Kapitel 62

Dienstag 31. Mai 1216

 

Die Welt drehte sich weiter, unaufhaltsam. Menschen wurden gezeugt, geboren, starben, nichts änderte sich. Hungersnöte gab es kaum in diesem Jahr, die Menschen in Europa hatten sich gut von den Hungersnöten aus den Jahren 1195 bis 1198 erholt. Die Ernten sollten gut werden, wenn nicht Ritter, Heere oder späte Unwetter die Ernten auf den Feldern vernichten würden. Der Handel blühte und die Städte an der Ostsee begannen sich an den Reichtum zu gewöhnen. Und trotzdem rumorte es aller Orten. Die Staufer verhandelten und kämpften mit und gegen das Papsttum. Die Braunschweiger versuchten noch immer, sich den Kaiserthron auf ewig zu sichern. Johann ohne Land hatte sich mit den Franzosen eingelassen und bekämpfte sie nun im eigenen Land. Dank der Judensteuer konnte er diesen Krieg führen, denn Silber war jahrzehntelang rar in England. War doch das Lösegeld von fast vierundzwanzig Tonnen davon für seinen Bruder nach Deutschland, Österreich und Frankreich gelang.

 

Die Blauzahnsiedlung auf Gotland mit seinen Siedlern und angeschlossenen Höfen bemühte sich nach den Kämpfen um Normalität. Verwundungen wurden gepflegt und heilten, seelische Verletzungen konnte man nicht so leicht heilen, aber die Bemühungen der Gemeinschaft halfen allen Betroffenen, dass sie sich in Sicherheit und Geborgenheit befanden.

 

In Waiblingen ging der Alltag weiter. Auch hier war Ruhe eingetreten. Otto von Kraz hatte sich einen Zeitplan gemacht, der ihm genügend Freiraum für seine Beschäftigungen ließ, denen er allzu gerne nachging. Morgens unterrichtete er seine Schüler, Mittags musste er sich seiner Arbeit als Chronist widmen, sammelte Informationen, forderte sie ein und schickte auch Briefe zu denen, die ihm Nachrichten zukommen lassen sollten. Er baute sich langsam ein Netzwerk auf, das ihm sein Dasein als Chronist erleichterte. Aber seine besten Informanten schliefen mit ihm unter einem Dach. Frida von Blau und Constanze von Breitenbach mit ihrer Tochter. Frida bekam immer wieder Nachrichten von Gregor und Constanze erhielt einen sehr warmherzigen Brief, den ihr Otto von Steintal geschickt hatte. Zuerst war sie etwas erschrocken, als sie von der Verwundung ihres Sohnes las, dann aber war sie verwundert über Ottos Worte. Warme, einfühlsame Worte die sie nicht richtig zu deuten wusste. Sie gab den Brief Otto von Kraz. Der erkannte sofort, was das für ein Brief war. Er war sich nur nicht gleich im Klaren, ob er Constanze sagen sollte, was er aus diesem Brief zu deuten wusste. Dann aber entschloss er sich, es Constanze zu sagen, was er aus den Zeilen las. "Das mit deinem Sohn tut mir leid, aber wie mir scheint, wird er fast schon väterlich vom Steintaler versorgt. Also ist er sicher. Und das andere, was er so schreibt. Meine liebe Constanze, du hast da einen Galan, einen Ritter, der dir sehr zugetan ist. Wenn ich es richtig zu deuten weiß, dann ist er in dich verliebt und das nicht gering. Frida hat mir berichtet, dass Gregor ihr geschrieben hat, dass der gute Otto manches Mal sehr launisch wirkt und mehr als nur ungeduldig ist. Er will seine Aufgaben schnell erledigen, um auf kürzestem Wege wieder hierher zu kommen. Und, so berichtet Gregor an Frida, er spricht sehr viel von dir. Was noch fehlt, ist sein Eingeständnis, sich selbst gegenüber. Habe Geduld Constanze und freue dich, denn ich denke, dass auch du etwas für Otto empfindest."  Constanzes Gesicht wurde erst rosa und dann rot. Es war ihr peinlich, ihrem Herrn und Mentor, Beschützer und Freund so gegenüber zu stehen. Lange Zeit war sie Otto von Kraz sehr zugetan, aber dieser Otto von Steintal hatte offensichtlich ihr Herz erobert.

