Kapitel 83

9. November 1216 Gotland auf dem Gebiet der Jarl Gund

 

Der Bärentaler stand da. Stocksteif und unfähig sich zu bewegen. Er beobachtete, wie die Jarl sich mit dem Ordensmann Flachenhein lautstark stritt. Er bewegte sich nicht, nur seine Augen wanderten hin und her. Keiner sollte merkten, dass er unter unsagbaren Schmerzen in seinem Rücken litt. Diese Schwäche sollte nicht dazu benutzt werden können, dass die Ordensleute sich doch aufgefordert fühlten, sich einfach zu nehmen, was sie wollten.

 

Gregorius drängte sich zwischen Peter, die Jarl und den Ordensmann. "Haltet alle ein. Es ist genug gestritten. Wir wollen, dass hier in Frieden Handel getrieben werden kann. Ich bitte euch, Herr Leopold von Flachenhein, geht zu eurem Drachen zurück, legt die Waffen ab, bringt die Fässer hierher und wir werden euch alles bringen, was ihr benötigt. Dann nehmen wir gerne euer Silber und ihr könnt in Frieden ziehen." Leopold dachte kurz nach, nickte und drehte sich wortlos um.

 

"Bringt Peter von hier weg. Er kann nicht mehr laufen, macht das aber so, dass die da es nicht sehen." Kaum hatte Gregorius das ausgesprochen, hörten alle viele Hufen und das Geklapper von Reitern. Im Dorf tauchten fast dreißig Reiter auf. An der Spitze sah man Claus von Olsen im Habit des Deutschen Ordens. Die Jarl eilte auf ihn zu, als er kurz vor dem Steg vom Pferd stieg. Sie berichtete, was geschehen war. Ein lauter Befehl folgte und zehn Männer saßen von den Pferden ab, nahmen ihre Schilde auf und marschierten auf den Steg. Sie bildeten auf dem Steg einen Schildwall und niemand konnte sehen, was dahinter geschah. Von zwei kräftigen Männern wurde Peter vorsichtig weggebracht. Und da tauchte auch schon Sophia mit Corina mit den Bögen in den Händen aus ihrer Deckung auf.

 

Der Schildwall wurde geöffnet und Claus schritt bedächtig über den Steg auf den Liegeplatz des Ordensdrachen zu. Zwei seiner Männer begleiteten ihn. Die Schwerter waren in den Scheiden geblieben, nur die Schild waren zum Schutz angehoben.

 

Die formelle Begrüßung zwischen den Herren von Olsen und von Flachenhein fiel kühl, aber ohne jegliche Aggression aus. "Ihr seid auf See in Gewässern unterwegs, wo ich die Schwertbrüder nicht vermutete hätte. Und das zu einer Jahreszeit, wo doch nur wenige den Mut haben, sich auf eine beschwerliche Reise zu begeben. Was bringt euch hierher an die Insel und auf das Gebiet der Jarl Gund. Zuerst bittet man doch darum, den Hafen benutzen zu dürfen und ihr habt ohne eine Bitte auszusprechen den Steg benutzt. Ist das die gebotene Höflichkeit zwischen Grundherren und Rittern? Kennt euer Herr Theoderich von Estland, wie ihr euer Gewerbe betreibt? Gebt mir Auskunft darüber, was ihr hier wollt, mein Herr!" Man sah dem Leopold von Flachenhein an, dass es ihm mehr als nur unangenehm war, sich vor einem Ritter zu rechtfertigen. "Wir sind vom Kurs abgekommen. Den Kurs konnten wir wegen der Nebel und den durch Wolken bedeckten Himmel nicht gut bestimmen. Wir wollen hier nur unsere Vorräte auffüllen. Wir sind alle erschöpft und so fehlte mir wohl etwas die Kraft, um mit gebotener Höflichkeit hier aufzutreten. Wir werden natürlich dafür bezahlen, dass wir hier im geschützten Hafen liegen dürfen. Aber ich lasse mich als Ritter des Schwertbruderordens nicht wie ein gemeiner Bauer behandeln. Bei diesem Gesindel scheint es am notwendigen Respekt zu mangeln." Jetzt lag es an Claus von Olsen sich zurück zu nehmen und mit Bedacht zu handeln, obwohl seine Hand bereits auf Schwertgriff lag.

