Kapitel 47

13. April 1216 in der Blauzahnsiedlung

 

Noch zwei Tage bis Karfreitag und dann folgte Ostern. Die Gedanken aller waren auf das Fest gerichtet. Gregorius bereitete sich auf seine Predigt vor. Dem Tod Jesu Christi und auch der Freunde, die in den letzten Wochen im Kampf gegen die Piraten ihr Leben lassen mussten. Peter war sehr betrübt darüber, dass die beiden letzten Sergeanten der Ordensritter nun auch weg waren. Johannes und Baltus waren neben ihm im Kampf gestorben. Und die Knechte, deren Namen er nicht einmal kannte, die auch in ihren Gräbern lagen. Und der Tod von Johanna, der alle sehr betroffen gemacht hatte, sollte in der Predigt unbedingt genannt werden. All diese Seelen wollte man in Gottes Reich gut aufgenommen wissen.

 

Sophia hatte Peter bestens versorgt, war beinahe Tag und Nacht bei ihm geblieben. Bis Cristina von Bärental mit ihr ein ernstes Wort gesprochen hatte. Cristina war besorgt um das Seelenheil der beiden und meinte, dass es wohl für eine unverheiratete Frau nicht schicklich sei, sich so um einen unverheirateten Mann zu kümmern und sie ihm sogar die Kälte nahm, unter der er immer wieder litt, indem sie mit ihm das Bett teilte. Die schüchtern vorgebrachte Sorge schien ihr im Moment, wo sie es sagte, schon leid zu tun, aber es war Peter klar, dass es Cristina Kummer bereitete, dass ihrem Onkel etwas geschehen könnte.

 

Peter und Sophia sprachen darüber und beide mussten Cristina recht geben. Es würde sicher bei einigen in der Siedlung für Verwirrung sorgen, aber sie fragten sich dann, warum das nicht schicklich sei. Sophia hatte ihn wirklich nur gewärmt und war bei ihm geblieben, als es ihm sehr schlecht ging. Was war außer der allgemeinen Ansichten über das Schickliche und Unschickliche denn daran verwerflich? Was war denn Sünde und was nicht? War Freundschaft und Heilung, Zuneigung und Fürsorge eine Sünde? Wem schadete man denn mit diesem Verhalten? Es gab sicher ganz andere Taten, die man verdammen sollte. Peter fühlte sich Cristina gegenüber verantwortlich, war sie doch von seinem Stamm, aus seiner Familie, also musste er mit ihr reden, damit es keine Missverständnisse zwischen ihnen gab. Aber wie sollte er mit ihr darüber reden? Cristina war eine gläubige junge Frau, die ihren Vater und Bruder verloren hatte und sie suchte Halt in festen Regeln und in Harmonie mit allen, die sie umgaben. Peter wusste, dass die Blauzahnleute immer wieder wegen ihres freien Geistes und ihrer etwas anderer Denkweise, Gesittung, Höflichkeitsregeln und Lebensform angefeindet  wurden. Vor allem die Mitbewohner der Stadt Visby und die Vertreter der Kirche kritisierten sie und prangerte sie des Öfteren in aller Öffentlichkeit wegen ihrer Lebensweise an. Peter hatte den Wunsch, dies zu klären und vor allem den jüngeren neuen Bewohnern der Blauzahnsiedlung und den dazugehörigen Höfen und Gütern dies kund zu tun, warum sie so dachten und lebten. Die Anwesenheit einer Verwandten von Peter und deren Kritik an ihm und Sophia waren der Anstoß für ihn, das für alle klarzulegen und auch verständlich zu machen. Aber wie sollte man das tun? Er fand, dass er eher hilflos war, vieles war für ihn so selbstverständlich, dass er es nicht erklären konnte. In seiner Verzweiflung fragte er Sophia, wie er das Gespräch mit Cristina denn führen könnte. Sie hatte zwar ein paar Ratschläge, aber die waren wenig dazu geeignet, dass Peter diese bei der jungen Frau anzuwenden wagte, denn auch bei Sophia war sehr vieles einfach selbstverständlich und bedurfte für sie keiner Erklärung. Also blieben nur die Freunde übrig, die man um Hilfe und Rat bitten konnte.