 

"Darf ich eine Frage stellen?" Otto schaute auf und sah Constanze an. Warum fragte sie, ob sie eine Frage stellen durfte. Also nickte er nur, denn mehr war ihm das nicht wert. "Warum seid ihr aus der Blauzahnsiedlung so anders? Du selbst und wenn ich höre, wie du über deine Freunde auf Gotland sprichst, dann sind die auch anders, anders als ich, Gregor oder auch die Leute hier in Waiblingen."  Otto dachte nach, wie sie das meinen könnte. Er wusste es nicht, aber er empfand es auch, dass er oder seine Freund auf Gotland etwas anders dachten und handelten. "Wir sind anders? Vielleicht, aber wie du das genau meinst oder empfindest, weiß ich nicht. Einige Dinge, die geschehen oder wo gehandelt wird, sehe ich anders. Nur ein kleines Beispiel. Ich habe nicht diesen Willen, meine Gegner zu vernichten, wenn ich angegriffen werde. Verteidigen tue ich, aber auf eine Weise, die nicht unbedingt auf großen Schaden hinausläuft. Ich handle oft erst, wenn ich mir überlegt habe, was sinnvoll ist. Ich denke dabei nicht nur an den Moment, der gleich kommt, sondern auch an das, was später aus meiner Handlung entstehen kann. Ist es das, was du meinst?" Konstanze schaute ihn mit großen Augen an. "Ich weiß es nicht, ich fühle nur, dass du anders bist als ich. Du schaust nicht nur auf deinen Vorteil. Ich weiß, dass du nur wenig Christus in dir trägst und doch bist du christlicher als wir alle. Ich kann es dir nicht sagen, was ich meine, ich fühle es nur."

 

 Am 26. Juli 2016 Kloster Lorch

 

Bei weiteren Renovierungsarbeiten im Kloster fanden die Restauratoren weitere Briefe, des Peter von und zu Bärental an seinen Freund Otto von Kraz.

 

Der Brief

 

Ich grüße dich mein Freund Otto von Kraz. Dein Brief war sehr lange zu mir unterwegs. Von Juni bis zum Anfang Oktober.

 

Zuerst die guten Nachrichten. Allen geht es soweit gut. Dara hat sich körperlich von den Gewalttaten erholen können. Ihre Seele leidet weiter. Sie ist sehr misstrauische geworden und es ist sehr schwer, mit ihr in einem Raum alleine zu sein. Meist wird sie von einem Hund begleitet, der sehr über sie wacht. Birgit versucht es immer wieder, mit ihr über das Erlittene zu reden und Gregorius ist der einzige Mann, dem sie eine verstohlene Berührung erlaubt. Frauen gegenüber ist sie nicht so streng.

 

Allen anderen in unserer Siedlung geht es gut. Der Handel blüht und unsere Viehzucht mit den Rindern und Pferden ist von Erfolg geprägt.

 

Gregorius hat beim hinteren Tor eine kleine Kapelle errichtet, allerdings ohne Dach. Er meint, dass sei nicht notwendig, denn Gott wolle uns doch alle beim Beten zusehen. Also beten wir nur, wenn es nicht regnet.

 

Erik ist wieder ganz bei Verstand. Du erinnerst dich, dass ich dir die Geschehnisse mit ihm und meiner Verwandelten berichtet habe. Er trinkt keinen Wein, kein Met oder gar auch Stärkeres mehr. Er meinte aber, das würde er auf Dauer nicht ertragen. Das Leben ohne Met und Bier.

