Kapitel 68

22. Juni 1216 bei der brennenden Mühle

 

Sie waren zu spät bei der Mühle angekommen. Nichts mehr war zu retten. Die Mühle und drei Scheunen wurden ein Raub der Flammen. Nur die kleine Kirche, die etwas abseits stand, wurde von den Flammen verschont. Im Schein des Feuers hatte man versucht, Überlebende zu finden. Aber jeder, der in der Mühle gearbeitet hatte, die Knechte der Ochsenwagen und auch die beiden jungen Störenfriede waren tot. Alle lagen erschlagen auf den Wiesen oder am Bach. Zwei Ochsen und alle Pferde fehlten und die Ziegen, die sich der Müller gehalten hatte, waren auch weg. Wenn das ein Raubzug gewesen war, warum hatte man nicht mehr geraubt. Zwei Ochsen standen etwas abseits des Brandes noch vor dem Karren angeschirrt und schauten verwundert, was da um sie herum passierte. Auch war offensichtlich kein Mehl oder Getreide geraubt worden, sofern man das noch feststellen konnte. Auch die wenigen Waffen, die die Männer hatten, waren liegen geblieben. Otto ließ alle Leichen am Rande des Feldes hinter der Mühle zusammentragen. Die Frau und die Tochter des Müllers fanden sie nicht. Man vermutete, dass sie in den Flammen umgekommen waren.

 

Frau von Blau, die am nächsten Morgen aus Waiblingen kam, um nachzuschauen, was geschehen war, brachte etwas zum Essen für alle mit. Dann ging sie in die kleine Kirche, um ein Gebet für die Toten zu sprechen. Dort fand sie zusammengekauert in einer Ecke die Tochter des Müllers. Sie hatte sich hinter ein paar Holzböcken, die dort standen, verborgen. Still saß sie zusammengesunken da, nur ihren rasselnden Atem hatte Frida gehört und war deshalb auf sie aufmerksam geworden. Das Mädchen saß starr auf dem Boden, unter Schmerzen atmete sie ein und aus. In dem von Ruß geschwärzten Gesicht konnte man nur die Augen, die weit geöffnet waren, erkennen. Die Haare waren teilweise wie ihre Kleidung verbrannt - ebenso die Hände und Füße. Als Frida sie anfasste, hörte sie ein dumpfes Aufstöhnen. Sie musste große Schmerzen durch die Berührung erlitten haben. Conrad war ihr gefolgt und sah nun auch die junge Frau. "Oh Gott, sie hat schlimme Verbrennungen. Fasse sie nicht an, wir müssen erst sehen, wo und wie wir ihr helfen können." Conrad sprach leise, fast flehend, als er dieses leidende Bündel Mensch sah. Dann hörte auch er ihren Atem, rasselnd und schwer. "Sie hat sich den Mund und sicher auch die Atemwege verbrannt oder der Rauch, den sie eingeatmet hat, hat sie verletzt." Vorsichtig ging er neben ihr in die Hocke. Betrachtete sie und hörte zugleich ihre Atemgeräusche. "Die Verbrennungen sind nicht so schlimm, ich sehe nur ein paar Blasen an den Händen, sie hat mehr von dem Staub auf der Haut. Sie hat sich an der heißen Asche, durch die sie gelaufen oder gekrochen ist, verbrannt. Ihre Lungen sind voll schlimmer schwarzer Kohle. Ich hole Wasser, sie muss trinken und dann sollten wir sie reinigen, damit wir sehen, wo sie verletzt ist." Conrad beeilte sich und kam wenig später mit Otto und einem Knecht zurück. Sie hatten einen Wasserschlauch dabei und einen Trog mit Wasser aus dem Bach. Otto hat ein Tuch und eine Decke mitgebracht. Vorsichtig führte Frida ihr den Schlauch an den Mund und das Mädchen trank vorsichtig. Nach ein paar Schluck musste sie heftig husten, was ihr offensichtlich größten Schmerz bereitete und sie schrie laut auf. Dann erbrach sie schwarzen Schleim und hustete danach wieder. Frieda gab ihr wieder zu trinken und das schien ihr nun zu helfen. Sie konnten erleichtert schlucken. Dann half man ihr, sich auf die Decke zu legen. Leise jammerte sie mit jeder Bewegung. Dann begann Frieda sie mit einem feuchten Tuch abzutupfen. Vorsichtig wie Frieda war, dauerte das Ganze sehr lange und man gab ihr immer wieder etwas Wasser zu trinken, bis Richard kam - der hatte einen Becher aufgetrieben und Wasser mit etwas Wein vermischt. Das trank das Mädchen dankbar. Und je mehr sie von dem Weingemisch trank, umso ruhiger wurde sie. "Starker Wein aus Spanien. Der beruhigt jedem. Ich habe etwas Honig mit hineingemischt, damit er nicht ganz so sauer schmeckt." Richard wusste, wie man jemand beruhigte und wenn es nur durch einen Becher Wein war. Je mehr sich durch das Waschen die Haut zeigte, umso mehr wurde klar, dass sie keine schweren Verbrennungen hatte. An der rechten Hand hatte sie in der Handfläche eine Brandwunde, die Haut war weit weggebrannt und darunter war das verkohlte Fleisch zu sehen und am rechten Knöchel hatte sie eine tiefe Wunde, die war aber sicher nicht durch das Feuer verursacht worden. "Dreht euch ab meine Herren, ich werde das Mädchen entkleiden, die Kleider, sofern man das noch als solche bezeichnen kann, sind nicht nur teilweise verbrannt und schmutzig. Ich will sehen, ob sie noch weitere Verletzungen hat. Richard gib mir dein Messer, ich muss die Kleider aufschneiden. Ich kann sie nicht entkleiden wie es normal wäre." Otto, Richard und der Knecht gingen, nur Conrad blieb in der Kirche. Ein paar Schritte weiter kniete er nieder und sprach laut ein Gebet, während Frieda die Kleider aufschnitt und das Mädchen entkleidete. Vom Wein betäubt und in einem Dämmerschlaf gefallen, merkte sie nicht, wie die Kleider weggeschnitten wurden.

