Kapitel 65

9. August vor dem Hafen von Reval

 

Als der Schiffsführer die Brandpfeile sah, die auf die Bogen der Knorrmannschaft aufgelegt wurden, riss er das Ruder herum, um von der Knorr wegzukommen. Der Bärentaler gab trotzdem den Befehl, Brandpfeile und die ölgetränkten brennenden Wollkugeln auf das Langboot loszulassen. Zwei Pfeile trafen gut und man hörte sofort mit der Verfolgung auf. Nach weiteren zwanzig kräftigen Ruderschlägen gab Peter den Befehl, die Ruder einzuziehen und nur noch zu segeln. Auch der Drachen des Claus von Olsen hatte die Segel gesetzt und die Ruder waren an Bord genommen worden. Die Verfolger hatten aufgegeben. Aus der Entfernung hörte man noch Flüche und es waren sicher auch einige Verwünschungen dabei. Sie mussten noch ein Stück weiter aufs Meer hinaus, so weit, dass man sie von Land aus nicht mehr sehen konnte, erst dann würden sie den Kurs ändern und Richtung Süd Westen weitersegeln. Das Meer war ruhig und Jan der Sternenkenner wusste, wie sie zu segeln hatten. Als sie dann im Mondlicht die Richtung wechselten, war der Wind, der sie bisher gegen den Norden getrieben hatte, fast weg. Also wurde gerudert, langsam aber stetig. Claus blieb mit seinem Drachen immer seitlich der Knorr, denn die war langsam und man wollte sich nicht aus den Augen verlieren. Erst gegen Morgen, als der Horizont im Osten etwas heller wurde, kam Wind auf und sie konnten wieder die Segel setzen. Die Frauen des Händlers aus Riga hatten sich an Deck begeben, alle waren mit weiten langen Kapuzenmänteln gekleidet, sodass man sie nicht sofort als Frauen erkennen konnte. Das war gut so, denn der eine oder auch andere an Deck hatte schon lange wieder Sehnsucht nach einer Frau.

 

Gegen Morgen ankerte man in einer Bucht. Nichts deutete darauf hin, dass hier Menschen lebten, noch war irgendetwas zu sehen, das auf Beobachter schließen ließ. Peter begab sich auf den Drachen, der neben der Knorr festgemacht hatte. "Was machen wir mit dem Vogt aus Riga? Wir können ihn nicht einfach frei lassen. Wenn das jemand erfährt, was wir da angestellt haben, dann haben wir in jedem Hafen Probleme oder sind als Händler unglaubwürdig. So können wir uns noch darauf hinausreden, dass man uns missverstanden habe und wir uns vor Übergriffen einiger Söldner schützen mussten. Wenn der Vogt aber gegen uns aussagt, sieht das anders aus." Die Frage des Claus von Olsen an Peter war berechtigt. "Ich verstehe das zu gut. Uns blieb aber nichts anderes übrig als so zu handeln. Wir haben Unrecht mit Unrecht bekämpft und sind nun in einer schwierigen Lage. Irgendwann wird man uns fragen, was da war und wir müssen vorbauen, damit wir nicht von irgendeinem Vogt oder Fürsten in Gewahrsam genommen werden. Die Bootsführer aus Riga sind als Zeugen weniger tauglich, aber der Vogt es ist. Und was mache ich mit dem Kaufmann bei mir auf der Knorr? Auch er war Zeuge. Er hat uns gut bezahlt, aber mir scheint, dass er auch gerne Geschäfte mit Informationen macht. Ich will nichts mit ihm zu tun haben. Aber egal, wo wir diese Leute an Land setzen. Wenn sie es schaffen, sich als Zeugen gegen uns irgendwo anzubieten, wo man uns gerne als Konkurrenten weg haben will, dann sind wir dran. In diese Lage wollte ich nicht kommen, aber nun müssen wir Entscheidungen treffen." Peter war gar nicht wohl dabei, sich weitere Gedanken über das zu machen, was sie tun mussten. "Sind die Frauen, die der Kaufmann dabei hat Sklavinnen? Oder sind es Hörige oder Freie?" Peter hatte Claus nicht richtig zugehört und musste sich seine Fragen an ihn wiederholen lassen. "So wie ich den Kaufmann verstanden habe, werden dies Weiber an einen Hof eines Fürsten oder zu einem hohen Geistlichen gebracht. Ich glaube, den Frauen ist nicht ganz klar, als was sie dorthin gebracht werden. Sie scheinen etwas Bildung zu besitzen, denn zwei von ihnen habe ich gesehen, wie sie in einem Buch lasen. Aber ich könnte das ja mal in Erfahrung bringen, sie sind alle an Deck und Sophia wird ihn ablenken oder einer der Frauen befragen. Es wir etwas dauern, dann wissen wir Bescheid. Aber was machen wir mit dem Vogt?" Claus nickte als Antwort Peter zu und schob sich ganz nahe an ihn heran und flüsterte ihm dann ins Ohr. "Überlasse mir das. Sorge nur dafür, dass deine Leute - vor allem der Kaufmann und die Frauen - nicht zu uns herüber schauen, wenn ich die Lösung habe und sie durchführe. Ich gebe dir ein Zeichen, wenn es soweit ist." Der Bärentaler hatte wohl verstanden, was Claus vorhatte und begab sich wieder auf die Knorr, um sich dort mit Sophia zu besprechen. Sie würde mit den Frauen sprechen, den das erschien ihr unverdächtiger, als Peters Ansinnen, mit den Frauen zu sprechen. Zudem gefiel es ihr gar nicht, dass Peter das tun wollte, denn die Weiber waren alle ausnahmslos sehr schön, sofern sie die Gesichter oder auch ihre Körper sehen konnte.

