Kapitel 79

15. Oktober 1216 Blauzahnsiedlung

 

Von ihren Handelsreisen waren alle zurück. Sie hatten alle viel Glück, denn die ersten Herbststürme kamen jetzt erst. Die Vorratsräume waren alle gut gefüllt. Die Tiere bestens versorgt. Alle Ställe und Häuser winterfest gemacht. In den Siedlungen war alles auf den kommende kalte Zeit vorbereitet. Lars hatte auf den Wegen von der Blauzahnsiedlung zu den Höfen Schutzhütten aufbauen lassen. Die Wege waren gesichert, denn auch wenn der Schnee hoch lag, konnte man Holztafeln sehen, die alle mannshoch aufragten und den Weg kennzeichneten. Die Drachenboote und die beiden Knorr lagen sicher an Land und waren für den Winter vorbereitet. 

 

Mit einem der letzten Handelsschiffe, das aus Visby nach Lübeck abgesegelt war, hatte Peter von und zu Bärental einen langen Brief an seinen Freund Otto von Kraz dem Steuermann übergeben. In Lübeck sollte der Brief an einen Mönch des St. Johannis Klosters übergeben werden. Dort wartete eine reiche Belohnung für den Überbringer des Briefes. Brief oder andere Dokumente und Nachrichten von einem Ort zu einem anderen zu versenden war eine recht schwierige Aufgabe. Entweder wurden Nachrichten mit Boten überbracht, oder sie wurden Handlungsreisenden mitgegeben, das war allerdings eine sehr unsichere Sache. Nur die Ritterorden, die Klöster oder Landesfürsten hatten ein System, das es einigermaßen sicher machte, dass der richtige Empfänger die Nachricht bekam, die auch an ihn gerichtet war. Peters bisherige Verbindung über ein Kaufmann aus Nürnberg war durch dessen Tod abgebrochen, aber Gregorius kannte die Mönche aus Lübeck und so nutzte er diesen neuen Weg. Der Steuermann, der Bruder eines Mannes aus der Blauzahnsiedlung, hatte sich angeboten, so konnte er sicher sein, dass seine Briefe nur dort abgegeben wurden, wo sie auch wirklich hin sollten. Er musste schon am Hafen dem Mann drei Silberstücke geben und der Mönch würde ihm noch drei weitere geben, wenn er den Packen mit dem Pergament und Papier erhalten würde.

 

Am 30 Oktober 1216 bekam der Mönch den Packen, das Siegel war unversehrt und der Mann bekam seine drei Silberstücke. Bernardus, der Mönch packte das Bündel in eine Holzkiste mit vielen anderen Papieren, Pergament, Zeichnungen und Reliquien, die er auf seine Reise nach Lorch mitnehmen sollte. Die Reise war für diese Jahreszeit nicht einfach, aber er musste sie antreten, denn der Abt aus Fulda hatte ihm die Anweisung gegeben, diese Reise anzutreten. Unterwegs musste er Dokumente und Nachrichten bei anderen Klöstern abgeben und neue übernehmen. Sein Auftrag war schwer zu erledigen, aber es musste sein. Er trug ein geheimes Dokument mit sich, das niemandem, außer dem Abt des Klosters in Lorch übergeben werden durfte. Alles andere, was er mit sich führte, diente eher zur Tarnung seines Auftrages. Drei Brüder des Klosters und sechs Knechte, die gut bewaffnet waren, sollten ihn begleiten. Zur Sicherheit hatte er noch die schriftliche Anweisung von drei Bischöfen und eines päpstlichen Legaten bei sich. Alle waren mit Siegeln versehen. Selbst der Braunschweiger würde sich hüten, ihn aufzuhalten oder versuchen, ihm die Dokumente wegzunehmen. Dass das alles im Auftrage des Staufers geschah und von dem auch die Geldmittel stammten, dass diese Reise überhaupt stattfinden konnte, war so geheim gehalten worden, dass nichts im Reisegepäck oder an den Personen, die reisten, darauf hinwies. Die drei Mönche, die ihn begleiteten, waren eigentlich Ordensritter des Deutschen Ordens und bestens mit dem Umgang von Waffen vertraut.