 

"Conrad schau dir das an." Frieda sprach leise, aber ihre Stimme erreichte das Ohr des Betenden. Als er zu Frieda kam, lag die junge Frau nackt, nur ihre Scham und ihre Brüste waren mit Stofffetzen bedeckt, auf der Decke. Frieda deutete schweigend auf die blauen Flecken, die ihren ganzen Körper bedeckten. Sie drehte die Schlafende auf die Seite und zeigte Conrad, dass auch auf ihrem Rücken Wunden zu sehen waren. " Sie wurde verprügelt, ihre Brüste haben noch üblere Verletzungen. Sieht aus, als ob sie jemand gebissen hat und ihre Scham ist verletzt. Sie wurde geschlagen und ich nehme, dass man sie geschändet hat." Sanft drehte sie das Mädchen wieder zurück auf den Rücken. Conrad schaute sie an. Jetzt nachdem man ihr Gesicht deutlicher sehen konnte, wurde ihm klar, dass das kein Mädchen mehr war. Das war eine Frau von etwa siebzehn Jahren, vielleicht auch ein oder zwei Jahren älter. "Die Räuber hatten offensichtlich genügend Zeit, alle zu töten, Feuer zu legen, die Tiere zusammenzutreiben und sie zu schänden. Wäre die Nachricht früher zu uns gekommen, hätten wir sie vielleicht vor all dem bewahren können. Kannst du sie retten? Wird sie wieder gesund?" Conrad war bisher sehr kühl gewesen, aber nun zitterte seine Stimme, ob aus Wut oder weil ihm das alles so sehr leid tat?

 

Otto war inzwischen mit der Suche nach der Müllersfrau beschäftigt. In den noch leicht glimmenden und rauchenden Trümmern hatten sie keine weitere Leiche gefunden. Als er zurückkam und das gewaschene Gesicht der am Boden liegenden Frau sah, musste er genauer hinschauen. "Das ist nicht die Tochter des Müllers. Das ist eine andere Frau oder Mädchen. Wer ist das? Konnte sie schon etwas sagen?" Frieda schüttelte den Kopf. "Sie schläft und das sollten wir so lassen. Sie muss wirklich Schlimmes durchgemacht haben."

