Kapitel 61

3. Mai 1216 auf Gotland im Lager der Entführer

 

Alle standen wie betäubt da. Selbst die Entführer waren wie starr stehen geblieben. Nur der Mann mit dem Messer, der die am Boden liegenden Frauen bedrohte, bewegte sich leichtfüßig hinter den Gefesselten hin und her. Würde er den Frauen etwas antun, würden alle vier sterben, würden sie diese als Geiseln behalten? Wenn ja dann würden sich die Blauzahnleute ihnen an die Fersen heften. Die Situation war verfahren. Es war leise geworden in der Senke. Man hörte nur Dara´s leises Stöhnen. Dann rief der Mann mit dem Messer laut für alle vernehmlich. "Jetzt werft alle eure Waffen drei Schritte vor euch hin und tretet zurück. Langsam und ich will euch alle sehen. Ihr da oben. Macht das gleiche. Werft die Waffen hier herunter und verschwindet von hier. Ihr wisst und seht alle, was ich tue, wenn ihr meinen Befehl nicht achtet."

 

Dann trat er Betty heftig in die Seite und sie schrie laut auf, dann wieder und wieder. Sie weinte nun so laut, dass alle sich überlegten, ob sie nicht die Waffen behalten und einfach losstürmen sollten. "Macht keinen Fehler, ich schneide diesem plärrenden Weib die Kehle als erste durch." Und wieder vergingen viele Atemzüge und niemand rührte sich. Dann flog ein Schatten an Peter vorbei. Man hörte ihn kaum, nur ein leichtes Hecheln war zu hören. Dann schrie der Mann mit dem Messer an der Kehle Bettys auf. Von einem großen Fell zu Boden gerissen war nur noch ein Knurren und eine ersticktes Atmen zu hören. Joseph, der Wolfshundsmischling, den Betty aufgezogen hatte, zerfleischte den Arm des Messermanns und kaum war der Arm schlaff geworden, verbiss er sich in die Kehle des Mannes. Alle erwachten aus ihrer Erstarrung, griffen sich ihre Waffen und stürmten auf die drei noch stehenden Männer zu. Sie wussten, dass sie verloren hatten und wollten die Waffen niederlegen, das war allen egal. Sie wurden niedergeschlagen, wie sie vor ihnen standen. Peter zertrümmerte mit seinem Morgenstern dem ersten der drei den Schädel, Die beiden anderen starben auf ähnliche Art.

 

Peter prügelte noch einige Male auf den bereits toten Mann ein. Er konnte seine Wut nicht mehr beherrschen. Bis Alberto ihn wegzog. "Genug, er ist tot. Wir müssen uns um die Frauen kümmern."

 

10.  Mai 2016 Kloster Loch

 

Bei weiteren Restaurierungsarbeiten fand man einen weiteren Brief des Peter von und zu Bärental an den Otto von Kraz. Dieser war auf bestem Papier geschrieben und in Leder gefasst. Man könnte vermuten, dass man ihn so für die Nachwelt erhalten wollte.

 

Der Brief

 

 

Ich grüße dich, meinen Freund, von der Insel.

 

Gotland, das von uns einst gelobte Land ist mit Blut beschmiert Ich habe Schreckliches getan, ich bin nicht mehr ich selbst. Ich bete zu Gott, dass er mir verzeihen möge.

 

Ich kann dir nicht alles schreiben, was geschehen ist. Meine Hand weigert sich, die Gedanken in die Tinte aufzunehmen und sie auf das Papier zu bringen.

 

Betty, Julia, Beatrice und Dara wurden entführt. Wir konnten die Entführer stellen. In einem Kampf wurden alle getötet. Meinen Gegner habe ich erschlagen und danach noch so lange mit meinem Morgenstern auf ihn eingeschlagen, dass nicht mehr zu erkennen war, ob hier ein Schlachter ein Schaf erschlagen hat. Nichts war mehr zu sehen, das an einen Menschen erinnern würde.

 

Betty, Julia und Beatrice haben bis auf ein paar blutige Streifen und Beulen keinen größeren Schaden erleiden müssen. Dara, das zarte Wesen aus dem Osten, hat all ihre geschlechtliche Wut erleiden müssen. Geschändet und auf das Übelste verletzt haben wir sie gefunden. Ich konnte meine Tränen nicht halten, so hat mich das bewegt. Trost, Schutz und auch Heilung erfuhr sie in den Armen der Frauen, die uns bei der Befreiung begleiteten.

