Kapitel 73

28. August 1216 später Nachmittag

 

Die Männer hatten gesehen, wie Peter Knut Swerson niedergestochen hatte und als dann auch noch Thore umfiel, war allen auf dem kleinen Drachen klar, dass der Kampf begonnen hatte. Aber die Männer des Königs hatten gebannt auf die vier Männer geschaut, deshalb konnten sie nicht schnell genug die Schilde hochhalten und so trafen doch ein paar Pfeile ihr Ziel. Peter und Claus erhoben sich und machten sich kampfbereit. Ihre Freunde waren schneller bei ihnen, als sich vor ihnen der kleine Schildwall bildete. Und immer wieder trafen die Pfeile - von der Düne her geschossen - ihr Ziel. Dann gingen die Blauzahnleute Schritt für Schritt vor.

 

Draußen versuchte eines der Drachenboote des Königs zu wenden, das andere dagegen ruderte in Richtung Strand. Ein paar Brandpfeile wurden auf das nahende Boot abgeschossen und sie trafen gut. Die Ruderer kamen durcheinander und so verfehlten sie die schmale Bucht zum Kiesstrand und blieben an einem Felsen fast dreißig Schritte vor dem Land hängen. Es sank nicht, aber es war zu weit vom Ufer entfernt, sodass man schwimmen musste, wenn man an Land kommen wollte.

 

Das Wendemanöver des größten Drachenbootes gelang und es fuhr direkt auf den Drachen des Lars zu, das ihm am nächsten war. Erik war noch etwas mehr als zehn Bootslängen von Lars entfernt. Zudem musste er die beiden Boote erst umrunden, wenn er auf die andere Seite des königlichen Drachen kommen wollte.

 

Beide Drachen schrammten so brutal Bordwand an Bordwand entlang, dass fast alle Ruder abgerissen wurden und dann flogen die Haken und Seile und beide Boote verkanteten sich. An Männern und Größe war das königliche Drachenboot dem des Lars weit überlegen. Lars war ein kluger und kein so hitzköpfiger Kämpfer wie Erik. Er hatte sich in so kurzer Zeit auf diesen Angriff gut vorbereitet und als die ersten auf die Bordwand seines Drachens springen wollten, rutschen sie aus und stürzten. Lars hatte die Bordwand mit Fischöl bestreichen lassen und jeder der an der Oberkante der Bordwand seinen Halt suchte, verlor sofort den Halt. Zudem wurden noch einige Eimer mit Fischöl auf die Angreifer gegossen. Beim Sprung rutschte man ins Meer oder flog weiter in die Spitzen der Spieße und Schwerter. So verloren bereits bei der ersten Angriffswelle fast fünfzehn Männer ihr Leben. Die Attacke kam ins Stocken und als die Männer sich auf’s Neue sammelten, war Erik auf der anderen Seite. Nun waren die Blauzahnleute in der Überzahl. Eriks Männer sprangen auf das königliche Boot und griffen mit Beilen und kurzen Schwertern an. Sie waren besser vorbereitet als ihre Gegner, aber auch sie mussten herbe Verluste hinnehmen. Erik suchte den Hauptmann des königlichen Bootes, der stand am Heck und feuerte seine Männer an, hatte sich aber noch nicht mit in den Kampf eingemischt. Um ihn herum standen vier Männer, die offensichtlich seine Leibwache sein sollten. Erik rief ebenfalls vier seiner Leute zu sich und sie kämpften sich bis zum Heck durch. Erik hatte einen Kriegshammer und ein kleines ovales Schild für diesen Kampf gewählt. Den ersten von den Leibwächtern, der ihn angriff, rammte er seitlich so, dass er seinen Leuten entgegen stolperte. Und dann hatte auch jeder schon seinen Gegner gefunden. Erik sah sich seinen Gegner genau an, fast einen Kopf größer als er, hielt er locker sein Schwert in der rechten Hand. Er hatte kein Schild, sondern ein kurzes Beil in der anderen Hand. Ein erfahrener Kämpfer dachte Erik bei sich. So wie fast alle an Bord waren sie für den Kampf an Land gerüstet und trugen Kettenhemden oder Lederrüstungen. Also hatte er zwei Gegner, das Meer und Erik.