 

Richard hatte vom Eingang der Kirche alles mit angehört und ging dann leise bis zur Mitte des Gebäudes und sprach dann sehr laut. "Herr ich gelobe dir, diese Übeltäter zu suchen und zur Rede zu stellen. Ich werde sie dir schicken, ohne Kopf, denn der Verstand in den Köpfen muss in die Hölle." Erschrocken drehten sich alle um, selbst die junge Frau erwachte etwas aus dem gnädigen Schlaf. Sie schaute mit zusammengekniffenen Augen Frieda an. "Kannst du sprechen? Trinke noch etwas Wasser, das wird dir gut tun." Frieda hob den Kopf der jungen Frau an und gab ihr aus einem Becher frisches Wasser zu trinken. Sie musste nochmals husten, aber es schien ihr gut zu gehen.

 

"Wer bist du? Was ist geschehen?" Conrad hatte sich zwei Armlängen entfernt auf den Boden gesetzt und wartete auf Antwort. Langsam und leise begann sie zu sprechen. Ihr Name lautete Gisella, Gisella von Bodeneck. Tochter eines Ritters aus der Nähe von Öhringen. Er war Ritter des Vogtes der Comburg. Sie wurde vor einigen Wochen aus der Hause ihrer Eltern entführt. Die kleine Burg Bodeneck beherbergte nur ein paar Hörige und sie war mit ihrer Zofe alleine, als sie überfallen wurden. Ihr Vater war mit ihrer Mutter unterwegs nach Comburg. Alle Hörigen und die Zofe wurden erschlagen, die kleine Burg angezündet und sie wurde mitgeschleppt. Da ihre Mutter aus dem Hause Olsenburg stammte, vermutete man, dass man für sie Gold und Silber erpressen könne. Sie wurde mitgenommen und lebte zusammen mit zwölf Kriegern und vier Mägden. Die meiste Zeit war sie gefesselt und lief hinter einem Karren her. Die Gruppe war gut organisiert, denn keiner schien arm zu sein, sie waren alle wohl genährt, trugen saubere Kleidung und gute Waffen. Sie konnte einige Gespräche belauschen, als sie abends an Lagerfeuern zusammen saßen und sie sich schlafend stellte. Irgendjemand, den sie den Pfeifer nannten, ließ ihnen Nachrichten und Aufträge zukommen. Wann und wo sie einen Bauernhof niederbrennen sollten, welchen Kaufmannszug sie ausrauben sollten und wer zu entführen war.  Die Nachrichten an ihren Vater blieben aber unbeantwortet und sie waren bald der Meinung, dass sie kein Lösegeld für Gisella bekommen würden. Zwei Nächte bevor sie die Mühle überfallen sollten, war der Pfeifer im Lager. Gesehen hat sie ihn nicht, nur seine Stimme konnte sie hören. Sie lag, als er im Lager war, auf dem Wagen, gefesselt und sogar einen Knebel hatte man ihr in den Mund gepresst. Da hörte sie, dass sie eine Mühle überfallen sollten, alle die dort lebten zu töten hätten, wenn sie Wertvolles finden würden, dann dürften sie es mitnehmen, mussten es ihm aber übergeben. Er wollte es ihnen abkaufen. Niemand sollte sie mit diesem Überfall in Verbindung bringen. Und mit Gisella konnten sie tun, was sie wollten. Ihre Leiche mussten sie bei der Mühle ablegen. So war ihr Auftrag. Eine der Mägde zog sie aus, die Kleider sollten nicht beschädigt werden, wenn sie den Männern zu willen sein sollte. Zwei von ihnen fielen auf dem Karren in dieser Nacht über sie her. Sie waren beide wild und wütend, denn sie hatten kein Lösegeld für sie bekommen und sie sollte dafür den Preis bezahlen.

 

Nackt und gefesselt lag sie auf dem Wagen, als sie die Mühle erreichten. Sie konnte hören, wie die Mühle überfallen wurde, sie höre das Morden und Brennen. Zwei der Bewaffneten hörte sie neben sich reden. Jemand war mit einem Pferd geflüchtet. Der eine, der sich Molino nannte, beruhigte den anderen. Die Stadtwache würde den Reiter lange genug aufhalten, sodass niemand sie stören würde. Der andere meinte dann nur, dass wohl sein Bruder in der Stadt sei, um diese im Auge zu behalten.