 

Die Zeilen, die du mir gesendet hast, haben mich sehr nachdenklich gemacht. Deine Gefährtin Constanze von Breitenbach hat also bei dir entdeckt, dass du anders bist als alle anderen. Nun diese Frage hat uns Merti, die Frau von Mathias auch gestellt. Warum sind wir anders als die anderen. Da wir doch inzwischen hier in der Siedlung mit vielen neuen Bewohnern gesegnet sind, ist das offensichtlich auch anderen schon aufgefallen, dass die ursprünglichen Freunde und Bewohner der Blauzahnsiedlung, wir die Nordstrandpiraten, anders sind. Ja lese das, manches Mal nennen wir uns immer noch scherzhaft Nordstrandpiraten. Ich habe viel über deine Worte nachgedacht. Es ist tatsächlich so, dass wir anders waren als die, die neu in die Siedlung kamen und wir waren anders als die anderen Bewohner der Insel. Ich kann es dir nicht beschreiben, was da anders war, aber tief in meinem Inneren spüre ich das. Aber es ändert sich. War mir lange Zeit das Verletzten von Menschen oder gar das Töten zuwider, so schmerzt es mich immer weniger, das zu tun, wenn uns oder mich selbst jemand bedroht. Die üblen Träume bleiben mir aber immer lange erhalten. Und ich bin strenger geworden. Lange Zeit haben wir alle das Wenige, das wir hatten immer geteilt haben, ohne darüber nachzudenken, was morgen ist. Nun ist das etwas anders. Wenn wir etwas teilen, erwarten wir Gegenleistungen oder tun es nicht, so wie es hier üblich ist. Einige von uns entwickeln etwas Merkwürdiges aus sich heraus. Lars ist ein sehr guter Schwertkämpfer und zudem immer noch sehr kräftig. Immer öfters macht er das bei Entscheidungen geltend. Was wir gemeinsam entschieden haben, will er nun alleine in seinem Sinne entscheiden und dabei klopft er auf sein Schwert. Und vielen der Frauen gefällt das und sie wenden sich ihm zu. Es gab schon schlimme Streitigkeiten zwischen den Weiber deshalb, wenn sie die Bewunderung von ihm nicht erringen konnten. . Erik hat sich schon ein paar Mal mit Lars einen kleinen Schwertkampf geliefert, weil auch er meint, dass ihm das alleinige Sagen gehöre. Mathias und Gregorius konnten jedes Mal Schlimmeres vermeiden.

 

Ich bin froh dass es noch einige unter uns gibt, die sich immer noch an unsere alten Werte erinnern und sie weiter bewahren wollen, aber es wird schwieriger, diese zu erhalten. Die Erinnerung daran scheint zu verblassen. Dass wir alle hier sind und das warum lässt sich nicht ergründen. Wir alle haben eine Vergangenheit, die wir nicht kennen und doch scheint es so, als ob wir schon immer hier lebten.

 

Oft spüren wir, dass wir manchen überlegen sind, in Worten und Gedanken, aber das nützt uns wenig, denn was hier zählt ist auch die Kraft, die Gewissenlosigkeit und der Stammbaum. Wer Gold und Macht hat, der muss sich weniger fürchten als der arme Bauer. Rechtlos und nur mit der Götter oder Gottesfurcht als Schild gegen die Unbill der Natur und der Menschen fristen diese Menschen ihr Leben. Ochs und Sklave, Pferd und Bauer, Händler und Stadtbürger, Söldner, Adel und Priester, so ist der Berg, auf dem wir leben. Unten ist er breit und die unten müssen alles auf ihren Schultern tragen, was sich darüber bewegt. Das ist die von Gott gewollte Ordnung oder die Ordnung der Götter. Und wer oben auf dem Gipfel steht, ist dem oder auch den Göttern sehr nahe, als muss er gesalbt sein und die Macht gehört in seine Hände. Gold, Macht, Gewalt und das Wissen um Gott sind die Werkzeuge der Schmiede, die die Welt lenken. Dass dort oben aber nicht immer der Gerechteste und Klügste steht, darf man nicht denken, denn man würde Gott widersprechen, der diese Ordnung geschaffen hat. Solange morgens die Sonne aufgeht und in der Nacht der Mond über dem Himmel erscheint, wird sich nichts ändern, denn so wurde die Welt für uns erbaut.

