Kapitel 76

3. Juli 1216 Mitternacht am Neckar

 

Gregor von Büren, Otto von Kraz zu Wipplin und der Stauferbastard saßen alleine am Feuer, das man ihnen unterhalb der Felsen im kleinen Wäldchen gemacht hatte. Was ihnen von Otto, dem Staufer berichtet wurde, barg nichts Gutes. Der Braunschweiger schickte ihnen Söldner auf den Hals, um Unruhe zu stiften. Finanziert wurde das von Mailändern und vom Französischen König, das hatten sie von dem Kaufmann erfahren. Die Frage die sie sich stellten war einfach. Waren das alle, die hier für Unruhe sorgen sollten oder gab es noch mehr? Und was brachte es die Bauern und Kaufleute auszurauben? Der Adel konnte sich leicht wehren. Erschlugen sie die Bauern, dann gab es einfach ein paar weniger. Otto brachte aber ein, dass sie vor allem die Mühlen und Bauern, die Getreide angebaut hatten überfallen hatten, sie hatten selten wirklich reiche Bauernhöfe oder kleiner Burgen angegangen. Sie wollten eine Hungersnot auslösen. Aber auch die traf vor allem die Landbevölkerung und die Städte. Hungersnöte gab es schon öfters und es hatte sich nichts geändert. Also wer oder besser gesagt wie wollten sie Unruhen hervorrufen, die den Staufern schaden sollten?

 

Es kam nur eine Macht in Frage, die auf so raffinierte Weise dem Land der Staufer und ihrem Fürsten schaden konnten. Nur der Papst war in der Lage so ein feines Spinnennetz dafür zu weben. Klöster, Kirchen, Kirchenfürsten waren im Lande gut verteilt und standen in Verbindungen zueinander. Wenn das stimmte, dann würde diese Niederlage hier nicht viel ändern. Und was sollten sie nun mit den Gefangenen machen? Lösegeld bekamen sie sicher für keinen der Männer, möglicherweise für die beiden Cousins des gefallenen Anführers, aber die anderen waren alles arme Hunde, von Grund auf verdorben und nutzlos. Man musste sie alle unschädlich machen. Das Wie konnte keiner sagen, oder wollte es nicht tun. Otto von Steinfeld stellte seinen beiden Beratern genau diese Frage. Gregor von Büren begann mit der Aufzählung von Fakten, die eine Entscheidung herbeiführen sollte. "Bei den Söldnern haben wir zweiundzwanzig Tote, fünfundzwanzig Verletzte, davon sind mindestens acht so schwer, dass sie nicht mehr lange leben werden und sechs die nie wieder ein Schwert oder gar einen Pflug in die Hand nehmen konnten. Der Rest wird sich mehr oder weniger in ein paar Tagen wieder soweit erholen, dass sie sich auf eigene Beinen davon machten könnten. Fünfzehn Gefangen sind unverletzt und wie man mit sagte, werden fünf Männer und sechs Geiseln noch vermisst. Wir haben dreißig Pferde erbeutet, sechs weitere mussten wir wegen schweren Verletzungen töten und auf dem Schlachtfeld haben wir vier tot aufgefunden. Sieben Geiseln haben wir im Lager der Söldner gefunden, drei Frauen und vier junge Männer. Vier Fuhrwerke konnten wir unbeschädigt erbeuten. Und Waffen für mindesten einhundert Männer haben wir ebenfalls erbeutet. Zudem Kochgeschirr und sehr viel Silberzeug und etwas Gold. Dokumente in einer Kiste, die aber bisher niemand von uns gelesen hat. Die meisten der Männer die noch laufen können sind Leute aus der Gascogne und Normannen. Die Toten und schwer Verletzen kommen alle aus dem Norden. Dänen und auch dem Land des Braunschweigers. Die wussten wohl, dass sie hier nicht überleben würden und kämpften deshalb besonders wagemutig und sind doch sinnlos gestorben. Ich werde morgen mit den Befragungen beginnen und dann werden wir entscheiden, was mit denen geschieht. Ich schlage vor, dass wir getrennt vorgehen. Otto und ich übernehmen die Gesunden zur Befragung und zuerst werden wir und die Cousins des Perceval de Havan vornehmen. Dann sehen wir weiter." Otto der Staufer nickte zum Zeichen seiner Zustimmung. Dann versuchte jeder der nicht zum Wachdienst eingeteilt war zu schlafen. Immer mehr wurde es Otto und auch Gregor bewusst, wie wichtig Hunde oder auch Wölfe waren, wenn es darum ging nächtliche Unruhen zu beobachten. Der Herr Graf legte sich neben Otto von Kraz Heulmama mit ihren Welpen ein paar Schritte weiter auf den Boden.

