Kapitel 74

3. Juli 1216 später Nachmittag in den Neckarauen

 

Von den Steilhängen oberhalb des Wäldchens, wo sich das Lager der Plünderer befand, flogen kleinere Felsbrocken nach unten ins Lager. Das Laubwerk war nicht so dicht, wie es sich der eine oder andere gewünscht hätte. Pfeile wurden von oben geschossen und auch ein paar Speere folgten den Pfeilen und der eine oder andere unten wurde getroffen. Schlimmer waren aber die Steine, die man inzwischen nicht mehr direkt nach unten warf, sondern auf die Felswand, wo sich sehr viel loses Gestein befand und von der sich immer wieder Geröllmassen lösten und nach unten stürzten. Das trieb die letzten Männer, die sich dort sicher wähnten, nach draußen auf die Uferwiese.

 

Die Männer, die sich dem kleinen Wäldchen näherten, wo sich Otto und die Seinen verborgen hielten, wurden mit Speeren und Pfeilen empfangen. Man konnte die Bogenschützen kaum sehen, denn die untergehende Sonne hatten sie im Rücken und der Wald war sehr dicht. Sie kamen bis auf zwanzig Schritte an den Waldrand heran, dann stoppte der Angriff. Nur fünf der Angreifer hatten Schilde, die sie zu ihrem Schutz einsetzen konnten, alle anderen waren dem Beschuss fast hilflos ausgeliefert, als dann noch die ersten Pfeile der Schützen vom Felsen oben trafen, brach der Angriff zusammen und die Männer zogen sich zurück. Nun waren sie gefangen in einer eigentlich sicheren Position. In den Wald hinter sich konnten sie nicht, da sie dort von Steinen oder Felsbrocken getroffen werden konnten. Nach rechts ging auch nicht, denn dort waren ebenfalls Männer verborgen, die sie mit Pfeilen und Speeren bedrohten. Nur der Weg über die Wiese, am Sumpf vorbei oder über den Neckar blieb ihnen übrig. Dort lagen nur zwei kleine Boote und ein Floß, das vielleicht zehn Männer und ein oder zwei Pferde aufnehmen konnte.  Aber der Neckar war hier sehr schnell und eine Flucht übers Wasser war hier gefährlich, wenn man nicht wusste, wie man die Strömung ausnutzen konnte. Also sammelten sich die Marodeure vor dem Wäldchen, Pferde wurden gesattelt und etwas mehr als zwanzig Reiter machten sich für einen Angriff bereit, etwas mehr als dreißig Männer bildeten einen Keil und marschierten in der Mitte der Wiese gegen Südwesten auf die Männer, die Otto von Steinfeld um sich gesammelt hatte. Kurz bevor die Krieger, die den Keil bildeten, das Schussfeld der Bogenschützen auf dem Felsen und im Wäldchen verlassen konnten, wurden sie noch einmal von zwei Salven angegriffen und dabei verloren sie sieben Kämpfer.

 

Nun sammelte Otto von Kraz seine Kämpfer um sich. Die oben auf den Felsen ließen sich an Seilen ins Tal hinunter. Am Waldesrand waren nun mehr als zwanzig Männer versammelt, die die Plünderer von links hinten angreifen konnten, vor dem Keil und der Reiterei hatte sich Otto von Steinfeld mit fast dreißig Rittern und Knappen zu Pferd versammelt. 

 

Immer wieder flogen Pfeile von hinten in den Keil der Fußkämpfer hinein und verwundeten oder töteten einen Bewaffneten.

 

Dann folgte der Angriff Otto von Steinfelds. Die Entfernung betrug fast zweihundert Schritte und Otto sorgte dafür, dass seine Formation weit genug vom Sumpf entfernt auf die Feinde treffen würde. Auch die Linie des Otto von Kraz bewegte sich nun langsam auf den Feind zu.

 

Die Reiterei traf zuerst aufeinander. Aus den einzelnen Rufen von Männern und den gedämpften Lauten der Hufen auf der Wiese wurde schlagartig ein Lärm, der aus der Hölle zu kommen schien. Eisen auf Eisen, schmerzhafte Schreie von Männern, das panische Gewieher von Pferden erfüllte die Luft. Otto von Kraz sah, dass einige der Ritter des Staufers durch die Reiterei ihrer Gegner durchgebrochen waren und sie nun von hinten attackierten.  Die Söldner, die im Keil waren, hatten den Ort des Kampfes noch nicht erreicht und so war es am Anfang nur ein Gefecht Reiter gegen Reiter.

