sie das Dekolleté sehen konnte und betrachtete, soweit es für sie sichtbar war, ihren Oberkörper. Eindeutig, dass hier jemand mit sehr viel Gewalt versucht hatte, sie zu entkleiden. Das Kleid war zerrissen und ihre Brüste grün und blau. "Er hat dich nicht nur verprügelt, er hat dich mit Gewalt genommen."

 

Die Frau schaute voller Angst Constanze an. "Nein, das hat er nicht geschafft. Ich habe mich ihm angeboten, wenn er meine Tochter in Frieden lässt. Ich konnte ihm nicht beliegen, weil ich meinen Blutfluss habe und da hat er mich verprügelt. Und dann wollte er sich doch meine Tochter holen, aber da kamt ihr und habt dafür gesorgt, dass das nicht geschehen konnte. Meine Tochter liegt drinnen und weint. Meinen Sohn, seine Kinder und seine Frau hat er in den Keller gesperrt. Meine Tochter und ich mussten uns schon so oft vor seiner Zudringlichkeit wehren, aber heute war er sehr zornig, weil er rasend war vor Neid und Eifersucht auf Siegbert. Bitte rettet meine Kinder. Ich habe gesündigt und werde die Strafe, die mich erwartet, auf mich nehmen, aber rettet die Kinder." Ihr Flehen rührte Constanze fast mehr wie die Tatsache, dass Johannes ein gewalttätiger Mann war. Diese Frau war ein gute Mutter und hatte nur die Rettung ihrer Kinder im Sinn. Constanze bemühte sich sehr, ihre Wut nicht zu groß werden zu lassen. Jetzt war es wichtig, einen kühlen Kopf zu bewahren. Sie musste Johannes so schuldig vor den Augen aller machen, dass die Verfehlung des Gregor oder das sündige Verhalten des Weibes und von Siegbert unwichtig wurden. "Sie trat ganz an die Frau heran, die sich immer mehr stützen musste. Unterstützt wurde sie von Frieda, die inzwischen auch vom Pferd abgestiegen war und sich neben die Katherine gestellt hatte. "Hat er dich und deine Tochter oft unschicklich berührt oder wollte er schon oft mit Gewalt euch nähern?" Katharine sprach immer leiser und ihre Stimme war nur zu vernehmen, wenn man ganz dicht bei ihr war. "Ja, er hat das immer wieder versucht, Wenn wir uns wuschen, so schaute er zu. Wenn er meine Tochter züchtigte, dann musste sie ihm den Po nackt zeigen. Und er züchtigte sie in den letzten Tagen sehr oft. Sie ist erst dreizehn Jahre alt und ich muss sie doch schützen." Dann sackte sie zu Boden. Constanze und Frieda konnten sie auffangen und sie dann auf den Boden legen. "Befreit die Familie, die hat er in den Keller gesperrt. Und ihr müsst nach der Tochter schauen, die wollte er sich gerade mit Gewalt nehmen." Die Stimme von Frieda, die sonst immer in gefahrvollen Situationen sehr ruhig war, zitterte diese Mal, als sie das laut ausrief.

 

"Ich werde mich um die Tochter kümmern. Begleitet mich bitte Herr von Kraz. Und holt einen Priester und lasst die Leute niederknien und beten." Das war Signora Mona Adelia Monte Minori, die das laut sagte. Fast lautlos und vollkommen unbemerkt war sie zu Fuß in Begleitung ihrer Zofe hier auf dem Schauplatz des Geschehens aufgetaucht. Sie drängte sich zwischen den Reitern hindurch und winkte Otto von Kraz zu sich. 

 