 

Melanie, Birgit, Sasha, Lars, Gregor, Erik und Mathias wurden gebeten, mit Rat Peter und Sophia zur Seite zu stehen. Mathias meinte, dass eine verheiratete Frau und ein Kirchenmann ebenfalls an so einem Gespräch teilnehmen sollten, also wurde seine Frau Merit, die Witwe Gund und Gregorius mit eingeladen, an der Besprechung teilzunehmen.

 

So traf man sich im leeren Pferdestall der Siedlung am 14. April abends, um über das Thema ihrer Lebensphilosophie und Lebensart zu diskutieren.

 

Wie immer bedeutete es für alle, dass dazu ein gutes Essen gehörte, etwas Wein und ein paar Leckereien. Nur ein zufriedener Bauch konnte den Geist gut beflügeln.

 

Also stellte man in dem Pferdestall ein paar Tische und Bänke auf und setzte sich zuerst zu einem guten Mahl zusammen. Während dem Essen stellte Gregorius fest, dass es zwölf waren, die hier zusammen saßen. Sechs Frauen und sechs Männer, Christen und Menschen, die noch der alten Religion angehörten.

 

Gregorius beeilte sich beim Essen und bat dann um Gehör, während die anderen noch weiterspeisten. "Ich glaube, dass die Vorstellung von Lebensweisen, Ritualen und moralischen Vorstellungen, Gerechtigkeit und auch das entwickelte Machtgefüge meist von den unterschiedlichen Glaubensgemeinschaften und deren Götter oder deren Gottheit beeinflusst werden. Menschen am Meer haben andere Vorstellungen als Menschen, die in Wäldern leben. Sie haben andere Riten, andere Lebensweisen entwickelt. Vorgegeben von Gott und der Natur. Gott als höhere Macht, die unumstößlich vorgibt, wie wir zu leben haben. Dass die Heiden ihr Leben anders gestaltet haben, lag daran, dass die Worte des wahren Gottes noch nicht zu ihnen vorgedrungen sind. Was aber nicht bedeutet, dass alles, was sie taten, von Übel war. Gott hat uns die zehn Gebote als wichtigstes an Gesetz gegeben, das wir zu beachten haben. Wir kennen seine Worte aus der Bibel und wir wissen, wie die Jünger die Worte Gottes und seines Sohnes über die Welt gebracht haben. Aber wir alle benötigen Erkenntnis und Wissen, um zu erkennen, was wir falsch machen und wo wir die wichtigsten Regeln und Gesetze verletzten. Dazu hat er uns das Wissen um die sieben Todsünden gegeben. Hochmut, Geiz, Wollust, Zorn, Völlerei, Neid und Faulheit sind die sieben Todsünden und ich sage euch, wir haben uns keiner dieser Todsünden schuldig gemacht. Wir haben auch keines der zehn Gebote verletzt und wenn nicht wissentlich oder in böser Absicht. Ich weiß, dass meine Brüder in Christo das anders sehen. Sie wollen mehr Demut vor Gott und mehr Demut vor der Kirche und ihren Männern. Aber Gott spricht nur vor Demut zu ihm, zu den Menschen sollen wir wie Brüder und Schwestern handeln. Ich sage euch das, damit wir frei reden können, ohne dabei den Zorn Gottes auf uns zu ziehen. Peter hat uns zu diesem Mahl gebeten, damit wir darüber sprechen, wie wir mit unserer Freiheit, die wir uns erworben haben, umgehen können, ohne den Neid, Hass und das Misstrauen der anderen Bewohner der Insel und anderer Menschen zuzuziehen. Peter hat sich mit Sophia Gedanken über uns gemacht, da es eine Auseinandersetzung mit seiner Verwandten, der Cristina von Bärental gab. Sie hat ihm vorgeworfen, sich unschicklich zu verhalten. Nun, seine Heilung hat er sicher der sehr liebevollen Pflege von Sophia zu verdanken. Und wie sie das tat ist nun mal ihre Sache - zudem hat sie gegen keines der uns gegebenen Gesetze verstoßen. Nur gegen die Worte der Bibel hat sie gehandelt, dort wird das Unzucht oder Hurerei genannt. Ich denke, dass wir  das nicht richtig verstehen, denn hier wird die Frau als Sünderin genannt.  Anstand und Sitte sind Ansichten, die man uns vorgibt, die aber kein Gesetz sind. Tugend und Moral sind wichtig, um das Zusammenleben in Gemeinschaften neben den Gesetzen ohne Konflikte zu ermöglichen. Um es richtig zu stellen, wir, das niedrige Volk, haben uns an diese Vorstellungen und Gesetze zu halten. Denn wenn wir den Adel oder auch die Kirchenmänner betrachten, dann verstoßen sie an erster Stelle gegen die göttlichen Gesetze. Bischöfe oder auch Priester dürfen sich nicht mit einem Weibe einlassen. Seit Benedikt der VIII gemeinsam mit Kaiser Heinrich dem II auf der Synode 1022 auf der Synode in Pavia das so beschlossen haben, dürfen Kirchenmänner nicht verheiratet sein und müssen im Zölibat leben. Ich habe mein Ornat und der Weihe entsagt, lebe nach Gottes Wort und lebe doch weiter. Ich liebe Gott, die Menschen und dazu gehören nun auch Frauen." Laut lachten alle auf, denn sie wussten um seinen Hang nach dem weiblichen Geschlecht, aber alle wussten auch um seine ehrliche Gottesfurcht. Offiziell war er immer noch geweihter Priester, nahm Taufen vor oder predigte bei Beerdigungen. Mit dieser Lüge konnten alle leben, den damit verletzte er niemanden, nur eine Regel, die nicht wichtig war für sie und andere. Diese Regel diente nur der Kirche und nicht der Menschheit. "Wir sind wohl etwas anders, warum das auch so ist. Und wir müssen einen Weg finden, dieses Anderssein zu schützen, ohne uns und unsere Art zu leben, aufzugeben. Die Bedenken deiner Verwandten, lieber Peter ist gerechtfertigt, denn wenn das außerhalb unserer Siedlung bekannt wird, dann werden wir vielleicht bestraft werden. Nicht nur diese eine kleine Geschichte, es gibt vieles was wir verbergen müssen. Man beneidet uns um unsere Erfolge und man wird nach Worten und Taten suchen, die uns schaden können. Deshalb müssen wir in unserer Gemeinschaft so offen und ehrlich sein, wie es nur möglich ist. Also müssen wir mit denen Sprechen, die an uns zweifeln. Das Wie ist die Frage, die wir heute für uns beantworten sollten."

