Kapitel 77

20. August 2016 Ferienwohnung des Gunnar Larson

 

Und wieder hatte man Briefe und Notizen gefunden. In der Presse stand nichts mehr davon, denn man stellte sich sicher zu recht die Frage, woher diese kamen. Das Kloster war doch schon so oft untersucht und renoviert worden und man war der Meinung, dass man alles gefunden hatte, was gefunden werden sollte.

 

Inzwischen war Larson schon so weit, dass er sogar Originale der Fundstücke bekam. Einer der archäologischen Mitarbeiter hatte bereits zwei weitere Briefe des Peter von und zu Bärental mit den Bemerkungen des Otto von Kraz an den anderen Mitarbeitern vorbei geschmuggelt und für einige hunderttausend Euro an Larson verkauft. Larson besaß also Kopien aller Briefe und Notizen und nun auch zwei Originale. Seine Assistentin war begeistert und besorgt, denn wenn man sie mit diesen Briefen erwischen würde, dann waren nicht nur Geldstrafen sicher, sondern auch Gefängnisstrafen. Aber was sie da zu lesen bekam, eröffnete auch bei ihr einen anderen Blickwinkel auf das Mittelalter, aber auch auf die Jetztzeit. Gunar Larson stellte immer wieder die Frage: „Was hat sich geändert, was unterscheidet den modernen Menschen von denen des Mittelalters?“ Ihm ging es an erster Stelle darum, die sozialen Entwicklungen der Gesellschaft zu betrachten, die nur möglich waren, wenn man den technischen, medizinischen und auch den Bildungsfortschritt mit in Betracht zog. War der moderne Mensch ein anderer als der aus dem Mittelalter?

 

Natürlich war er ein anderer, Bildung, Ernährung und der ganze technische Fortschritt eröffneten andere Möglichkeiten. Also welche Parameter konnte er heranziehen, um wirklich einen Vergleich zu führen? „Es geht uns doch allen gut“, diese abgedroschene Floskel diente zu gar nichts. Also  begann er mit den Hierarchien in der Gesellschaft. Bildungsbürger, Machteliten und einfaches Volk. Wer würde in die einzelnen Kategorien hineinpassen? Am einfachsten erschiene ihm der Vergleich des sogenannten einfachen Volkes zu sein. Die Grundbedürfnisse waren ähnlich. Essen und Trinken, Sicherheit, ein klein wenig Luxus, wie der auch immer definiert wurde, Bildung und Gesundheit. Hier war weltweit das Gefälle noch am gravierendsten. Bei den Bildungsbürgern etwas weniger, denn dieser sogenannte Mittelstand entwickelte sich in vielen Regionen der Welt neu und in anderen degenerierte er sehr stark und reduzierte sich ständig. Wobei das offensichtlich nicht wirklich wahr genommen werden wollte. Ja wer gibt schon gerne zu, dass er von einer Kaste in eine niedrigere wechseln musste. Vor allem wenn man der Elite die Bewertung überließ. Eliten, wer oder was oder war das eigentlich? Heute gab es keinen Adel mehr, der wirklichen Einfluss besaß, es gab also die ererbte Machtelite oder die sogenannte akademische Elite, in beiden Bereichen hatte sich die politische Elite etabliert. Fast unangreifbar waren die Parteien und ihre Führung fest in allen gesellschaftlichen Schichten. Egal auf welchem Kontinent, in welchem Land die politische Elite sich etabliert hatte, sie saß meist fest im Sattel. Damit war sie gut vergleichbar mit dem Adel des Mittelalters. Adelsfamilien bekämpften sich wie die Parteien der Moderne. Heute mehr mit Worten, Diffamierungen, Lügen und was man heute noch an Waffen besaß, die unblutig den Gegner in die Knie zwingen konnten. Im Mittelalter hatte man das Eisen, das die Gegner niederrang und wenn man konsequent genug handelte, dann hatte man den auch für immer los. Aber auch zu dieser Zeit war die Propaganda mit negativen Vorzeichen ein probates Mittel, Gegner los zu werden. Man musste sich nicht um Wählergunst oder Ansehen kümmern, wer siegte hatte recht. Wie heute auch, wer siegte und Macht besaß; hatte recht. Am Anfang der Demokratie, als der Adel ersetzt wurde; waren die Methoden noch subtiler als es heute ist. Heute ist man dem Adel näher als noch vor fünfzig Jahren. Selbstgerecht und überheblich meint man heute den Volkswillen interpretieren zu können. Der Einfluss der religiösen Führer wurde im Westen geringer als der im Osten. Religion als Vehikel zur Machterhaltung. Demokratie und Religion passen offensichtlich nicht wirklich zusammen. Heute nicht und im Mittelalter auch nicht. Also was unterscheiden denn die Menschen in ihrer Grundhaltung heute von denen des Mittelalters wirklich? Die Lebensbedingungen aller haben sich durch den technischen Fortschritt sicher verbessert, aber das war nicht unbedingt den Eliten alleine zu verdanken. Und welchen Preis zahlen und zahlten die Menschen für all den Fortschritt. Die Kriege wurden monströser, die schon sehr fragwürdige menschliche Gemeinschaft verlor immer mehr ihre Menschlichkeit, Reiche wurden reicher und die Armut immer größer. Viel Kraft wurde darauf verwendet, Armut zu verstecken, sie zu leugnen. Fast lächerliche Vergleiche wurden als Entschuldigung herangenommen, um die Armut zu glorifizieren. Uns geht es doch so gut im Vergleich zu...was? Lars fragte sich, ob es überhaupt sinnvoll wäre, Kontinente miteinander zu vergleichen. Armut in Europa ist nun mal anders als in Afrika oder Asien. Deshalb muss sich ein Armer in Europa doch nicht entschuldigen, dass es ihm besser geht als Menschen in afrikanischen Hungerregionen. Den Menschen im Mittelalter fehlte dieser regionale Vergleich. Der Hunger, die Würde, die Ängste waren da und niemand sagte ihnen, dass es anderen noch schlechter ging. Sie hörten nur, dass sie es verdienten oder dass das eine Strafe Gottes sei für sündiges Handeln und Denken. Also um Erklärungen war man nie verlegen, um klar zu machen.