 

Am 2. November 1216 zogen die Zehn los, ein Wagen von vier kräftigen Pferden gezogen und acht Männer auf Pferden. Die Flagge des Heiligen Stuhls führten sie mit sich. Der neue Papst, die Nachricht über den Tod des Innozenz III und die Wahl Cenzio Cavellis zum neuen Papst, der sich Honorius III nannte, war erst drei Tage vorher in Lübeck eingetroffen. Bernardus war froh, vom Tod des Papstes zu hören, denn die weltliche Macht der Kirche wurde von ihm weiter ausgebaut und seine schriftlichen Werke, die den Menschen weit unter den Glauben stellen und ihn als verkommenes niedriges Wesen darstellen, wurden nicht von alles Glaubensbrüdern, dem Adel und dem Volke gerne gesehen. Das Manifest, dass er der Stellvertreter Christi sei und nicht Amtsnachfolger Petrus, war weit verbreitet und führte zu vielen Diskussionen in Klöstern und in Adelshäusern. Diese Erhöhung seiner Person wurden durch weitere Schriften, die er verfasst hatte, vor allem von juristischen Ausführungen verstärkt. Der Klerus steht weit über den Laien war einer der Glaubensgrundsätze, die es ihm ermöglicht hatten, gegen die Staufer vorzugehen. Das Reich spaltete er sehr bewusst und förderte damit den Zerfall der fragilen Freundschaften der Adelshäuser untereinander. Wie der Nachfolger sein würde, war Bernardus nicht bekannt, da er den Namen nicht kannte, noch seine Person.

 

4. November 1216 Blauzahnsiedlung am frühen Morgen

 

Über Nacht hatte es etwas geschneit, der kalte Ostwind, der übers offen Meer kam, kündigte mit Kraft das Nahen des Winters an. Einige Bewohner der Blauzahnsiedlung waren mit Holzschlagen beschäftigt, andere waren in den Ställen, um noch weiter daran zu arbeiten, alle Ritzen und Löcher im Gemäuer oder den Holzverschlägen dicht zu machen. Neue Webstühle waren aufgestellt worden und die gesponnen Wolle wurde zu Tüchern, Decken und Teppichen verarbeitet.

 

In der Schmiede wurde das Eisen geschmolzen. Nägel, Sensen und eiserne Klammern sollten geschmiedet werden. Lars und der Schmied hatte ein paar Tage vorher alles Eisen, was sie erstanden hatten, zusammengetragen und altes Eisen eingesammelt. Die Holzkohle für die Schmiede hatten sie selbst gemacht. Die Blauzahnsiedlung und die Höfe waren fast autark. Sie produzierten vieles, was sie zum Leben benötigten, selbst. Nur das Getreide mussten sie kaufen. Der Boden auf der Insel war gut geeignet dafür, aber die Blauzahnsiedlung hatte wenig Ackerboden in ihrem Besitz.

 

Peter war mit Sophia, Gerretius, Gregorius, Jan, Corina, Sylvia - der Heilerin - und Milly mit einem der Hofhunde aufgebrochen, die Höfe und Siedlungen der Jarl Gund zu besuchen. Sie hatten auf einem Wagen einige leere Fässer und ein Fass mit Salz gepackt, da die Jarl darum gebeten hatte. Sie wollte Fisch darin lagern. Stockfisch hatten sie genug, aber nun konnten die letzten Fänge nicht mehr gut getrocknet werden und sie musste die in Salz einlagern. Zudem waren drei Frauen in den Höfen der Brenda erkrankt und  baten die Heiler um Hilfe.

 

Die zähen Kaltblüter, die sie für ihre Reise bereit gemacht hatten, wurden zum ersten Mal durch Schabracken geschützt. Peter hatte dies bei seiner Reise auf dem Festland gehört, dass die Pferde durch diesen Schutz eine bessere Leistung erbringen sollten und der Übergang vom Stall nach draußen in die Kälte vertrugen sie dann besser. Die zwei Zugpferde wurden ebenfalls mit ein paar leichten Decken am Rücken und Brust geschützt. Bis zum Mittag hatten sie fast die Hälfte der Strecke zurückgelegt und machten Rast in einer Talsenke. Bis zu einem Bach waren es keine zwanzig Schritte und die Pferde konnten dort ihren Durst löschen. Jan stellte fest, dass der Weg über den Bach und dann auf der anderen Seite durch einen Erdrutsch versperrt war. Der Bach hatte sich einen anderen Weg gesucht und eine Wiese auf der einen Seite überflutet, um dann wieder in sein altes Bett nach dreihundert Schritten zurückzufinden. Entweder mussten sie durch das sumpfige Gebiet reiten oder sie suchten sich einen anderen Weg. Der alte war auf jeden Fall versperrt. Sie fanden nach langer Suche eine einigermaßen sichere Furt - etwas mehr als zweitausend Schritte weiter. Dort war auch ein See, der von diesem Bach gespeist wurde. Als sie den Bach überwunden hatten und ihre Suche für das Fuhrwerk einen geeigneten Weg zu finden von Erfolg gekrönt war, hatten sie zu viel Zeit verloren und merkten, dass die Tiere länger ausruhen mussten. Am Ufer des kleinen Sees fanden sie eine geschützte Stelle, umgeben von Bäumen und einem Erdwall, wo der Wind sie und die Pferde nicht zu sehr ärgern konnte. Mit Heu und Moos rieben sie die Pferde ab und deckten sie mit ihren Schabracken wieder ab. Gregorius und Jan hatten Holz gesammelt, um ein Feuer zu machen, als die Dämmerung hereinbrach. Schnell wurde es dunkel und kalt. Sie stellten keine Wache auf, der Hund würde sie rechtzeitig warnen, wenn ihnen jemand ungebeten zu nahe kommen würde.