 

"Der Herr Peter von und zu Bärental und die Jarl Gund gehören nicht zum Gesindel. Ihr werdet euch für diese Beleidigung entschuldigen. Tut ihr das nicht, muss das Schwert entscheiden. Und nun holt euch eure Vorräte und wir warten auf euch im großen Haus. Dort könnt ihr vorsprechen." Diese Demütigung saß, man sah es dem Leopold von Flachenhein an. Trotz der durch die Kälte gerötete Gesichtsfarbe wurde er die noch um eine Rottöne leuchtender. Und da lag auch seine Hand auf dem Schwerknauf, aber der Ruf des Claus von Olsen, der seinen Männern galt, beruhigte ihn schnell wieder. Denn alle Männer am Ufer und am Rande des Steges hatten sofort ihre Schwerter gezogen und die Schilde aufgenommen. In einem direkten Kampf würden die Schwerbrüder den kürzeren ziehen.

 

Claus drehte sich um und ohne seinen Gegner noch eines Blickes zu würdigen, ging er zurück zum Ufer. Zwanzig Männer blieben am Steg stehen und die anderen begleiteten Claus von Olsen zum großen Haus. Dort standen alle besorgt um Peter von und zu Bärental herum, den man auf einen Tisch gelegt hat. Sophia und Gerretius zogen ihm gerade die Kleidung vom Leib. Kaum war er bis auf die Bruche entkleidet, kam Sylvia an den Tisch geeilt. Sie drückte alle weg von Peter, dann gab sie ihre Anweisungen. "Ich benötige eine dicke Decke oder ein Fell, ein Kissen und Öl, das man warm machen soll. Nur warm, nicht kochend. Und heiße Steine. Er darf nicht kalt werden. Deckt ihn wieder zu." Dann nahm sie ein Stück grobes Tuch und rieb ihn so lange ab bis seine Haut auf dem Rücken rot war. Mit dem erwärmten Öl wurde sein rücken massiert und dann begann sie seinen Rücken abzutasten. Sie fand die Stelle einen Hand breit über seinen Pobacken, die ihm die Schmerzen und die Bewegungslosigkeit bereitet hatte. Dort drückte und knetete sie herum. Immer wieder stöhnte Peter auf. Er musste in den Momenten übelste hämische Worte über sich ergehen lassen. "Ja man muss ihn von hinten richtig kneten, damit er wollüstiges Stöhnen von sich gibt. Siehst du Sophia, das musst du machen, damit der alte Mann endlich wieder zum Leben erwacht." Die Jarl fand noch mehr Worte, aber schnell fanden alle wieder zurück zu dem Problem, das sie lösen mussten.

 