 

Peter bat den Kaufmann zu sich und verwickelte ihn in ein Gespräch. Sophia gesellte sich zu den Frauen.

 

Der Kaufmann erzählte dem Bärentaler gerne, was er an Geschäften betrieb. Er kaufte Bernstein, Pelze, Gold und Silberschmuck und belieferte damit die Klöster, Bischöfe, die Fürstenhöfe und auch einige Bürger der neuen aufstreben Städte wie Nürnberg oder auch Köln. Aber die Nachfrage nach willigen und hübschen Frauen wurde inzwischen immer größer. Vor allem der Kirchenadel wollte sich nicht mehr mit Ammen, Mägden oder Huren abgeben. Sie wollten Frauen haben, mit denen sie mehr Staat machen konnten. Auch wenn das seit fast einhundert Jahren gültige Zölibat den körperlichen Kontakt zu Weibern untersagte, so wussten die Kirchenfürsten immer Wege, dieses Zölibat zu umgehen. Und die Frauen, die er für seine geschäftlichen Partner besorgte, waren nach seiner Aussage beste Ware mit guter Qualität. Sie wurden ihren Eltern oder Brüdern für eine kleines Geschenk und mit einem Versprechen abgekauft, dass man ihnen einen guten Mann beschaffen würde und wenn sie es gut erwischten, dann würden sie irgendwann mit Reichtümern nach Hause zurückkehren. Mit einem bösen Lächeln im Gesicht meinte er zum Abschluss noch, dass das doch alles möglich sei, aber eine Garantie dafür gäbe es natürlich nicht, aber diese Weiber seien dieses Mal besonders wertvoll. Einige konnten lesen, sprachen mindestens zwei Sprachen und waren auch geschickt in kleinen handwerklichen Dingen wie Weben oder Sticken. Und alle waren noch Jungfrauen, das war bei den Kirchenfürsten immer sehr gefragt.

 

Bisher habe er immer ein gute Mannschaft aus Söldnern und Partnern dabei gehabt, aber dieses Mal sind ihm diese durch einen Zwist in Riga abhanden gekommen. Aber in jedem Hafen, den er als Zielort habe, stünden ihm weitere Leute zur Verfügung. Und auf See, was sollte da schon geschehen, vor allem wenn die Ware nur sieben Frauen waren. Zudem hätten die Blauzahnleute einen guten Ruf als ehrliche Kaufleute und Handelspartner. Die Leutseligkeit des Kaufmanns nervte den Bärentaler. Wieder einer dieser Menschen, die mit der Gier der Fürsten und deren Gesellen Geschäfte machte. Und damit diese Gier befriedigt wurde, mussten Menschen leiden. Diese Frauen wussten ofensichtlich nicht, worauf sie sich eingelassen hatten. Weit weg von ihren Familien waren sie der Willkür ihrer neuen Herren ausgeliefert. Aber wer war das nicht? Willkür war doch Alltag? Peters Gedanken schweiften ab, aber der Kaufmann merkte das nicht und erzählte munter weiter. Sein nächstes Ziel sei Pisa, er wolle dort Handelsbeziehungen mit den Sarazenen und zu Byzanz aufbauen. Immerhin besaß er einige Lieferanten von Bernstein, der gerne in diesen Ländern gekauft wurde. Die Rus und die Wikinger waren schon lange mit dieser Handelsware dorthin unterwegs und machten gute Geschäfte, er wollte das aber mit dem Handel von weiteren Luxuswaren kombinieren. Immerhin wurden hübsche Frauen überall gebraucht und wenn es sein musste, auch hübsche Burschen. Und er besaß gute Quellen für diese Waren.