 

Sophia wachte als erste auf, als der Hund unruhig im Lager hin und her ging. Er knurrte leise blieb stehen und starrte ins Dunkle. Da Feuer war noch nicht heruntergebrannt und es war hell genug, dass Sophia sehen konnte, wohin der Hund schaute. Sie weckte Peter, der neben ihr lag. "Der Hund ist unruhig und knurrt leise vor sich hin. Hat wohl irgendwas entdeckt, was ihm nicht gefällt." Es dauerte etwas, bis sich Peter aus den Fellen und Decken, in die er sich gewickelt hatte, befreien konnte. Er suchte sich einen Knüppel, den er als Fackel nutzten konnte und zündete das Holz an. Es dauerte einige Zeit, bis die Fackel so hell brannte, dass er sie vor sich her tragen konnten, dann nahm er noch einen Spieß in die Hand und folgte dem Blick des Hundes. Inzwischen waren auch die anderen wach geworden, blieben aber liegen und beobachteten nur, wie die drei, Peter, Sophia und der Hund langsam das Lager verließen. Der Hund blieb neben Peter, Sophia drei Schritte hinter ihm. Erst stiegen sie den Erdwall nach oben, dann gingen sie ein paar Schritte in den Wald hinein. Der Hund, sie hatten ihm den Namen Schnell gegeben, weil er immer etwas langsam ging, aber beim Hören seines Namens losrannte, blieb stehen und spitzte die Ohren. Irgendetwas war vor ihnen. Nur ein kräftiges Rascheln war zu hören, dann hörte es wieder auf und begann nach ein paar Wimpernschlägen wieder. Schnell führte Peter und Sophia weiter, er ging jetzt vor ihnen, blieb stehen, horchte und ging dann weiter. Dann bellte er zwei Mal und schwieg dann und schaute in eine bestimmte Richtung. Das Licht der Fackel reichte nicht sehr weit und so musste Peter weitergehen, bis er an den oberen Rand eine Senke kam. Er leuchtete hinunter, die Senke war nicht tief und der Weg nach unten nicht steil. Als stieg er hinab, gab aber Sophia die Anweisung, oben zu bleiben und den Hund zurück zu halten. Unten sackte er in tiefen, kalten Schlamm ein. Vor sich sah er ein Schaf, das bis zum Bauch in dem Schlammloch feststeckte und sich zudem in Dornen verfangen hatte. Die Fackel, den Spies rammte er in den festen Boden neben sich und beugte sich zu dem stummen Schaf hin. Es kostete ihn ungeheure Kraftanstrengungen, das Schaf aus dem Schlamm zu ziehen und es auf festen Boden zu schieben. Auf dem Kamm vor dem Erdloch waren inzwischen Jan und Gregorius mit weiteren Fackeln erschienen und die zogen zuerst das Schaf und dann Peter hoch. Oben angekommen konnte sich Peter nicht mehr aufrichten. Irgendetwas hinderte ihn unter Schmerzen, sich aufzurichten. Nur gebeugt und mit großer Pein konnte er sich fortbewegen. Sophia stütze ihn, während Jan das Schaf an einem Strick mit sich führte. Gregorius leuchtete mit den Fackeln allen den Weg zurück zum Lager. 