Claus von Olsen zog die Jarl, Gregorius und einen seiner Sergenten zur Seite. "Hört zu, ich bin nicht einfach hierher geritten, um euch zu sehen und weil ich nicht wusste, was ich tun soll. Vor zwei Tagen bekamen wir Besuch von fünfundzwanzig Sergeanten und einem Ritter des Deutschen Ordens. Man verfolgte einen abtrünnigen Ritter der Schwerbruderschaft, der ein Drachenboot entführt hat. Man hatte ihn degradiert, weil er sich nicht an sein Gelübde gehalten hat und weil er sich auch noch bereichern wollte. Ihm sollte der Prozess gemacht werden, aber er ist geflohen. Da man die eigenen Sergeanten nicht losschicken wollte, um ihn zu fangen, wurden die Brüder des Deutschen Ordens um Hilfe gebeten. Bisher weiß man nur, dass er auf Gotland war oder noch ist und einen Bauernhof überfallen hatte. Er hat alle Bewohner erschlagen lassen und alles geraubt. Ich bin mir nicht sicher, ob das der Mann ist, den man sucht." Da hörte Claus auf zu reden. Er dachte nach, dann sprach er weiter. "Das muss der Mann sein. Er hat sich den Bart abrasiert. Da kann er kein Ordensmann sein und was mir jetzt noch einfällt. Er hat keinen Ring, den er tragen muss an der linken Hand. Er muss immer seinen Siegelring tragen, das tut er aber nicht. Und auf dem Schiff habe ich frischen Felle gesehen. Das getrocknete Blut an der Bordwand von den Schlachtungen sieht man noch. Ruft alle zusammen, die Waffen tragen können. Die Sergeanten der Ordensritten sind noch am Steg, unsere Leute sind hier. Sophia muss mit Corina den Bogen aufnehmen. Sie sollen sich anschleichen und in Deckung bleiben, wir werden sie brauchen. Sie soll Brandpfeile bereithalten, falls Flachenhein mit dem Drachen fliehen will." Er gab einem seiner Männer Befehle mit auf den Weg, damit er den Anführer der Deutschen Ordensleute diese überbringen konnte. Dann schaute er noch einmal kurz nach Peter. "Du wirst heute nicht kämpfen mein Freund. Wir werden dich durch mindestens fünf Männer ersetzten müssen, weil du nicht dabei bist." Laut lachend ging er dann davon. Peter stöhnte unter den Griffen von Sylvia weiter. Die deckte ihn, nachdem sie aufgehört hatte mit dem Kneten mit einem Fell zu, schob ihm die heißen Steine darunter und gab ihm einen warmen Sud zu trinken. Das was nun draußen am Meer geschah, verschlief er.

 

Fünf Männer schoben fünf Fässer mit Wasser auf einem Karren in Richtung des Steges. Leopold von Flachenhein stand mit zehn bewaffneten Männern den zwanzig des Claus von Olsen gegenüber. Alle bemühten sich so wenig wie möglich sich gegenseitig anzuschauen. Niemand wollte eine Kampfhandlung provozieren. Fast gelangweilt schien Claus und die anderen kampfbereiten Männer zu den ihren aufzuschließen und sie überholten im Gehen die Männer mit den Fässern.

 

"Legt die Waffen nieder." Der laute Befehl des Claus von Olsen erreichte alle, auch die Männer, die sich noch auf dem Drachenboot befanden. Es dauerte nur zwei Wimpernschläge lang, bis Leopold reagierte. "Zu den Waffen, greift an." Er kam selbst nicht mehr dazu, sein Schwert zu ziehen, denn einer der deutschen Ordensmänner schlug ihm mit seinem Schwert auf die Hand und brach ihm dabei alle Finger. Bei den Männern, die sich noch auf dem Drachen befanden, reichte es, dass zwei Brandpfeile den Rumpf des Schiffes trafen. Zwei Männer die den Wagen mit den Wasserfässern schoben, kamen noch dazu, ihre Schwerter zu ziehen, wurden aber sofort niedergeschlagen. Alle anderen hoben die Hände zum Zeichen, dass sie nicht kämpfen wollten. "Entwaffnet alle und führt sie zu dem Schafsgatter beim großen Haus. Fesselt dann allen die Hände." Claus von Olsens Befehle wirkten auf alle betäubend und es gab keine Schwierigkeiten bei den weiteren Aktionen.

 

Dreiunddreißig Gefangene standen oder saßen gefesselt in dem Schafspferch, bewacht von den Sergeanten des Deutschen Ordens.