 

Peter von und zu Bärental bedankte sich bei dem Kaufmann für seine Erzählungen, nachdem er gesehen hatte, dass Sophia sich auch von den Frauen entfernte. Beide berichteten sich gegenseitig von dem, was sie gehört hatten. Sophia hatte erfahren, dass diese Frauen als Gesellschafterinnen und Hofdamen für eine Fürstin in Braunschweig vorgesehen waren. Mehr wussten sie nicht. Alle sieben waren Töchter von Rittern oder niedrigem Landadel, keine war jünger als fünfzehn oder älter als neunzehn Jahre. Da ihre Eltern keine Mitgift hatten, war der Vorschlag des Händlers, sie an einen Fürstenhof zu vermitteln gut, denn die Eltern bekamen etwas Gold und Silber für die Töchter und mussten keine Mitgift aufbringen. Als Peter Sophia erzählte, was er von dem Händler gehört hatte, wurde beiden klar, dass diese jungen Frauen nicht für einen Fürsten in Braunschweig gedacht waren. Peter dachte laut darüber nach, ob er diese Frauen freikaufen sollte. Sophia meinte aber, dass sie keinen Bedarf an jungen Frauen in der Blauzahnsiedlung hätten. Zudem wussten sie nicht, wie viel Silber oder Gold der Händler dafür haben wollte.

 

Als die Nacht hereinbrach, wurde es ruhig. Peter von und zu vermerkte in seinem Buch, dass sie heute am 10. August 1216 in einer Bucht ankerten. Mehr vermerkte er nicht.

 

Im Morgengrauen des 11. August wurde Peter von einem seiner Männer geweckt. Er hatte ein Feuer an Land entdeckt. Es war zwar weit weg, aber da musste was sehr Großes brennen, denn obwohl die aufgehende Sonne das Land und Meer erhellte, konnte man das Feuer sehr lange sehen. Auch auf dem Drachen entdeckte man das Feuer. Claus von Olsen rief dem Bärentaler zu, dass es wohl besser sei, die Bucht zu verlassen und so wurden schnell die Anker eingeholt und die Ruder besetzt. Weit draußen auf dem Meer, dass an diesem Tag sehr unruhig war, machte Claus dem Bärental dann das Zeichen. Das Drachenboot entfernte sich weit, sodass niemand mehr genau sehen konnte, was auf dem Drachen geschah.

 

Claus packte den geknebelten und gefesselten Vogt, schleppte ihn zur Bordwand. Dort wurden ihm ein Sack voller Steine an die Beine gebunden. Dann drückte Claus den Mann, der sich heftig wehrte, mit dem Kopf über die Bordwand und schnitt ihr die Kehle durch. Zwei seiner Vertrauten packten die Füße des Sterbenden und wuchteten ihn samt dem Sack über die Bordwand. Schnell versank der Körper des Mannes und nur ein dünner roter Faden war noch eine Zeit lang auf dem Wasser zu sehen, aber die Wellen verteilten alles schnell. Die Spuren des Vogtes waren verwischt, als ob er nie existiert hätte. Dann ruderte man wieder in Richtung der Knorr. Gegen die Mittagszeit trafen sie die beiden wieder. Immer wieder fragte der Kaufmann, was denn der Drachen so weit weg von ihnen gemacht habe? Peter erklärte ihm, dass man kontrollieren wollte, ob sie auch wirklich nicht verfolgt würden. Der Kaufmann wollte das nicht glauben und wurde immer unruhiger. "Bringt mich und meine Ware an Land, wir ziehen zu Fuß weiter. Ich kann das Geschaukel auf der Knorr nicht mehr ertragen. Mir wird übel, ich will weg von hier." bettelte der Kaufmann lautstark den Bärentaler an. Der machte ihm klar, dass man ein diesem Wetter nicht an dem Strand anlanden könne und man warten müsste, bis sich an Land die Gelegenheit für einen guten Ankerplatz zeigen würde. Auf einmal zog der Kaufmann einen Dolch und brachte Sophia in seine Gewalt. Er hielt sie fest und drückte ihr die Spitze des Dolches an die Kehle. Die jungen Frauen, seine Ware, drängten sich weit entfernt von ihm an die Bordwand. Peter versuchte, ihn zu beruhigen und gab die Anweisung in Richtung Land zu steuern. Sein Bootsführer rief ihm aber laut zu, dass er davon abraten würde, da ausgerechnet hier viele Untiefen seien. Aufgeregt schrie der Kaufmann, dass er das nicht glauben würde und ritzte Sophia die Haut am Hals an, sodass sie blutete. Die Wellen waren stark und wenn das Schiff noch weiter so wankte und rollte, war Sophia mehr denn je in Gefahr, dass bei einer der Wellenbewegungen die Spitze des Dolches in ihren Hals fuhr. Denn der Kaufmann stand zwar an der Bordwand gelehnt und hatte einen einigermaßen festen Stand, aber ihm fehlte die Erfahrung, mit den Schiffsbewegungen umzugehen. Per Handzeichen machte Peter dem Steuermann klar, wie der das Schiff zu bewegen hatte. Der Mann verstand schnell, was der Bärentaler vorhatte. Sophia war alarmiert, denn sie musste sich nun auf den Steuermann und ihren Peiniger konzentrieren. Peter machte nun sein Zeichen, das Schiff drehte sich und während es sich leicht neigte, täuschte er einen Sturz vor, der ihn in die Nähe des Kaufmanns brachte. Das Schiff kränkte weiter zur Seite und der Kaufmann musste sich nun mit beiden Händen an der Bordwand festhalten, damit er nicht über Bord ging. Der Dolch war aber immer noch in Sophias Rücken zu spüren und sie wagte es nicht, sich von dem Mann wegzustoßen. In diesem Moment war Peter bei ihr und riss sie weg von dem Kaufmann und der Spitze des Dolches. In diesem Moment rutschen die Füße des Mannes weg und er verlor den Halt und stürzte ins Wasser. Schützend blieb der Bärentaler noch kurz über Sophia liegen. Dann sprang er auf und schaute über Bord. Er sah, dass der Kopf des Mannes mit Wucht durch eine Welle an die Bordwand geschleudert wurde und dann schwebte er leblos neben der Knorr im Wasser. Einer der Seeleute scheuchte die sieben Frauen in die Kajüte und verschloss die Tür. Mit Haken und Seilen versuchte man den Mann zu bergen, aber er sank einfach weg und verschwand in den Fluten.