 

Peter, der Bärentaler wurde auf den Wagen gelegt. Er konnte nicht reiten, nicht gehen, nicht sitzen, nichts ging mehr. Gerretius hatte zwar versucht, ihn mit einem kräftigen Griff von der vermeintlichen Lähmung und den Schmerzen zu befreien, aber es war ihm nicht gelungen. Viele Decken und Felle wurden unter seinen Körper gelegt, denn der Weg war holprig und die Räder stießen gegen Steine und der Wagen holperte und all das verursachte große Schmerzen in Peters Körper. Aber sie mussten weiter und so bekam er einen Trank aus Mohnsafte und Bier eingeflößt und bald fiel er in einen tiefen Schlaf und spürte keinen Schmerz mehr. Es dauerte einig Zeit, bis sie zu dem Weg zurückfanden, der sie zur Siedlung der Brenda bringen würde. Das Schaf hatten sie an den Wagen gebunden und es ging einfach mit. Irgendwann begann es tatsächlich Laute von sich zu geben. Es blökte leise ein paar Mal und dann war wieder Ruhe.

 

Gegen Mittag begann es zu schneien, kalter nasser Schnee fiel vom Himmel und der Weg wurde deshalb immer schwieriger für sie. Immer wieder rutsche eines der Pferde oder die Wagenräder blieben im feuchten Boden stecken.

 

Es begann schon zu dämmern, als sie endlich die Siedlung erreichten. Einer der Bewohner des Hofes entdeckte sie und rief alle anderen zusammen. Mit viel Jubel wurden die Leute von der Blauzahnsiedlung begrüßt. Peter lag immer betäubt auf dem Wagen, er erwachte erst, als man ihn herunterhob und in das Haus der Branda trug. Kaum war er im Haus und auf einem Bettgestell abgelegt, schlummerte er weiter. Nichts konnte ihn aufwecken. Nicht das Geschrei des Kindes der Brenda, nicht die laut geführten Gespräche der Menschen. Selbst als Sophia sich neben ihn legte um ihn zu wärmen, erwacht er nicht.

 

Erst spät in der Nacht, als er ein dringendes Bedürfnis verspürte, erwachte er. Die Schmerzen waren zu ertragen und so versuchte er sich sehr leise zu erheben, um nach draußen zu gehen. Lange musste er seine Schuhe suchen, denn mit nackten Füßen wollte er nicht nach draußen gehen. Als er an der Türe war und sie öffnen wollte, wurde ihm von hinten eine Fell über die Schulter gelegt. "Nicht dass du auf der Flucht vor mir noch der Rücken wieder kalt wird und du draußen bleiben musst, weil du dich wieder nicht bewegen kannst." Sophia hatte ihm das ins Ohr geflüstert. Außer einem leisen Danke sagte Peter nichts darauf und ging nach draußen. Es war sehr kalt, der Himmel war klar und man konnte den Mond und die Sterne leuchten sehen. Die Schatten der Gebäude und der Bäume hatten etwas Beruhigendes an sich. Sonst ängstigte es ihn, nachts diese Schatten zu sehen. In dieser Nacht nicht. Er kannte die Stelle, wo er sich erleichtern konnte und als er fertig war, ging er zum Brunnen und schöpfte sich Wasser, da er Durst hatte. Kaum hatte er seinen Durst gelöscht, überkam ihn das Bedürfnis, sich zu waschen. Trotz der Kälte legte er seine Kleider ab. Es war zwar sehr anstrengend, die Kleidung abzustreifen, aber er tat es. Mit den Händen schöpfte er Wasser aus dem Bottich und begann sich zu waschen. Langsam wich das dumpfe Gefühl, das seine Muskeln eingehüllt hatte. Ein fast angenehmer Schmerz ergriff ihn. Im Mondlicht konnte er sehen, wie aus seinem Körper kleine Dampfwölkchen aufstiegen. Er schaute den Wölkchen nach, bis sie sich auflösten. Fast wie im Traum stand er in der Kälte nackt am Brunnen. Dann warf jemand das Fell über seinen Rücken und packte ihn. "Bist du verrückt geworden oder was ist mit dir. Du wirst dich böse erkälten, wenn du noch lange so rumstehst." Sophia brachte ihn wieder zurück ins Haus und legte ihn auf das Bett. Mit zwei weiteren wollenen Decken wurde er bedeckt. Dann kroch sie zu ihm und wärmte ihn mit ihrer Glut wieder auf.

 

"Du solltest öfters Mohnsaft mit Bier zu dir nehmen. Das tut dir gut." flüsterte sie ihm ins Ohr, dann schliefen beide ein.