 

Lars diskutierte das alles sehr gerne mit seiner Assistentin, manchmal war auch sein Leibwächter und Chauffeur dabei. Ein Mann ohne akademische Bildung, sondern mit einer einfachen Ausbildung beim Militär und ein guter Handwerker. Der hatte eine teilweise andere Sichtweise auf die Dinge des Alltags. Er war derjenige, der den Anstoß gab, dass Lars seiner Idee zur Betrachtung und Analyse des Mittelalters eine andere Richtung gab. Wie viele Menschen partizipieren heute und im Mittelalter von der Leistung eines Bauern. Durch die Arbeitsteilung waren es heute mehr als im Mittelalter, ja das war sicher. Aber wenn man die Administration betrachtete, dann waren das heute wesentlich mehr. Kontroll- und Entscheidungsorgane überall. Überbordende Parlamente, ihr ganzer Anhang, Verwaltung bis zur Bananenschalenverwertung, so sagte der Mann. Diese Fragen sind nicht unberechtigt. Ist die Welt deshalb wirklich gerechter geworden? Oder dient das alles eher zum Selbstzweck und Puffer zu den Entscheidern? Hier brach Lars dann jegliche Diskussion ab, denn er hatte darauf einfach keine Antwort. Also konzentrierte man sich wieder auf die Anpassungsfähigkeit der Blauzahnleute auf das Jahrhundert, in das sie geschickt wurden. Dass vor allem die sogenannten alten Männer wieder zur Höchstform aufliefen war nicht verwunderlich. Hier ging es ums Überleben, für das sie selbst verantwortlich waren und was sie in ihren Köpfen aus der Jetztzeit mitgenommen hatten. Nur eine starke Gemeinschaft sicherte dem Einzelnen das Überleben und die musste funktionieren.

 

Lars war der Meinung, dass er unbedingt noch mehr Informationen aus dem Mittelalter benötigte. Den Brief des Peter von und zu Bärental, zur Schlacht am Strand auf Gotland hatte er noch nicht bekommen, der war noch weit von seinem Ziel entfernt und Otto von Kraz wusste noch nicht, dass es seinem Freund genau so ergangen war mit ihm. 

 

1. September 1216 Gotland

 

Die ersten Männer und Fuhrwerke hatten den Strand schon verlassen. Erik, Peter, Claus von Olsen und Jorg Jorgssen wanderten noch einmal über den Strand. Sie wollten so wenig wie möglich Spuren einer Schlacht und des Tötens hinterlassen. Niemand sollte ihnen nachsagen, dass sie Männer des Königs getötet hatten. Einen Konflikt mit dem König wollten sie nicht, obwohl er ihn schon heraufbeschworen hatte. Die Drachen waren mit dem erbeuteten Boot und allem, was sie den Kriegern abgenommen hatten, schon auf dem Wege zur Bucht bei Olsens Turm. Die Verwundeten hatte man auf Karren geladen und sie waren auf dem Wege zur Blauzahnsiedlung. Lars war mit Steffen und seiner Frau auf dem Wege nach Visby. Sie wollten herausfinden, ob man dort etwas über die Drachen des Königs wusste und ob jemand sie beobachtet hatte.