 

Erik konzertierte sich auf die rechte Hand seines Gegners, den Platz für den Kampf mit dem armlangen Schwert hatten sie jetzt. Überrascht griff der Mann aber mit dem kurzen Beil an und zertrümmerte mit dem ersten Schlag seinen Schild. Erik spürte einen Schmerz in der linken Hand, die er nun nicht mehr zum Kampf nutzen konnte. "Wer bist du? Mann des Königs. Du greifst die Bürger seines Landes an? Du erhebst gegen Männer und Frauen die Waffen ohne Grund. Du Hurenknecht kommst hier angesegelt und überfällst uns." Der Riese lachte laut auf, ohne Erik aus den Augen zu verlieren. "Ich bin Magnus Holgerson, Schwertarm des Königs. Sein Befehl lautet Vernichtung der Blauzahnleute. Ihr sei allen rechten Nordmännern ein Dorn im Auge. Weiber herrschen über Männer und ihr verderbt uns den Handel. Ihr seid einfach zu mächtig und der König sagt, dass nur er über alle Schweden herrschen kann. Ihr müsst verschwinden, aus den Augen aller und ihr müsst so sterben, dass alle eure Schrei hören können. Und jetzt hör auf zu Sabbern du Weibsarsch und stirb endliche." Das Schwert des Magnus zielte auf die Hand mit dem Kriegshammer des Erik und das Beil kam von der anderen Seite auf ihn zu. Mitten in der Bewegung wurden alle Gliedmaßen schlapp. Beil und Schwert klatschen kraftlos aneinander und der Mann machte einen Schritt zurück und kippte nach hinten ins Meer. Aus seiner Brust ragte noch das Ende eines Armbrustbolzens. Erik drehte sich um und schaute in das grinsende Gesicht von Jorg Jorgssen, der seine Armbrust noch fest umklammert in den Händen hielt.

 

Der Kampf an Bord war inzwischen fast entschieden. Nur noch ein paar Männer verteidigten sich, aber es war klar, dass sie verloren hatten. Lars kämpfte noch mit einem jungen Mann, der wütend mit seinem Schwert immer wieder nach ihm hieb, ihn aber nicht traf, weil Lars jede seiner Bewegung offensichtlich voraussah und geschickt auswich. "Genug Junge, gib auf, du kannst nicht gewinnen. Alle anderen sind schon tot oder liegen verletzt herum. Ich habe nichts gegen dich und will mein Schwert nicht an dir auch noch mit deinem Blut schmutzig machen. Lass es nun gut sein." Lars vermied es, den Jungen zu beleidigen, obwohl ihm da einige Worte schon auf der Zunge lagen. Er wollte ihn nicht noch mehr reizen und sie brauchten auch einige Gefangene, die sie befragen konnten. Der Junge merkte nicht, dass Olovson von hinten an ihn herangeschlichen war. Er packte ihn, drehte ihm beide Hände gleichzeitig nach hinten und entwand ihm dabei das Schwert. "Genug gespielt junger Freund. Du betest am besten jetzt ein paar Mal etwas Sinnvolles und dann sehen wir weiter. Bindet ihn und legt den Bengel auf den Drachen des Lars. Wir sollten später entscheiden, was mit diesen Taugenichts geschieht."  Mit der Drehung seines Kopfes versuchte er Lars auf den Drachen, der immer noch am Felsen fest hing, aufmerksam zu machen. " Wir haben da noch einen Gegner, der absaufen will. Wenn die frei kommen, hat der Bärentaler ein paar Gegner zu viel, gegen die er kämpfen muss. Und ihr kennt ihn doch alle, wenn ihm das zu viel wird, wird er böse und das müssen wir dann alle aushalten."

 

Lars nickte, denn Olovson hatte recht, Peter brauchte Hilfe. Die Männer, die schon am Strand waren, kämpften immer noch und wenn der andere Drachen frei kam, dann würden sie denen beistehen und das Ufer wäre für die Blauzahnleute verloren.

 

Lars sammelte seine Männer und sie machten sich von dem königlichen Drachen frei. Von Ferne sahen sie, wie verbissen sich die Männer des Königs versuchten, von dem Felsen zu befreien. Einige hatten sich bereits - bis auf ein paar Stofffetzen - von allem was sie trugen befreit, packten ein Schwert oder auch ein Beil und versuchten, an Land zu schwimmen, um den ihrigen zu helfen. Es waren aber zu wenige, die schwimmen konnten und das war keine Gefahr für Peters kämpfende Mannschaft. Seine Bogenschützen hatten sich inzwischen so weit ans Ufer vorgekämpft, sodass sie nun das am Felsen hängende Boot beschießen konnten. Und sie trafen immer wieder.

 

Die Verbissenheit, mit der diese Männer rund um den kleinen Drachen am Strand kämpften, war erstaunlich. Der Bärentaler sah wohl, dass diese Männer verstanden zu kämpfen und sie hofften wohl bald Hilfe von den ihrigen zu bekommen.

