Kapitel 82

1. September 2016 in der Ferienwohnung des "Lars"

 

Gunnar Larson fühlt sich immer mehr seinem Urahn Lars verbunden und wurde deshalb immer öfters als Lars bezeichnet. Von seiner Assistentin, seinem Leibwächter und seinen Chauffeuren wurde er auch schon so genannt. Wieder hatten sie von einem der Restauratoren einige Dokumente gekauft, die man gefunden hatte. Keine Originale mehr, aber sehr gute Fotokopien, zudem lieferte der Mann ihm auch noch die jahreszeitlichen Bestimmungen, wann diese Papiere und Pergamente hergestellt wurden und wann sie beschrieben wurden. Alles passte zusammen. Inzwischen waren auch einige Herren aus Rom angereist, um die Dokumente zu prüfen. Niemand mehr aus den staatlichen Stellen hatte Zugang zu dem Kloster bekommen. Alles wurde streng geheim gehalten.

 

Die Briefe von Otto von Kraz und dem Bärentaler waren umfangreicher und vielfältiger als gedacht. So viel neue Einblicke in eine Zeit, die entweder als dunkel bezeichnet oder auch heroisiert wurde. Ritter in glänzenden Rüstungen oder ein dumpfes Volk, das von Ängsten und Dämonen beherrscht wurde. War das wirklich so? Immer wieder stellte sich Lars, also Gunnar Larson diese Fragen. Was hatte sich wirklich geändert? Was war Fortschritt und was war immer noch in uns, das uns in einer Zeit festhält, die wir längst glaubten, verlassen zu haben? Was man ganz klar sehen konnte war der Unterschied in wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Entwicklung rund um den Globus. War diese erdgeschichtliche Entwicklung im Mittelalter anders? Die Völkerwanderung hatte doch gezeigt, dass Überbevölkerung, Missernten aber vor allem Explosionen an Machtgehabe zu Verschiebungen oder gar Vernichtung von ganzen Gesellschaften führten.

 

Aus dem Tagebuch von Gunnar:

 

„Die Hungernden sind es, die auf der Suche nach Geborgenheit und Nahrung die sogenannten reichen Nationen überrennen. Wobei man das gut verstehen kann. Wir sind da nicht anders als andere freie Herdentiere. Dort wo die fetten Weiden sind, gehen wir hin und Hunger macht stark und gibt einem die Kraft, andere zu vertreiben. Woran liegt es also, dass sich die heutige Gesellschaft kaum von der des Mittelalters unterscheidet? War es vor rund vierzehnhundert Jahren die Expansion der unterschiedlichen Religionen, die zu der Konfrontation führte, gepaart mit Machtansprüchen einiger Potentaten, Gier der Händler und Geldwechsler, die es verstanden diese Strömungen für sich zu nutzen, so ist es heute....nicht anders. Anstatt die Kräfte, die man gemeinsam besitzt, zum Wohle aller zu nutzten, baut man weiterhin an Mauern in Köpfe der Gesellschaft. Und was tun die Mächtigen, wie immer, sie stützen mit Gesetzen diejenigen, die ihnen die Macht sichern. Und Macht sichern bedeutet, Kapital zu haben, mit dem man Blendwerk aufbauen kann. Ob Kaiserpfalz in Goslar oder Kanzleramt in Berlin, ob römisches Kapitol oder das Kapitol in Washington, wer in diesen Gebäuden wohnt und arbeitet, ist ein Herrscher, wie legitim es ist, dass man dort ist, darf und muss man hinterfragen. Wobei der Ursprung des Wortes Kapitol ja eher sehr morbide ist, Grabhügel eines etruskischen Königs. Caput Oli, Schädel des Olus.

 

Die heutige Form des westlichen Welt mit Macht umzugehen, die Demokratie ist nur soweit sinnvoll, wie es dem alten oder auch neuen Adel nützt. Und Adel ist entweder von Gott gewollt oder vom Kapital dorthin angehoben und Gott und Kapital scheinen inzwischen eines geworden zu sein. Und die Kirche lässt das alles zu, anstatt sich auf das zu besinnen, wofür die Menschen sie sich erschaffen haben. Oder kommt die Kirche, der Glaube doch von Gott? Diese ewigen Zweifel werden wir nie beseitigen können. Also sind wir doch noch tief im Mittelalter.“

 

Gunnar Larson zweifelte immer mehr an seinem Experiment, denn es gab zwar viele Antworten, aber mehr Fragen wurden aufgeworfen. Auch wenn er mit diesen Mitteln, die ihm kein Wissenschaftler glauben würde, seine Thesen unterstützen konnte, ändern würde er nichts damit.