 

Dann lösten sich aus dem Keil etwa zwanzig Männer und bildeten eine Linie gegen Otto von Kraz. Der Rest des Keils änderte seine Formation und bildete eine Linie gestaffelt nach zwei Treffen. Die vorderen Kämpfer gingen Schild an Schild auf die kämpfenden Reiter zu, dahinter waren Männer mit langen Spießen und Speeren. 

 

Die Beherrschtheit, die Ottos Linie zeigte, verunsicherte die Marodeure zusehends. Zwei Kämpfer drängten sich aus den anrückenden Kämpfern, deren Linie immer wieder ins Stocken kam, weil sie immer wieder zurückschauten, wie es denn bei der Reiterei stand.

 

Die Versuche, jemanden zu einem Zweikampf auf zu fordern, misslang. Otto sorgte mit ruhigen Worten dafür, dass sich niemand sich durch die Beleidigungen, die die beiden brüllten, aufgefordert fühlte, einen Kampf anzunehmen. Langsam, mit fast schon gemäßigten Schritten, kamen Otto und die Seinen den Kämpfern und der inzwischen immer lockerer werdenden Line näher. Dann flogen vier Armbrustbolzen auf die zwei Kämpfer zu und strecken sie nieder. Danach stoppten die Waiblinger und verharrten mit vorgehaltenen Schilden. Langsam, fast nicht zu erkennen, bildeten zwölf Kämpfer einen Halbkreis und die Line verkürzte sich, sechs Männer hoben ihre Schilde über die Köpfe der vorderen Männer. Als der Halbkreis gebildet war, traten an den Enden jeweils zwei Armbrustschützen vor und schossen auf ihre Gegner und traten dann sofort wieder in den Schutz der Schilde. Auf diese Entfernung konnten die Armbrustbolzen auch schon einmal ein Schild durchschlagen und den Träger dahinter verletzen oder gar töten.

 

Otto von Steinfeld sammelte seine Männer bei sich und nun trennte er die Reiterei vom Fußvolk ganz. Nur etwa zehn seiner Ritter griffen bewusst an der linken Flanke den Keil an, um weiter zu den Männern zu reiten, die Ottos Kämpfern gegenüber standen. Als sich die zehn dann bei Otto sammelten, waren über die Hälfte ihrer Gegner schon tot oder verletzt am Boden. Die Linie löste sich auf und die ersten versuchten, sich durch Flucht in Sicherheit zu bringen, indem sie auf das Neckarufer zu rannten. Nun war Otto in der Lage, die Linie des Fußvolkes von hinten anzugreifen. Er wollte sich auf keinen Fall in Einzelkämpfe verwickeln lassen, denn die Gegner waren gute Kämpfer, bestens geübt in Überfällen und Abschlachten von Bauern oder auch von Bewaffneten. Aber eine kompakte Einheit, die Otto Männer bildeten, kannten sie nicht und waren dem offensichtlich auch nicht gewachsen. Zudem war der Steinfelder ein guter Anführer, der sich schnell auf seine Gegner einstellen konnte und jede Möglichkeit nutzte, seinen Feinde zu schwächen. Bei der zweiten Attacke auf die Reiterei zeigte sich, wie diese Ritter des Staufers kämpfen konnten. Disziplin und Übung zahlten sich hier aus, einen zahlenmäßig überlegenen Gegner niederzuringen.

 

