Kapitel 46

15. April 1216, Karfreitag Kraz Gutshof bei Lorch

 

Otto von Kraz war am 11. April mit seiner Reisegruppe bei Kloster Lorch eingetroffen. Lorentz, Frau von Blau, Gregor, Frau von Breitenbach mit ihren Kindern Marta und Christian, Linhardt und Agnes von Senfthein mit ihrem Sohn sowie zwei Sergeanten des Deutschen Ordens wurden gemeinsam mit viel Aufmerksamkeit im Kloster empfangen. Otto wurde am Tage seiner Ankunft noch auf sein Gut geleitet. Zu seiner großen Überraschung standen ihm dort einige Knechte und Mägde zur Verfügung.

 

Am späten Nachmittag des 12. April wurde er von einem Schreiber und Ministerialen der Staufer und dem Stellvertreter des Abtes aufgesucht. Sie wollten unbedingt wissen, was bei der Olsenburg geschehen war, denn der Zwist zwischen dem Braunschweiger und den Staufern spitzte sich zu. Friedrich war unterwegs ins Stauferland nördlich der Alpen und wollte alle vergifteten Äcker, so nannte er die Gebiete von Anhängern der Braunschweiger in seinem Gebiet, beseitigt haben. Dass ausgerechnet die Olsenburg dazu gehört haben sollte, erschütterte die Staufer sehr. Deshalb war es wichtig für Friedrich, zu wissen, was dort geschehen und ob nun auch dieses Gebiet für ihn wieder sicher war.

 

Bei einem Becher Wein, etwas Käse und kaltem Braten berichtete Otto von Kraz seinen beiden Besuchern, was dort geschehen war. "Zum Abschluss fanden wir dann die beiden Sarazenen, die bei diesen Menschen im Sold standen. Damit hatte der Herr Richard, der Anführer der Ordensritter, recht behalten. Wir mussten die Burg zurückerobern. Nicht nur, weil Heinrich von Olsen der rechtmäßige Besitzer war, sondern weil sich auf der Burg ein kleines Söldnerheer der Braunschweiger befand und dazu noch Sarazenen unter den Bewaffneten waren. Wir fanden dann noch die Edlen von Senfthein, denen man die Besitzurkunden ihrer Silberminen gestohlen hatte. Dass der Würzburger Bischoff daran beteiligt gewesen sein sollte, ist sicher unangenehm und wir sollten diese kleine Tatsache besser unter den Tisch fallen lassen. Wichtig ist, dass wir die Urkunden finden, weil sie ins Lehensgebiet der Staufer gehören. Heinrich von Olsen ist unserem Herrn Friedrich treu ergeben und damit ist der Weg nach Lorch, Göppingen und nach Waiblingen von Nord Westen her wieder in sicherer Hand. Die gefangenen Söldner wird Richard unserem Schöpfer übergeben. So sagte er mir das. Ich kann das nicht glauben, denn er sagte das in Anwesenheit der Gefangenen. Ich glaube, er wollte sie nur damit in Angst und Schrecken versetzen. Absichtlich ließ er einen der weniger verwundeten Gefangenen entkommen. Der wird das im Land des Braunschweigers verbreiten, wie man bei uns im Süden mit diebischen Söldnern umgeht. Vielleicht hilft das, diese Bande von unserem Land fernzuhalten?"

 