 

11. September 1216 um die Mittagszeit vor Waiblingen

 

Die Herren von Steinfeld, von Büren und von Kraz waren mit Siegbert vor die Stadt geritten. Weit ab von allem Trubel auf einer Streuobstwiese hielten sie an und der Staufer bat sie alle abzusteigen und ihre Pferde an zu binden.

 

"Was ist geschehen mein lieber Siegbert?" fragte der Staufer, ohne lange zu warten bis alle sich um ihn versammelt hatten. "Die Wahrheit sonst nichts will ich hören. Und ich verspreche dir, dass alles hier bleibt und niemand davon erfahren wird, was du sagst." Siegbert schaute allen in die Augen, nickte dann und trat vor seinen Herren Otto von Steinfeld. "Herr ich mag ein Mann sein, der sich in Gesellschaft von Frauen sehr wohl fühlt und auch einigen hier habe ich... lassen wir das. Aber das Weib, Katharine Brunnenbauer, in die habe ich mich verliebt. Herr ich dachte nicht, dass ein Mann sich in meinem Alter noch nach wahrer Liebe sehnen kann, aber es ist so. Ich habe mich heimlich mit ihr getroffen, einige Male. Herr sie ist eine Witwe mit Kindern. Sie arbeitet und verdient ihr Brot mit Wäschereien und auch mit Näharbeiten. Sie lebt im Hause ihres Bruders, seit sie Witwe ist und der behandelt sie wie sein Eigentum. Er lässt nicht zu, dass sie ihr Leben neu und anders leben kann. Wenn es um den Herren Johannes Tascher geht, dann darf sie bei ihm verblühen und ihre Kinder werden Knechte in seinem Haushalt." Der Staufer hob die Hand um Siegbert zum Schweigen zu bringen. "Siegbert, du kennst aber unsere Gesetzte. Die Frau hat Anspruch über alle ihre Güter, aber wenn sie im Hause ihres älteren Bruders lebt, so ist dieser auch Herr über alles, was im Hause geschehen darf. Ohne seine Zustimmung dürft Ihr das Haus nicht betreten oder seiner Schwester beiwohnen. Dein unzüchtiges Verhalten hat uns alle in eine Situation gebracht, die gegen die Ordnung der Kirche und unseres Herren, dem großen Staufer, verstoßen. Auch wenn so mancher Fürst sich erlaubt, Dinge zu tun, die gegen jegliche Regel verstößt, dann sind sie doch für dich und deinesgleichen nicht erlaubt und stören die Ordnung." Otto von Steinfeld schaute sich in der Runde um. Er wollte Antworten zu einer nicht ausgesprochenen Frage von Gregor und Otto haben. Otto von Kraz fasste sich ein Herz und gab als erster seine Meinung preis. "Nun wenn er sie liebt und sie seine Liebe erwidert, dann sollten wir das nicht zerstören. Aber wenn wir die Störung der Ordnung wieder herstellen wollen, dann müssen wir eine Entscheidung treffen. Und es gibt zwei Möglichkeiten. Ihr entlasst Siegbert aus euren Diensten und schickt ihn weg oder er wird sich rechtschaffen um das Herz der Dame bemühen und sie ehelichen. Um aber dem ganzen einen Wichtigkeit zu geben, solltet ihr bei Herrn von Steinfeld für unseren Freund Siegbert um die Hand der Dame anhalten. Auch wenn sie nicht von Stand ist, so haben die beiden das Recht auf ihr Glück." Keiner der Herren konnte sich eines Lächelns erwehren. Gregor nickte und begann ebenfalls seine Meinung kund zu tun. "Otto von Kraz hat recht. Nur so können wir den Frieden wieder herstellen, zudem können wir den Bürgern, Bauern und Knechten zeigen, wie konsequent wir handeln. Vielleicht sollte man trotzdem allen die Kraft des Schwertes deutlich machen. Einen Mann der Staufer auf offener Straße zu bedrängen darf nicht ungestraft bleiben. Das eine ist die öffentliche Ordnung, das andere ist aber auch, dass der Johannes Tascher sich nicht mit der notwendigen Demut  vor euch verhalten hat. Er wird noch einige andere versuchen auf seine Seite zu ziehen und für Unordnung sorgen." Siegbert stand in der Mitte der Gruppe und wusste nicht wie ihm geschah. So wie er es verstanden hatte, musste er nun heiraten, aber was noch zu geschehen hatte, wusste er noch nicht.