Das Volk, das immer zahlreicher sich um die Reiter und das Haus des Geschehens versammelte, wollte sich durch den schützenden Schirm der Reiter drängen, aber Otto von Steinfeld gab Anweisung, dass keiner den Kreis durchbrechen durfte. Dann ging er schnell zu Constanze und fragte was geschehen sein. Fast freudig vernahm er das, was sie ihm berichtete. "Das ändert alles, nun können wir ohne ein Recht zu verletzen, den Mann festnehmen. Wenn er sich an seiner Schwester Kind vergehen wollte und sie unschicklich berührte und dann noch die eigene Schwester auf das übelste bedrängt hat, dann erwartet ihn eine schlimme Strafe." Dann eilte er zu seinem Pferd, stieg auf und ritt zwischen den versammelten Pöbel. "Hört alle zu. Johannes wollte Unzucht mit der Schwester Kind treiben. Aber er schaffte das nicht und dann wollte er sich seiner eigenen Schwester bedienen. Er zwang sie mit Gewalt und auch das gelang ihm nicht, deshalb hatte er beide auf das übelste mit Prügeln bedacht. Nun, ein Mann der offensichtlich nicht mehr seinen Schwengel schwingen kann und deshalb sich an Kind und Weib durch Züchtigung vergeht, ist kein Mann, er ist ein Tier. Ein ehrbares Frauenzimmer sich auf diese Art gefügig zu machen, gehört in die Zeit von Krieg und Raubzügen. Diese Zeit haben wir hier nicht. Zudem ist das Unzucht, was dieser Mann betreiben wollte, das wisst ihr alle. Und Unzucht wird mit dem Höllenfeuer bedacht." Ottos Worte waren gut gewählt. Der Mann wurde erst von ihm gedemütigt, weil er ihm Unfähigkeit zum Beiliegen einer Frau unterstellte, dann noch Unzucht mit Kindern. Das war zwar üblich, wurde es aber öffentlich, dann musste man den Übeltäter bestrafen. Zudem war der Ruf nach einem Priester sehr gut, denn die Kirche verurteilte alles, was man dem Manne vorwarf, auf das Schärfste. Und niemand wollte sich wegen so einem Vorwurf mit Gott und seinen irdischen Dienern anlegen. Niemand achtete mehr daran, dass Gregor gegen ein Gesetz verstoßen hatte, als er Johannes niedergeschlagen hatte. Alle dachten nur noch daran, was sie an Unterhaltung geboten bekämen, wenn Johannes vor dem Richter stand und wie man ihn dann bestrafen würde. Solche Abwechslungen vom Alltag waren allen willkommen und keiner würde deshalb für den Johannes eintreten. Der neue Waffenmeister Siegbert Braunbach von Apfelhain wurde nun sogar zum Helden gemacht. Er wollte die ehrbare Katharine Brunnebauer vom bösen Bruder, der nun zu Drachen hochstilisiert wurde, retten. Vom Sünder zum Helden waren es doch manches Mal nur ein paar Wimpernschlage. Siegbert der der bisher von Otto von Steinfeld daran gehindert wurde irgendwo oder irgendwie einzuschreiten, eilte nun zu seiner geliebten Katherine, hob sie hoch und trug sie ins Haus hinein. Durch die Pferdebeine hindurch sahen das viele der Zuschauer und zuerst war nur zaghaftes Handgeklapper zu hören, aber dann kamen die Hochrufe auf Siegbert, den einige schon mit einem gewissen Siegfried verglichen. 

 

Als dann der Priester kam und alle aufforderte niederzuknien und für das Seelenheil aller Sünder und Gerechten zu beten, wurde der Platz vor dem Haus des Johannes sehr schnell von allen befreit, die nicht beten wollten. Nach einem kurzen Gebet und der Segnung aller gingen die Zuschauer alle nach Hause.

 

Signora Mona Adelia Monte Minori fand die Tochter der Katharine in der Küche unter einem Tisch liegend zusammengekauert. Das Leibchen und der Rock, den sie trug, waren zerrissen. Auch sie hatte offensichtlich Schläge von Johannes erhalten. Die rechte Wange war gerötet und die Lippen blutig. Die Handgelenke waren mit einem Seil zusammengebunden. In der einen Hand hatte das Mädchen ein Messer, aber sie war  unfähig, sich damit die Fesseln aufzuschneiden. Die Signora konnte nur durch Zureden das Messer aus ihren Händen nehmen. Die Zofe band die Fesseln auf und dann nahmen die beiden Frauen das zitternde Kind in ihre Mitte und drückten sie schützend an sich. Als Siegbert Katherine in die Küche trug und auf eine breite Bank legte, kam Leben in das verängstigte Mädchen.

 

Fünf Bewaffnete durchsuchten das Haus und man fand dann im Keller des Hauses eingesperrt die Familie. Alle zeigten Spuren von Misshandlungen und man brachte sie in den Hof des Hauses, wo genügend Licht war, um sie genauer zu untersuchen. Frieda schaute sich alle genau an und schüttelte den Kopf immer wieder, wenn sie sich Wunden, ob neue oder auch ältere, die schon begannen zu heilen, anschaute. "Die haben alle über längere Zeit ordentlich Schläge erhalten. Das kann doch nicht unbemerkt geblieben sein. Die müssen doch alle vor Schmerzen gejammert oder gerufen haben?" Sie fragte sich, ob es Sinn machen würde, sich in der Nachbarschaft darüber zu erkunden, ob nicht jemand was gehört habe. Nur sie war sicher, dass das nie wirklich jemand interessiert hat. Johannes war der Herr des Hauses und was hier geschah war seine Angelegenheit und niemand wollte oder konnte da eingreifen. Es war gut so, dass man dieses Schreckenshaus nun von Gewalt und Grausamkeit reinigen konnte. Niemand mochte sich Gedanken darüber machen, was wohl mit der Familie geschah, wenn man den Herren des Hauses bestrafen würde.