 

Am Strand fanden sie nichts, außer Holzsplitter, Reste von Lagerfeuern und noch ein paar getrocknete Blutlachen, die der Sand oder der Fels noch nicht ganz hat verschwinden lassen. Dann wanderten sie los. An den Gräbern ihrer Leute vorbei, die hier ihr Leben gelassen hatten, an den Gräbern der beiden Brüder und der Bäuerin, die sich das Leben genommen hatte. Allen erschienen die Gesichter der Freunde, mancher glaubte noch einmal das Lachen eines Freundes zu hören. Es war vorbei, das Leben ging weiter, die Natur ließ sich nicht aufhalten, so wie die Sonnen einfach weiter zog, als ob nichts geschehen sei.

 

In der Blauzahnsiedlung und den Höfen leckte man sich die Wunden und begann wieder Alltag einkehren zu lassen. Am Sonntag, dem 4. September 1216, nach der Messe die Gregorius in der großen Halle abgehalten hatte, setzten sich Lars, Erik, Peter, Melanie, Sophia und Birgit zusammen. Sie berieten, wie sie mit der Nachricht umgehen sollten, dass der König und einige der Jarl sie vernichten wollten und warum sich offensichtlich auf der Bürgermeister oder einflussreiche Kaufleute aus der Stadt daran beteiligten. Sie waren erfolgreich bei Produktion und Handel. Sicher hatte ihnen auch der Fund des Schatzes in der versteckten Kammer im Haus zu mehr Reichtum verholfen. Sie waren im Vergleich zu vielen andern Menschen reich, aber der Reichtum gehörte der Gemeinschaft und nicht Einzelnen und sie setzten ihn ein, um sich abzusichern, andern in Not Geratenen zu helfen. Keiner in der Siedlung und in den Höfen protzte mit dem Reichtum oder verlor sich im Wohlleben. Alle arbeiteten in den Siedlungen und sorgten füreinander. Sie waren keine wirkliche Gefahr für andere, vielleicht Konkurrenten, aber ob sie ernsthaft andere vom Markt drängen konnten? Sie fanden keine Antwort.

 

Dann berieten sie noch wegen den jungen Frauen, die sie bei sich aufgenommen hatten. Diese fünf mussten in ihre Gemeinschaft integriert werden. Die Frage, die ihnen noch keiner gestellt hatte, ob sie das überhaupt wollten, musste zuerst beantwortet werden. Man konnte sie nicht einfach nach Hause schicken oder sie gar dorthin bringen. Solche Reisen waren teuer und deshalb nicht zu machen. Jacober, der neue Sklave, der bei Nadine diente, war willig und zeigte in der so kurzen Zeit, seit er bei ihnen war, dass er bereit war, sein Schicksal anzunehmen. Was Peter von und zu Bärental und auch Melanie große Sorgen bereitete, war die Tatsache, dass sie ohne zu bauen und die Lebensmittelvorräte zu vergrößern niemanden mehr aufnehmen konnten. Alleine die Bewaffneten, die Claus von Olsen bei sich zusätzlich aufgenommen hatte, waren eine Belastung für ihre Vorräte. Der Fischfang wurde zwar schon ausgeweitet, aber das reichte bei weitem nicht aus. Sie mussten noch einmal auf Handelsfahrt gehen um Lebensmittel zu kaufen oder einzutauschen. Es musste schnell gehen und die Knorr musste noch hergerichtet werden. Der kleine Drachen, den sie erbeutet hatten, wurde bereits umgebaut, dass keiner ihn wiedererkennen konnte und die Knorr sollte nach der Handelsfahrt in die Lettische Küste auch umgebaut werden. Sie sollte nicht wiedererkannt werden. Es wurde ein neues Wappen ersonnen. unter dem nun alles zu erkennen war, was zu den Blauzahnleuten gehörte. Ein Rad mit sechs Speichen und in jedem der Zwischenräume der Speichen sollte ein kleines Symbol sein. Eine Bärentatze, ein Schwert, ein Hammer, ein Segel und eine Waage. Die Bärentatze für Kraft, das Schwert für Wehrhaftigkeit, der Hammer für die Arbeit, das Segel für den Handel und die Waage für Gerechtigkeit und Gleichheit. War das das Zeichen für eine neue Zeit? Wohl kaum, denn die Zeichen sprachen alle gegen die Blauzahnsiedlung. Wer die Macht hatte, glaubte sich im Recht zu befinden. Also mussten sie so wehrhaft wie möglich sein und das bedeutete auch einen gewissen Machtanspruch geltend zu machen. Wer Handel und Gewerbe betrieb, musste sich auch gegen Mitbewerber durchsetzen und das ging meist nicht ohne Gewalt. Abschreckung hatte nur eine kurze Zeit Wirkung und dann kam die Konfrontation. Aber wie sollten sie sich zur Wehr setzen, wenn es soweit war? Sie waren stark und hatten bisher immer Glück gehabt, sich gut zu verteidigen. Aber nun hatten sie einen König gegen sich. Claus von Olsen holte alle wieder aus ihren Gedanken, Bedenken und Ängsten zurück. Aufgaben zur Bewältigung dieser Krisen mussten verteilt werden. Peter der Bärentaler sollte sich um die Höfe und die Verteilung der Menschen auf die einzelnen Plätze kümmern. Claus von Olsen wurde für die Verteidigung zuständig, Melanie und Sophia sollten sich um Gesundheit und Lebensmittel in den Siedlungen und Höfen kümmern. Lars und Erik sollten noch eine Handelsreise machen. Waffen und Gold hatten sie genug, um Handel zu treiben.