 

Otto von Steinfeld schaute sich um, als ob er etwas suchte, was ihm helfen konnte, die Lösung zu finden, die sie benötigten. Dann schaute er Gregor an. "Hättest du was dagegen, wenn ich mir einen zweiten Waffenmeister nehmen würde? Wenn ich ihn zu einem meiner Waffenmeister ernennen, dann gehört er nicht nur zu den bezahlten Kriegern des Hauses, sondern gehört zu meinem Haushalt. Das hebt ihn weit über den Bürger hinaus, der uns Ungemach bereiten will." Gregor lachte laut auf. "Nein mein Vetter, das machen wir so. Damit haben wir Ruhe. Siegbert wird seinem Weibe treu sein, dafür müssen wir sorgen. Die Männer in der Stadt wissen dann, dass ihre läufigen Weiber sicher vor ihm sind und den aufmüpfigen Johannes haben wir mit der Wahl des Ehegatten seiner Schwester das Maul gestopft. Er wird sich einiges an Vorteilen erhoffen, wenn seine Schwester dem Hause der Staufer so nahe verbunden ist. Zudem ist er die lästigen Kinder los, die er offensichtlich nur als Knechte betrachtet. Und Siegbert bekommt ein von in seinen Namen gebrannt. Haben wir noch was frei? Wenn nicht schlage ich vor, dass wir den Bund, den er schließen muss, mit diesen Bäumen verbinden Siegbert Braunbach von Apfelhain. Müssen wir Siebert noch um seine Zustimmung fragen? Ich bin der Meinung nein, denn hier geht es um Dinge, die den Frieden im Reich betreffen." Er nickte Siebert zu und als der wie versteinet dastand und sich nicht rührte, schlug ihm Otto von Steinfeld kräftig auf die Schulter und schenkte ihm ein freundschaftliches Lächeln. "Ja so wird man zu einem Mann von ehrenhafter Ritterlichkeit  gemacht, nur weil man einem Weibe beiwohnt, was man besser nicht gemacht hätte. Und nun wirst du dich darauf vorbereiten ein guter Ehegatte zu sein. Den Rest musst du uns überlassen. Gregor, um die Macht der Staufer zu zeigen, müssen wir so viele Männer sammeln, wie wir zusammen bekommen. Dann reiten wir vor das Haus des Johannes. Es muss machtvoll und endgültig aussehen. Widerspruch ist nicht erlaube. Und Siegbert muss einen neuen Wams bekommen und ein gutes Ross reiten. Ich habe noch ein gutes, aber etwas müdes Schlachtross, das soll er reiten. Das Vieh ist riesengroß und überragt alle anderen fast um einen halben Schädel. Das macht Eindruck bei diesem frechen Bürger. Wir reiten zurück, aber wir müssen um Waiblingen herumreiten. Keiner soll uns sehen. Gregor du reitest weiter ins Lager und sammelst alle Männer und bring das Ross mit. Solange es noch hell ist will ich das Schauspiel durchführen. Minne macht Spaß oder meine Freunde?"

 

Es dauerte lange, bis sich gut vierzig Reiter vor dem Haus des Otto von Kraz versammelt hatten. Alle trugen Waffenröcke mit dem Wappen der Staufer. Gregor führte das alte Schlachtross mit sich. Es war wirklich ein gewaltiges Tier. Man sah ihm nicht an, wie alt es war. Seine Gelassenheit war etwas erschreckend, denn es trabte gemächlich vor sich hin und man konnte es nicht richtig antreiben. Siegbert wurde herausgeputzt und trug nun als neuer Waffenmeister auch eine Kette mit einem Ring um den Hals. Keiner kannte die Bedeutung dieser Kette, aber Hauptsache war, dass es wichtig aussah. Und so ritten dann zum Schluss fast sechzig Reiter und Reiterinnen, denn Frau von Blau und Frau von Breitenbach waren dabei, zum Haus des Johannes.