Der Stellvertreter des Abtes mit dem Namen Bartholomäus, ein großer Mann, den man eher unter Rittern vermuten würde, nickte, nachdem Otto mit seinem Bericht geendet hatte, bedächtig mit dem Kopf. "Ihr habt alle sehr klug gehandelt. Ich werde eurem Freund von Olsen ein Dankgeschenk senden. Unser Gönner und Landesherr Friedrich hat bereits alle Dokumente bereit, die ihm sein Land und das Lehen bestätigen. Ihr müsst nur noch als Zeuge auch euren Namen unter dieses Dokument setzen, Herr von Kraz, dann kann man ihm die Urkunde überbringen."  Bartholomäus lächelte vielsagend und sprach weiter. "Ihr fragt euch gerade, warum euer Namenszeichen unter diesem Dokument sein muss. Ihr seid der Vogt dieses Gutes, ein Rittergut und ihr seid nun der Chronist und Verwalter der Stauferschen Dokumente. Ihr müsst alle Schriftstücke bestätigen, die ins Archiv kommen. Wenn Friedrich hier sein wird, wissen wir noch nicht, aber wir erwarten ihn noch bis zum Sommer und dann werden ihr aus seiner Hand euer Siegel erhalten, was euch als Mitglied des Hofes kennzeichnet. Aber genug der Plauderei, alles Weitere, was euch betrifft, wird noch kommen. Wir werden sicher noch genügend Abende haben, wo ihr uns eure Reise und die erlebten Abenteuer erzählen werdet. Zudem ist euer Weinkeller gefüllt und wir gedenken, euch dabei zu helfen, dass die Fässer und Flaschen nicht zu viele Staub ansetzen werden." Der Stellvertreter des Abtes lachte ungeheuer laut und schlug heftig mit der Faust auf den Tisch. "Ich freue mich darauf, endlich etwas mehr kluge Worte zu hören und auch etwas aus dem Braunschweiger Land zu erfahren. Aber ihr müsst mir auch aus Gotland berichten." Bisher hatte der Ministeriale geschwiegen. Ein Mann von eher kleinem Wuchs, fast weibischen Gesichtszügen, kein Bartwuchs zierte sein Gesicht. Otto sah nur, dass dieser  Mann sehr jung sein musste und er ganz sicher noch nie ein Waffe in der Hand gehalten hatte, dazu waren seine Hände viel zu zart. Und er hatte nicht einmal die für seinen Stand typischen Tintenflecken auf den Fingern. Deshalb schaute Otto dem jungen Mann direkt in die Augen und fragte ihn dann. "Darf ich euren Namen erfahren oder ist das zu unhöflich, diese Frage zu stellen. Man hat euch als Ministerialen aus Waiblingen vorgestellt. Eure Aufgabe kenne ich nicht und gerne weiß ich, wer an meinem Tisch sitzt." Otto war zwar vertraut mit allen höfischen Sitten, aber er durfte auch erwarten, dass man sie ihm gegenüber auch anwendete. Er sah, dass seine Aufforderung zu antworten bei Bartholomäus und dem Jungen eine gewisse Nervosität hervorrief. 

 

Der Stellvertreter des Abtes rang mit sich, man sah ihm an, dass er nach einer Antwort suchte. "Lasst es mich euch erklären Herr von Kraz." Das war der junge Mann, der Otto mit der Stimme einer Frau ansprach. "Ich bin eine Frau, eine sehr junge, aber ich bin ein Weib. Meine Mutter starb als ich sechs Jahre alt war, mein Vater hier, den ihr als Bartholomäus kenngelernt habt, war zu der Zeit noch im Heiligen Land als Ritter und Kämpfer für die gerechte Sache der Christenheit. So sagte man mir. Es gab Streit um das Erbe meiner Mutter und man behauptete, mein Vater sei tot und als Kind oder besser gesagt als Mädchen sei ich nicht erbwürdig. Eine treue Magd meiner Mutter floh mit mir aus der Burg, da sie fürchtete, dass man mich ermorden würde - ermorden würde, damit der Bruder meines Vaters das Erbe gefahrlos antreten könnte. Um sicher zu sein, dass man mich nicht suchen würde, gab mich die Magd überall als ihren Sohn aus und so wuchs ich bei einem freundlichen Ritter auf, wo die Magd arbeitete. Natürlich merkte der Ritter und seine Frau bald, dass ich kein Junge war, aber sie schwiegen darüber und ich wurde bald von ihnen als Junge in ihren Haushalt aufgenommen. Der Ritter, Herr von Brach und seine Gattin Gundula lehrten mich vieles. Wie man einen Haushalt führte, wie man im Kampf mit einem Messer umging und da der alte Ritter von Brach einer der wenigen Gebildeten war, wurde ich von ihm im Lesen und Schreiben unterrichtet. Mein Vater war inzwischen aus dem Heiligen Land zurückgekehrt. Da erzählte man ihm, dass meine Mutter tot sei und ich wahrscheinlich auch, da man mich entführt habe und man nie wieder etwas von mir gehört habe. Der Bruder meines Vaters tischte ihm Lügen auf und so zeigte mein Vater diesem Erbschleicher mehr Dankbarkeit als er verdient hatte. Er überließ ihm die Burg und die zwei Dörfer, die dazu gehörten und ging ins Kloster hier in Lorch. Die Magd traf ihn vor vielen Jahren, als sie Hühner zum Gut des Klosters brachte. Und so kam eines zum anderen und ich wurde meinem Vater vorgestellt, der sich aus meinem Gedächtnis geschlichen hatte. Mein Vater war schon zu dieser Zeit ein wichtiger Mann im Kloster und so wurde ihm gestattet, einen Novizen bei sich aufzunehmen: mich. Herr von Brach und seine Gattin sind mir und meinem Vater immer noch wohlgesonnen und wir besuchen sie immer wieder. Und eigentlich sollte ich nun zu meiner eigenen Sicherheit wieder auf die Burg, denn ich kann meinen weiblichen Körper nicht mehr länger so bedecken, dass es nicht auffällt. Aber der Herr von Brach liegt im Sterben und seine Gattin wird ihm nachfolgen, denn beide können ohne einander nicht sein. Sie haben keine Erben und ich kann nicht ihr Nachfolger sein, denn ich habe ja nur meinen Namen geändert. Und leider bin ich ohne Gatten und kann nicht die Burg erben. Und nun stellt sich die Frage, wo werde ich Schutz finden?"