 

Ihr gelang es, als sie unbeobachtet war, sich zu befreien. Sie zog ihre Kleider an, denn nackt wollte sie nicht davonlaufen. Keiner sah sie, als sie aus dem Wagen stieg. Sie wollte weglaufen, sah aber einen Säugling, der schreiend in der Nähe einer der brennenden Scheunen lag. Gerade als sie ihn fassen wollte, traf sie ein brennender Balken. Der Säugling war sofort ruhig, sie konnte ihn nicht mehr unter dem von Flammen eingehüllten Balken hervorziehen. Dabei verbrannte sie sich. Sie kroch weiter, da sie nun nicht mehr laufen konnte. Dann sah sie die kleine Kirche und kroch hinein. Dort blieb sie und schlief irgendwann ein. In ihren Träumen, in diesem Chaos meinte sie, Frauenstimmen gehört zu haben. Dann hörte sie noch wie Steine aufeinander schlugen. Aber sie wusste nicht, ob das nur ein Traum war. So kühl und ohne jede Regung, wie sie das alles erzählt hatte, so furchtbar war nun das, was folgte. Leise begann sie zu weinen, dann schrie sie laut auf und wollte nicht aufhören. Die Kirche war erfüllt von ihren Schreien. Keiner konnte sie beruhigen. Irgendwann war ihre Stimme nur noch ein Krächzen bis sie keinen Ton mehr von sich gab. In der Nacht starb sie in den Armen der Frau von Blau.

 

 

 

4. August 2016 in der Nähe des Klosters Lorch

 

Gunnar Larsen hatte sich eine Ferienwohnung in der Nähe des Klosters genommen. Begleitet wurde der Mann von einer Assistentin und einem Bodyguard, der ihn auch chauffierte. Gunnar Larsen war ein sehr reicher Mann der nie sein Bild in der Öffentlichkeit sehen wollte, was ihm auch bisher gelungen war. Seinen Reichtum hatte der Doktor der Physik mit Erfindungen gemacht, die nie zum Tragen kamen. Er hatte mehrere Patente, die er für sehr viel Geld unter anderem an die erdölfördernde Industrie verkauft hatte. Einen Verbrennungsmotor, der dank ausgeklügelter Technik nur noch dreißig Prozent dessen verbrauchen würde, wie herkömmliche Motoren. Dazu noch ein Abgassystem, das die Emission von Verbrennungsmotoren um siebzig Prozent reduzieren würde. Diese Patente verschwanden in den Tresoren der Unternehmen, die diese Erfindungen nicht haben wollten, denn mit dem alten Standards war noch viel Geld zu verdienen. Gemeinsam mit Freunden, zwei Biochemikern, hatte er sich auch in den Bereich des Naturschutzes begeben. Er wollte ein Patent auf eine Vorrichtung anmelden, die es ermöglichte, zum Beispiel die Zeckenpopulation stark zu reduzieren, ohne die Umwelt zu schädigen. Chemische wie pharmazeutische Unternehmen versuchten ihn zuerst zu bestehlen.  Als das nicht gelang, kaufte man ihm seine Erfindung ab. Mit Mitteln gegen FMSE und auch gegen Borreliose ließ sich immer noch sehr viel Geld verdienen und sicherte einigen Unternehmen über Jahre hinaus noch Umsätze in Milliardenhöhe. Auch ein System einer verbrauchsarmen Heizanlage wurde ihm vor der Patentanmeldung abgekauft. Die Erdöl- sowie die Erdgas-Industrie und auch die Heizungsanlagenbauer bildeten ein Konsortium, um ihm seine Erfindung abzukaufen. Alles das hätte der Menschheit gedient, doch er hatte sein Wissen für schnöden Mammon verkauft. Die späte Reue brachte ihn dazu, dass er sich zum Philanthropen entwickelte. Er suchte die Gründe für sein eigenes Handeln, aber auch die seiner Geschäftspartner. Wann war das entstanden, war das schon immer so? Diese Fragen beschäftigten ihn seit Jahren. Sein Reichtum und sein Wissensdurst führten ihn dazu, dass er sich daran machte die physikalische Größe der Zeit zu erforschen und er fand eine Lösung, diese Größe zu beherrschen. Wenigstens für ein paar Jahre und es gelang ihm, vergangen Zeiten zurückzuholen. Er wusste aber, dass es ihm nur gelingen würde, maximal tausend Jahre zurückzugehen. Also baute er bei seinem Versuch, den er starten wollte, noch einen Puffer von zweihundert Jahren ein. Nun brauchte er nur noch die richtigen Personen dazu, die diesen Versuch mittragen konnten. Er fand sie in den Blauzahnleuten. Diese Personen mit den drei Schiffen und den Mannschaften schienen ihm geeignet dazu, sein Projekt zu begleiten. Dass zufällig sein Vater, den er nie kennengelernt hatte, zu den Personen gehörte, die in seinem Auftrag das Mittelalter erforschen sollten, wurde ihm erst bewusst, als das Projekt schon gestartet war.

