Kapitel 78

Montag 22. August 1216 in Waiblingen

 

Der Sonntag war ruhig und friedlich verlaufen. Der Stauferbastard war mit Konstanze in die Kirche gegangen und hatte alle Gefolgsleute aus dem Hause Kraz aufgefordert, ihm zu folgen. Nur drei Waffenknechte blieben im Stadthaus zurück. Aber das war nicht notwendig, der Herr Graf wachte zusammen mit den Wölfen über das Haus. Trotzdem mussten die drei an diesem Tag zurückbleiben. Man erwartete einen Boten des Herren Friedrich, der sich immer in Straßburg aufhielt. Der Bote kam nicht.

 

An diesem Montag begann endlich wieder der Alltag im Hause Kraz. Gregor war damit beschäftigt, die Mühle wieder aufbauen zu lassen. Einen Ersatz hatte man zwar gefunden, aber diese Mühle war zu klein, um die Ernte der Ländereien zu mahlen und zu lagern. Otto von Steinfeld hatte sich in einer kleinen Burg in der Nähe der kleinen, wachsenden Stadt Waiblingen eingerichtet. Er wollte Constanze nahe sein. Selbst Otto von Kraz ließ sich manches Ml zu einem derben Scherz deswegen herab und nannte den Steinfelder einen verliebten Gockel. Trotz allem vernachlässigter Constanze nicht ihre Aufgaben als Herrin im Hause Kraz.

 

Otto hatte den Unterricht der jungen Bewohner wieder aufgenommen. Im Nebenhaus waren zwei Räume als Schule eingerichtet worden. Und jeder seiner jungen Schüler musste mindestens zweimal in der Woche die Kinder der hörigen Bauern im Lesen und Schreiben unterrichten.

 

Constanzes Sohn Christian wurde zur Olsenburg geschickt, um dort unter der Leitung Heinrichs, der sich noch dort befand, den Gebrauch der Waffen weiter zu üben. Lorentz war wieder im Kloster Lorch und lernte dort weiter das Handwerk eines Steinmetz und Baumeisters. Alles war also wieder in geordneten Bahnen angekommen.

 

Das Nachtbarhaus wurde umgebaut, ein Zugang zum Hof des Otto von Kraz durch die Mauer geschlagen und die Vordertür des Hauses zugemauert. Die Schlaf- und Aufenthaltsräume für die Bewaffneten sollten dort entstehen und auf der anderen Seite des Hofes bei den Stallungen nur noch das Gesinde leben. In den oberen Stockwerken des Gesindehauses waren bereits die Kemenaten der Frauen. Nur Frau von Blau, Constanze von Breitenbach, Otto von Kraz und Gregor von Büren hatten ihre Kammern im Haupthaus. Das Arbeitszimmer von Otto wurde nach unten im Haus verlegt und so entstand noch ein zusätzlicher Gastraum neben der Kammer von Otto. Das geschah im Auftrag und auf Bitten des Staufers. Es würde noch einige Wochen dauern, bis diese Umbauten fertig waren. Otto störte der Krach im Haus sehr und so war er mehr außer Haus unterwegs wie es für ihn üblich war.

 

Draußen vor den Toren der kleinen Stadt, zwischen den Obstbäumen und dem kleinen Fluss fand er Ruhe. Die Bäume waren alle abgeerntet und das Obst im Keller seines Hauses gelagert oder im Ofen zu Dörrobst verarbeitet und in Fässer eingelagert. Die Reben waren voll mit Trauben und die Lese versprach gut zu werden. Otto von Kraz war glücklich, denn alles versprach, dass sie ohne Sorgen den Winter überstehen würden.

 

Ottos Gedanken schwelgten bei seinen Ausflügen über die Felder immer wieder weit weg.  Keinen Hunger leiden zu müssen bedeutete viel, aber Frieden bedeutete das nicht. Der Braunschweiger war immer noch Kaiser, der Staufer regierte und dehnte seine Macht aus. Und das brachte viel Unfrieden übers Land. Immer wieder gab es kleine Scharmützel zwischen Anhängern der Staufer und der Braunschweiger. Die Ernten waren gut und doch behinderten diese Streitigkeiten den Handel. Und als großes Hemmnis für den Frieden war der Streit mit dem Papst und den Bischöfen. Der Papst unterstützte mal den Staufer, das tat er sehr ungern und mal den Braunschweiger, der sich einfach als politisch schwach darstellte. Militärisch war er ein guter Stratege, aber das reichte nicht, um sich als Kaiser auf dem Thron zu halten. Dass diese Streitigkeiten den Menschen des niedrigen Standes nicht nützten, war den Herrschenden egal. Es wurden sehr viele von Menschenhand erschaffenen Werte zerstört - Höfe, Felder, Menschenleben wurden geopfert, Burgen zerstört und neue Armut geschaffen und trotzdem entstand jeden Tag etwas Neues. Seine Welt stützte sich auf die Staufer. Gebildet, weitsichtig und manches Mal sogar mit echten barmherzigen Zügen ausgestattet, empfand er sie als die bessere Wahl. Auch dem Einfluss des Klerus konnte er sich immer wieder entziehen. Er war ihr Chronist, er musste doch über sie nachdenken und die Chroniken verfassen.