 

Otto schüttelte den Kopf. Was tischte ihm dieser Bartholomäus mit seiner Mann-Tochter für eine Geschichte auf. "Und was wollt ihr von mir? Und warum erzählt ihr mir diese Geschichte, ohne dass ihr mich genau kennt. Ich könnte doch auch jemand sein, der Euer Geheimnis verrät? Ich fühle mich geehrt, dass ihr so viel Vertrauen zu mir habt, aber ob ich dem würdig bin?" Die Gedanken überschlugen sich in seinem Kopf. Kaum in seiner alten und doch neuen Heimat angekommen, wurde er mit einer Geschichte belastet. die er eigentlich nicht wissen wollte. Er hatte genügend Sorgen in seinem Gepäck mitgebracht und der Sack damit, den er hier zuerst leeren wollte, wurde nun weiter gefüllt. Er trank einen kräftigen Schluck Wein und befühlte dann sein Innerstes. Er konnte nicht leugnen, dass ihm der Herr Bartholomäus gefiel. Ein Mann mit ehrlichen Augen, einer Sprache, die klar war und der die Worte klug wählte. Auch diese verkleidete Tochter war auf ihre Art ein Mensch, dem man sofort trauen konnte. Aber wie konnte er, wenn er es dann wollte, den beiden helfen?

 

Bartholomäus reckte und streckte sich, trank ebenfalls eine Schluck Wein, atmete tief durch und sprach denn Otto mit leiser Stimme an. "Ich wollte euch kennen lernen, weil ich unbedingt wissen wollte, was auf der Burg des Ritters von Olsen geschehen war.  Meine Tochter, den Schreiber, nahm ich mit, da wir beide auf dem Wege zu euch einiges zu besprechen hatten. Wir entwickelten Pläne und Ideen, wie wir aus dieser Situation mit einer gewissen Sicherheit herauskommen könnten. Nun haben wir einen Plan, den wir aber nur ausführen können, wenn wir jemanden haben, dem wir ganz und gar trauen können. Und wir glauben beide, dass wir diesen Jemand gefunden haben. Euch, wenn es recht ist, vertrauen wir ganz und gar. Ihr habt so viel auf eurer Reise für andere getan, ohne auch nur nach dem Lohn zu fragen. Zu zweit seid ihr von Gotland aufgebrochen und nun? Wie viele neue Begleiter habt ihr gefunden? Ihr hättet schneller in Sicherheit hier sein können, wenn ihr nicht diese neuen Gefährten bei euch aufgenommen hättet. Ihr handelt wahrlich wie ein wahrer Christ, auch wenn ihr es..." Bartholomäus stoppte kurz und sprach dann weiter. "Ich weiß um euer Geheimnis. Eurer Glaube ist nicht so fest wie der meine." Fast schüchtern ergriff der große Mann die zarte Hand seiner Tochter. "Darf ich euch unsere Idee mitteilen?" Otto überlegte kurz. Wenn er nein sagen würde, hätte er vielleicht seinen ersten Feind hier bei Lorch. Aber er konnte immer noch nein sagen, wenn er gehört hatte, was sie für eine Idee hatten. Otto nickte, man sah ihm aber an, dass er das mit wenig Begeisterung tat.

 

"Nun Herr von Kraz will ich euch sagen, was wir uns ausgedacht haben. Ihr werden als Verwalter und Vogt für die Burg eingetragen und zudem als Erbe. In einem zweiten Dokument werdet ihr als Erbe auf Zeit ausgewiesen, bis meine Tochter einen Mann findet und sie die Burg übernehmen kann. Ihr bleibt aber weiter Vogt und erhaltet immer den Zehnten aus allen wirtschaftlichen Erfolgen der Burg und der Güter. Da wir den Namen meiner Tochter nicht benützen dürfen, damit wir ihre Sicherheit nicht gefährden, würde ich euch bitte, sie zu adoptieren und damit euren Namen zu geben. Ihr seid der Chronist und Schreiber der Staufer, eure Dokumente wird niemand anzweifeln und meine Tochter und ich könnten uns weiter ohne Angst begegnen. Mit dem Abt habe ich schon gesprochen, er wird den jungen Mann frei geben, der nicht zum Mönch taugt und auch nicht als Schreiber oder gar als Verwalter für die Staufer. Also wird er verschwinden und dann als eure adoptierte Tochter in Erscheinung treten.