Otto von Steinfeld suchte seinen Gegner, den Anführer dieser Marodeure und fand ihn auch. Ein Mann in voller Rüstung auf einem Schlachtross, das seinesgleichen suchte. Schild und Schwert zeigten, dass der Mann genügend Geldmittel besaß, um sich bestens zu rüsten. Zwei andere Reiter waren links und rechts von ihm und als die drei dann sahen, dass der Staufer auf sie zuritt, lösten sich die zwei Reiter und galoppierten auf Otto von Steinfeld zu. Einer schwang einen Morgenstern, der andere hatte ein Schwert. Auf ihren Schilden war kein Wappen zu sehen, außer einen roten Punkt genau in der Mitte. Der Punkt war so groß wie eine Männerfaust, der Rest des Schildes war braun. Keine zwanzig Pferdelängen voneinander entfernt gesellte sich Gregor zum Staufer und ein anderer Ritter folgte ihm mit einem leichten Abstand. Beide hatten Lanzen angelegt. Dann fiel der Staufer zurück und die beiden Lanzenträger wichen leicht nach rechts aus und die beiden Gegner ohne Wappen reagierten nicht schnell genug und wurden nun von Gregor und dem Ritter von der Seite mit den Lanzen attackiert. Beiden wurden gleichzeitig aus ihren Sätteln gehoben und stürzten zu Boden. Gregor und sein Begleiter wendeten und zogen sich hinter den nun langsam anreitenden Staufer zurück. Nun waren der unbekannte Anführer der Marodeure und Otto von Steinfeld alleine. Damit hatte der Unbekannte nicht gerechnet. Eine Flucht war nicht möglich, denn vor ihm war der Staufer, links war der Neckar und eine Sumpf und rechts ein sehr dichtes Kampfgetümmel und ein Wald, der für ihn undurchdringlich war. Und hinter ihm ein steiler Hang, er musste sich einem Kampf stellen oder die Waffen strecken. Zudem musste er, trotz geschlossenem Helmvisier, sehen, dass seine Männer immer mehr in Bedrängnis kamen und ein Sieg mehr als unwahrscheinlich war. Wenn etwas geändert werden sollte, dann war es nur sein Sieg über den Staufer. Zwanzig Pferdelängen trennten die beiden. Otto von Steinfeld trabte als erster an, dann der Unbekannte. Jeder der dies sah erkannte sofort, dass hier zwei sehr gute Reiter und Kämpfer aufeinander zuritten. Offensichtlich hatten beide den gleichen Kampfstil gewählt. Schild leicht nach vorne und angewinkelt zum Gegner, das Schwert mit seiner Spitze wie eine Lanze am Schild vorbei dem Gegner zugewandt. Kurz bevor sie sich trafen, begann Ottos Ross leicht zu tänzeln und verlor den Takt des Laufes. Nun kamen beide Pferde genau auf sich zu, bis Ottos Ross mit einem gewaltigen Sprung auf die andere Seite des Gegner kam. Mit einer Körperdrehung, die sehr viel Geschick und Kraft benötigte, war das Schwert Ottos, der auf dieser Seite ohne Deckung war, über seinem Gegner und traf ihn an der Schulter. Trotz des Lärms der Schlacht und der Pferde hörte Otto den Mann aufbrüllen. Sein Schwert landete auf dem Boden und sein Ross wurde langsamer. Otto von Steinfeld wandte sein Reittier und kam von hinten an seinen Gegner. Das Pferd trabte noch leicht bis es stehen blieb, der Unbekannte hatte sein Schild fallen lassen und konnte sich nur sehr mühsam im Sattel halten. Gregor und sein Begleiter kamen hinzu und warteten keine fünf Schritte vor dem Reiter.

 

Dass ihr Anführer den Kampf verloren hatte, verbreitete sich schnell unter den Marodeuren und viele ergaben sich und legten die Waffen nieder. Der Staufer hob seinen Helm ab und rief ein paar seiner Waffenknechte zu sich, sie sollten den Unbekannten vom Pferd helfen.

 

Unsanft wurde der Mann vom Pferd geholt, dann hob einer der Knechte den Helm des am Boden liegenden ab. Otto von Steinfeld war nahe genug, um vom Rücken seines Pferdes aus genau ins Gesicht zu sehen. Lange schwarze Locken wie ein schwarzer Bart umrahmten sein Antlitz. Sichtbar war ein Narbe die sich wie ein roter Strich von der Nase über seinen Mund bis zum Bart am Kinn hinzog. Die Augen hatte der Mann geschlossen, die Lippen presste er aufeinander.

 

Sein Kettenhemd war an der rechten Schulter blutig. "Nehmt ihm das Kettenhemd ab. Ich will seine Schulter sehen!" Die Befehle des Staufers waren an seine Knechte gerichtet. Gregor und der andere Ritter, den er immer wieder Alfrad rief, kümmerten sich derweilen um ihre beiden Gegner, die sie von ihren Pferden geholt hatten. Sie nahmen ihnen die Helme ab und schauten in die Gesichter der Männer. Beiden schienen zu schlafen, denn ihre Augen waren geschlossen. Alfrad beugte sich zu einem der Männer hinunter, um mit seinem Ohr an den Mund zu gelangen. Er wollte prüfen, ob der Mann noch atmete. Kaum war er mit seinem Kopf über dem Mann, da stieß der vermeintlich Schlafende mit einem Dolch auf Alfrad ein und traf ihn am Arm. Der Dolch schrammte über den Schulterpanzer ab, aber der Stoß war kräftig genug, um Alfrad aus dem Gleichgewicht zu bringen. Der Schrei, den Gregor und Alfrad ausstießen, brachten den Herrn Grafen dazu sich von Lorentz zu befreien. Er erkannte Gregors Stimme und rannte los. Da der große schwarze Hund nicht wusste, wer Gregor bedrohte, stellte er sich knurrend vor ihn. Nun war auf Heulmama mit den Welpen zur Stelle, die Fänge der Wölfe waren noch schwarz und rot vom Blut. Mit ängstlich aufgerissenen Augen blieb der Mann mit dem Dolch ruhig liegen. Den Dolch hielt er immer noch in der Hand. Otto von Steinfeld befahl sofort die Wölfe und den Hund zu entfernen und Lorentz kam mit zwei der Waffenknechte aus den Linien des Herrn von Kraz. Ohne Knurren oder Widerstand zu leisten wurden die Tiere weggeführt. " Ihr seht, dass wir Beschützer genug um uns haben. Eure Kehlen sind schnell geöffnet, legt die Waffen bei Seite." Der Dolch fiel auf den Boden, auch der andere Reiter, der noch am Boden lag, versuchte seine Waffe, die er noch trug, von sich zu werfen, aber er war offensichtlich zu schwach dazu. Dann wandte sich Otto der Staufer wieder dem Mann zu, den er vom Pferd gehoben hatte. Inzwischen hatte man ihn vorsichtig von seinem Kettenhemd befreit. Der Arm, den Otto mit seinem Schwert getroffen hatte, hing am Körper und blutete. "Gut getroffen mein Herr, ihr habt im die Schulter gebrochen. Da ist kein Knochen mehr heil. Der wird gegen niemanden mehr sein Schwert erheben." Der Waffenknecht, der das zu dem Staufer sagte, hatte die Schulter nun auch vom blutigen Hemd befreit und man sah, dass Knochen aus der Haut am Schulterblatt gedrückt waren. Es blutete stark, aber die Versuche, den Blutfluss zu stoppen schlugen fehl.