 

In dieser Nacht passierte nichts, außer dass noch sechs Männer an ihren Verwundungen starben. Fünf von den Marodeuren und einer aus dem Gefolge des Staufers. Nur wenige konnten sich ausruhen in dieser Nacht, aber trotzdem begann das Leben wieder beim Morgengrauen im provisorischen Lager zu pulsieren.

 

Alle Gefangenen bekamen Wasser und etwas Brot aus ihren eignen Beständen. Kaum war die Sonne ganz aufgegangen begannen Otto von Kraz und Gregor von Büren mit der Befragung der beiden Cousins des ehemaligen Anführers. Sie erzählten bereitwillig alles was sie wussten. Gerog und Parasin beiden trugen den Namen ihrer Familie Polemb waren Ritter aus niedrigem Adel aus der Gascogne. Sie hatten für Raimunds VI vor Toulouse gekämpft mussten aber 1214 fliehen, nachdem sich ihr Fürst nach England abgesetzt hat. Dieser Kreuzzug in der Languedoc war von so viel Grausamkeit geprägt, dass sie die Erinnerungen daran immer wieder verfolgten und sie selbst diese dann begannen auszuleben. Sie wurden von Männern des Königs Philipp II im Herbst 1215 gefangen genommen konnten aber fliehen und landeten am Hof des Braunschweigers, wo sie ihren Cousin trafen. Der verhandelte gerade mit Vertretern der französischen Kirche, die den Papst vertraten, dem Braunschweiger und einem Gesandeten aus Mailand über die Störung des Handels mit dem Stauferland im Schwäbischen. Ein Geflecht von Agenten und Mittelmännern wurde gewoben und man begann Söldner an zu werben. Vor allem unzufriedene Gascogner und Normannen gab es genug, nachdem sie von Ihren Lehnsherren für geleistete Dienste keinen Lohn erhalten hatten und man ihnen alles Plünderungsgut abgenommen hatte. Ihnen wurde ein Lager bei Straßburg am Rhein zugewiesen, wo sie sich sammeln konnten und eine Rückzugsort in einem Dorf bei Metz, das der Herr Perceval de Havan als Lehen erhielt. Ein Händler aus Mailand und einer aus Straßburg wurden bald gefunden, sie sollten die wertvollen Güter aus den Plünderungen aufkaufen und wegschaffen. Die Söldner sollten sich nicht mit dem Transport von irgendwelchen Dingen beschäftigen, sie sollen mit Gold und Silberstücken entlohnt werden. Zudem sollten und konnten sie auch Gefangen machen die man als Sklaven verkaufen konnte. Vor allem die Islamischen Gebiete in Spanien hatten hohen Bedarf an hellhäutigen Sklaven und waren bereit viel Gold dafür auszugeben. Dafür gab es bereits einen Handelsweg von Straßburg über Basel, Lyon bis nach Marseille. Dort wurden die Sklaven mit Schiffen nach Spanien gebracht. Die Muslime waren an kräftigen Knaben und vor allem blonden Mädchen oder Frauen interessiert. Also bekamen sie die auch. Seit dem Frühjahr des Jahres waren sie nun hier im Schwabenland, vorher waren sie  rund um die Stadt Ramstein, das von Friedrich II bereits zu seinem Stammland zählte. Aber dort hatte man wenig Verständnis für sie und in einer kleiner Schlacht wurden sie von den Bauern und Handwerkern und einigen Söldnern aus der Pfalz von Kaiserlautern vertrieben. Das Land war nicht besonders ergiebig für Raubzüge und deshalb wurden sie beauftragt rund um Waiblingen und Lorch ihr Unwesen zu treiben. Ziel war es, dem Staufer die Stammburg zu zerstören und die Gebiete rund herum zu verheeren. Man schickte Söldner los, die sich von den Männern auf der Burg anwerben lassen sollten oder zur Wache in Waiblingen stoßen sollten. Alles gelang ihnen, aber durch die Aufmerksamkeit dieser Leute rund um den Herrn von Kraz wurde alles zu nichte gemacht. Otto von Büren stelle dann noch einige Fragen, die eher nicht so zu ihm passten. "Habt ihr kein schlechtes Gewissen, dass ihr als Christenmenschen andere Christen als Sklaven den Feinden unseres Glaubens verkauft habt? Wir befinden uns nicht im Krieg, also seid ihr Räuber und werdet alle hingerichtet. War euch das nicht bewusst? Egal wie viel Männer es sind, die sich gegen den Staufer und gegen die Menschen im Schwabenland wenden, es muss doch jedem klar gewesen sein, dass es irgendwann mal ein Ende haben musste?" Gerog, der klügere von beiden schaute Otto an und dann Gregor. "Doch, wir waren wie Räuber, Marodeure, eine Mörderbande und wir wussten, dass wir rechtzeitig verschwinden mussten, bevor man eine Armee gegen uns schickt. Die Männer hier bis auf ein paar wenige, waren uns egal, uns reizte das Gold, das man uns versprochen hat. Und man darf nicht vergessen, wir hatten das Handwerk des Tötens nicht alleine von unserem Herrn gelernt, die Kreuzfahrer haben uns gezeigt wie man Menschen im eigene Land terrorisiert und sie quält. Diese Männer hier, die ihr gefangen genommen habt, waren alles Söldner die von ihren Lehnsherren, Fürsten und Hauptleuten verraten wurden. Heimatlos und ohne eine Idee, wie ihre Leben weitergehen sollte. Sie waren willige Männer, die man einfach auf der Straße aufsammeln und ihnen eine vermeintliche Heimat bieten musste. Wir, mein Cousin und seine Kämpfer waren ihre neue Heimat. Wir waren nur noch Werkzeug eines kämpfenden Handwerkers. Und alle wussten, dass sie besser nicht die Waffen strecken sollten und doch haben sie es jetzt getan. Es ist genug, hängt uns alle auf und hört auf, uns mit langen Reden ein wenig Hoffnung auf Leben oder Erlösung zu geben." Sein Bruder Parasin hob die Hand. "Ihr Herren, ich möchte nicht für mich um Gnade bitten. Mein Bruder hat hier freimütig darum gebeten uns alle auf zu hängen. Ich bitte euch um die Männer aus der Gascogne. Es sind treue und einfach Männer, sie haben gekämpft aber beim Mordbrennen haben sie sich zurückgehalten. Die Weiber waren auch nicht sicher vor ihnen, aber sie haben keiner den Hals aufgeschlitzt. Und beim Fangen von Sklaven konnte man sie nicht einsetzten, die wollten das nicht und haben sogar ein paar mal die Befehle missachtet. Peitsche sie aus aber lasst sie leben und schickt sie dann nach Hause sofern sie eine Heimat haben." Fast hätte Otto und Gregor diesem rührseligen Reden einfach nachgegeben, aber ihre Wut auf alle Marodeure war zu groß und sie wollten auch keine Entscheidung ohne ihren Herrn, den Staufer treffen.