 

Ja mein Freund Otto von Kraz, wir sind anders, aber in uns ist auch der Mensch, der den Berg ersteigen will, um näher bei Gott zu sein und die Annehmlichkeiten, die man oben auf dem Gipfel genießen kann, zu erhalten. Oben dürfen wir das frischeste Brot essen und unten kämpfen sie um die Krumen, die wir dort aus den vollen Mäulern herausfallen lassen. Dort wissen sie nicht, wie mühsam es ist, ein Brot entstehen zu lassen. Und ich glaube, dass die menschliche Natur keine Änderung zulassen wird.

 

Vielleicht werden die unten am Berg eines Tages nicht mehr frieren müssen und die Kriege werden nicht mehr so zahlreich über sie kommen. Vielleicht werden die Händler bessere und andere Waren auf ihren Tischen haben, vielleicht werden die Söldner bessere Schwerter erhalten, die schneller und schmerzfreier töten, aber der Tod wird immer in unserer Nähe sein und je weiter du unten am Berge stehst, umso schneller ereilt dich der Tod. Oben fährst du gegen den Himmel und bist Gast im Reich unseres Gottes, unten bist du der Hölle näher. Es war so und es wird immer so sein. Und wer bestimmt darüber, dass es so sein muss? Diese Frage vermag ich nicht beantworten, mein Freund. Das alles stimmt mich traurig, aber ich habe für mich bestimmt, dass diese Traurigkeit keinen Bestand bei mir haben darf. Wie ich das erschaffen könnte, Freude, Lebenslust und vieles mehr? Ich wüsste wie, aber die Gegner, die das nicht so haben wollen, sind viele.

 

Ja, wir sind anders und wir müssen damit leben, aber lass uns so leben, dass wir Freude daran haben.

 

Ich wünsche dir ein langes Leben mit gutem Wein, einem warmen Bett und mit Pergament und Papier, das nie zu Neige gehen möge. Und ich hoffe, dass sich dein Wünsche, die du hast, erfüllen mögen.

 

Eine Frage habe ich noch an dich. Werden wir uns jemals in diesem Leben wiedersehen? Werden wir uns die Hände reichen können und werde ich deine Worte aus deinem Munde hören? Ich habe die Hoffnung.

 

Mit Gott und allen Engeln die dich beschützen sollen.

 

Grüße sendet ich dir aus dem fernen Gotland

 

Peter von und zu Bärental

 

 

Dass Otto diesen Brief gelesen haben muss, scheint gesichert zu sein. Am Rand des Papiers sind kleine, teilweise bereits unleserliche Zeichen gemacht worden, die man Otto von Kraz zuschreiben kann. Aber warum wurden diese Briefe im Kloster versteckt und warum an verschiedenen Stellen? Warum nicht im Haus des Otto von Kraz?

 

31. Juli 2016 Stockholm

 

Der Mann, der für die Geschichte um diese Zeitreise verantwortlich war, las einen Artikel in der Fachpresse. Seine Neugierde wurde immer größer und er hoffte, dass man bald noch mehr Briefe finden würde. Würde sein Experiment funktionieren? Würden sich die Menschen, die er auf diese Reise geschickt hat, der herrschenden Gesellschaft anpassen, oder würden sie etwas von sich, dass sie aus ihrem Jahrhundert mitgenommen hatten, behalten können. Er war aber sicher, dass es die Bestätigung gab, dass sich in moralischer Hinsicht wenig verändert hat. Alles lief immer noch so ab wie im Mittelalter oder vorher, nur mit anderen Mitteln. Und nicht alleine die Natur verändert den Menschen, sondern der Mensch die Natur und seinesgleichen. Mit fast kindlicher Vorfreude erwartete er, dass noch mehr Briefe in Lorch gefunden wurden. Auf Gotland war nichts mehr zu finden. Hier schienen die Spuren der Nordstrandpiraten vollkommen getilgt worden zu sein. Warum nur? Wem sollte er diese Frage stellen?