 

Diese Befreiung, die furchtbaren Taten, die Dara erfahren musste, waren der Anlass, dass ich mich für einige Tage aus der Blauzahnsiedlung zurückzog. In der Siedlung der Brenda, die man wieder aufbaut, fand ich eine Stube, wo man mich in Ruhe gelassen hat. Am Tage half ich beim Aufbau der Ställe und Gatter und dann, zur Zeiten der Non, ziehe ich mich in meine Kammer zurück und denke nach. Alles, was in den letzten Monaten seit deiner Abreise geschehen ist, bewegt mich immer mehr. Wir arbeiten alle gut und hart, haben Erfolg mit unserer Hände Arbeit und unser Verstand gibt uns vieles, was wir tun können. Wir leben in einer Eintracht miteinander, dass es eine Freude ist. Männer und Frauen sind gleich, sofern man das so schreiben kann. Es gibt Unterscheide, aber die sind nicht von Belang, denn jeder setzt sich dort ein, wo er etwas bewirken kann. Keiner hat das so bestimmt, es ist einfach so entstanden. Es gibt Tage, wo die Männer brunftig sind und die Weiber kokett. Aber da lachen wir alle drüber und freuen uns deshalb auch, dass es so etwas gibt. Aber es gibt Neider und böse Beobachter, die unser Leben miteinander nicht gut heißen wollen. Die Priester nennen uns verderbt, die Händler und Städter neiden uns unseren Erfolg. Es wurde schlimmer, nachdem wir die Piraten gemeinsam mit allen Verbündeten der Insel vertreiben konnten. Alte und auch neue Feindschaften entstanden. Von den neu entstandenen Gilden sind wir ausgeschlossen, von den Zünften der Händler sowieso. Eine Niederlassung in Visby hat man uns verweigert. Wir haben dort nur einen Schuppen am Hafen, mehr dürfen wir dort nicht besitzen. Durch den Turm am Meer und durch Claus von Olsen, der unseren Hafen beschützt, sind wir nicht abhängig von den Händlern ins Visby. Aber unsere Geschäfte müssen wir immer außerhalb von den Bereichen von Gilden oder den Kontoren der Händler machen.

 

Wir wären alle erfolgreicher, wenn wir unsere Kräfte gemeinsam nutzen würden. Aber das will man nicht. Die Kirchenoberen, die sich auf der Insel breit machen, verfolgen uns und setzen uns mit Teufelsanbetern und Ketzern gleich. Nur durch unsere Kraft der Waffen und dem Gold, das wir besitzen können wir uns verteidigen. Der Adel, der hier im Norden noch nicht so stark und groß ist, erhält immer mehr Macht und Einfluss. Begleitet durch die Männer Gottes, die den Glauben an den Erlöser eher missbrauchen als ihn zum Nutzen der Menschen einzusetzen. Er wird Erlöser genannt, weil er uns vom schlimmen Los im Diesseits erlösen soll und weil es im Jenseits besser ist? Dort gibt es doch auch das Höllenfeuer, das vielen von uns drohen mag. Gesetze werden erlassen, die wenigen Mächtigen nützen und die einfachen Menschen im Gefängnis der erzwungenen Bruderschaft gefangen hält. Immer mehr sehe ich uns als Menschen näher an dem Getier als Gott das vielleicht wollte. Wie bei den Wölfen, die zwar gemeinsam Jagen, der Stärkste aber den besten Happen bekommt. Oder bei den Hirschen, wo die Brünftigen mit ihren Geweihen aufeinander rennen und sich verletzen und vertreiben wollen, um ihre Weiber zu schützen und zu besteigen. Es gibt vieles aus der Welt der Tiere, wo ich unser Handeln sehe. Was wollen wir Menschen denn haben? Wenn ich etwas einfach anschaue, ohne den heiligen Geist oder meinen Verstand zu bemühen. Wir wollen Leben, Essen und Trinken, Schlafen ohne Ängste, arbeiten und von dem leben, was wir da geschaffen haben. Und dann ist da noch das Weib, nach dem wir uns als Männer sehnen und das Weib, das sich nach einem Manne sehnt. Das ist das, was wir alle haben wollen. Aber für einige ist das nicht genug. Sie wollen das bessere Essen, das bessere Trinken, den ganz sicheren Schlaf und das schönste Weib für sich. Und da sehe ich den Grund für viel Zwietracht, die Gier nach dem Besseren. Warum nicht, wenn derjenige das verdient und das der Lohn für seine hervorragende Arbeit ist. Kraft der Waffen und der von Gott offensichtlich übergeben Macht bewertet das der Adel, der Bürgermeister, der Händler selbst. Nicht ich sage was gut ist, sondern der Adlige, weil er die Macht dazu hat. Widerspreche dem und dein Haus wird zerstört. Was diese Gier schon alles vernichtet hat. Was Menschen mit ihrer Hände Arbeit errichtet haben, wird deshalb zunichte gemacht. Es war schon immer so, sagt man mir. Wird sich das je ändern? Und das alles habe ich aus den Tränen der Dara gelesen. Ihren geschundenen Körper als das Bild dieser Erde gesehen. Aus unsagbarer Schönheit wird mit Blut und Dummheit alles zunichte gemacht. Ich hoffe, dass Dara wieder gesundet und ihre Schönheit neu erstrahlt. Ob ihre Seele je das alles vergessen machen kann? Ich hoffe es. Ich habe die Hoffnung, dass wir in einige Jahrhunderten es schaffen, dass das aufhört und Gott uns den Verstand gibt, das auch so zu sehen. Wenn er sich von uns abwendet, wird es nicht besser, nur die Klingen werden schärfer, der Tod schneller, der Hunger und das Leid größer und der Mächtigen mehr. Heute ist es der Adel, morgen der Tyrann und dann der Geldwechsler und Händler, daneben steht der Kirchenmann.