 

"Was soll nun mit den Männern geschehen. Ich will sie nicht hier haben." sagte Jarl Gund zu Claus von Olsen, als sie sich im großen Haus versammelten. Peter hatte man inzwischen in das Gästehaus getragen, wo er sich erholen sollte und so war der Tisch wieder frei. "Wir sollen nur den Anführer und sechsundzwanzig namentlich benannte abtrünnige Sergeanten dem Ritter des Deutschen Ordens übergeben, an allen anderen hat man kein Interesse. Der Drache soll auch zurückgegeben werden. Das soll aber nicht unser Problem sein. Das können die Herren aus Riga dann selbst abholen oder jemandem verkaufen. Wir ziehen es am besten an Land und dann warten wir, was geschieht. Eine Belohnung kannst du erwarten. Ich denke so ein paar Silbermünzen kannst du doch gebrauchen Jarl Gund?" Das konnte sie sicher, denn durch den Überfall der Piraten und die Zerstörungen litt sie sehr unter dem Mangel an Silber und Nahrung.

 

Am 10. November morgens zog Claus von Olsen mit den Gefangenen und all seinen Männern wieder ab.

 

Die Jarl ließ den Masten des Drachen niederlegen und das Schiff auf den Strand ziehen. Dort musste es nun so lange liegen, bis man es auslösen würde.

 

Peter musste sich zwar noch etwas abstützen, aber er konnte aufstehen und auch ein paar Schritte gehen. Sylvia behandelte ihn noch einmal mit dem warmen Öl und massierte ihm den Rücken und die Beine. Die Schmerzen waren zwar fast verschwunden, aber Peter war immer noch ängstlich, denn die Schmerzen hatten sich tief in seine Gedanken eingegraben.

 

Am Abend des 10 November begann es wieder zu schneien und es wurde kälter. Man traf sich an der Tafel der Jarl am großen Tisch. Es gab Hammelbraten, frisches Brot und Met. Ein paar Äpfel wurden geschmort und der Duft von allen Speisen war auch vor dem großen Haus  zu riechen.

 

Sophias Neugierde kam zurück, als die Magd Svenja wieder die Gäste bediente. Sie fragte die Magd ob sie reden könnten, die lehnte aber ab. Sie habe viel zu tun und keine Zeit für ein Schwätzchen.

 

Peter, der noch etwas angestrengt am Tisch saß, trank nur wenig Met und hielt sich auch beim Essen zurück. Nachdem Sophia nun keine weitere Beschäftigung hatte, da sie die Magd nicht weiter befragen sollte, war nun Peter das Opfer ihrer Redelust. Trotz der lauten Gespräche, die rund um den Tisch geführt wurden, hörte man den Wind draußen immer deutlicher. Offensichtlich rauschte ein Sturm heran und brachte schlechtes Wetter auf die Insel. Die Feuer wurden am Brennen gehalten, damit die Wärme das große Haus bequem und beheizt machte.

 

Wenn der Mensch keinen Unfrieden stiftete, dann machte die Natur dem Menschen klar, dass er immer zu kämpfen hatte. Peter dachte immer wieder darüber nach, wann denn der Zeitpunkt kommen würde, wo man sich in Frieden und dem Gefühl der Geborgenheit unter Decken und Felle zum Schlafen hinlegen konnte. "Über was grübelst du so nach?" fragte Sophia ihn. Das was er gedacht hatte, sprach er nun aus. Sie lachte laut auf, als sie das hörte. "Mein lieber Freund, es gibt Momente, wo du im Bett liegst und die Welt um dich herum vergessen wirst. Und dafür bist du nie zu alt." Es dauerte sehr lange, bis er begriff, was sie meinte. Er war immer noch müde um einen klaren Gedanken zu fassen. Der Trank, den er von Sylvia bekommen hatte, verklebte immer noch seine Gedankenwelt.

 

Dann wankten alle zu ihren Schlafstellen und man wärmte sich dort gegenseitig, denn die Kälte kroch durch alle Ritzen der Häuser.