 

Und er sah, dass sich Lars langsam dem am Felsen hängenden Drachen mit seinem Langboot näherte. Die ersten Pfeile und Speere flogen schon zwischen den beiden Drachenbooten hin und her. Lars war aber auf diesen Kampf besser vorbereitet. Er hatte ein Boot, das sich freier bewegen konnte und so steuerte er auf die Seite des königlichen Drachens, die vom Felsen festgehalten wurde. Damit lockte er ein paar der Männer auf den schmalen Felsen. Vom Stand her und vom Langboot des Lars konnten sie nun sehr gut mit Pfeilen beschossen werden. Und sie wurden getroffen oder sie rutschen, weil sie einen Pfeil kommen sahen, aus und stürzten ins Meer, unfähig sich schwimmend über Wasser zu halten, weil sie alle noch Kettenhemden oder andere schwere Schutzkleider an hatten. Dann kam der Drachen doch frei und die restlichen Kämpfer versuchten verzweifelt zum Ufer zu rudern.

 

Lars Drachen war nun auf der falschen Seite zur Einfahrt des Ufers. Er musste zurückrudern lassen, um dann dem anderen Boot zu folgen. Die einen waren nun schwächer bemannt und die anderen zu weit vom Ufer entfernt.

 

Der Bärentaler beschloss, dass man sich zurückziehen sollte. Die Bogenschützen zuerst, dann der Schildwall. Alle Verletzten und Toten wurden mitgenommen. Keiner blieb zurück. Am schmalen Hohlweg zum Stand formierten sich die Blauzahnleute neu. Dort konnten sie so lange Widerstand leisten, bis Lars mit den seinen ebenfalls gelandet war. So konnten sie die Königlichen in die Zange nehmen. Die wenigen Männer von dem kleineren Drachenboot folgten nicht und warteten, bis der Drachen auf den Kies und Sand aufsetzte und die Männer an Land sprangen. Sofort bildeten sie einen Schildwall. Schritt um Schritt näherten sie sich der Stellung des Bärentalers. Peter erkannte, dass trotz der Verluste, die man diesen beiden Besatzungen zugefügt hatte, immer noch sehr viele Kämpfer auf den Beinen stehen konnten. Er schätze sie auf gut sechzig Mann. Sie beachteten nicht, dass Lars bald am Strand landen würde. Es war ihnen offensichtlich vollkommen gleichgültig, sie wollten die Blauzahnleute am Ufer zuerst schlagen und das so schnell wie möglich, um sich dann den anderen zuzuwenden. Unaufhaltsam kamen sie näher und Lars war noch weit entfernt. Die Pfeile zeigten nun keine Wirkung mehr, da die Schilde Schutz genug boten.

 

Dann prallten sie aufeinander, schoben und drückten Schild an Schild, Schwerter wurden durch kleine freien Räume durchgetrieben in der Hoffnung jemanden zu treffen. Der Bärentaler hatte fünf seiner Leute auf die rechte Seite seiner Schildburg beordert. Alle hatten zwei Mann lange Spieße bei sich und die wurden immer wieder von hinten an seinen Männern vorbei in die feindlichen Linien. Und sie trafen immer und diese kleinen Siege spornte diese Männer an. Immer schneller und immer heftiger wurde zugestoßen, bis die rechte Seite der Angriffslinie nachgab und die Blauzahnleute den Angreifern in die Flanke fallen konnten. Trotz der immer noch zahlenmäßigen Unterlegenheit löste sich die Linie der Angreifer auf. Zuerst rannten einzelne davon und dann immer mehr Männer, die sich umdrehten und zu ihrem Schiff zurück wollten. Dort war inzwischen Lars angekommen und diese Männer wurden dort nach Wallhalle, zur Hölle oder in den Himmel geschickt, wohin sie auch immer meinten, am Ende ihres irdischen Daseins gelangen zu müssen. Keiner wurde verschont, niemand kam lebend auf einen der Drachen. Einige warfen ihr Waffen weg und knieten sich nieder, die Hände über den Kopf haltend, zum Zeichen, dass sie nicht mehr kämpfen wollten und sich ergaben. Auch die wenigen, die das taten, wurden auf die lange Reise geschickt. Diese Männer hatten den Auftrag, alles was zur Blauzahnsiedlung gehörte, zu töten. Und nun kam das Schicksal auf sie zu. Niemand sollte je wieder etwas von diesen Männern hören oder sehen. Es wäre furchtbar, wenn der König davon Kenntnis erhalten würde, was man mit seiner kleinen Flotte und mit seinen Männern gemacht hatte. Also mussten sie alle sterben.