 

Am 25. August 1216 wurde er bei einem seiner Ausritte von Constanze, ihrer Tochter, Frida von Blau und von dreien der Waffenknechte begleitet. Sie wollten Gregor besuchen und den Fortschritt des Neuaufbaues der Mühle sehen. Die Waffenknechte hatten noch einen weiteren Auftrag. Der Weg zur Mühle von den Höfen der Umgebung wurde immer wieder durch Mutwillen zerstört und die Knechte sollten ihn kontrollieren und wenn möglich feststellen, wer dafür verantwortlich war. Sie hatten die Stadt verlassen und waren nur noch tausend Schritte von der Baustelle entfernt, als sie schon von weitem lautes Geschrei und das Meckern und Blöken von Ziegen und Schafen hörten, das von der Mühle herkommen musste. Sie sahen noch nichts und so ritten sie in einem kräftigen Galopp auf ihr Ziel zu. Als sie auf einem Hügel ankamen und einen Blick auf die Mühle werfen konnten, zügelten sie alle ihre Pferde. Der Weg war versperrt. Zwischen ihnen und dem Bach grasten gut drei Dutzend Schafe und etwas mehr als zwanzig Ziegen. Bewacht wurden die von einigen Männern und Hunden. Auf der anderen Seite, wo die Mühle Ottos neu aufgebaut wurde, waren Gregor und seine Männer versammelt. Heulmamma, der Herr Graf und die zwei Wolfswelpen standen bei ihnen. So wie Otto es sah, wurden die Wölfe und der große schwarze Hund mit Stricken festgehalten. Die steinerne Brücke zur Mühle war besetzt worden und der Übergang wurde von einige Schäfern mit Knüppeln bewacht. Aus der Entfernung konnte niemand verstehen, was man sich zurief, nur eines verstand man, es waren sicher keine freundlichen Worte. Drohend erhoben die Schäfer immer wieder ihre Knüppel.

 

In scharfen Galopp ritten die sieben quer durch die Herde auf die Brücke zu. Otto befahl den Waffenknechten die Schwerter zu ziehen. Kurz vor der knüppelschwingenden Gruppe stoppten sie ihre Pferde. Bevor Otto etwas sagen konnte, hörte man schon die Stimme von Constanze. "Wer seid ihr und was macht ihr hier? Mit knüppelschwingenden Halunken machen wir hier kurzen Prozess. Also jetzt die Antwort oder das Eisen spricht mit euch!" Ein Baumlager Kerl, der trotz der Wärme des Tages ein Schaffell über die Schulter gelegt hatte, drehte sich um. "Ach geht man hier schon gleich mit Schwertern auf harmlose Schäfer los, nur weil sie über eine Brücke wollen? Dieser Ritter verweigert uns den Übergang über das Brücklein. Wir sind auf dem Weg zur Olsenburg, dort hat man Bedarf an Schafen und Ziegen. Wir kommen aus Plochingen und sind Männer des Herrn von Pulchen, einer der Burgherren am Ort. Im Frühjahr hat man uns gesagt, dass wir zum Ende des Sommers die Tiere dort abliefern sollen." Der Mann zeigte keine Angst oder gar Demut einer adligen Dame gegenüber. Constanze dachte nach, um sich dann an Otto zu wenden, den sie leise ansprach. "Der Mann lügt. Die Herren von Pulchen sind im Mannesstamm vor fünf Jahren ausgestorben und der Besitz ging an die Staufer über. Zudem ist das nicht der Weg von Plochingen zur Olsenburg. Die sind hier viel zu weit vom Weg abgekommen. Da stimmt was nicht. Vielleicht sind die im Auftrage des Braunschweigers unterwegs und haben noch nicht erfahren, dass die Burg seinem rechtmäßigen Besitzer übergeben wurde. Also hier stimmt was nicht. Zudem sind mir das zu viele Männer, um die Ziegen und Schafe zu hüten. Der Kerl da vor uns sieht auch nicht wie ein Schafhirte aus."