 

Niemand achtete darauf, dass Sophia immer noch auf Deck zusammengesunken in einer Blutlache lag. Alle waren damit beschäftigt gewesen, den Mann zu bergen und die Kontrolle über die Knorr wieder zu erhalten. Erst als die Knorr wieder etwas ruhiger im Wasser lag, bemerkte einer der Ruderer, dass Sophia auf Deck in ihrem Blut lag und sich nicht rührte.

 

Sie hatte einen tiefen Schnitt am Kinn und eine Wunde am Rücken. Der Schnitt am Kinn war nicht schlimm, aber die Wunde am Rücken blutete stark und der Blutstrom konnte nicht aufgehalten werden. Erst als Claus an Bord kam, gelang es dem, die Blutung mit einem heißen Eisen zu stoppen. Sophia war nicht bei Sinnen. Ihre tiefe Ohnmacht verhinderte, dass sie das heiße Eisen spürte. Man bettete sie unter einen Sonnensegel, das man schnell aufzog, auf ein paar weiche Säcke.

 

"Ich kann nicht sehen, wie viel Blut sie wirklich verloren hat, das Meerwasser, das an Bord gespritzt ist, hat alles verdünnt und teilweise weggeschwemmt. Wir müssen abwarten, aber der Schnitt ist tief und ich hoffe, dass nichts verletzt ist, was sie zum Leben braucht. Ich konnte nur sehen, dass der Schnitt von der Mitte, dort wo der Rücken ist, bis zu ihrem Po verläuft. Das Fleisch an ihrem Po ist ordentlich aufgeschlitzt. Wenn sie überlebt, wird sie einige Zeit nicht gut sitzen können - auch das Liegen wird ihr Schmerzen bereiten. Sobald sie aufwacht, müssen wir sie auf die unverletzte Seite drehen. Gebt ihr, wenn es geht, etwas Wein und Wasser. Sie muss trinken." Claus von Olsen sah besorgt aus, als er das dem Bärentaler sagte.

 

Kurz bevor er wieder auf sein Boot springen wollte, drehte sich der Herr von Olsen nochmals um. "Ich denke wir können hier keinen Hafen anlaufen. Die Frauen können wir nicht einfach von Bord gehen lassen. Es ist zu viel passiert und wenn jemand unbedingt darüber reden muss, dann besser nicht hier an dieser Küste. Keine der Städte ist sicher für uns, nicht einmal Kolberg, wo wir sicher unsere Waffen gut verkaufen könnten, denn der Bischof dort rüstet gerade seine Söldner aus. Wir haben Proviant und Wasser genug, sodass wir bis nach Hause segeln können. Das passt sicher nicht allen, denn wir haben kein gutes Geschäft gemacht und dazu noch sieben Frauen an Bord, wo wir nicht wissen, was wir mit denen anfangen sollen. Lass uns nach Hause segeln, dann beraten wir mit den anderen und Sophia hat dort mehr helfende Hände als hier an Bord."

 

Es war beschlossene Sache, dass sie nun nach Hause segeln würden. Wer aber würde diesen sieben jungen Frauen das sagen, dass sie ihr Ziel nicht erreichen können und das ihr Herr über Bord gegangen war?