 

Es dauerte bis weit nach der Abenddämmerung, bis alle getötet waren. Auch die Blauzahnsiedlung hatte große Verluste. Drei von Claus von Olsens neuen Männern waren tot, Mathis, Ole und Brenner. Gunar und Malva, Olovsons Schwester waren auch tot. Von den Männern der Jarl Gund und denen der Brenda waren ebenfalls fünf Männer getötet worden. Die Bogenschützin Marija und der Schiffsjunge Igor starben in den Armen ihrer Freunde noch am Strand. Die Zahl der Verletzten war groß. Fast jeder Zweite, der an der Schlacht teilgenommen hatte, war verletzt worden.

 

Vermisst wurde Sasha, die Schwester des Simon. Man fand sie schwer verletzt noch im Wasser liegend in der Nacht. Keiner konnte in dieser Nacht schlafen, denn die Verwundeten mussten versorgt werden und die toten Krieger des Königs wurde vom Strand entfernt. Schwerter, Beile und Dolche wurden eingesammelt, man zog den Toten die noch brauchbaren Kettenhemden oder Lederrüstungen aus. Alles was von Wert war und noch brauchbar war, wurde eingesammelt. Nur nichts, was auf die Männer des Königs hindeuten könnte, das wurde alles auf das Drachenboot am Strand gebracht. Das kleine Drachenboot ließ man unberührt, das konnte man so herrichten, dass man es nicht als Boot des Königs wieder erkennen konnte. Das, das sie draußen auf dem Meer erobert hatten, wurde von sechs Männern langsam herein gerudert. Es war stark beschädigt, aber es schwamm noch. Und dann war da noch der junge Mann, der sich Lars ergeben hatte. Der lag gefesselt auf diesem Langboot und lebte noch.

"Was machen wir mit dem Jungen? fragte Erik Lars. "Das entscheiden wir morgen. Erst befragen wir ihn und dann. Es gibt leider nur eine Lösung oder hast du eine andere." Lars war müde und seine Trauer über das, was geschehen war, war nicht zu übersehen. "So viele Tote, sinnlos geopfert und für was? Wie kann man aus Neid und Eifersucht nur eine ganze Siedlung zerstören wollen?" Wie aus dem Nichts kam Lars auf einmal ein Gedanke. " Was machen denn die Geiseln, die diesen Krieg ausgelöst haben? Ich habe gehört, dass Peter deswegen hierher kam, um sie zu befreien? Wo sind die denn?" In einem kleinen Lager hinter der Uferböschung hatte man die Ochsen, die drei befreiten Mädchen, die Knaben und die Frau gebracht. Lars, Erik, Peter und die Jarl Gund gingen zu der Feuerstelle, wo man die sechs zu ihrer Sicherheit gebracht hatte. Alana war bei ihnen und hantierte mit einem Tiegel herum. Als sie die vier kommen hörte, stand sie auf und ging auf sie zu. "Inna, eines der Mädchen ist tot. Sie wurde zu Tode geschändet. Die Frau, eine Bäuerin, die man entführt hatte, lebt noch, wird aber, so denke ich, diese Nacht nicht überstehen. Sie hat sich aus Scham in einen Holzpflog gestürzt. Ich konnte ihn nicht entfernen, sie verliert zu viel Blut und ich wollte ihr das Sterben nicht noch mit mehr Schmerzen verschlimmern. Einer der Knaben, Lomerson, so heißt er, hat man die Hoden abgeschnitten. Er leidet unsagbare Schmerzen. Ich konnte die Blutung versiegen lassen, aber ich fürchte, dass er am Fieber sterben wird. Die Wunde hat sich schon entzündet.  Der andere Junge weint die ganze Zeit, aber er ist unverletzt. So wie ich es verstanden habe, ist Lomerson sein großer Bruder. Man hat sie bei einem Händler geraubt, den sie überfallen haben und der dabei getötet wurde. Wie sein Name lautet, konnte ich noch nicht erfahren. Den beiden anderen Mädchen geht es soweit gut. Beide haben ihre Monatsblutungen. Die Kerle fanden, dass die Mädchen zu unrein seien, um ihre schmutzigen Stängel in sie zu stecken." Dann hörten sie einen langgezogenen furchtbaren Schrei von der Feuerstelle her. Alana eilte zu der kleinen Gruppe zurück. Lomerson war aus seiner Ohnmacht aufgewacht und hatte sich zwischen die Beine gegriffen. Im Licht des Feuers betrachtete er schreiend seine blutigen Hände. Entgeistert starrte sein kleiner Bruder auf diese Hände