 

Als er die ersten Berichte über Funde von Dokumenten erhalten hatte, war er davon überzeugt, dass seine Forscher diese Nachrichten hinterlassen hatten. Die Briefe wurden schnell der Öffentlichkeit  zugänglich gemacht, aber dann versiegten die Informationsquellen. Er beschaffte sich Zugang zu weiteren Briefen, die man fand. Und diese eröffneten eine Sichtweise auf das Mittelalter, das einiges in der Historienbetrachtung ändern würde. Vor allem die christliche Kirche war nicht begeistert von den Funden und reklamierte mit Erfolg, dass diese Briefe ihnen gehören würden. Aber wie überall auf der Welt gab es Menschen, die sich gerne mit Geld davon überzeugen ließen, dass dieses Wissen nicht in der Versenkung verschwinden sollte. Er bekam nicht alle Kopien der Dokumente, teilweise sogar nur Fragmente der Schriftstücke zu Gesicht, aber sie eröffneten ihm doch einen Einblick darüber, wie sich die Mannschaft der Blauzahnleute im Mittelalter verhielt. Mit seiner Assistentin, die Geschichte studierte und sich das Mittelalter als Fachgebiet herausgesucht hatte, sichtete er die Dokumente.

 

Was man schon lange wusste und nie offen aussprach war das Thema, dass Religion und das Spiel der Mächte eine Rolle spielte, die unlösbar miteinander verbunden waren. Jeder der Macht erlangte oder die Kraft hatte diese zu erlangen, hatte etwas Göttliches an sich. Man schuf eine von Gott gewollte Ordnung. Schon weit vor den griechischen Göttern gab es andere Religionen, die ein Machtgefüge himmlischer Natur darstellten und das abgeschwächte Ebenbild auf Erden erschufen. Im Mittelalter wurde diese Art der Machtgefüge durch die christliche Kirche unterstützt, gefördert und auch ausgenutzt. Dass sich Könige dann von den Stellvertretern Gottes auf Erden auch noch krönen ließen, stärkte diese Art der Machtfestigung. Dass die Religionsführer dieses Krönungsprivileg für sich ausnutzten, war nicht vorgesehen, aber aus heutiger Sicht eine logische Folge. Ob christlich oder auch muslimisch, überall das gleiche Bild. Je mehr Macht man besaß, umso göttlicher wurde man und damit unangreifbarer. Die kleinste Form des gottgebenden Menschseins war das Verhältnis von Mann zur Frau. Die Frau war in allen Religionen dem Manne untertan. Der Mann war göttlicher Natur. Der Lehnsherr unterdrückte den Bauern und die Hörigen. Der Adel seine Lehnsmänner und so ging es weiter. Und jeder der Macht über andere hatte, besaß etwas Göttliches an sich. Der Adel wurde ersetzt durch sogenannte demokratische Kräfte, aber auch die waren wieder, wie im Mittelalter von ihren Religionen abhängig. Die neue Religion war das kontrollierbare Kapital. Für die breite Masse an Menschen änderte sich über Jahrhunderte wenig. Und um die Menschen zufrieden zu stellen, gab es mal mehr oder weniger Brot und Spiele. 

 

Aber war das wirklich so. Er zweifelte an seiner eigenen Analyse, denn wenn das stimmen würde, hätten die heutige Geisteshaltungen das Mittelalter nicht verlassen. Ging es immer nur um Macht, Gier, Sex oder vereinfacht dargestellt, die besten Futter- und Schlafplätze und die tollsten Weibchen?

 

Man musste da doch etwas tiefer einsteigen. Wie war das Mittealter wirklich? War es nur ein Spiegelbild mit anderen Kulissen als heute?