 

Otto versank tief in sich und seinen Gedanken. War er doch nach Lorch gekommen, um sich den Studien der Zahlen, der Philosophie, dem Gesang und dem Schreiben von Chroniken zu widmen, weit weg von allem Händel dieser Welt und nun das. Er stand einem Haushalt von Menschen vor, die er beschützen musste und denen er verpflichtet war und nun sollte er noch eine junge Frau adoptieren, um ihr Schutz und Erbe zu sichern. Er entfernte sich immer weiter von seinen Wünschen und Vorstellungen.

 

Spät am Abend saß Otto in seinem Sessel im großen Saal. Obwohl es schon warm war, hatte man im offenen Kamin ein Feuer entzündet. Er beobachtete das Feuer und wollte sich damit von seinen Gedanken ablenken. Aber das gelang ihm nicht. Immer wieder musste er über das Ansinnen des Bartholomäus und seiner Tochter Jonata nachdenken. Immer wieder musste er darüber nachdenken, ob es richtig war, diese Frau, denn sie war immerhin schon sechzehn Jahre alt, in seinen Haushalt aufzunehmen und auch noch zu adoptieren. Was für Folgen konnte das alles haben. War sie damit auch über seine Güter erbberechtigt? Welchen Einfluss hatte das auf seine Stellung bei Hofe? Sein Reichtum vergrößerte sich zwar damit, aber welche weiteren Verpflichtungen ging er damit ein. Vogt einer sehr großen Burg zu sein, war keine schlechte Sache, aber war er dem allem gewachsen? Er, Otto von Kraz, hatte doch ganz andere Ziele verfolgt. Er beschloss die Burg und das dazugehörige Anwesen nach Ostern zu besuchen und seine Entscheidung davon abhängig zu machen, wie der Burgherr Herr von Brach und seine Gattin dazu standen. Die Burg war nicht weit entfernt, etwa zwei Tagesreisen von seinem Hause entfernt im Neckartal. Aber zuerst wollte er seine Angelegenheiten hier im Hause erledigt haben. Noch war alles etwas unsortiert und er musste auch die Hierarchien des Haushaltes noch festlegen. Frau von Breitenbach, die sich angeboten hatte, bei ihm in diesem Hause zu bleiben, schien im geeignet dazu, seinen Haushalt zu führen. Die beiden Sergeanten des Ordens sollten bei ihm als Leibwachen bleiben, das war von ihren Oberen so entschieden worden. Er fragte sich allerdings, warum er Leibwächter brauchte, aber sie kosteten ihn nichts, nur die Verpflegung, die sie bekamen, für die musste er aufkommen und Lorentz hatte sich für ihn unentbehrlich gemacht und blieb als sein Diener. Frau von Blau und die Galan Gregor würden die Verwaltung der Güter übernehmen und die Familie von Senfthein waren noch für ein paar Tage seine Gäste, bis sie ihre Angelegenheit erledigt hatten. Die anderen in seinem Haushalt würde er im Laufe der nächsten Tage noch näher kennenlernen. Bisher hatte er sechs Knechte und ebenso viele Mägde kennengelernt. Sie versorgten das Vieh und bestellten die Äcker und den kleinen Weinberg, den man ihm ebenfalls übergeben hatte. Kinder hatte er bisher noch keine gesehen, obwohl alle seine Mitglieder des Haushaltes sich in einem Alter befanden, wo man davon ausgehen konnte. Den Gedanken dachte er nicht mehr zu Ende, sondern schlief in dem Sessel vor dem Kamin ein.

 

Die Träume, die ihn in der Nacht zum Karfreitag quälten, brachten ihn dazu, im Schlaf laut auf zu schreien. Constanzes Tochter Marta weckte den in seinem Schweiße Dasitzenden. "Herr von Kraz, warum ruft ihr so laut? Habt ihr unschöne Träume? Soll ich euch einen Becher Wein oder Wasser bringen?" Das Feuer brannte noch hell und eine Kerze, die auf einem Hocker neben seinem Sessel stand, brannte noch und er sah das Gesicht Martas ganz nahe vor sich. Ihre Hand lag leicht auf seinen Schultern. "Danke Marta. Ich glaube ich werde mich nun auch in mein Bett begeben. Hier zu schlafen bekommt mir nicht und beschert mir offensichtlich üble Träume." Als er sich erheben wollte, durchfuhr Otto ein stechender Schmerz im Rücken. Er konnte nicht aufstehen, bei jeder Bewegung, die er machte, stach ein unbekanntes Messer in seinen Rücken und hinderte ihn daran, den Sessel zu verlassen. Marta schaute ihn erschrocken an. "Habt ihr Schmerzen? Soll ich Hilfe holen?" Otto nickte ganz leicht. "Holt Hilfe, ich kann nicht aufstehen. Diese Schmerzen sind unerträglich, wenn ich mich versuche zu bewegen."    

 

Fortsetzung folgt