Kapitel 45

20. April 2016 Kloster Loch

 

Die Handwerk und Historiker staunten nicht schlecht, als sie die gerollten Papiere hinter einer Mauer fanden. Diese Mauer war bereits vor zwanzig Jahren schon einmal abgetragen und neu aufgebaut worden. Warum man damals die Papiere nicht gesehen hatte, konnte niemand sagen, aber sie waren nun einmal da und man barg die in Leder und Tuch gewickelten Papierrollen vorsichtig. Es dauerte einige Zeit, bis man soweit war, diese Papiere zu glätten und dann zu lesen. Es handelte sich um einen Brief des Peter von und zu Bärental, der wohl um 1216 auf Gotland weilte. Gerichtet war dieser Brief an seinen Freund, einen Otto von Kraz, einem Chronisten aus Waiblingen. Solche detaillierten Beschreibungen von Geschehnissen wie in diesem Brief kannte man bisher nicht aus der Zeit des Mittelalters.

 

Der Brief

 

Mein guter Freund, Chronist der Staufer, Otto von Kraz in Lorch    A.D. 20. April 1216

 

Ich hege die Hoffnung, dass du mein Freund inzwischen die Beschwernisse deiner Reise nach Lorch beendet hast  und sicher dein Ziel erreichen konntest. Seit du unsere Siedlung ohne Abschied verlassen hast, hat sich vieles ereignet.

 

Ich liege verletzt darnieder und bin auf die Hilfe von anderen angewiesen. Unsere Freunde kümmern sich um mich und meine Genesung schreitet langsam voran.  Vor allem Sophia ist mit sehr viel Freude und Mühe dabei, mir die Zeit des Heilens zu verkürzen. Manches Mal denke ich, dass es sich nicht schickt, dass ein alter Mann, der ich nun mal bin, sich von einer unverheiratet Maid so behandelt wird. Vertraut wie wir nun einmal sind, wage ich dir zu schreiben, wie ich mich dabei fühle. Manchmal ist wie eine Tochter zu mir, dann wieder wie eine Magd und dann kommt sie mir wie ein verliebtes Eheweib vor. Ich muss gestehen, dass mir ihre Nähe nicht unangenehm ist und wenn sie bei mir ist, dass ich ihr Lächeln schätze. Sie gibt mir so vieles, dass ich immer mehr den Wunsch in mir verspüre, schnellstens wieder zu gesunden, denn die Schicklichkeit hat nicht mehr viel Platz in mir. Ich sehe vor meinem Augen dein schelmisches Lächeln, wenn du das nun lesen wirst.

 

Nun möchte ich dir über die Ereignisse der letzten Wochen berichten, denn wenn ich weiter über Sophia schreibe, dann wird es doch zu eng in meinem Herzen und es pocht zu sehr an mein Hemd und ich habe die Befürchtung, es springt heraus und geht auf Wanderschaft zu Sophia. Herzen haben keinen Verstand und ich muss es deshalb beschützen.

 

Unsere Siedlung ist stark und wir haben inzwischen über zweihundert Seelen, mit denen wir gemeinsam leben. Entweder in der Blauzahnsiedlung, bei unserem Hafen, beim Turm und auf zwei großen Höfen, die dazu gehören.  Zwanzig frei Knechte und über dreißig Sklaven und Hörige sind mit dabei. Über fünfzig Pferde gehören uns inzwischen, fünf Kühe, einen Stier und vier Ochsen dürfen wir zählen. Schafe, Hühner und auch Gänse leben auf den Höfen und in der Blauzahnsiedlung. Unser Handel macht Fortschritte. Bei Grabungen in einem bisher unentdeckten Keller in der Blauzahnsiedlung haben wir Waffen, Gold und Silber entdeckt. Unser Handel mit Waffen, die wir kaufen oder selbst herstellen, hilft uns, unseren Reichtum und die Macht zu vergrößern. Webstühle wurden gebaut und wir stellen aus unserer Wolle und aus Flachs und Leinen gute Tücher her.