 

Richard, Alfrad und Heinrich hatten sich derweilen ein paar der anderen Gefangenen vorgenommen. Die meisten waren erfahrene ältere Kämpfer, die man immer wieder verkauft hatte. Mal kämpften sie für England, mal für Frankreich in den Kreuzzügen im Süden gegen die Albigenser. Da gab es immer weniger zu erbeuten und so schickte man sie einfach weg. Ein Ritter des Braunschweigers nahm sie dieser Männer an und führte sie nach Minden. Dort wurden sie von einem Grafen der Welfen angeworben und durften weiter nach Braunschweig. Unterwegs machten sie schon ein paar Beutezüge aber und ihr Anführer hielt sie oft zurück und deshalb waren das keine erfolgreichen Geschäfte, denn sie kamen nur an armen Gehöften vorbei und die Städte waren zu gut befestigt.

 

Sie mussten eine Entscheidung treffen, die Unruhe bei den Gefangenen wurde immer größer. Otto der Stauferbastard lies zur Abschreckung zwei der verletzten Söldner hinrichten. Diese wären so wie so an ihren Verletzungen gestorben, aber das war in diesem Moment nicht wichtig. Das wirkte eine Zeit lang beruhigend auf die Gefangenen.

 

Kurz vor dem Mittag diesen Tages rief der Staufer seine Leute zur Beratung zusammen. Bevor sie sich besprachen wurde vor seinem Zelt, das in Sichtweite aller aufgestellt war Tische aufstellen und Speisen und Getränke auftragen. Die Männer der Staufer wurden ebenfalls gut versorgt und alle Gefangenen bekamen Wasser und etwa Brot, mehr nicht. Hiermit wollte der Steinfelder seinen Machtanspruch sehr klar demonstrieren. Zudem wies er an, dass so wenig Gewalt wie möglich gegenüber den Gefangenen angewendet werden solle. Er wollte einfach sehen, wie sich die Männer verhielten. Dass er bereits eine Entscheidung getroffen hatte, wusste niemand. Er wollte einfach nur die Meinung von Otto von Kraz, Gregor von Büren, Heinrich und Richard wissen. Alfrad stand dabei, offensichtlich hatte er eine neue Funktion bekommen. Er durfte zuhören aber sich nicht äußern.