 

Odin wurde zu Gott, die Asen zu Jesus, was hat sich geändert? Wir trinken nicht mehr in Walhalla Met und erzählen uns Geschichten vom Kampf. Uns erwartet jetzt das Höllenfeuer oder der Himmel, wo keiner weiß, was dort wirklich ist.

 

Gott gebe uns allen die Kraft, uns zur wehren und Gott verzeihe mir, dass ich ein wüster Mensch geworden bin.

 

Auch wenn es vermessen ist, ich würde gerne in die Zukunft sehen können. Was wird aus dieser Insel oder aus dem Land der Staufer morgen oder in tausend Jahren sein. Ich träume mir etwas, was schön ist.

 

Ich grüße dich mein Freund und ich hoffe, dass du es besser hast im Lande der Staufer

 

Peter von und zu Bärental

 

 

 

 

21. Mai 1216 Blauzahnsiedlung

 

Der Alltag hatte wieder seinen Weg genommen. Das Tor vor der Siedlung war wieder aufgebaut worden. Die Tiere waren auf der Weide. Die Knorr war auf Handelsreise und in der Schmiede wurden Schwerter und Lanzen gerichtet und gemacht. Die kleine Spinnerei stellte gute Tuche her und das Gold und Silber, das man gefunden hatte, wurde zur Schmuckherstellung genommen. Ein Händler aus Hammaburg war gekommen und wollte Tuche und Schwerter kaufen. Schmuck interessierte ihn weniger, denn davon verstand er nicht genug. Er würde in zwanzig Tagen wieder kommen, wenn er seinen Handel auf dem Festland in Schweden abgeschlossen hatte, bis dahin sollte alles bereit liegen. Schwerter waren genug vorhanden, denn aus den Eroberungen hatte man einiges ansammeln können. Tuche waren im Winter gesponnen worden und auch Dörrfleisch war da, falls sich dafür seine Aufmerksamkeit erwecken würde.

 

Dara´s Heilung dauerte sehr lange. Sie wurde von allen umsorgt. Auch Beatrice, Betty und Julia waren sehr traurig über das, was geschehen war. Gregorius bemühte sich um ihre Seelen und Alana um die körperlichen Gebrechen. Gerretius war beim Turm und half dort Verletzte und Kranke zu behandeln. Das war auch gut so, denn mit dem weiblichen Körper war er nicht so sehr vertraut, da waren die Heilkünste von Alana schon besser. Bisher hatte Dara noch kein Wort gesprochen, auch die drei anderen sprachen wenig über das, was sie erlebt hatten. Und Alana konnte nur das heilen, was sie an Verletzungen sehen konnte.