 

Birgit, Steffen, seine Frau Merit, die Jarl Gund sowie Jorg Jorgssen sollten sich darum kümmern, dass sie alles an Informationen sammeln konnten, das sie betrafen. Ein Netz von "Freunden" sollte aufgebaut werden, um rechtzeitig alle Entwicklungen in Visby, auf der Insel und auch an einigen Handelsplätzen, die nicht auf der Insel waren, besser überwachen zu können und Entwicklungen zu sehen, die gegen sie gerichtet sein könnten. Frauen waren für das Spinnen von Netzen doch besser geeignet als Männer. Die Jarl und Merit waren vor allem hier im Norden in das System hineingeboren und kannten sich gut bei einigen Sippen aus. Birgit hatte gute Verbindungen nach Hammaburg, Steffen war ein begnadeter Redner und ein Mann, dessen Wandungsfähigkeiten enorm waren. Jorg Jorgssen hingegen war einer, der mit wenig Bedenken und Ängsten Notwendigkeiten erledigte. 

 

Die drei Drachenboote waren schnell bereitgemacht und bemannt und schon am 6. September gingen sie in See. Ihr erstes Ziel war Lübeck, das Zentrum für Ost und Nordseehandel. Hier wollte man zuerst versuchen, die Waffen aus den Kämpfen, die man erobert hatte, auf den Markt zu bringen. Wichtig war, dass sie genügend Getreide wie Roggen und Weizen für ihre Handelswaren bekamen. Um den Transport zu sichern, hatten sie Fässer und Säcke mitgenommen. Als weiteres Handelsgut wollten sie Pflanzenöl und auch Fischöl einhandeln. Bienenwachs und auch Honig waren begehrt, aber nicht in Lübeck zu bekommen, dafür mussten sie nach Lüneburg. Dort gab es von den Slawen produzierten Honig und Salz. Drei Tage dauerte es von Lübeck nach Lüneburg, zu Pferd oder auch mit einem Pferdewagen. Ende September wollten sie auf Gotland zurück sein.

 

Jorg Jorgssen, Birgit und zwei Hörige wurden nach Visby geschickt, um von dort mit einem Kaufmannschiff nach Schweden zu reisen. Da sie am Königshof und der Umgebung des Königs sicher nicht bekannt waren, sollten sie sich dort in der Nähe aufhalten, um zu erfahren, was man gegen die Blauzahnleute weiter unternehmen wollte. Die Jarl Gund wurde mit zwei Reitern losgeschickt, um auf der Insel nach möglichen Informationsquellen für sich oder auch der ihrer vermeintlichen Gegner zu suchen. Steffen und Merit würden mit den Drachen mitreisen, um von Lübeck aus nach Schwerin zu reisen. Mit guten Pferden konnten sie in zwei bis drei Tagen den Ort erreichen. Schwerin war der Ausgangsort für die die Christianisierung und auch eine Zwischenstation der deutschen Ordensritter für die Wege von und in den Osten. Zudem ein sehr beliebter Handelsplatz. Hier konnte man sicher einiges an Informationen erhalten, die man vielleicht benötigte. Die beiden würden von vier Bewaffneten begleitet wurden. Sie sollten als Rechtsgelehrte mit Frau und Gefolge ihre Reise beginnen. Solange Steffen und Merit unterwegs waren, würden Erik und Lars Handel treiben. Sie wollten am 3. Oktober 1216 zurücksegeln. Der kleine Drachen sollte dann entlang der Schwedischen Küste zurücksegeln und Birgit, Jorg Jorgssen mit den Hörigen bei Sölvesborg wieder aufnehmen.