 

Gregor und Heinrich waren sich einig, da es sich bei den Gefangenen um keine im Kriege festgenommen handelte, sondern um eine Räuberbande, durfte und konnte man sie alle hängen. Was allerdings auf Grund der Anzahl schwierig sein dürfte und man mit einem Aufstand der Männer rechnen musste. Otto und Richard wollten, dass nur eine Anzahl zur Bestrafung herangezogen werden und ein Teil der Männer ihre verwundeten Kammeranden unter Bewachung das Land verlassen mussten. Der Stauferbastard hörte sich alles schweigend an. Dann sprach er. Er hob seine Hand, sodass all schweigen sollten. Alle sahen diese Geste, dass er nun leise mit seinen Beratern sprach, machte alle im Lager etwas nervös. "Wir können nicht alle aufhängen, aber wir können auch nicht alle leben lassen. Eine Bestrafung muss sein. Unter den Gefangenen sind einige gute Kämpfer, die wir für uns nutzen sollten. Die Männer aus der Gascogne werden unter Bewachung weggeführt und ich mache ihnen ein Angebot. Ein halbes Jahr ohne Sold aber mit Verpflegung müssen sie mir dienen, dann nehme ich sie in die Reihen meiner Männer auf. Wer das dann nicht will muss ohne Waffen gehen. Mit den Normannen sollten wir ähnlich verfahren, die sollen aber zur Olsenburg gebracht werden und dort ihren Dienst ableisten. Das gleiche Verfahren wie bei den Gascognern. Richard und Heinrich sind dafür verantwortlich. Ich habe heute Nacht schon einige Leute durch Alfrad befragen lassen. Da sind ein paar wirklich üble Nichtsnutze dabei, die zu viel Spaß am Töten haben. Die werden gehängt wie auch alle Männer aus Braunschweig. Der Rest der Männer wird unter Bewachung mit den Verwundeten über die Grenze nach Frankreich geschickt. Jeder bekommt ein Messer, etwas Brot mehr nicht. Zwei Karren und vier Pferde zum ziehen bekommen sie, damit die Verletzten transportiert werden. Das soll diese Marodeure daran erinnern, was ihnen passiert, wenn sie hier einen Kriegszug beginnen. Und ich hoffe wenn sie das Land verlassen haben, ist das auch ein Zeichen an den französischen König, dass er hier nicht zu suchen hat. Die beiden Cousins kommen in den Kerker der Olsenburg und ich werde dem Braunschweiger einen Boten schicken, das er sie freikaufen kann. Was er nicht tun wird. Aber er weiß dann, was hier geschehen ist. Unseren Herrn Friedrich werde ich ebenfalls eine Nachricht zusenden, dass er die Mailänder nicht mit Samthandschuhen anfassen soll."

 

Und so wurde verfahren. Als die Normannen und die Gascogne weg waren, stellte man zwei Galgen auf, einige feste Äste an Bäumen wurden auch mit Stricken versehen und dann wurden die Männer geholt, die gehängt werden sollten. Um einen Aufstand und üble Unruhen zu vermeiden, ließ der Staufer das Urteil durch einen Herold verkünden. Die zum Strang Verurteiten wurden mit Waffengewalt abgeführt. Vierzehn Männer wurden gehängt und verkleinerten damit die Summe der lebenden Gefangenen. In der kommenden Nacht starben nochmals zwei der verletzten Gefangenen und einer der Männer des Staufers.

 

Am 5. Juli 1216 wurden die verwundeten und gesunden Marodeure auf die Reise geschickt. Acht Knechte und drei Ritter begleiteten sie. Ihre Aufgabe war es, sie bis zum Rhein zu geleiten und sie dann ihrem Schicksal zu überlassen. Drei weitere Karawanen zogen dann vom Neckartal ihren Zielen zu. Nach Waiblingen, Kloster Lorch und zur Olsenburg. Da Otto von Kraz in seinem Zug nur drei leicht Verletzte hatte, kamen sie schneller voran als die anderen. und waren schon am späten Nachmittag in Waiblingen. Das Wiedersehen mit Gregor und Frau von Blau war etwas zu überschwänglich und Frau Konstanze musste die beiden um etwas mehr züchtiges Verhalten bitten. Ihren Sohn empfing sie allerdings auch mit sehr viel Freude. Lorentz wurde von allen Damen, die sich im heiratsfähigen Alter befanden, ebenfalls freudigst empfangen. Und Otto von Kraz überbrachte die Grüße des Staufers an Konstanze. Er wollte sie in den nächsten Tagen aufsuchen.