 

Unterbrochen wurde unser Tun von einem schlimmen Ereignis. Eine Bande von Seeräubern, Mördern und Dieben wollte sich der Insel und unseres Reichtums bemächtigen. Sie haben Visby angegriffen und die vereinten Kräfte der Händler, Handwerker, Stadtbewohner, der Seeleute und natürlich unsere aus der Blauzahnsiedlung haben sie in einer gewaltigen Schlacht zurückgeschlagen. Tagelang dauerte die Verfolgung der geflohenen Gruppen der Bande. Jedes Mal, wenn die vereinten Kräfte auf eine der Gruppen stießen, kam es zu blutigem Gemetzel. Inzwischen sind, bis auf ein Drachenboot mit dreißig Männern, alle gefangen oder getötet worden. Bei dem letzten Schwertgang wurde auch ich verletzt. Auf einem Wagen liegend wurde ich zur Siedlung gebracht, wo ich nun dank meiner Gebete, der Pflege Sophias und den guten Kräutern des Gerretius der Heilung entgegen gehe.

 

Nun lebe ich Tag aus und Tag ein in der Siedlung, ohne dass ich helfend etwas zu unserem Reichtum beitragen kann. Mir bleibt nur wenig zu tun und so bete ich ab und zu. Schaue Sophia an, wenn sie sich bückt, auch etwas unter ihr Brusttuch, bewundere ihre wunderbare Haut und denke oft über das Erlebte nach.

 

Das Erlebte bewegt mich mehr, als ich es mir eingestehen will. Wir haben viele erfahrene Kämpfer in unseren Reihen und doch zeigte sich vor den Schlachten immer die Angst vor dem, was da kommen wird. Keiner, der nicht in den Momenten, wo die Pfeile flogen, die Speere gerichtet wurden und die Schwerter aus den Scheiden heraus waren, kurz in seinen Eingeweiden den Teufel spürte, der ihn verzagen lassen wollte. Oft konnte man den kommenden Kampf schon in den eignen Reichen riechen. Es stank nach Pisse und Scheiße, nach Erbrochenem und nach Schweiß. Wenn dann das erste Metall auf Metall traf, die ersten Knochen splitterten, die ersten Schrei des Schmerzes denen der Wut gewichen waren, dann war da kein Gefühl mehr, nur noch, das Sinnen nach Töten, Verletzen, Gewinnen. Kräfte entstanden in den Körpern, die man so nie vermuten konnte. Gott wurde angerufen, aber er kam nie zur Schlacht. Jeder war unter den Kampfgefährten alleine und doch achtete man in dem Schildwall auf seinen Nachbarn. Dann kam die Zeit des Vergessens. Wenn das erste Drängeln vorbei war, dann war nichts mehr, woran ich mich leicht erinnern konnte. Wer lenkte nur meinen Schwertarm, wer führte meinen Schild? Erst wenn alles vorbei war, erwachte man. Dann fühlte man die erlahmenden Arme, Beine und fühlte den Schmerz, den eine Verletzung einem bereitete. 

 

Dann ging der Blick über die Hügel, die blutig vor einem lagen, die mal so was wie Menschen waren. Dann erinnerte man sich daran, sprach zu sich selbst oder einem anderen. Den dort habe ich das Bein abgehauen oder diesem da habe ich das Schwert in den Bauch gesteckt. So sprach man dann nach der Schlacht. Manch einer erkannte das Beil, den Speer oder das Messer, das einem eine Wunde beigebracht hatte. Viele dichteten das nur in ihrem Kopf zusammen. Keine fragte mehr nach der Wahrheit oder ob einer lügen würde.

 

Dann kam die Zeit, wo man sich den Schmerz wegredete, mit Prahlereien, mit Bier und Met oder einfach nur durch Schweigen. Man trank und neben einem starb einer einfach weg, weil er kein Leben mehr in sich halten konnte. Und so mancher wurde dann noch von seinen Leiden erlöst. Entweder, weil man sein Geschrei nicht mehr ertrug oder weil man wusste, dass er das Leiden nicht weiter ertragen konnte. Es gab so vieles, was man in der Zeit nach dem Morden, dem Töten noch sah, dass ich oft die Augen und Ohren verschließen wollte.