 

Frida von Blau und Marta hatten inzwischen ihre Armbrüste bereit gemacht, auch Otto hatte seinen Streitkolben in die Hand genommen. Das war nicht unbemerkt geblieben und man sah, dass die vier anderen Kerle, die den baumlagen Mann mit seinem Schaffell begleitet hatten, unruhig wurden. "Gregor ruf deine Männer dort hinten zusammen, sie sollen sich bewaffnen und uns diese Bande hier vom Hals schaffen." Dabei deutete Otto in Richtung der Stallungen, die bis auf Brusthöhe bereits wieder aufgebaut waren. Dort war zwar niemand, aber es zeigte Wirkung bei den vermeintlichen Schafhirten. Auf einmal scheuten die Pferde von Marta und Frida. Drei Männer hatten sich von hinten herangeschlichen und kurz bevor sie die Frauen aus den Sätteln holen konnten, hatten die Pferde gescheut und sich unruhig umgedreht. Frida reagiert als erste und ein Bolzen aus der Armbrust traf einen der Männer am Oberschenkel und warf ihn um. Martas Gaul wurde immer unruhiger und in seiner Unruhe stieß er einen anderen Mann um und trat ihm dabei auf die Brust. Der Dritte konnte ausweichen, versuchte sich zu dem Oberhirten durchzuschlängeln, wurde aber jetzt von einem der Bewaffneten mit der flachen Seite seines Schwertes am Kopf getroffen. Mit Geschrei und einem blutigen Kopf wankte er weiter und stürzte dann zu Boden. Dem großen Mann mit dem Knüppel war nun klar, dass er mit Reden und Lügen aus der Situation nicht mehr heraus kommen würde. Laut brüllte er seine Männer an, dass sie ihre Knüppel schwingen sollten, um die Männer von den Pferden zu holen und die Brücke zu erobern. Dass die Handwerker, die Gregor bei sich hatte, alles alte Kämpen waren und jeden Gegenstand zur Waffe machen konnten, merkten die Schäfer erst, als es zu spät war. Frau von Blau schoss mit ihrer Armbrust dem Schreihals einen Bolzen in dessen rechte Hand und nagelte damit den Knüppel mit der Hand zusammen, was sie als glatten Fehlschuss bezeichnete. Sie wollte seine Brust treffen, aber der war sogleich außer Gefecht gesetzt. Ein ungeschickter Schwung eines anderen dicken Stabes einer seiner Männer traf ihn am linken Knie und machte ihn kampfunfähig. Die anderen Männer wurden von Ottos Männern und Gregors Handwerkerkämpfer niedergemacht. Selbst die Hunde mussten mit ein paar Knüppelschlägen vertrieben werden. Zwei Männer blieben bei den Tieren zurück und beteiligten sich nicht an dem Kampf, die Schafe und Ziegen schauten dem Kampf kauend und meckernd zu. Kurze Zeit später lagen drei der Schäfer tot auf dem Boden, fünf weitere Männer waren schwer verletzt und vier warfen ihr Knüppel weg und ergaben sich. Einer von Gregors Männern hatte einen Schlag auf seine rechte Hand abbekommen und sein Handgelenk schien gebrochen zu sein. Sonst war niemand ernsthaft von den Handwerkern oder Ottos Gruppe verletzt.

 

Otto fiel sofort auf, dass zwei der Männer sich etwas abseits der anderen Gefangenen hielten und diese sich auch immer mindestens drei Schritte von denen entfernt aufhalten wollten. Selbst die Verletzten rollten sich unter Schmerzen von ihnen weg, wenn sie ihnen zu nahe kamen oder in ihre Richtung gestoßen wurden. Sie waren fest vermummt und soweit er sich erinnern konnte, war ihr Kampfgeist eher bescheiden. Otto befahl seinen drei Waffenknechten, sich in einem Abstand von mindestens zwei Lanzenlängen von ihnen aufzustellen. Er flüsterte Frau von Breitenbach etwas zu. "Mit den zweien ist etwas nicht in Ordnung. Schau dir diese Leute an. Dick vermummt, die Knüppel konnten sie kaum halten und sie waren bedacht darauf, dass sie ihren Schäferfreunden nicht zu nahe kommen."