 

Lars stand auf, klopfte Erik auf die Schulter und begann dann leise, aber gerade so laut zu sprechen, dass es alle verstanden. "Ich bin kein wirklicher Christ, so wie Erik auch. Die alten Götter haben uns vieles erlaubt und wir dienten ihnen genauso innig wie Peter oder auch Gregorius. Bei den Alten und den Anhängern Odins und Thors wäre das, Sophia und Peter getan haben oder auch nicht kein Vergehen. Vielleicht wären sie empört, dass Sophia Peter nur gewärmt haben soll, aber sonst ist das in Ordnung. Wir wissen alle, dass der Christengott ein gütiger und verständnisvoller sein sollte. Deshalb stelle ich mir die Frage, warum das, was uns zu Menschen macht, verwerflich sei oder wie man sagt, eine Sünde sein soll. Wir können das sehr lange besprechen, ob das so ist oder nicht. Wir müssen den Schein wahren, damit man uns in Ruhe lässt und wir weiter unseren Geschäften nachkommen können. Wir sind mächtig und stark und doch müssen wir darauf achten, dass wir uns keine Feinde machen oder die Reihen der Neider größer werden. Wir müssen zusammenhalten und müssen noch stärker werden. Wir haben Verluste im Kampf gegen die Piraten hinnehmen müssen und standen gemeinsam mit allen auf Gotland lebenden Städtern und Bauern, Seefahrern und Knechten im Schildwall. Wir haben neue Freunde damit gewonnen, aber wir wissen, wie schnell eine Freundschaft zerbricht, wenn Neid und Eifersucht groß werden. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass wir vom Kampf gegen die Piraten profitiert haben. Wir haben Waffen, Gold und Silber, Sklaven und ein paar Pferde erbeutet. Niemand fordert von uns etwas zurück, was ihm gehört haben könnte. Uns geht es gut, oder wenn ich so manchen großen Hof anschaue, wie man dort lebt, würde ich sagen, dass es uns sehr gut geht. Keiner muss hungern oder frieren, Krankheiten können wir besser heilen, als es in der Stadt oder auf den Höfen möglich ist. Bei uns stinkt es nicht wie in Visby oder liegt viel Unrat herum. Dies gilt es zu bewahren und dies gilt es auch zu schützen. Aber ich gebe zu bedenken, wenn wir aus lauter Furcht unsere Art zu leben aufgeben, nur damit man uns in Ruhe lässt, verlieren wir sicher unsere Kraft für den Erfolg und den Bestand der Blauzahnsiedlung."