 

Otto stieg von seinem Ross und trat zu dem Mann. Mit einer Handbewegung scheuchte er alle um sich herum weg, dann kniete er nieder. "Wer seid ihr? Habt ihr mir etwas zu sagen?" Der Mann antwortete leise und stockend. "Ich bin Perceval de Havan, ein Ritter aus der Bretagne. König Phillipp August hat mich geächtet, weil ich nicht bereit war, ihm den Treueeid zu leisten. Ich war lange Zeit beim Braunschweiger Otto IV, er hat mich aufgenommen und mir eine Aufgabe übergeben. Der Braunschweiger wollte, dass ich Unruhe im Süden verursache, Hungersnöte herbeiführe und den Staufer ärgere. Die beiden, die hier auf dem Boden liegen, sind meine Cousins. Verschont sie, sie haben mich nur begleitet, sie wissen nicht einmal, warum ich das hier tue. Die anderen Männer sind alles Söldner, die man nicht mehr braucht, weil Johann ohne Land machtlos geworden ist. Engländer, Franzosen und ein paar Männer aus dem Norden des Kaiserreiches. Dazu noch ein paar Mailänder, die uns das geraubte Gut abkaufen und uns auch Aufträge geben. Sie haben in Straßburg eine Handelsniederlassung, mit der wir gemeinsam den Handel mit den Gütern betreiben." Otto spürte, dass der Mann am Ende war und ihm anstatt einem Priester beichtete. Vorsichtig faltete er Perceval de Havan die Hände, die Schmerzen die er dem Manne verursachten, mussten höllisch gewesen seien, denn die Tränen und das durch die die zusammengepressten Zähne hörbare Brummen waren die sichtbaren Anzeichen dafür. Ein Gebet, das der Staufer kannte und laut vor sich hin sprach, beruhigten den Ritter etwas. Dann sprach er weiter, leiser wie vorher. "Man hat mich verraten und im Stich gelassen. Der Händler, der bei mir war, versprach mir Gold für meine Söldner, weil wir nicht sehr viel plündern konnten. Es kam nichts und so sind bereits vierzig meiner Reiter von hier weg gezogen." Seine Augen schlossen sich und er atmete heftig unter Schmerzen ein paar Mal, dann erlosch sein Lebenslicht.

 

Lange blieb Otto von Steinfeld bei dem Ritter knien. Er war sicher kein würdiger Gegner und er war ein Feind der Staufer, aber sein Geständnis war gut und dass er um das Leben seiner Cousins bat, ehrte ihn zum Abschluss doch noch. Der Staufer wusste noch nicht, wie sein Urteil über die Marodeure ausfallen würde, aber er musste nun Entscheidungen treffen.

 

"Holt mir Otto von Kraz und Gregor von Büren. Wir müssen uns beraten. Treibt alle Gefangenen zusammen, entwaffnet sie, die Gesunden werden gebunden. Gebt ihnen nur Wasser, aber keine Nahrung, bis ich anders entscheide. Alle Waffen, die ihr findet, werden bei der Linie des Otto von Kraz niedergelegt. Richard und Heinrich, ihr übernehmt solange, ich berate das Kommando. Macht Feuer an, es wird dunkel."

 

Dann ging er alleine in Richtung des Wäldchens, wo seine Feinde ihr Lager hatten.