 

Dann rief Otto den zweien zu, dass sie ihre Gesichter und Hände frei machen sollen. Sie taten das dann auch. Unter einem der Kopfbedeckungen steckte eine junge Frau und bei dem anderen handelte es sich um einen Mann, dessen Alter nicht zu schätzen war, denn das Gesicht zeigte übelste Entstellungen. Bei der jungen Frau fehlten an der linken Hand schon die Finger. Frau von Blau kannte das und rief sofort laut aus. "Das ist der Aussatz. Haltet euch entfernt von denen. Ich kenne das aus meiner Reise ins Heilige Land. Dort ist mir der Aussatz sehr oft begegnet. Lasst sie ein paar Schritte zurücktreten und sich auf den Boden setzen. Bewacht sie gut. Sie dürfen nicht flüchten. Sie sollen ihre Wunden wieder bedecken." 

 

Gregor ging auf den am Boden liegenden Anführer zu, brach den Bolzen in seiner Hand ab und zog die beiden Teile aus der Hand heraus. Der Stab, an dem der Mann mit dem Bolzen verbunden war, lag nun frei und Gregor kickte ihn weg. "Kümmert euch um die beiden Kerle, die noch auf die Tiere aufpassen und befragt auch sie, was sie hier wollen und wer sie sind." Konstanze ritt mit einem der Waffenknechte davon, um die beiden Männer zu befragen.

 

"So und nun zu dir Bursche. Wer bist du und was hast du hier zu suchen?" Gregor schaute den Mann von oben herab an und trat nun auf sein verletztes Knie. Der Mann brüllte laut auf, aber Gregor nahm seinen Fuß nicht zurück. "Ich werde meinen Fuß so lange dort lassen wo er ist, bis ich eine Antwort habe. Dauert mir das zu lange, werde ich auch dein anderes Knie zerschlagen. Und jetzt die Antworten, die ich hören will." Wimmernd gab er Antworten, auch auf nicht gestellte Fragen. "Ich bin Johann, einer der Knechte des Kaufmanns, den ihr in Waiblingen gefangen gehalten hattet. Er war mein Herr und wir sollten die Schafe und Ziegen zur Olsenburg bringen. Dorthin sind noch einige Bewaffnete unterwegs und ein Zug mit Ochsengespannen mit Getreide, Wein und Waffen. Vielleicht sind die auch schon dort angekommen. Ich weiß es nicht. Den Auftrag haben wir vor vierzig Tagen erhalten. Wir wurden bei Straßburg aufgehalten, weil der Herr Friedrich dort weilt. Jeder wurde kontrolliert, der über den Rhein wollte und mit den beiden Aussätzigen, die wir nach Waiblingen bringen sollten, wurde es schwer, weiter zu ziehen. Wir befürchteten, entdeckt zu werden. Die Schafe und Ziegen haben wir vor vier Tagen im Neckartal übernommen. Dort warteten die Schäfer auf uns. Die beiden Aussätzigen sollten in eure Stadt mit ein paar Ziegen gebracht werden. Dort sollten sie Ziegenmilch auf dem Markt verkaufen. Die Milch sollte vorher durch ihre verunreinigten Tücher durchgeseiht werden. So sollte die Krankheit in eure Stadt gebracht werden. Die beiden dachten, dass wir barmherzige Menschen seine, die sie nach Lorch bringen würden. Sie kannte die Wahrheit nicht, warum sie mit uns ziehen sollten. Einer meiner Männer sollte ihre Pisse sammeln und sie heimlich in die Brunnen gießen. Wenn sie lange genug unentdeckt dort leben würden, sollte einer der Schäfer ihnen mit dem Dolch die Kehle durchschneiden und verschwinden. Wenn man sie dann entdeckt hätte, wäre die Stadt in Angst und Schrecken versunken. Dann sollten die Braunschweiger von der Olsenburg sie angreifen und alles niederbrennen. Das war unser Auftrag. Und jetzt nehmt den Fuß von meinem Knie, ich bitte euch Herr!"

 

Ottos Gedanken überschlugen sich. Ein teuflischer Plan. Tod, Verderben und Angst wollten sie verbreiten. Der Braunschweiger gab nicht auf oder er kannte die Entwicklung hier noch nicht. Wann würde das aufhören. Der Mann musste an die Staufer übergeben werden. Die hohe Gerichtsbarkeit musste über ihn urteilen.