 

Alle Bürger, die diesem Zug begegneten, drückten sich an die Hauswände oder verschwanden in Hauseingängen oder Gassen, um diesen Reiterzug vorbei zu lassen. Als alle Reiter dann auch noch vor dem Haus des Johannes Tascher anhielten, war es mit der ängstlichen Zurückhaltung vorbei. Alles Volk, das konnte und davon hörte, was da geschah, versammelte sich rund um die Reiterschar. Dann blies ein Herold ins Horn und rief laut den Namen das Johannes Tascher. Es dauerte lange bis der Mann vor seine Türe trat. "Es dauert sehr lange bis ihr euch den hohen Herrn und Damen zeigt Johannes Tascher. Otto von Steinfeld will mit euch reden. Trete vor ihn und beweist ihm in Ehrfurcht, dass ihr ein guter Christ und Bürger der Stadt Waiblingen seid." Der Herold machte seine Sache sehr gut. Er sprach sehr laut, sodass möglichst viele ihn hören konnten und durch seine Haltung zeigte er, wie er seine Aufgabe wichtig nahm. Alle sollten sehen, dass hohe Herren in der Stadt waren. Dann sprach der Stauferbastard. "Lieber Johannes Tascher, wir sind hier her gekommen, weil ihr zu Unrecht meinen Waffenmeister Siegbert Braunbach von Apfelhain unzüchtiger Handlungen bezichtigt habt. Dies war eine Anschuldigung, ohne dass ihr die wahren und ehrenhafte Gründe meines geliebten Waffenmeistern kanntet. Er wollte nur um die Hand des Weibes Katharine Brunnenbauer anhalten. Der Herr von Kraz und mein Vetter, der Staufer Gregor von Büren, wollen der Dame die Ehre erweisen und sie kennen lernen und ich will im Namen meines Waffenmeisters der Dame den Antrag vortragen. Um der Schicklichkeit Genüge zu tun, werden wir von zwei adligen Damen begleitet, die diesen Antrag mit unterstützen werden. Ich bitte euch, holt mir die Dame, damit wir den Antrag öffentlich vortragen können."

 

Wie zur steinernen Säule geworden stand der Johannes Tascher da. Er senkte seine Haupt, knetete seine Hände und bewegte sich nicht weiter. "Geht jetzt sofort und holt das Weib." brüllte Otto von Steinfeld auf einmal los.

 

Erschrocken schreckte Johannes zwei Schritte zurück. Nicht zu verstehen war das, was der Mann vor sich hin murmelte. Und wieder brüllte Otto von Steinfeld los, dass man ihn anschauen soll und er um einen klare Antwort bitte will, warum den Mann das Weib nicht holt.

 

"Herr ich kann nicht. Katharine ist krank und liegt darnieder. Sie ist gestürzt und hat Schmerzen." Die Antwort war zwar leise gesprochen, aber die ersten Reiter verstanden sehr wohl, was da gesagt wurde. Da sprangen Gregor und Otto von Steinfeld von ihren Pferden und gingen auf den Mann zu. "Entweder geht ihr sie jetzt holen oder wir müssen in euer Haus hinein, auch ohne eure Erlaubnis." Gregors Tonfall war nicht sehr freundlich und Johannes verstand, dass er jetzt handeln musste. Er ging zurück in sein Haus, Gregor sorgte dafür, dass die Tür nicht geschlossen wurde. Es dauerte lange bis zuerst Johannes herauskam und hinter ihm eine Frau, die ihre Gesicht verhüllt hatte. Gestützt wurde sie von einem Knaben von etwa zehn Jahren. Otto hob die Hand, weil Siegbert vom Pferd springen wollte. "Du bleibst wo du bist, Siegbert. Weib nimm das Tuch von deinem Gesicht. Ich will dein Antlitz sehen." Zuerst schüttelte sie den Kopf vorsichtig, doch dann schob sie vorsichtig das Tuch weg vom Gesicht. Was alle jetzt sehen konnten war furchtbar. Aufgeplatzte Lippen, ein rotes Auge, die Haare zerzaust und getrocknetes Blut war in den Haaren zu sehen. Die Hand, die das Tuch weggeschoben hatte war ebenfalls mit roten blutigen Linien übersät.

 

Zuerst war es ganz still rund herum, dann schrie Siegbert auf und sprang vom Pferd. Geistesgegenwärtig drängte sich Gregor ihm in den Weg. Constanze und Frida steigen ebenfalls von ihren Pferden ab und eilten auf die Frau zu. Sie hatten sie fast erreicht, als Katherine zu Boden sank. Frida konnte durch ihr beherztes Eingriffen Schlimmeres verhindern und fing die Dame auf.

 

Im Hintergrund hörte man den Johannes fast im Gebetston immer wieder sagen. "Sie ist gestürzt, einfach gestürzt. Ich war das nicht, sie ist gestürzt." Das wiederholte sich so lange, bis Gregor ihn mit einem Faustschlag zum Schweigen brachte.