 

Alle stimmten Lars zu. Melanie stand auf und bat alle um Ruhe, damit sie gehört werden konnte. "Meine lieben Freund, Brüder und Schwestern, wir sind hier eine Gemeinschaft, die sicher Ihresgleichen suchen wird. Wir Frauen haben das gleiche Recht wie die Männer. Wir arbeiten gemeinsam, wir entscheiden gemeinsam und hatten bisher sehr viel Glück, bei allem was wir gemacht haben. Glück gehört den Tüchtigen und das sind wir. Aber wir haben viele Neider um uns herum und es ist gut, dass wir unsere Lebensweise heute genauer betrachten. Bisher hat man uns mehr oder weniger in Ruhe gelassen, deshalb haben wir uns auch wenig Gedanken darüber gemacht, wie wir uns schützen können. Nicht gegen Bewaffnete, sondern gegen das schleichende Gift des Neides und der Missgunst und wir dürfen dem Machthunger Andersdenkender keine Nahrung geben."

 

Kaum hatte Melanie aufgehört zu sprechen, rieselte hinter ihr zuerst etwas Stroh vom Heuboden herunter, dann gab es einen lauten Knall und ein paar Holzstücke brachen aus dem Gebälk über ihr und fielen ebenfalls nach unten. Dann kam eine wahre Flut an Staub, Stroh, Holz von oben herab und zum Schluss stürzte noch ein Kleid mit einem Menschen darin zu Boden.

 

"Autsch!" Das stammte von Cristina, die nun hinter Melanie auf dem Boden lag und sich den Knöchel des linken Beines hielt. Melanie drehte sich erschrocken um. "Hast du dich verletzt? Was machst du denn da oben?" Eine Antwort bekam sie nicht so schnell, dafür plumpste neben Cristina Knorre von oben herunter. Dem folgten eine Katze und ein kleines Kätzchen, die beide auf ihn drauf stürzten. Die Katze kralle sich auf seinem Kopf fest, während das Kätzchen ihm in den Schoß fiel.

 

Melanie befreite erst einmal Knorre von der Katze und setze dann das Kätzchen neben die Mutter. Von oben hörte man noch weiteres Gejammer. Gregorius stand auf, stieg die Leiter nach oben und holte noch drei weitere kleine Katzen von oben herunter.

 

Melanie half inzwischen der etwas benommenen Cristina auf, die offensichtlich nur ihren Knöchel verstaucht hatte und strafte Knorre mit einem sehr bösen Blick.

 

"Ja da können wir uns wohl die klärenden Worte mit meiner Verwandten sparen." Peter war aufgestanden und stand nun neben Melanie, die die junge Frau auf die Bank am Tisch geleitet hatte.

 

Knorre blieb auf dem Boden sitzen und schwieg mit gesenktem Kopf. Er erwartete eine harte Strafe für sein Vergehen, denn das war mehr als nur ungehörig, was er da getan hatte. Er wusste doch zu gut, dass Lars und Erik das heimlich Belauschen von Gesprächen nicht duldeten und er hatte einmal gesehen, wie eine Magd deswegen bestraft wurde.

 

"Eigentlich müssten wir den beiden sofort die Kehle durchschneiden, damit sie nicht ausplaudern, was wir hier besprochen haben." Erik hatte so laut gesprochen, dass die beiden Lauscher erschrocken aufblickten. Zu allem Übel nahm er noch ein großes Messer vom Tisch und schaute sich die Klinge an. Keiner am Tisch hinderte ihn daran, wie er die Klinge prüfte und sie mit einem lüsternen Blick mit einem Tuch reinigte. Ängstlich drückte sich Cristina eine Hand auf den Mund, um einen Schrei zu unterdrücken. Dann ging Erik auf Knorre zu, der versuchte, im Boden zu verschwinden. "Hör auf mit dem Scherz, die beiden haben jetzt genug Ängste ausgestanden," rief Peter ihm zu.

 

„Das ist kein Scherz," antwortete Erik mit einer eisigen Stimme.

 

Fortsetzung folgt