 

Draußen zog Otto von Steinfeld Gregor zu sich. "Gregor du musst dich besser beherrschen. Wenn Constanze nicht so gut und bedacht reagiert hätte, wäre der Schlamassel groß, mit dem wir fertig werden müssten. Auch als Ritter und als mein Waffenmeister darfst du nicht einfach einen Mann niederschlagen, vor allem nicht, wenn so viele Menschen zuschauen. Aber wir hatten Glück, dass sich alles zum Guten wenden wird. Wir haben noch viel Arbeit vor uns. Die Gerichtsverhandlung muss so verlaufen, dass alle Schuld bei dem Johannes hängen bleibt und du und Siegbert müsst als Helden aus all dem hervortreten. Also verhalte dich nun wie ein guter Ritter. Und tue mir bitte einen Gefallen, heirate die Frau von Blau, nicht damit wir da nochmals in Verruf kommen. Ich werde den Stellvertreter des Abtes zum Richter berufen, da der Mann eine Todsünde begangen hat. Wegen den Misshandlungen und den Schlägen werden wir keinen guten Richterspruch hinbekommen. Schicke einen Boten nach Lorch und wir müssen uns beraten, wenn der Bartholomäus da ist. Den Priester nehme ich mir vor. Den werde ich so biegen, dass er eine gute Aussage macht und seinen Einfluss auf diesen Pöbel auch zu unseren Gunsten einsetzt." Gregor schaute seinen Herrn an und lächelte sehr selbstgefällig. Das konnte der Staufer so nicht hinnehmen. "Was grinst du so dumm? Passt dir etwas nicht?" Gregor grinste noch breiter als vorher. "Mein Herr und Gebieter. Wie sieht es bei euch aus mit eurem sündigen Leben. Auch wenn ihr ein bedeutender Fürst seid, so solltet ihr auf euren untadeligen Ruf achten."

 

Otto von Steinfelds Augen brannten, als Gregor ihm das sagte. "Du hast recht. Ich darf aber ohne Erlaubnis unseres Herrn Friedrich nicht heiraten. Ich hatte gehofft, dass er bald hier erscheint. Geschrieben habe ich ihm das schon und um seine Erlaubnis gebeten. Antwort habe ich noch nicht. Zudem muss ich Constanze noch fragen, ob sie mein Weib werden will. Aber eine weitere Mauer muss ich noch erstürmen, damit mein Glück vollständig sein kann. Sie wird Otto von Kraz Haus nicht so ohne weiteres verlassen. Sie hängt an ihm wie eine kleine Schwester an ihrem großen Bruder. Zudem hat sie hier eine Aufgabe in seiner Umgebung gefunden, die sie nicht aufgeben will. Ich kenne diese Frau inzwischen zu gut. Wenn man Frauen zu oft ihren freien Willen lässt, dann wird es nun einmal für uns Männer immer schwieriger, ihre Burgmauern zu übersteigen und sie für immer zu erobern. Sie ist eine gute, starke Frau und ich hoffe, dass sie so bleibt. Aber mein Freund und Cousin, in unserer Welt des immerwährenden Kampfes ist das der Kampf mit einem ewig unsicheren Ausgang. Und zum Schluss nun nur für deinen Ohren. Ich will sie heiraten." Otto von Steinfeld hatte nicht bemerkt, dass Gregor ihm mit seiner Hand und mit einem Augenzwinkern etwas zu verstehen geben wollte. "Wen wollt ihr heiraten mein Herr?" Das war die Stimme der Constanze. Langsam, sehr langsam drehte sich der Stauferbastard um. Er benötigte dringend Zeit, um seine Antwort wohlüberlegt in seinem Kopf zusammen zu setzen. Dann sahen sie sich beide an. Die Augen versanken in denen des anderen. "Constanze, hier ist nicht unbedingt der Ort, um dir etwas sehr Wichtiges zu sagen. Liebe Constanze ich will und muss heiraten." Kurz sah man, dass sie erschrak, fing sich aber schnell wieder. "Habt ihr eine arme adlige Dame geschwängert und müsst nun um ihre Hand anhalten, mein Herr?" Sie wählte ihre Worte überlegt und benützte die am Hofe gebräuchliche Anrede, um Distanz zwischen sich und Otto zu schaffen. Das brachte den Steinfelder vollkommen aus der Fassung. Er wusste sich nicht mehr zu helfen. Ritter, ganz Herr und Staufer vergessend, nahm er ihre Hände in die seinen und küsste sie abwechselnd. "Es gehört sich nicht, einer Dame auf offener Straße die Hände zu küssen und dann eine Bitte zu äußern, die unter Zeugen und mit sehr viel schicklichem Verhalten nur gemacht werden darf. Aber ich kann nicht mehr schweigen und da du mich gefragt hast, will ich dir auch antworten." Absichtlich benütze er im Gegensatz zu ihr die vertrauliche Anrede. Das erschreckte Constanze noch mehr und sie fühlte sich auf einmal auf die Stufe einer Magd gestellt. Boshaft wie Otto sein konnte, genoss er, wie erschrocken Constanze ihn anschaute. Tief holte er Luft und ließ dabei sehr viel Zeit verstreichen, bevor er antwortete. "Dich will ich heiraten, meine liebe Constanze. Niemand anderes. Und nun lass uns schnell von hier weggehen, an ein unschicklich verstecktes Plätzchen, damit ich dich küssen kann."  Die wenigen Reiter, die noch in etwas Abstand von den beiden waren, taten alle so, als ob sie gerade darüber nachdachten, wie wohl das Wetter bald werden würde. Keiner zeigte irgend eine Reaktion auf das, was sie meinten, gesehen oder gehört zu haben. Das war wohl besser, hier wirklich nichts gesehen zu haben und auf keinen Fall würden sie darüber sprechen, jetzt nicht, später vielleicht.