 

Am Abend kam Alana in die große Halle. Dara wollte reden. Mit Sophia, ihrer Freundin Cahyra, Peter und Birgit sollten kommen. Ein Mann sollte auch dazu? Aber wenn sie das so wollte. Als alle sich um das Lager gesellt hatten, begann Dara leise zu reden. Sie war noch immer heißer, wie alle meinten. Vielleicht ein Erkältung, weil sie doch nackt auf dem Boden gelegen hatte. Sie bat als ersten Peter zu sich. "Du bist dabei, weil du vielleicht als Mann erklären kannst, warum diese Männer mir das angetan haben. Und ich will wieder Vertrauen zu den Männern haben. Du bist der Anfang dazu." Peter und Cahyra halfen ihr, sich aufrecht hinzusetzen. Peter war vorsichtig, denn auf einmal fühlte er sich als Mann schuldig, dass man diesem zarten Wesen so viel Leid angetan hatte. Ihre Stimme war mehr als nur heißer, sie konnte schwer sprechen und man sah rote Stellen an ihrem Hals.

 

"Diese Männer haben mich gequält, einfach nur gequält. Sie wollten mich besteigen, aber keinem ist es gelungen, in mich zu dringen. Ich hatte meine Tasche mit Heilmitteln gerade gefüllt, als man mich packte und wegbrachte. Ich habe da ein Behältnis mit getrockneten Meeresalgen dabei, damit wollte ich die Tiere etwas einreiben, um die Plagegeister zu vertreiben. Ich habe da allerdings einen Fehler gemacht. Anstatt mit Quellwasser habe ich das alles mit Met aufgegossen. Nun die haben uns schnell hierher gebracht. Zuerst haben sie alles, was wir besaßen, durchwühlt und dabei diese kleine Flasche gefunden. Und die vier hier unten haben es getrunken. Und dann wollten sie mich besteigen, aber das ging nicht, keiner bekam ein hartes Stück in seiner Hose zu Stande. Und in ihrer Wut schlugen sie mich, zwickten mich und traten mich, meine Brüste wurden grob gequetscht. Einer würgte mich, bis ich fast die Besinnung verlor. Aber nichts half, die Hosen blieben flach und unlustig. Einer würgte sogar seinen Mageninhalt über mir aus und dann goss man mir Wasser über den Körper. Oder was es das Ergebnis ihrer schlaffen Schwengel, ich weiß es nicht. Dann begannen sie immer mehr zu trinken und wütender zu werden. Einer versuchte mit dem Messer in mich zu dringen, ich entleerte meinen Darm, das vertrieb ihn. Dann kamt ihr. Die Schmerzen waren so unsagbar groß, dass ich sterben wollte. Es dauerte so lange, bis ihr mich befreit habt. Warum mussten sie mich so quälen? Sind alle Männer so?" Ihr Blick war auf Peter gerichtet. Es war ihm sichtlich unangenehm, auf diese Frage zu antworten. "Nein, nicht alle Männer sind so. Einige, vielleicht zu viel. Diese Art von Männer wollen Macht ausüben und können sie das nicht auf ihre Weise, dann werden sie wütend und grob. Und weil Weiber etwas schwächer sind als Männer, ist das für sie einfacher, ihre Macht so auszuüben. Sich zu vereinen, hat etwas mit Liebe und Geborgenheit zu tun. Eine Frau einfach nur besitzen zu wollen hat etwas mit dieser Art von Stärke zu tun, die sie zeigen wollten. Warum werden in eroberten Städten vor allem die Weiber gequält. Damit demütigt man auch die Männer und zeigt ihnen ihr Versagen als Kämpfer. Warum tötet man da auch die Kinder? Weil man ihren Samen tilgen will, nichts bleibt mehr übrig von ihnen. Diese Männer, die dir das angetan haben waren Kämpfer und folgten ihren alten Gesetzen. Wer erobert, dem gehört alles. Das alles ist wie ein Rad, es gibt keinen Anfang und kein Ende. Tut der das, tue ich das auch. Dieses Rad dreht sich bis die Welt vom Teufel verschlungen wird." Da legte sich eine Hand auf seine Schulter. Er drehte sich um und schaute Sophia direkt in die Augen. "Du musst uns nicht alles erklären, das wissen wir Frauen schon. Ihre Frage war doch nur, ob alle Männer so sind. Diese Frage kann ich ihr beantworten. Nein nicht alle und es gibt viele, die sind anders. Sonst gäbe es keine Kinder, die in Liebe entstanden sind. Und das sind doch hoffentlich die meisten. Nein, oft ist es wie Peter sagt, das was sie Macht nennen. Dass da die Macht aus der Hose kommt und nicht aus dem Kopf zeigt, wie diese Männer ärmlich sind und welche Macht wir Frauen haben."