 

Woran ich mich gut und mit Freude erinnere sind die Taten derer, die den Verletzten und Ermatteten ihre Hilfe gaben. Man half sich einfach, ohne darüber nachzudenken, ob man dafür einen Lohn bekommen würde. Das erfüllte mich immer mit Freude.

 

Dann kamen die Zeiten, wo die Seele in uns die Schlacht immer wieder vorgaukelte. In Träumen sahen wir sie, in Geräuschen hörten wir sie. Verletzungen heilten, was ich aber sah, waren Wunden, die nicht zu heilen schienen. In den Augen derer, die gekämpft hatten, waren die Wunden zu sehen. Vor allem die, die das erste Mal oder auch das zweite Mal im Kampf gestanden hatten, trugen diese Wunden oft sehr lange mit sich und sie schienen nie zu heilen.

 

Aber es gab auch Kämpfer, die Freude am Verletzen und Töten hatten. Deren Augen zeigten die Lust am Schmerz der anderen, wie besessen suchten sie Blut und fanden es auch immer. Ihre Augen hatten einen Glanz, den ich nicht sehen mochte. Waren sie von üblen Dämonen besessen? Leider braucht man sie, denn all die Jungen und Unerfahrenen können diese Kämpfe nicht so oft bestehen. Der Ekel über ihr Tun treibt sie in den Tod.  Ich kann all diese Augen nicht vergessen.

 

Warum tut der Mensch dem Menschen das an? Welch Irrsinn treibt ihn, sich mit Eisen gegenüber zu stehen und sich zu verletzten? Was vernichten wir an Wichtigem durch diese Kämpfe? Zerstören, was man unter Mühen aufgebaut hat. Es ist nicht immer der Hunger, der uns zu diesem Irrsinn treibt. Jeder Wahn braucht seinen Anführer. Gier, Hunger nach Macht und dem Unerreichbarem scheint uns Menschen zu treiben. Es ist nicht der Teufel selbst, der uns treibt, es ist die Suche nach dem Teufel, den wir dazu einladen, uns zu führen, der uns treibt.

 

Der Wahn derer, die uns anführen, schließt uns die Pforte zur Hölle auf. Ich bin glücklich, in der Blauzahnsiedlung zu leben. Hier versuchen wir den Frieden zu wahren. Und doch sind auch wir schuldig, denn wir handeln mit Waffen und mehren damit unseren Reichtum. Oder sind wir unschuldig, weil wir sie nur schmieden? Ist nur der schuldig, der die Waffe erhebt? Ich weiß es nicht und heute will ich es nicht mehr wissen.

 

Sobald ich geheilt bin, werden wir wieder auf Handelsreise gehen. Die Knorr ist bereit und wir wollen zu den Letten. Wir haben gute Waren und wollen dort gute Waren holen. Die Lübecker stören uns und wir müssen schnell und geschickter sein als sie, wenn unser Handel gut laufen soll.

 

Mit Gott und mit der Sonne, die uns wärmen soll.

 

Ich hoffe, dass wir uns in diesem Leben wieder sehen.

 

Peter von und zu Bärental

 

 

 

Welche Gedanken machte sich dieser Mann aus Gotland? Warum schrieb er seinem Freund so einen Brief? Haben seine Gedanken nicht auch heute noch Gültigkeit? Könnte dieser Brief nicht heute genauso geschrieben werden? Die Historiker mussten mehr über diese Zeit wissen, denn bisher war man vor allem auf die Chroniken der Kirchenmänner, auf Ausgrabungen von kaltem Stein und Eisen bei der Beschreibung des Mittelalters angewiesen. Gefühle zu beschreiben, war nicht das, was man in dieser Zeit machte.

 

Fortsetzung folgt